Im Aufstieg zum Maldonkopf, der noch im gleißenden Sonnenlicht lag, kletterte ich im August 1997 über den sehr schwierigen, mit Stahlseilen gesicherten Südwestgrat. Der Imster Klettersteig sollte mich zum Gipfel führen. Die luftigen Passagen mit atemberaubenden Tiefblicken in der unteren Hälfte hatte ich zügig durchstiegen und sah mich schon dem Ziel nahe. Aber ich rechnete nicht mit der urgewaltigen Natur.
Die Sonne, nur noch im fahlen Licht strahlend, verschwand auch über dem Maldonkopf hinter grauen Wolkenfetzen. Regenschleier verwischten im Westen die Konturen der Berge. Grelle Blitze, von Donnergrollen begleitet, zuckten hernieder. Angesichts des drohenden Unwetters mußte ich meine Bergtour abbrechen und den vom Blitzschlag gefährdeten Grat so schnell wie möglich verlassen. Felsabstürze, die in eine bodenlose Tiefe zu führen schienen, erlaubten nur ein Abklettern am Stahlseil, das in absehbarer Zeit zu einem gefährlichen Blitzableiter werden konnte. Die Ungewißheit, dem Gewitter zu entfliehen, begleitete mich auf meinem Weg zurück zum Einstieg.
Etwa 15 Minuten kletterte ich über luftige Kanten und Rippen hinunter,
die steil abstürzend erst am zerklüfteten Felssockel endeten. Zur
gleichen Zeit zog das Unwetter von der nahen Klammenspitze herüber und
näherte sich mit rasender Geschwindigkeit dem Maldonkopf. Zum Einstieg
und dem darunter liegenden Scharnitzkar konnte ich nicht mehr absteigen.
Mir blieb nur noch eine kurze Frist, im tieferen Gelände einen sicheren
Unterschlupf zu finden. Zu meinen Füßen aber lag die schwierigste
Passage im unteren Teil des Imster Klettersteiges - ein glatter und trittloser
Pfeiler, der über gähnender Tiefe aufragte.
Ohne zu zögern hängte ich meinen Karabiner um, stieg mit einem festen Griff am Stahlseil über die Felskante und kletterte äußerst luftig zu einer Verschneidung hinunter, die auf einem geröllbedeckten Absatz auslief. Erleichtert darüber, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, löste ich aufatmend meinen Karabiner vom Stahlseil.
Mit heftigen Sturmboen kündigte sich das Unwetter an. Tiefhängende schwarze Gewitterwolken zogen bedrohlich über den Südwestgrat. Wie eine unsichtbare Mauer, die ruckweise verschoben wird, spürte ich mit kurzen Unterbrechungen die vom Sturm getriebene hohe elektrische Spannung der Luft. Das Surren am Fels, das Sträuben meiner Haare waren untrügliche Zeichen, daß ich mich unmittelbar im Spannungsfeld befand und Schutz vor dem Blitzschlag suchen mußte. So schnell wie möglich entfernte ich mich aus dem Gefahrenbereich. Der Absatz verengte sich zu einem schmalen Band, verbreitete sich wieder und endete schließlich am überhängenden Fels. Der ideale Wetterschutz, dachte ich und querte vorsichtig hinüber.
Ein Gewitter von gewaltigem Ausmaß tobte über dem Maldonkopf. Dunkle Wolkentürme quollen empor, grelle Blitze schossen hernieder, peitschendes Donnergrollen hallte von den nahen Wänden. Sturmboen pfiffen durch Schluchten und Scharten. Weißglühende Blitze, denen ein ohrenbetäubender Knall folgte, schlugen am Südwestgrat ein. Steine polterten in die Tiefe.
Die ersten Regentropfen fielen hernieder und verdampften auf dem noch von der Sonne erhitzten Fels. Dann aber prasselte der Regen vom wolkenverhangenen Himmel, sammelte sich zu kleinen Bächen und lief in Kaskaden über steile Gratkanten hinunter. Dunstschleier stiegen am oberen Südwestgrat empor, der mit wuchtigen Türmen düster zum Gipfel aufragte.
Der zur Wetterseite ausgerichtete Felsüberhang schütze mich nicht vor dem schräg hernieder strömenden Regen. Das Wasser lief mir von den Haaren den Hals hinunter, rieselte über den Körper, verteilte sich an den Beinen und sammelte sich schließlich in den Bergstiefeln. Ein elender Unterschlupf!
Fast eine Stunde lang wütete das Feuerwerk von Blitz und Donner über dem Maldonkopf. Dann zog das Unwetter nach Osten zum Gurgltal hinüber. Die Gewitterwolken regneten allmählich ab, der Regen ging in ein Nieseln über und versiegte schließlich. Ein Temperatursturz machte sich unangenehm bemerkbar. Erbarmungslos zog die Kälte durch meine regennasse Kleidung.
