Das Hockenhorn hatten wir also abgehakt, den Wein ausgetrunken, danach herrlich geschlafen. Heute morgen lacht uns wieder die Sonne. Herzlicher Abschied von Yolande, dann der weite Abstieg hinunter ins Gasterental - das Hockenhorn winkt noch einmal zu uns herab - und schließlich durch die enge Gasternklus steil an den Kanderfällen hinab nach Kandersteg.
Früh am nächsten Morgen Marsch vom Hotel zum Bahnhof, Eisenbahnfahrt über Frutigen bis Breitenbach. Mit dem nächsten Zug kommt Horst direkt aus Braunschweig - leichte Hektik an der Gepäckaufbewahrung - die Reisetasche fliegt über den Tresen - kurzer Sprint - Horst erreicht den Bus mit Müh' und Not - ab geht die Post in rasender Fahrt durchs Kiental - auf der mit bis zu 28 % Steigung steilsten Postautostrecke Europas - Endstation an der Griesalpe (1.408 m) - Rucksäcke auf und los.
Es ist unwahrscheinlich heiß - Visp meldet 33 ° C! - wir schwitzen uns mühsam bergauf - schließlich noch ein langer Hang aus bröckelnden Schieferplatten - nach 4 Stunden endlich die Sefinenfurgge (2.612 m) - Übergang ins Lauterbrunnental.
Vor
uns im Sonnenglanz Kleine Scheidegg - Eiger - Mönch - Jungfrau .............
Eine kühle Brise lädt zu längerer Rast - dann hinunter zur Rotstockhütte
(2.039 m) - abends Gewitter und ersehnte Abkühlung.
Mittwoch Weitwanderung - 3 Stunden Aufstieg aufs Schilthorn (2.973 m) - 5 Stunden Abstieg durch den Spiggegrund - ein wunderschönes, aber schier endlos scheinendes Tal - bis nach Kiental (948 m). Und dann Busse und Bahnen für Vernunft? Das Großtaxi ist 1 ½ Stunden eher in Kandersteg, brinAbends kommt Alfons an, wir sind nun komplett. Für Donnerstag ist Ruhetag gt uns bis zum Hotel und kostet etwa 30 % weniger!
vorgesehen - Planung perfekt - Gewitter und Dauerregen - aber am Freitagmorgen wieder Sonne pur. Bahnfahrt nach Goppenstein - Bus bis Fafleralp (1.763 m) am Ende des Lötschentales - gemütlicher Aufstieg zur Anenhütte (2.366 m) - den ganzen Nachmittag faulenzen auf der Sonnenterrasse.
Am Samstagmorgen schleichen wir auf schmalen Pfaden, über Gletscherschliffe, Schutt, leichte Felsen der Lötschenlücke entgegen. Nach 1 ½ Stunden Übergang auf den Langgletscher - Spaltengewirre zwingen zu Umwegen - es wird warm, der Schnee wird weich und tief - endlich nach 5 Stunden die Lötschenlücke - 62 m höher auf einem Felsvorsprung die Hollandiahütte (3.238 m) - sehr mühsam die letzten Meter in der Mittagshitze. Aber wir werden entschädigt. Die Hütte ist sauber und gepflegt, das Essen hervorragend und reichlich - und der Hüttenwirt ist einfach super.
Früh am nächsten Morgen - der Firn ist hart gefroren - erste Sonnenstrahlen am Mittagshorn - die weite Gletscherfläche vor uns noch im Schatten - plötzlich gleißendes Sonnenlicht - der Tag hat uns eingeholt - noch weit entfernt ein breiter Eisberg - die Aebene Flue, unser heutiges Ziel. Schließlich der steile Aufschwung - rd. 300 Höhenmeter - die dünne Luft macht uns noch zu schaffen - schließlich ein kurzer Firngrat - nach 3 ½ Stunden oben, 3.962 m.
Die Sicht ist scheinbar grenzenlos. Direkt unter uns das Lauterbrunnental -
Interlaken - Mürren - Sefinenfurgge - ........ Fast zum Greifen nahe -
nur durch das Rottal getrennt - die Jungfrau - abweisend, kalt, gefährlich!
- selbst der Normalweg erscheint von hier aus unwahrscheinlich steil.
Und sonst? - Mönch, Eiger, Gletscherhorn - Fiescherhörner, ..... Finsteraarhorn
- Aletschhorn ......... - und dahinter, wie an einer Perlenschnur, die
Walliser Riesen - von Fletschhorn, Lagginhorn über ....... bis zum Grand
Combin - nur Zinalrothorn und Obergabelhorn verstecken sich hinter dem Weißhorn
- und weit im Westen glänzt der Montblanc.
