Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1997/3
Hochtourengruppe

Langer Anlauf zum Brocken

Eine "Parallel"-Berichterstattung von Bruni und Jürgen

Die kurze Vorgeschichte .........

21. 9. 1996 - Lisel, Sonja, Andreas und Jürgen wandern von Braunschweig zum Brocken und weiter zum Torfhaus. Ein Bericht hierüber erscheint im Mitteilungsblatt Nr. 4/1996.
Die Wanderung weckt Interesse. Also Planung für den 24. 5. 1997:
Gruppenwanderung Braunschweig - Brocken - Torfhaus.

..... und die "Tat"

Bruni, die als motorrollerfahrende Krankenschwester einige Brennpunkte angesteuert hat und ich als Mitorganisator (zusammen mit Lisel) und "Mitläufer" werden nun darüber aus verschiedenen Blickwinkeln "parallel" berichten.

Aus dem Protokoll einer "rollenden" Samariterin ........

Sonnabend, 24. 5. 1997, nachts um 1.10 Uhr. Der Wecker klingelt. Wir haben vorsichtshalber noch für 1.15 Uhr einen Telefonanruf von Lisel bestellt. Einen solch wichtigen Termin dürfen wir nicht verschlafen.

Nachdem Wolfgang gefrühstückt hat, bringe ich ihn zum Treffpunkt Thüringenplatz. Noch schnell ein paar Fotos und pünktlich um 2.30 Uhr marschiert die Truppe los. Das Wetter ist gut, kühl und trocken.

.............. und eines Mitgliedes des "Fußvolkes"

Ute und Acki übernachten bei uns. Um 1.00 Uhr häßliches Weckerläuten. Schnelldurchlauf durchs Badezimmer - nicht vergessen, Bruni anzurufen - schnelles Frühstück - 1.55 Uhr Abmarsch - 2 km Fleißaufgabe zum Thüringenplatz als Warmlaufprogramm. Drei, vier Figuren trippeln schon ungeduldig vor dem Polizeirevier hin und her. Lisel und ich waren nachmittags noch in der Wache und haben angekündigt, daß nachts gegen 2.30 Uhr trotz Lärms vor der Tür kein Überfall aufs Revier geplant sei.
Alle 18 (!) Angemeldeten (7 Frauen, 11 Männer) sind rechtzeitig da. Pünktlich um 2.30 Uhr lassen wir Bruni allein und starten.

Ich fahre wieder nach Hause und überlege. "Es ist 2.45 Uhr, nochmals schlafen oder bleibe ich auf?" Ich gehe ins Bett, aber nach 1 ½ Stunden stehe ich wieder auf und bin mit meinen Gedanken bei den Wanderern. Ich frühstücke und packe in Ruhe meinen Roller. Um 6.00 Uhr fahre ich los. Es ist ziemlich frisch und ich bekomme trotz Handschuhen langsam kalte Finger. Ich freue mich, als ich endlich in Werlaburgdorf ankomme.
Es ist 6.45 Uhr, die Wanderer wollten um 7.15 Uhr am Frühstücksplatz sein. Schon um 7.10 Uhr laufen sie ein. Alle sehen nach 24,5 km noch richtig frisch aus.

Wegstrecke ähnlich wie Vorjahr. Thüringenplatz - Sachsendamm - Stettinstraße - Kolbergstraße - Bruchanger - Rad-/Fußweg Stöckheim-Mascherode - Feldweg zum Dahlumer Holz - E 6 durchs Lechlumer Holz (ohne Stirnlampen ginge hier gar nichts) - 3.55 Uhr Wolfenbüttel-Fachhochschule - Herrenbreite - Räubergasse - fast vor seiner Haustür sammeln wir Alfons ein, nun sind wir komplett. Eilmarsch durch die Wolfenbütteler Innenstadt - es dämmert - dann wieder auf dem E 6 hinauf "Im Kalten Tale" - Posteiche am Oderwald - von 5.25 Uhr bis 5.30 Uhr kurze Trinkpause an der Freundschaftsbuche, 16 km.

Und dann beginnt der erste Härtetest. Es hat tagelang kräftig geregnet. Der E 6 gleicht mehr einer zerwühlten Schlamm- und Wasserwüste. Holzabfuhr hat da noch kräftig nachgeholfen. Vom Orkan zu Ostern liegen immer noch Bäume kreuz und quer im Wald. Wenn es hier noch dunkel wäre, ..........
Auch der Oderwald ist irgendwann zu Ende. Wir haben nach 24,5 km schon fast ein normales Tagespensum hinter uns gebracht und könnten endlich Frühstückspause machen, wenn ......... Aber es klappt alles wunderbar. An einer Wegabzweigung liegt ein Motorradfahrerhelm mit aufgeklebtem "Roten Kreuz". Etwas weiter steht Bruni und erwartet uns am verabredeten Platz - und muß auch gleich in Aktion treten.

