Es ist zwar lange her, aber doch nicht vergessen. Als Gerhard Ludwig noch Ausbildungsreferent
war, initiierte er eine Rubrik im Mitteilungsblatt, die sich mit verschiedenen
sicherheitsrelevanten Themen auseinandersetzte. Beim letzten Treffen des Ausbildungsreferates
wurde dieser bewährte Gedanke erneut aufgegriffen und soll nun in loser
Reihenfolge fortgesetzt werden. Es sei darauf hingewiesen, daß in diesem
Zusammenhang lediglich theoretische Kenntnisse vermittelt werden können,
die ohne praktische Übung weitgehend wertlos sind. Die sicherste Möglichkeit
die Inhalte zu vertiefen ist es, Kurse und Veranstaltungen des Ausbildungsreferates
zu besuchen oder sich an die Übungsleiter der Sektion zu wenden. Erfahrene
Freunde sind ebenfalls eine gute Möglichkeit, vor autonomen Selbst-versuchen
sei jedoch gewarnt!!! Bei der Themenauswahl werden wir uns Mühe geben,
geeignete Pro-bleme aufzugreifen und würden uns über Anregungen freuen.
Das Abseilen stellt eine von (oft nicht besonders) vielen Möglichkeiten
dar, nach vollendeter Kletter-tour wieder vom Berg herunter zu kommen. Die Vorteile
liegen auf der Hand, es kostet kaum Kraft und geht auch oft schneller als über
Normalwege in weiten Umwegen wieder zum Ausgangspunkt einer Tour zurück
zu kommen. Außerdem gibt es ja gerade in den heimischen Klettergebieten
oft keine andere Möglichkeit als abzuseilen.
Grundsätzlich
sollte immer nur über eingerichtete Abseilpisten abgeseilt werden, die
mit zuverlässigen DAV-Klebehaken ausgerüstet sind. Zwar können
Abseilstellen auch selbst eingerichtet werden. Dies erfordert aber ein sehr
hohes Maß an Erfahrung und Beurteilungsvermögen bezüglich der
Fixpunkte, so daß dies hier nicht erläutert werden soll. Während
der gesamten Tätigkeit im Zusammenhang mit der Vorbereitung zum Abseilen
sind alle Beteiligten mit Bandschlingen und verschlußgesicherten Ka-rabinern
an der Abseilstelle zu sichern.
Da man das Seil ja nicht hängen lassen will, wird immer am Doppelstrang abgeseilt. D.h. bei einem Einfachseil wird das Seil bis zur (markierten) Seilmitte durch den Abseilhaken gezogen. Anschließend werden die Enden mit einem Sackstich verknotet und das Seil ausgeworfen. Personen die unterhalb der Abseilstelle stehen, sollte man mit dem Kommando "Seil" warnen und Ihnen auch noch ein paar Sekunden geben in Deckung zu gehen. Zwar ist der Sackstich nicht zwingend notwendig, aber wenn man mal mehr als eine Seillänge abseilt und das Seilende übersieht gleitet es einem nicht gleich durch die Hand. Außerdem könnte ja die Mittelmarkierung verrutscht sein was ähnliche Folgen hätte.
Anschließend
wird der Abseilachter in das Seil eingelegt. Gerade wenn man kalte Finger hat
oder vom Klettern total ausgepowert ist, hat man nun alle Chancen den Abseilachter
zu verlieren. Deshalb wird er zunächst mit der großen Öse und
einem Schraubkarabiner in den Abseilpunkt eingehängt (siehe Bild 1). Anschließend
wird das doppelt genommene Seil durch die große Öse des Achters geschoben
und um die kleine Öse herum gelegt (siehe Bild 2). Jetzt kann man den Achter
nicht mehr verlieren. Deshalb wir jetzt der Achter mit der kleinen Öse
in den Abseilpunkt gehängt, der Karabiner wird an-schließend sofort
(!!!) zugeschraubt. Grundsätzlich könnte man jetzt abseilen.
Würde
man das Seil allerdings loslassen, hätte das den ungebremsten Absturz zur
Folge. Es käme zwar niemand auf den Gedanken ein Seil beim Abseilen freiwillig
loszulassen, trotzdem sind Situationen (Steinschlag, Er-schrecken) denkbar,
in denen man unfreiwillig losläßt. Für diesen Fall kann man
mit einer Prusik-schlinge, die unterhalb des Abseilachters eingebunden wird,
Vorsorge treffen. Wichtig dabei ist, daß sie keinesfalls in den Achter
gezogen werden darf, da man sich sonst unwiderbringlich selbst blockiert und
weder vor noch zurück kommt. Deshalb wird sie auch in eine Sitzschlaufe
des Gurtes eingehängt (ebenfalls mit einem Schraubkarabiner, siehe Bild
3). Bevor man nun abseilt wird alles noch einmal gecheckt:
Diesen Sicherheitscheck
macht man nicht nur selbst, sondern läßt sich auch von seinem Partner
in-spizieren. Bevor man nun die Selbstsicherung aushängt, belastet man das
Seil probeweise, ob auch alles hält.
Nun ist es endlich soweit, die rechte Hand umfast die Prusikschlinge, die linke
Hand hängt die Selbst-sicherung aus. Während die rechte Hand nun den
Prusikknoten am Seil abwärts schiebt und so die Geschwindigkeit regelt,
dient die linke Hand nur zur Erhaltung des Gleichgewichts (siehe Bild 4). Sollte
man, warum auch immer, das Seil loslassen klemmt der Prusikknoten und verhindert
so den Absturz. Seilt man über mehr als eine Seillänge ab, kann man
an der nächsten Abseilstelle auch mit beiden Händen arbeiten, um sich
selbst zu Sichern, bevor man das Seil freigibt und den Partner mit dem Kommando
"Seil frei" zum Nachkommen auffordert.
Ergänzende Gedanken zum Abseilen
Wer obenstehende Erläuterungen exakt in die Praxis umsetzt, wird ziemlich
schnell merken, daß dies wesentlich langwieriger und umständlicher
ist, als die Verfahren die man sonst bei vielen anderen Kletterern beobachten
kann. Das soll auch nicht bestritten werden. Letztendlich ist es aber die einzige
wirklich sichere Methode! Wer sich die Unfallstatistiken etwas genauer anschaut
wird feststellen, daß ein Großteil der Unfälle nicht etwa im
Aufstieg sondern im Abstieg geschehen. Dies hängt damit zu-sammen, daß
man müde ist, die Konzentration nachläßt und man der Meinung
ist, bei solch primitiven Dingen wie Abseilen würde schon nichts passieren.
Deshalb ist es wichtig, sich der Gefahr bewußt zu sein und sich immer
wieder auch gegenseitig zu kontrollieren. Das dies gerade bei längeren
Touren alles zügig gehen muß versteht sich von selbst. Schnelligkeit
ist Sicherheit, aber nur solange, wie die Sicherheit nicht der Schnelligkeit
geopfert wird.
Dirk Voigt