Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1998/4
Jugendgruppe

Brockenbesteigung

Vier Uhr drei. Schlaftrunken tapse ich zur Toilette. Fast grell das Mondlicht im Flur. Sterne hinter den Scheiben. Schade eigentlich, eine solch herrliche Märznacht zu verschlafen. Schade, nicht gestern abend losgegangen zu sein auf einen Berg. Auf den Berg hier. Plötzlich ist er da, dieser Gedanke. Warum nicht jetzt? Bis zum heute späteren Schulbeginn müßte die Zeit doch noch gut reichen. Und dieser Gedanke, der macht mich munter. Aus dieser Allerweltsnacht eine in ihren Eindrücken einmalige, unvergeßliche machen, dieser Wunsch überfällt mich geradezu.

Kurz entschlossen stehe ich auf, ziehe mich an, greife etwas zum Essen und den Autoschlüssel. Es ist zwanzig vor fünf, als ich rolle. Die Straße ist überreift, sachte, ganz sachte. Auch die leere Ringstraße und die Autobahn, die führen mich nicht in Versuchung. Nein. Blechschadenrechnungen sind elend teuer. Mir reicht erstmal die von neulich. Auch im gemäßigten Tempo komme ich gut voran, rechts der Mond, geradezu blendend, links über dem Horizont zwei prächtige Planeten. Und dazwischen, knapp über dem Horizont, über dem behäbigen Rücken des Harzes, mattschimmernd ein feiner Dunst, an einer Stelle überragt von einem roten Lämpchen. Da will ich hin. Die Spannung, ob die Straße passierbar ist mit meinen Sommerreifen, die löst sich bald. Die erste Pökelkolonne ist schon durch. Fein klickern die Salzkörnchen gegen den Wagenboden. Ich werde jetzt nicht darauf schimpfen. Eine Stunde habe ich gebraucht, als ich das Auto abstelle. Wo sich an einem schönen Wintersonnentag um jeden Parkplatz Kämpfe bis aufs Messer abspielen, da ist dies jetzt das einzige Blech weit und breit. Ideal ist der Schnee nicht. Feucht. Verharscht schon. Da nehme ich lieber die ältesten Ski, um die ist es nicht schade. Ich schnüre die Schuhe, steige auf die Bretter. Los. Vor mir mein eigener Schatten, vom Flutlicht des Mondes hart auf die Loipe geworfen. Der Körper ist munter, findet rasch seinen Rhythmus. Die Fichtenschneise gleitet unter mir durch, flott, locker. An der Grenzschneise ist das kaum anders, wenn auch der Schnee hier härter ist und die Spur stärker von Fußgängern zertreten. Mit zunehmender Steilheit guckt sogar blankes Eis heraus und ich lege schließlich weiter seitlich eine eigene Spur hinauf zur Bahn. Links unter mir die Weite der nun schon deutlich niedrigeren, alt vertrauten Bergkuppen, Bruchberg, Torfhausbuckel, Schalke. Oben schrappe ich neben den Gleisen über die verblasene Ecke unter den Hirschhörnern hinüber in die Mulde zwischen Königsberg und Brocken, lege wieder eine eigene Spur über das glitzernde, knirschende Weiß unter den Sternen. Die beiden Planeten sind hoch aufgestiegen, scheinen enger zusammengerückt zu sein. Und unten, zwischen den unter Schnee und Reif gebeugten Fichten, da schimmert eine erste matte Helle auf. Ich laufe ihr entgegen, ahne den Tag. Die Straße ist prosaisch vereist, auch seitlich verharschter Schnee, mit Steinen dazwischen. Einmal ein Auto von oben, mit kalten Scheinwerferfingern und rüdem Motorenlärm inmitten all der kleinen individuellen Geräusche der Bäume und des Schnees und eines Windhauchs. Die Rückkehr dieser beredten Stille und Einsamkeit nehme ich hinterher umso dankbarer an. Im Morgengrauen dann die Kuppe, zum zwanzigsten Male, sinniere ich. Schneewehen erlauben den Schritt über den Zaun, ohne die Ski abzufordern. Der höchste Gipfel ist immer noch ein Schutthaufen, wenn auch gnädig verziert von Schnee. Und dann der Blick ringsum, auf die Glitzerflecken der Orte in der noch dunklen Ebene. Auf die hintereinander gestaffelten dunklen Buckel des Unterharzes, hinter denen irgendwo die Karpaten und der Ural und Peking zu ahnen wären, wenn die Erde nicht rund wäre. In die ersten gelbrosa Pastelltöne der Weite des Himmels. Fotoversuche im spärlichen Licht, bis die Finger jammern vor Kälte. Noch zu warten auf die ersten Strahlen der Sonne, das verwerfe ich bald. Das würde zu spät und zu frierig. Also entschlossen die Fahrt hinab, eine Flucht, mit bangen Momenten und einigen Aufsetzern, bis die friedliche Spur entlang der Bahn erreicht ist und das Laufen einen schönen langen Diagonalschrittrhythmus findet. Am Eckersprung, am Dreieckigen Pfahl, da ist die Sonne noch immer nicht in Sicht, wenn auch die geradezu pervers lilarosa Farben schon lange dem Kühlweiß des Tages gewichen sind. Auf der Schneisenloipe der erste Schiläufer, der die schönsten Momente des jungen Tages genauso verpaßt hat wie all die müden Schläfer, zu denen auch ich sonst gehöre. Aber das Zugreifen in der Nacht, das hat mir diesen Morgen, der banal hätte sein können wie viele vorher und wohl noch viele künftig, verwandelt in eine Erfahrung, die ich nicht vergessen werde. Das Herz ist mir voll davon, als ich nach Hause fahre, noch etwas esse, noch etwas schreibe, und dann geruhsam zur Schule radle, wo mir die Augen offenbar immer noch leuchten und Fragen der Kollegen provozieren. Und ihr "Du bist ja verrückt!", das macht mir diebische Freude.

Richard Goedeke

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.6. Nov. 98