Neun Wanderer machten sich früh in Magdeburg auf den Weg, den Rennsteig zu erobern.
Ika und Jupp aus Krefeld waren schon am Vortag angereist. Die Braunschweigerinnen Ilse und Elisabeth hatten bereits eine Aufregung hinter sich; sie hatten eine zu teure Zugklasse bestiegen und mußten deshalb in Helmstedt den Zug wechseln. Doch sie kamen ohne Strafgeld davon! Die Magdeburger Brigitte, Ingrid, Renate, Ruth und Wolfgang vervollständigten das Team.
Noch Regen in Magdeburg und unterwegs - doch in Eisenach strahlte die Sonne. Der "Altenburger See" bei Eisenach war unsere erste Übernachtungsstation.
Zwei Einzelwanderer aus Schwaben, Helma und Rolf, schlossen sich uns an; ihr Dialekt war für uns nicht problemlos.
Die 5 Mädchen okkupierten sogleich eine Hütte und schickten die 3 Ehepaare in die andere Hütte. Nach einer Kurzwanderung und gemeinsamem Abendessen in der Gaststätte machten sich die Mädchen Sorgen um die Leute der anderen Hütte, die schon friedlich schliefen, als sie halbstündlich nach Lebenszeichen spähend, um die Hütte schlichen.
Sonntag, 14. 9. 1997 - 1. Etappe
Der Bus brachte uns zur "Hohen Sonne" auf den Rennsteig. Da ging es gleich mit einem Anstieg los, dann Bananenpause am Ruhlaher Häuschen, Mittagspause im Wald in der Nähe des Dreiherrensteins, Besichtigung des Rennsteig-Ehrenmals, das wir uns genau aus allen Richtungen ansahen, um die Inschriften zu entziffern.
Nun wurde zur Eile getrieben, denn nur von 15 bis 17 Uhr war der Hüttenwirt
an der Grenzwiese anwesend. Für den anstrengenden Anstieg zum Großen
Inselsberg (917 m) entschädigte uns eine phantastische weite Aussicht über
das Thüringer Land (Experten sagten, so gut ist die Sicht selten).
Der Abstieg zur Grenzwiese über den Reitstein, immer auf dem Rennsteig, bot alpine Schwierigkeiten. Die zwei Hütten wurden belegt wie am Vortag. Nach Duschen und Bettenmachen kam die Kocherei, zu der wir von Ingrids Mitbringliste Renates Zwiebeln und Elisabeths vielbesprochene Schraubennudeln gebrauchen konnten - für Nudeln mit Gulasch, das allen sehr gut schmeckte.25 km waren es bis zur Grenzwiese.
Montag, 15. 9. 1997 - 2. Etappe
Unser Frühstück machten wir uns jeweils selbst aus den nach Liste mitgebrachten Dingen. Es wurden Kaffee und Tee gekocht sowie Mitnehmstullen geschmiert. Das vermeintliche Durcheinander in der Küche war zweckmäßig, bald hatte jeder die Tätigkeit, die ihm am besten von der Hand ging, gefunden. Unsere Koffer wurden täglich zur nächsten Hütte transportiert, so daß wir mit Tagesrucksack wandern konnten.
Die Etappe Grenzwiese-Ebertwiese betrug nur 15 km, doch gab es einige Höhen zu erklimmen; den Trockenberg mit 808 m, den großen Jagdberg mit 815 m. Beeindruckend das Possenröder Kreuz, das als Sühnekreuz eine mittelalterliche Mordstätte kennzeichnet. Ein Abstecher zum Spitterfall hinab war eher enttäuschend. Das wenige Wasser sollte der größte Wasserfall des Thüringer Waldes sein?
An der Ebertwiese, einem Naturschutzgebiet mit Hochmoorflecken, kochten wir
Kaffee und bummelten zum nahen Bergsee in der Hoffnung auf ein Bad. Doch genau
wie der Altenberger See war auch der Bergsee wegen überschießender
Blaualgenbildung nicht zum Baden zugelassen. So träumten wir in der Sonne
und der wunderschönen Umgebung eine Weile vor uns hin. Der Grillabend brachte
uns viel Spaß, so viel, daß Ruth meinte "Ich habe heute für
die nächsten 20 Jahre gelacht!"
Dienstag, 16. 9. 1997 - 3. Etappe
Wolfgang hatte abends noch eine abkürzende Umrundung der Ebertwiese ausgekundschaftet, die uns schnell wieder auf den Rennsteig brachte. Das herrliche Wetter ließ uns die ersten Kilometer im Sturmschritt angehen. Erstmalig gab es nicht nur schöne Waldstrecken, sondern auch herrliche Aussichten vor dem Sperrhügel und auf der Schmalkaldener Loibe nach Norden und Süden. Schließlich überwanden wir den Donnerhaduk (893 m) und machten Mittagsrast am Gustav-Freitag-Stein.
Vom Grenzadler zu den Rennsteighütten ging es dann etwas langsamer voran; diese Etappe war 25 km lang. Doch dann wurden nur ein bißchen Schuhe und Kleidung getauscht und es ging weiter in den Ort Oberhof.
Wir tranken dort Kaffee, betrauerten das tote Rennsteighotel, das halbtote Panoramahotel, sahen auch Erfreuliches wie Kurpark und Rennsteigthermen. Die letzten Lebensmittel wurden eingekauft und dann in der gemütlichen "Kauzenscheune" diverse Thüringer Gerichte und Biersorten verzehrt. Durch die Ortsbegehung kamen nochmals 6 km hinzu, so daß diese Etappe Ebertwiese - Oberhof mit 31 km die längste wurde.