Ich muß die ersten Füße verarzten. Besonders Ronald hat rote Stellen und eine Blase. Die Schuhe sind sehr naß. Er zieht Turnschuhe an und seine Stiefel baumeln später an meinem Roller. Jeder bekommt schließlich noch eine Magnesiumtablette und weiter geht's in Richtung Schladen

Der Brocken ist noch von Nebeln verhüllt - psychologisch also recht günstig - schnell bergab nach Werlaburgdorf - wieder hinauf zu Pfalz und Wüstung Werla - hinunter zum Okerstrand - in Schladen treffen wir Bruni - sie bekommt erneut Arbeit.

Die Gruppe ist überraschend schnell in Schladen. Aber Arne ist ausgeschieden, das Tempo war zu scharf. Mein Verbandskistchen tritt wieder in Aktion. Ich salbe und klebe seine Füße, so daß er später zum Bahnhof gehen kann. Dann fahre ich weiter nach Wiedelah. Unter der Autobahnbrücke mache ich es mir gemütlich. Die Sonne scheint, ich schreibe schon mal meine Gedanken auf, halte aber zwischendurch immer wieder nach der Gruppe Ausschau. Pünktlich, wie alles an diesem Morgen, rennen sie an mir um 10.30 Uhr vorbei. Für 11.00 Uhr ist in Vienenburg das nächste Frühstück geplant. Und da wartet eine Überraschung. .........

Kurze Pause in der Okeraue hinter Schladen (Foto: Wolfgang Watteroth)Wir müssen zügig weiter - Arne ist ja in guter Obhut - die Okeraue südlich Schladen ist zwar landschaftlich sehr schön und interessant, aber auch scheinbar unendlich lang - auf der Höhe von Wülperode ist "Halbzeit", 36,0 km, 10.00 Uhr. - zur Ablenkung von den Strapazen des langen Weges kündige ich für etwa 11.00 Uhr eine überraschende Einlage an. Frank vermutet, ich wolle in Anlehnung an die Schlammschlacht im Oderwald in einer Pfütze einen Kopfstand machen - schließlich passieren wir bei Wiedelah erneut Bruni - dieses Mal bleibt sie arbeitslos - Eilmarsch durch Vienenburg - an der Radau aufwärts zur Stadthalle - und: Überraschung gelungen!

Erich und Lilo warten hier bei km 40,6 mit einem reichhaltigen Frühstücksbüffet. Sie haben am Morgen 40 Brötchen mit Mettgut, Leberwurst, Schinken und Käse belegt. Dazu gibt es heißen Kaffee aus großen Thermoskannen, Saft und Mineralwasser. Die Wanderer trinken und essen und trinken - am besten geht der heiße Kaffee und ich kann zwischendurch Füße nachsehen , pflastern, salben usw. Einige wechseln noch die Schuhe. Die Pause wird dadurch überzogen und bis 11.45 Uhr ausgedehnt, aber dann geht es weiter in Richtung Bad Harzburg.
Ich trinke mit Erich und Lilo den letzten Kaffee und fahre dann zum Bahnhof Bad Harzburg. Hier stelle ich meine "Vespa" ab, verstaue Helm und Regensachen in einem Schließfach und warte auf die Wanderer. Ich will von hier zum Brocken und zum Torfhaus mitgehen.

Die verlängerte Pause hat uns allen gut getan - Radauaue - Radaumühle - ein schmaler Trampelpfad ist mit Brennesseln fast zugewachsen - Durchschlupf unter der Autobahn Bad Harzburg/Goslar - der Brocken kommt in Sicht, aber noch längst nicht in Reichweite - Bündheim - Bahnhof Bad Harzburg - Susanne und Günther steigen nach 48 km aus, Bruni steigt ein - und die Fußgängerzone bis zum Kurpark erweist sich wieder einmal als wahrer Gummibandweg.

Plötzlich großes Hallo - Sonja und Andreas stehen als Touristen am Wege - begleiten uns ein Stück - muntern auf, feuern an. Zum Schluß noch eine großzügige Geste meines Schwiegersohnes - als letztjähriger "Erfinder" dieser Wanderung erläßt er uns wegen guter Leistungen die sonst fällige "Lizenzgebühr".

Nur noch 7 km bis zum Brocken (Foto: Wolfgang Watteroth)Am Eingang zum Märchenwald nochmals kurze Trink- und Sammelpause. Die Wanderer haben jetzt 50 km Anlauf zum Brocken hinter sich. Nun geht es zackig bergauf zum Molkenhaus, auf dem Neuen Braunschweiger Weg hinab ins Eckertal, hinauf zur Talsperre und zum "Frankenbergplatz",der dritten und letzten Pausenstation nach 12 ½ Stunden und 56,5 km. Der Brocken ist schon deutlich näher gekommen. Ich muß nochmals Pflaster verteilen, Füße salben, Magnesium-Tabletten ausgeben.

Nach 30 Minuten geht es weiter. Aber wer glaubt, das Tempo wird nun langsamer, hat sich geirrt. Lisel ist nicht zu bremsen. Auch ich puste hinterher, das Tempo ist ungewohnt schnell.

