Dritter und letzter Teil des Berichtes über die Gruppenfahrten 1997 in die Berner AlpenNehmen wir den Faden wieder auf. Das Rendezvous mit der Jungfrau hatte endlich geklappt. Am Sonnabend sind wir alle in Kandersteg nochmals zusammengetroffen. Der letzte Abend im Hotel "des Alpes" ist dann ziemlich lang geworden, es gab ja noch so viel zu erzählen. Und das Wetter trieb uns auch nicht zur Eile. Gegen Abend waren erste Gewitter aufgezogen, schließlich hat es die ganze Nacht geblitzt, gedonnert und gegossen.
Teil 1: Viel Wind um's Hockenhorn oder: aller guten Dinge sind drei
Teil 2: Die Jungfrau hat sich lange geziert
Heute morgen ist alles trist, grau in grau, es regnet immer noch leicht - Abschiedsstimmung. Lisel, Ute, und Acki fahren heute, Horst morgen nach Hause. Helmut und ich vertrauen dem positiven Wetterbericht und nehmen nur einen kleinen Standortwechsel vor.
Also Frau, Freunde und Kandersteg ade und los - Frutigen - Spiez - Interlaken - Brienz - Innertkirchen - Grimselpaß - Privatstraße zum kleinen Parkplatz an der Dammkrone des Stausees Oberaar (2.306 m), knapp unterhalb des Berghauses Oberaar (2.338 m).
Aber - Schreck laß nach - unsere Blicke tasten sich über die ganze Länge des Oberaarsees zur Zunge des Oberaargletschers, kriechen den endlos scheinenden Eisstrom hinauf, stoßen an die dichte Wolkendecke und machen knapp darunter eine winzig scheinende Scharte aus - das Oberaarjoch mit der Oberaarjochhütte, 3.258 m, lt. Führer 4 ½ bis 5 ½ Stunden entfernt.
Aber da müssen wir durch! - 11.00 Uhr Rucksäcke auf - schmaler Pfad am Stausee - Steine, Pfützen, Matsch - 12.00 Uhr am Ende des Stausees - 30 Minuten Mittagspause - dann auf die apere Zunge des Oberaargletschers - die dichte Bewölkung schirmt die Sonne ab - die befürchtete Hitzeschlacht bleibt uns erspart - Schnee verdeckt allmählich die Spalten - anseilen - der Regen hat alles ziemlich aufgeweicht - aber Joch und Hütte werden immer größer - schließlich noch ein Schuttkegel - eine senkrechte Leiter - Hütte erreicht - 15.45 Uhr - war doch gar nicht so schlimm!
Die Hütte ist klein, etwas antiquiert, aber urgemütlich. Wirt, Lager und Essen sind super. Und außer uns sind nur noch drei Schweizer da.
Abends
lockert die Bewölkung etwas auf. Nachts wage ich den Gang über die
nur schlecht abgesicherte Terrasse zum berühmten freistehenden Häuschen
- und bleibe fasziniert stehen. Heller Mondschein - und ein Heer unzähliger
Sterne überspannt den ganzen Himmel. Frühmorgens dann strahlende
Sonne und freier Blick. Vor uns, nur 1 ½ Stunden entfernt, die Gemsschlicke
- unser Jochübergang gen Westen. Entfernter im Südwesten, über
den abfließenden Studer- und Galmigletschern hinweg, Matterhorn - .......
- Weißhorn. Und im Nordwesten ragt ein riesiger Felsklotz in den blauen
Himmel - das Finsteraarhorn - mit 4.273 m der höchste Berg der Berner Alpen
- unser nächstes großes Ziel.
Bald darauf stehen wir im Sattel der Gemsschlicke (3.335 m) - und erschrecken doch etwas - denn unter uns gähnt etwa 150 m tief ein wahnsinnig steiles Couloir - Schutt, Schutt, Schutt - scheinbar festgehalten nur durch einige eingelagerte splitterige Türmchen.