Genug geschaut - es wird schnell warm - wir waten durch den weichen Schnee - die Brücken über die Gletscherspalten zeigen schon Auflösungserscheinungen - also intensives Weitsprungtraining - und dann mittags wieder an der Hütte - Klamotten zum Trocknen aufhängen - Brot, Käse, Wurst, Teewasser - raus auf die Terrasse in die Sonne - Hemden aus, Turnhosen an - herrlicher Sommer!
Montagmorgen 6.00 Uhr Hochnebel - kaum Frost - Abstieg auf dem Großen Aletschfirn - Zahl der gefährlichen Spalten nimmt ständig zu - der Firn trägt überhaupt nicht - und dann immer mehr Wasser - wir nähern uns dem berühmt-berüchtigten Gletschersumpf des Konkordiaplatzes - vier mächtige Gletscher laufen auf diesem ca. 1,5 X 1,5 km großen fast ebenen Plateau zusammen - Großer Aletschfirn , Jungfraufirn, Ewigschneefeld, Grüneggfirn - und speisen es mit ihren Schmelzwassern. Und nach Süden schiebt sich von hieraus der Große Aletschgletscher Richtung Rhonetal.
Wir streifen den Konkordiaplatz nur kurz bei P. 2740 m am Fuß des Kranzberges. Jetzt erwarten uns 8 km Aufstieg über den Jungfraufirn zum Jungfraujoch. Der Nebel lichtet sich - es wird warm - weit, weit hinten taucht der Mönch auf - schließlich erscheint links, sich noch etwas verschämt mit Nebelschwaden verschleiernd, die Jungfrau.
Alfons Höhenmeter zeigt erst 3.000 m - noch fast 500 Höhenmeter bis zum Jungfraujoch - Wahnsinn! - tierische Hitze - trinken, trinken, trinken - die Gebäude werden allmählich größer - kleine Menschen laufen hin und her - alles Japaner? - oder ist es etwa noch so weit? - endlich geschafft, Jungfraujoch (3.475 m), 13.00 Uhr.
Es sind tatsächlich fast alles Japaner. Und was machen Japaner im Gebirge (und anderswo)? Sie filmen und fotografieren ununterbrochen. Bitte nochmals in die Linse lächeln, dann aber schnell auf die breite und feste Spur der Pistenwalze - ????? - feste Spur - ????? - Die Mittagshitze hat alles in weiche Pampe verwandelt - wir stapfen und waten mühsam weiter - kein Windhauch hilft uns - aber um 14.00 Uhr endlich doch an der Mönchsjochhütte (3.650 m)
Ich bin ziemlich geschafft. Aber Suppe, Tee, Kaffee ...... und es geht schon wieder. Morgen sehen wir weiter.
12. 8. - wolkenloser Himmel - keine Hektik beim Frühstück - der Weg
ist heute nicht weit - wenige Minuten zum SO-Grat des Mönch - Firn, einige
Felsinseln dazwischen - wo bleibt der im Führer versprochene Felsgrat?
- statt dessen ziemlich scharfer, ausgesetzter Firngrat - Spätfolgen des
vielen Julischnees - luftig vom Vor- zum Hauptgipfel - nach 2 ½ Stunden
sind wir auf dem Gipfel, 4.107 m.
Umfassende Sicht auf die Berner Gipfel - und direkt hinunter zur Kleinen Scheidegg
- Dunstschleier behindern etwas den Blick zu den Walliser Riesen - und wo
ist der Montblanc? - da hat sich doch einfach die Jungfrau davorgemogelt - das
Weibsbild macht sich langsam mausig.
Abstieg äußerst vorsichtig und konzentriert - Firn taut an - Steigeisen beginnen zu stollen - die schmale Spur bröckelt seitlich weg - um 12.00 Uhr sind wir wieder an der Hütte.
Kurz darauf helle Aufregung - tödlicher Unfall am Mönch - Beschreibung paßt genau - der Abgestürzte ist uns mit seinem Kameraden etwa um 11.30 Uhr begegnet. Wieder einmal ein viel zu später Aufstieg? Es geht uns mächtig an die Nerven.
Lisel, Ute und Acki haben die Nase voll von den hohen, gefährlichen Bergen und planen, über Konkordiahütte und den Großen Aletschgletscher ins Rhonetal abzusteigen. Alfons, Helmut und ich wollen endlich der Jungfrau zu Leibe rücken. Aber Mittwoch, der 13. 8. bringt uns kein Glück.