Mittwoch, 17. 9. 1997 - 4. Etappe
Jeden Morgen war um 8.00 Uhr Kofferabholung und danach Start, heute zur Etappe Oberhof - Frauenwald von 20 km. Wir begannen am Rondell bei Oberhof bei 826 m und hatten nach 5 km den höchsten Punkt des Rennsteiges und damit unserer Wanderwoche von 973 m erreicht, "Plänkners Aussicht", was wir mit einem Umtrunk feierten. Über den großen Beerberg 933 m, vorbei am Schneekopf, dem höchsten Gipfel des Thüringer Waldes, ging es über Schmücke, Mordfleck und Bahnhof Rennsteig hinab nach Frauenwald.
Auf dieser Etappe waren wir selten allein, so wie in den ersten Tagen; viele Wanderer waren unterwegs und wie wir mit Petrus zufrieden, der uns wieder einen sonnigen Sommertag beschert hatte.
In Frauenwald nutzten wir unsere "Freizeit" für einen Bummel durch den Ort, zur Kirchenbesichtigung, zur Einnahme größerer Kuchen- und Eismengen und zur Besichtigung einer Glasbläserei. Am Abend wurde natürlich die zur Gaststätte gehörende Kegelbahn genutzt. Wolfgang versuchte noch einmal unsere sportlichen Aktivitäten zu wecken, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Trotzdem hatten wir viel Spaß, auch beim schmackhaften Abendessen und danach.
Donnerstag, 18. 9. 1997 - 5. Etappe
Einiges Suchen war nötig, um bei Allzunah wieder auf den Rennsteig zu gelangen, dann wurden bei Sonnenschein die 20 km bis Masserberg frohgemut unter die Füße genommen. Auf dieser Etappe ging es oft über weite Flächen mit herrlichen Wiesen und herrlichen Ausblicken über Täler und Hügel des Thüringer Waldes. Viele interessante Grenzsteine säumten den Weg, hier markierten sie die Grenze zwischen den ehemaligen deutschen Kleinstaaten Schwarzburg - Sondershausen und Meiningen. In der Kirche von Neustadt besichtigten wir die schönen farbigen Glasbetonfenster, Michael im Kampf mit den 7 Schlangen darstellend. In der Nähe der Teufelsbuche suchte sich jeder einen Platz für die Mittagsrast. Am Laßmann- und Trinius-Stein vorbei erfolgte der letzte harte Anstieg zur Masserberger Höhe.
Schon von weitem waren Badehaus und neue Rehaklinik infolge ihrer eigentümlichen Architektur zu sehen. Den weiteren Nachmittag und Abend gestaltete jeder nach seinem Belieben - Vergnügungen im Spaßbad, Eisschlemmen, Stadtbummel oder Jagd nach einem Schlosser zum Öffnen der Zimmertür! Zur Erklärung muß gesagt werden, daß es Rolf schon anfangs gelungen war, sein Kofferschloß so zu ruinieren, daß einige Hilfstruppen zum Öffnen des Koffers nötig waren. Und nun gab es dasselbe mit seiner Zimmertür! Das war übrigens die einzige Hütte, wo es Zimmer und Zimmerschlösser gab.
Freitag, 19. 9. 1997 - 6. Etappe
An diesem Tag war es neblig und kühl - wir sollten am Rennsteig auch dieses Wetter kennenlernen.
Nach auf und ab über Rennsteigwarte, Dreiherrenstein, Eisfelder Ausspanne und Friedrichshöhe gelangten wir zum Dreistromstein. Er weist darauf hin: alle Quellen, die westlich entspringen, fließen zu Werra und Weser, die südlichen in den Rhein und die nördlichen in die Elbe. Nach einer Bananenpause ging es weiter auf dem Rennsteig, der hier seinen urigen Charakter als schmaler Steig erhalten hat und viele schön gestaltete Grenzsteine aufweist.
Zur Mittagspause suchten wir uns wegen der Kühle eine Hütte; doch die Pause fiel kurz aus, weil auch die Bänke nur Kühle ausströmten. Über den tiefsten Punkt Limbach, stiegen wir auf, vorbei an den "Sandbergen", wo einst Kaolin für die Porzellanherstellung gefördert wurde und eine Heidelandschaft entstand.
Unser letztes Quartier, Bernhardstal bei Neuhaus, erreichten wir ohne Regen. Am Nachmittag sahen wir uns in Neuhaus um, tranken Kaffee und besuchten eine Weihnachtsausstellung. Abends wurde noch einmal gemeinsam schmackhaft gekocht.
Dann klang der Abend gemeinsam in der "Rennsteigbaude" aus.
Samstag, 20. 9. 1997
Nun blieb nur die Heimfahrt: mit Bus bis Saalfeld, in guter Fahrzeit mit Regionalzügen bis Magdeburg (und weiter), leider häufiges Umsteigen in Groß-Heringen, Halle und Sandersleben.
Alle sind wir uns einig: es waren schöne, erholsame und fröhliche und manchmal auch schweißtreibende Wandertage.
Und die Frage tauchte auf, wo könnte man nächstes Jahr gemeinsam wandern? Vorschläge gab es schon.
Alle Wanderer haben Einzelberichte zugearbeitet. Ergänzung und Zusammenstellung besorgte
Ingrid Frömming