Wir schleichen uns wie auf rohen Eiern in die Tiefe - Winnetou hätte sicher seine helle Freude an uns - der Schutt geht in hartgefrorenen Firn über - Eispickel und Steigeisen sind gut in und am Rucksack verpackt - Rucksäcke absetzen und "basteln"? - das wäre in diesem Gelände wohl Wahnsinn - also rückwärts, die alten Tritte benutzend, weiter nach unten tasten - und irgendwann wird das Gelände flacher.
Der weitere Abstieg bis auf 2.820 m auf den Fieschergletscher ist leicht, der erneute Anstieg auf dem Gletscher ebenfalls. Zum Schluß leitet uns eine kurze Felspassage mit einigen Drahtseilen hinauf zur Finsteraarhornhütte (3.048 m).
Mittagspause auf der Sonnenterrasse - eine knappe Stunde Wegerkundung für morgen früh - in der Nachmittagssonne blinkt schon das Gipfelkreuz des Finsteraarhorn - es sind ja "nur" 1.200 Höhenmeter - wieder auf der Terrasse faulenzen - Panorama genießen - aufs Abendessen warten - noch ein teures Bier trinken - und dann ausgezeichnet schlafen.
Wecken 3.45 Uhr - Aufbruch 4.25 Uhr - Vollmond macht Stirnlampen überflüssig
- anfangs Schutt und leichte Felsen - bei ca. 3.260 m anseilen, Steigeisen,
Eispickel - Gletscher mit wechselnder Steilheit - Spalten zwingen zu Umwegen
- Überschreitung der Felsen des unteren SW-Grates am sog. Frühstücksplatz,
3.616 m, 6.40 Uhr - nun verfirnte SW-Flanke steil hinauf - es wird windig und
kalt - 8.00 Uhr am Hugisattel, 4.088 m - Anoraks überziehen, trinken, etwas
essen - 8.30 Uhr auf den NW-Grat (II) - Felsen teilweise vereist - 9.30 Uhr
auf dem Gipfel, 4.273 m.
Überraschend warm und windstill - tolle Aussicht - nur über dem Goms gewaltige Quellwolken - ach, und da unten ist der Oberaarsee mit dem Parkplatz und unseren Autos - Abstieg 10.15 Uhr - Eis zwingt zu vorsichtigem Gehen - 11.15 Uhr Hugisattel - Anoraks aus und schnell weiter, es wird warm - Gefahr! Steigeisen stollen immer stärker - trotz Steilheit Steigeisen ab - kurze Blankeisstellen vorsichtig umgehen - Wärme nimmt zu - Schweiß läuft - endlich die ersten Felsen - Seil, Gurt usw. ab - 13.40 Uhr die Hütte - gemütlicher Feierabend - trinken, essen, sonnen, klönen.
Mittwoch, 20. 8. 1997 , wird wohl ein richtiger Urlaubstag. Weit nach Sonnenaufgang schlendern wir über den Fieschergletscher zur Grünhornlücke, auf dem Grüneggfirn hinunter zum Konkordiaplatz - und dann beginnt doch noch die Arbeit - 396 Stufen über Treppen und Leitern hinauf zur Konkordiahütte, 2.850 m.
Großes Lob für die umgebaute Hütte und ihre Wirtsleute. Sehr geräumiger Tagesraum, der trotz seiner Größe durch geschickt eingebaute Trennwände und Nischen eine gemütliche Atmosphäre entfaltet - ein riesengroßer Küchentrakt - kleine Schlafräume für je 8 Personen, abgesehen vom großen Reservelager auf dem Boden. Und das Wirtsehepaar ist unheimlich nett - jeder Neuankömmling bekommt kostenlos ein Glas Tee zur Begrüßung, auch nach jeder Rückkehr von einer Tour - Abendessen ist überreichlich - zum Frühstück gibt es Müsli und ......
Gespräch mit dem Hüttenwirt wegen Route zum Groß Grünhorn. Im Dunkeln manchmal schwierige Orientierung. Juckepunkt ist später das steile Firncouloir auf den SW - Grat des Grünegghorns. Also planen wir für morgen erst einmal eine Informationstour auf den Wyssnollen. Zwar nur eine Halbtagestour, aber da es ab Mittag Gewitter geben soll, ..........