In Gedanken sah ich den weiten Weg, den ich noch zurücklegen mußte. Mein Blick ging zum Scharnitzkar hinunter. Von der Talsohle schlängelte sich ein Pfad in Serpentinen zum Scharnitzsattel empor. Auf der anderen Seite, vom Südwestgrat nicht mehr einsehbar, führte ein Steig - im oberen Bereich mit Seilen gesichert - über Fels und Geröll zur Straße am Hahntennjoch hinab. Abseits der Fahrbahn, die von Imst herauf kommt, stand meine "Biwakschachtel".
Ein Schauer lief mir eiskalt über den Rücken, als ich meinen nassen Rucksack aufsetzte. Keinen trockenen Faden mehr am Körper, mit durchweichten Bergstiefeln querte ich zur Gratkante hinüber, sicherte mich am Stahlseil und kletterte über gefährlich glitschige Felsrippen zum Einstieg hinunter.
Steigspuren und verblaßte rote Markierungspunkte führten mich zum Scharnitzkar. In der Talsohle stieß ich auf den Pfad, der sich in Serpentinen zur nahen Muttekopfhütte hinab schlängelte. In Gedanken sah ich einen Tonkrug, der bis zum Rand mit heißem Jagertee gefüllt war. Aber ich durfte meinen Wünschen nicht nachgeben, wollte ich nicht auch noch in die Dunkelheit geraten. Ohne zu zögern stieg ich in entgegengesetzter Richtung auf steilem Pfad über Schneefelder und Geröll zum Scharnitzsattel empor.
Ein kalter Wind pfiff durch die Scharte, als wollte er mir den Zugang verwehren. Das nachgebende Geröll rutschte in die Tiefe, als ich keuchend Schritt für Schritt an Höhe gewann. Nur noch wenige Meter - dann hatte ich den höchsten Punkt des Scharnitzsattels überschritten. Der eisige Wind ließ es nicht zu, die Aussicht auf die beeindruckende Berglandschaft im Norden zu genießen.
Über steilen Fels, Geröll und Latschenkiefern bewachsene Berghänge stieg ich zum Hahntennjoch hinunter. Im letzten Tageslicht erreichte ich die Straße, die zu dieser Zeit nur noch wenig befahren war. Dreihundert - vierhundert Meter ging ich an der Fahrbahn entlang, die mit starkem Gefälle kurvenreich zum Salvesental hinab führte. Dann sah ich sie. Hinter einer Biegung, von Latschenkiefern umgeben, stand meine fahrbare "Biwakschachtel" - ein PKW-Kombi, der zu einem Mini-Wohnmobil umgebaut war.
Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich doch noch überwunden hatte, den großen Wasserkanister hervor zu holen, um meine Abendtoilette zu machen, lag ich schon im wärmenden Schlafsack. Die roten Gardinen an den Seitenfenstern waren zugezogen, die Hecktüren weit geöffnet. In greifbarer Nähe surrte mein Kocher. Es dauerte nicht lange, dann zog der angenehme Geruch von Jagertee durch meinen Kombi.
Zwei Tage waren vergangen. Bei strahlendem Sonnenschein stand ich am Einstieg des Imster Klettersteiges. Tiefe Schatten lagen noch auf dem Südwestgrat, als ich meine Karabiner am Stahlseil einhängte.
Zügig durchstieg ich eine plattige Verschneidung mit dachartigem Abschluß, einen glatten trittlosen Pfeiler, der über gähnender Tiefe aufragte und senkrechte Wandstufen in unmittelbarer Nähe der Gratkante, die auf einem Bergeinschnitt flach auslaufend endete. Eine Felswand wie eine gigantische Mauer aus grauem Gestein erhob sich über der Scharte. Luftig führte mich das Stahlseil an plattigem Fels empor. Eine kurze Querung nach rechts, dann ragte sie vor meinen Augen auf - eine glatte und senkrechte Plattenverschneidung, die ungesichert mit dem VI. Grad zu bewerten ist. Mit festem Griff am Stahlseil kletterte ich über schwindelerregender Tiefe am trittlosen Fels empor, erklomm den leicht abdrängenden Ausstieg und erreichte aufatmend das nur noch mäßig schwierige Gelände am oberen Südwestgrat. Ein letzter Felsaufschwung mit wuchtigen Türmen und Zacken trennte mich noch vom Gipfelkreuz.
Wenige Minuten später hatte ich den Imster Klettersteig in seiner ganzen Länge von 800 m bewältigt. Weit schweifte der Blick vom Maldonkopf über die Bergriesen der Lechtaler Alpen, die sich im Sonnenlicht gar nicht mehr so düster und abweisend zeigten wie vor zwei Tagen, als das Unwetter mit Blitz und Donner über sie hernieder ging. Auf einem der sonnendurchwärmten Felsblöcke ließ ich mich zu einer ausgedehnten Rast nieder. Eine herrliche Ruhe, die nur durch das Krächzen einer Bergdohle unterbrochen wurde, umgab den Gipfel. In Gedanken versunken hörte ich das Klicken von Karabinern. - Unten am Grat strömten sie empor, Bergsteiger auf dem Weg zum Maldonkopf. Es war Sonntag! Der Ansturm auf den Gipfel störte meine Ruhe. Ich beendete meine Rast, setzte meinen Rucksack auf und stieg zum Scharnitzkar hinunter.
Wolfgang Watteroth