Als vor einigen Jahren im Oberreintal (Wettersteingebirge) einige beliebte Routen saniert wurden, versuchten die Sanierer (allesamt erfahrene Bergsteiger, teilweise auch Bergführer) die Haltekraft der zu entfernenden Haken zu beurteilen - das Ergebnis war bezeichnend schlecht, selbst Profis lagen in ihren Prognosen teilweise um ein Vielfaches über den tatsächlichen Werten. In Norddeutschland wurden aus derartigen Erkenntnissen die Konsequenzen gezogen und kräftig saniert. Haken an Stellen, die auch mit Keilen abzusichern sind wurden ersatzlos entfernt, alle anderen durch Bohrhaken ersetzt. Außerdem herrscht der Konsens, das neue Haken nicht mehr gesetzt werden, eben weil sie nicht zuverlässig beurteilt werden können und weil sie außerdem den Fels zerstören.
Bohrhaken ist allerdings auch nicht gleich Bohrhaken. Man kann sie grob in
zwei Gruppen einteilen: traditionelle Expansionsbohrhaken und moderne Klebehaken.
Zu den Klebehaken zählen auch die bei uns weitverbreiteten Bühlerhaken.
Klebehaken sind nur mit Hilfe einer Bohrmaschine zu setzen: Als erstes wird
ein Loch gebohrt, in das dann nach Entfernung des Bohrstaubs ein Zweikomponentenkleber
eingeführt wird. Zum Schluß wird der Kleber mit dem Haken gut verrührt
und muß dann eine gewisse Zeit abbinden. Ähnlich ist es mit Bühlerhaken,
nur das hier an Stelle des Klebers Schnellzement benutzt wird. Diese Haken sind
bei fachgerechter Setzung (wovon in Norddeutschland ausgegangen werden kann)
eine sichere Angelegenheit. Klebehaken kommen in verschiedenen Erscheinungsformen
vor, es gibt sie als Ringe, Laschen und Spezialformen, vornehmlich als Umlenker.
Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, daß bei Bühlerhaken
die Gefahr des Selbstaushängens von Expressschlingen bei ungünstigen
Seilbewegungen besteht. Unfälle die darauf zurückzuführen sind,
sind in Norddeutschland allerdings bisher nicht bekannt
.
Bei Expansionsbohrhaken sieht es anders aus. Ihre Festigkeit ist von außen nicht zu beurteilen! Sie können in mühsamer Handarbeit auch mit Hammer und Bohrmeißel von Hand gesetzt werden. Es wird ein Loch in den Fels getrieben. In dieses Loch wird dann ein Dübel eingesetzt, der von einem Keil aufgespreizt und verklemmt wird. Ist das Loch nicht exakt gebohrt sondern zu tief, wird der Dübel nicht ausreichend gespreizt und hält dementsprechend auch nicht. Außerdem wird auf den Fels ein hoher Druck ausgeübt worauf dieser mit Erosion reagiert. Dies wird beschleunigt, wenn der Dübel nicht hermetisch abgedichtet wird und Wasser und Umweltgifte ins Bohrloch eindringen können. Nach einigen Jahren glänzt die aufgeschraubte Lasche zwar immer noch, der Fels hingegen ist schon erodiert und - je nach Fabrikat - der Dübel korrodiert. Bewegt sich die Lasche oder ist sie gar schon korrodiert, kann nur noch von äußerst niedrigen Haltekräften ausgegangen werden. Dies wird zum Beispiel in einigen Schweizer Sportklettergebieten, die in den achtziger Jahren erschlossen wurden, zum Problem, hier ticken noch einige Zeitbomben.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Trau keinem Haken, außer er ist ein Klebehaken!!!
Dirk Voigt, Landesteam Ausbildung