Größere Schwierigkeiten sind nicht zu erwarten. Faulheit siegt - Minimalausrüstung Pickel und Steigeisen muß reichen - um 5.30 Uhr geht es 396 Stufen abwärts - ich hatte mich nicht verzählt. 2 Stunden später Grünhornlücke - etwa 40 ° steile Firnflanke ca. 200 m hinauf - ein kurzer "Biancograt" - 60 bis 70 m Fels, I und II - 8.30 Uhr Wyssnollen, 3.595 m.
Super! Auf der anderen Seite der Grünhornlücke liegt der größte Teil der Route aufs Grünegghorn wie eine Landkarte vor uns. Möglichst alles im fotografischen Gedächtnis speichern und dann zurück .......Nein! Halt! Nicht so hastig! Nach Osten über den Fieschergletscher hinweg haben wir einen genauso tollen Blick in die SW-Flanke des Finsteraarhorns. Unsere Route von vor zwei Tagen können wir genau nachvollziehen. Aber dann doch schnell wieder nach "Hause" und auf der Terrasse Sonne, Sommer und Urlaub genießen, denn die Gewitter bleiben aus.
Freitag, 3.30 Uhr - wir stolpern 396 Stufen ins dunkle Loch des Konkordiaplatzes hinunter - Grüneggfirn aufwärts - Mondschein taucht alles in gespenstisches Licht - hier etwa müssen wir links ab - Spalten umgehen - jetzt der Gletscherbruch - nur nicht die Richtung verlieren - doch der Mond hilft uns auch hier - die schwarzen Löcher werden größer, tiefer, breiter - hin und her und wieder hin - nichts geht mehr! - da, doch noch ein Durchschlupf - Bruch ist endlich zu Ende - steil weiter - schnauf, schnauf - es dämmert - eine alte Spur - sie endet vor einer Spalte - zum Bergaufspringen viel zu breit - erneut suchen - ...... - endlich das Couloir - und der SW-Grat des Grünegghorns - steiler Firn bis zum W-Gipfel, 8.00 Uhr, 3.787 m - auf dem schmalen Dachfirst des Felsgrates weiter balancieren - bloß nicht wackeln oder stolpern - 8.45 Uhr Grünegghorn, 3.860 m - gegenüber der gewaltige Kegel des Groß Grünhorns - steile Felsen, dann rückwärts steile Firn-/Eisflanke hinab in die Scharte zwischen beiden Gipfeln (ca. 3.780 m) - etwa 40 m im Firn wieder hinauf - die ersten Felsen des SW-Grates - Pickel und Steigeisen zurücklassen - leichte Felsen, Schuttbänder - überraschend leicht - 9.45 Uhr auf dem Groß Grünhorn, 4.043 m - wieder bei herrlicher Sicht - und wir haben den Gipfel für uns ganz allein!
10.15
Uhr wieder Abmarsch - vereinzelt bekommen wir jetzt Gegenverkehr - der Wiederaufstieg
aufs Grünegghorn ist tatsächlich mächtig steil - Dachfirst hinunter
zum W-Gipfel - und dann hinein in die immer weicher werdende Firnpampe - Couloir
vorsichtig abwärts - wieder Pampe und Spalten - und wo müssen wir
jetzt von oben in den Bruch hinein? - keine Spur, heute morgen war alles
hart gefroren - wie haben wir das im Mondschein nur gefunden? - irgendwann sind
wir dann doch unten heraus - ..... - nochmals 396 Stufen - 14.50 Uhr der obligatorische
Begrüßungstee - und dann beginnt wieder der Feierabend.