Am Scharfenstein beginnt der härteste Streckenabschnitt - knapp 4 km mit 500 m Höhendifferenz - 16.05 Uhr "steigen wir ein" - die Gruppe zieht sich schnell etwas auseinander - Nähe Bismarckklippe sorgt ein kurzes Hagelschauer für willkommene Abkühlung - und anschließend für phantastische Fernsicht.

Ich versuche, die Gruppe einigermaßen zusammenzuhalten - habe dann selbst Mühe, den Anschluß nach vorn wieder zu bekommen - sogar Wolfgang, der häufig zum Fotografieren vorausgeeilt war, hat jetzt einige Schwierigkeiten. Am "Kleinen Brocken" kurze Pause - vielleicht können wir alle einsammeln und gemeinsam den Gipfel erreichen - aber nach 2 - 3 Minuten kühlt uns der Wind aus - Lisel und Helmut scharren ungeduldig mit den Füßen - also weiter, noch ungefähr 1 km.

Das Ziel kurz vor Augen (Foto: Wolfgang Watteroth)Fast schon automatisch folgt ein Schritt dem anderen - Eisenbahn - letzter steilerer Anstieg - Brochenmoschee - Wolkenhäuschen, 17.15 Uhr, 63.0 km.

Schnell warme Sachen überziehen. Einer nach dem anderen trudelt ein. Nach 5 Minuten sind alle froh und glücklich da. Verhaltener Jubel - alle sind etwas geschafft aber glücklich - trinken, etwas essen, irgend jemand hat Schierker Feuerstein dabei - Jubel wird allmählich lauter - hinaus in die Sonne - ein Gruppenfoto auf dem Gipfel gehört noch dazu.

17.45 Uhr, und schon geht es weiter. Das gleiche schnelle Tempo, wie kann es auch anders sein. Am "Eckersprung" braucht Ute noch ein Pflaster für ihre blutende Zehe. Wieder zieht sich die Gruppe auseinander. Wir versuchen, erneut Anschluß zu bekommen, aber es ist hoffnungslos. Jeder will jetzt endlich zum Torfhaus. Um 19.30 Uhr treffen wir dann nach 72,0 km binnen weniger Minuten alle in der Hütte ein und werden von den anderen Gästen mit Applaus begrüßt. Für mich ein etwas komisches Gefühl, denn ich habe ja nicht die Leistung wie die anderen vollbracht.

Zu trinken gibt es zuerst Schwarzen Tee gemixt mit Rotwein, ein alpenerprobtes Getränk zur Anregung der Magennerven. Werner, es war sehr gut, nochmals vielen Dank. Danach hat auch das leckere Abendessen - Hühnerfrikassee und Kartokffeln - sehr gut geschmeckt.

Aber irgend jemand (Name ist der Redaktion bekannt) hatte vorher den Mund doch etwas zu voll genommen. Er hatte beim letzten Gruppenabend verkündet, Hühnerfrikassee sei ihm zu wenig. Er wolle mindestens zwei Schnitzel essen - Nach einer halben Portion Hühnerfrikassee hat er aufgegeben, und der Rotwein hat ihm an diesem Abend auch nicht so richtig geschmeckt.

Die Feier-Kondition war danach recht unterschiedlich. Um 20.30 Uhr zogen die Ersten ins Lager. Als ich gegen 22.30 Uhr schlafen ging, blieben nur noch vier Frauen unten. 10 - 15 Minuten später habe ich sie schon nicht mehr kommen hören.

Kurz nach 5.00 Uhr wache ich auf. Rötlicher Schein im Raum, schnell aus den Federn, neben dem Brocken schält sich gerade der rote Feuerball der Sonne aus dem Nachtlager. Einige kurze Augenblicke genieße ich das Naturerlebnis - und lege mich nochmals für 2 Stunden schlafen.

Schon um 8.00 Uhr sitzen alle munter am Frühstückstisch. Aus dem "Nie Wieder" von gestern abend wird immer häufiger ein "Na- vielleicht doch" und schließlich ein "Ich würde so etwas wieder mitmachen". Also sind keine bleibenden körperlichen oder psychischen Schäden zu befürchten. Geschafft ... wir haben das Ziel errecht!!! (Foto: Wolfgang Watteroth) Dann löst sich die Gesellschaft allmählich auf. Einige haben PKW-Plätze für den Heimweg zur Verfügung, einige fahren mit dem Bus nach Harzburg und die "ärmeren Bevölkerungsschichten" müssen eben ein Stück zu Fuß gehen. Wir wandern gemütlich über Eckertalsperre - Molkenhaus nach Bad Harzburg und können dieses Mal die Fußgängerzone eisschleckenderweise gemütlich hinunter zum Bahnhof bummeln. Die Bundesbahn bringt uns nach Wolfenbüttel, der Stadtwerkebus nach Melverode. Von dort bis zum Thüringenplatz ist es nicht mehr weit.

Die Wanderung Braunschweig - Brocken - Torfhaus

ist schon Geschichte.

Bruni Watteroth und Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.28. Aug. 97