Aufbruch um 4.40 Uhr - Alfons und ich haben schlecht geschlafen - wir haben den Unfall noch nicht verdaut - eiskalter N-Wind demotiviert uns zusätzlich - wir stolpern ziemlich vorwärts und abwärts - 300 m Höhenverlust bis ca. 3.300 m hinab. An der Kranzbergegg in den Felsen Stau - Umgehung unterhalb der Felsen - weiterer Höhenverlust - mühsam
und langwierig auf die Kranzbergegg hinauf (ca. 3.600 m) - die meisten Felsgeher haben wir trotzdem überholt - aber hier oben erwischt uns der stürmische Wind voll - wir kämpfen uns mühsam vorwärts - um 8.10 Uhr erst auf etwa 3.700 m Höhe - Motivation sinkt immer tiefer - Hochrechnung ergibt noch ca 2 bis 2 ½ Stunden bei diesen Verhältnissen und unserer Verfassung bis zum Gipfel - das wäre viel zu spät - also Abbruch und rechtzeitige Umkehr. Die Jungfrau hat uns eiskalt abblitzen lassen.
Auf dem Rückweg zur Mönchsjochhütte besichtigen wir noch
die Anlagen am Jungfraujoch. Es ist faszinierend, was hier in 3.500 m Höhe
geschaffen wurde. Am Abend gibt es Gewitter, Hagel und Schnee. Alfons wird morgen
nach Hause fahren, der Beruf geht vor. Helmut und ich wollen der Jungfrau
nochmals unsere Aufwartung machen.
Donnerstagmorgen - sternenübersäter Himmel - ziemlich warm - wir verlassen
um 4.25 Uhr als erste Seilschaft die Mönchsjochhütte - Tempomarsch
zum Jungfraujoch - schnell weiter den Gletscher hinunterlaufen - Sch...! - alles
weich - wir stolpern von Loch zu Loch - platsch! - Ich liege auf der Nase -
Sprung auf, marsch, marsch - Fuß der Kranzbergegg - keine Experimente
im Fels - sofort auf die bekannte Umgehung von gestern - Steilhang wieder hinauf
- bereits um 7.05 Uhr passieren wir unsere Wendemarke vom Vortag - über
eine Stunde gutgemacht - um 7.45 Uhr am Rottalsattel (3.885 m) - immer noch
als erste Seilschaft.
Aber jetzt brauchen wir eine kurze Verschnauf- und Trinkpause. Die Seilschaften
mit den jungen Sprintern - meistens nicht einmal halb so alt wie wir - überholen
uns. Und dann gehen auch wir - äußerst konzentriert - den 70 bis
80 m langen Quergang im steilen Firn unmittelbar über dem Abbruch ins 1.000
m tiefer liegende Rottal - der gefährlichste Teil der ganzen Tour.
Danach "nur" noch die bis zu 45 ° steile Firnflanke - vom Fels ist fast
nichts zu sehen - auf den Gipfel. Um 8.45 Uhr stehen wir auf der Jungfrau,
4.158 m. Endlich das erhoffte Rendezvous!
Herrlich warm hier oben - die Sicht ist berauschend schön - nicht nur zu
nahen und fernen Bergen - auch ins Tal - 3.500 m tiefer, fast unmittelbar unter
uns, Lauterbrunnen. .... Alfons ist doch zu früh nach Hause gefahren.
Um 9.30 Uhr Abstieg - vorsichtig, aber doch zügig - der Firn beginnt aufzuweichen - 10.00 Uhr Rottalsattel - pfff ....! - der gefährlichste Teil ist geschafft - 12.15 Uhr Jungfraujoch - und dann - wieder sehr mühsam - in 1 Stunde zur Mönchsjochhütte.
Am Freitagmorgen schlendern Helmut und ich gemütlich zum Jungfraujoch, genießen nochmals das Panorama vom Observatorium aus und fahren mit der ersten Bahn um 9.00 Uhr zur Kleinen Scheidegg hinunter. Und dann beginnt wieder das Drama mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Unser Zug über Wengen nach Lauterbrunnen muß mehrmals den Gegenzügen Vortritt lassen - in Lauterbrunnen 20 Minuten Verspätung - Anschlußzug ist weg - nächster Zug nach Interlaken schafft natürlich dort den Anschlußzug auch nicht mehr - dasselbe Theater in Spiez - über 1 Stunde Mittagspause - glücklich um 14.30 Uhr in Kandersteg!
Dauerduschen - Kaffeetrinken - Klamotten waschen - abends Grillfete auf der Hotelterrasse - mehrere halbe Liter Bier - herrlich geschlafen - am Samstag kommen Lisel, Ute und Acki aus Bettmeralp. Am Sonntag geht es dann gleich wieder in die Berge. Aber darüber gibt es erst im nächsten Mitteilungsblatt etwas zu lesen.
Jürgen Koziol