Am Samstagmorgen stehen wir schon wieder um 2.45 Uhr auf - man kann sich auch daran gewöhnen - ...... - der Gletscherbruch, mit dem das Ewigschneefeld auf den Konkordiaplatz mündet, hat uns die ganzen Tage schon Respekt eingeflößt - hart rechts am Rande zu den Grüneggfelsen rechnen wir uns die größten Chancen aus - verdammt dunkel hier - der Mond scheint noch nicht richtig über den Berg - nur gut, daß alles aper ist - wir irren zwischen tiefen Spalten, dicken Felsbrocken, Eiswülsten, Schutthalden hin und her - gewinnen wir überhaupt Höhe? - irgendwann wird das Gelände leichter - es wird hell - Spalten zwingen immer wieder zu erhöhter Aufmerksamkeit - schließlich steiler hinauf Richtung Fieschersattel - bei ca. 3.750 m sperrt die Randkluft die gesamte Breite des Kessels zwischen Groß und Hinter Fiescherhorn - 3 bis 4 m breit, das "rettende Ufer" 2 bis 3 Meter höher - war's das schon?
Etwa 150 m weiter rechts scheint eine schmalere Stelle zu sein - hier ist tatsächlich noch eine Brücke - aber wie lange noch? - vorsichtige Hangquerung über der Randkluft 150 m zurück - Beginn eines schrägen Couloirs - voller Wassereis, links und rechts äußerst brüchiges Gestein - ein dünnes Seil hängt hier in der Gegend - wie mag es befestigt sein? - lieber nicht anfassen - vorsichtig mogeln wir uns irgendwie die letzten 100 bis 120 m hinauf - und sind um 9.15 Uhr endlich auf dem Fieschersattel, 3.923 m - ein kurzes Stück im weichen Firn - dann endlich der solide Fels des Südgrates auf das Groß Fiescherhorn, 10.00 Uhr, 4.048 m - bei herrlicher Sicht - und wieder haben wir seit Verlassen der Hütte keine Menschenseele gesehen.
10.30 Uhr Abstieg zum Fieschersattel - Hinter Fiescherhorn lassen wir aus Sicherheitsgründen
aus - noch liegen Couloir und Firnhang über der Randkluft im Schatten -
aber wenn die Sonne kommt, wird es extrem gefährlich - also rasch hinein
ins zweifelhafte Vergnügen - das schlappe Seil ist oben gut befestigt
-
dient uns also teilweise doch als Sicherung - den Rest seilen wir ab - die Brücke
hält auch noch - ..... - etwa um 14.30 Uhr treffen wir die ersten Menschen
- ...... - und um 16.00 Uhr sind wir endlich wieder oben an der Hütte.
Es ist Samstag - die Hütte ist heute gut belegt - auf der Sonnenterasse gibt es Faßbier - das schmeckt! - das zweite auch noch - ......
Am Sonntagmorgen haben wir bis 6.00 Uhr geschlafen. Und jetzt müssen wir uns beeilen, auf den Großen Aletschgletscher hinunterzukommen, um den Anschluß an die Führerseilschaften nicht ganz zu verpassen. Da alles aper ist, gibt es als Orientierungshilfe nur eine der beiden Mittelmoränen. Aber die beiden Führerseilschaften verschwinden dauernd in irgendwelchen Mulden, tauchen wieder auf - ....... - nach etwa 3 Stunden biegen sie in der Nähe zweier riesiger Felsblöcke nach links Richtung Strahlhorn/Eggishorn ab - als wir scheinbar an die Stelle kommen, sind nicht nur die Leute, sondern auch die Felsblöcke verschwunden - Zauberei? - oder schon wieder irgendwelche Mulden? - wenn jetzt Nebel einfiele, sähen wir ganz schön alt aus - nach weiteren 30 Minuten finden wir doch aus dem Spaltenwirr-warr heraus.
Wenig später machen wir auf grüner Wiese hoch über dem Goms lange Mittagsrast - fahren mit der Seilbahn von Kühboden nach Fiesch hinunter, mit der Eisenbahn nach Oberwald und dem Postbus hinauf zum Grimselpaß, suchen ein preiswertes Quartier, duschen ausgesprochen lange, .....
Am nächsten Morgen wandern wir gemütlich hinauf zum Stausee Oberaar, sammeln unsere Autos ein und fahren zurück in die Heimat.
Jürgen Koziol