Während einer langen dunklen Phase in meinem Leben hatte ich genug Zeit nachzudenken. War es die Fähigkeit kleine Griffe festzuhalten wert gewesen seine Sehnen zu ruinieren? Viele andere Probleme kommen hinzu und subsummieren sich zu einem großen, häßlich, schwarzen Einheitsbrei. Doch eines Nachts träume ich: Auf einer Hochebene packe wir unsere Kletterausrüstung zusammen schultern die Haulbags und machen uns an den Abstieg vom El Cap. Von da an weiß ich: Die nächste Wand muß hoch sein - El Capitan !!
Auf Schatten folgt Licht
Schon bei der Fahrt ins gelobte Yosemite Valley regnet es unablässig.
Die nächsten Tage vergehen mit Hilfe von Apres Climbing: Im "Valley Mountain
Store" kennen wir bald alle Videos auswendig und der Bauch wird dank Erdnußbutter
mit Marmelade, Tortillas mit Dip und French Frise trainiert.
Nach 2 Tagen Dauerregen endlich einige Aufheiterungen und die Möglichkeit
mit Hilfe von 2 Seillängen im Schwierigkeitsgrad 5.10 (7.Grad) frisches
Blut in die Adern zu spülen. Doch auch hier erwischt uns der Regen und
obwohl "Siebener" im nassen Zustand gerade noch machbar sind - jetzt "Butterfingers
5.11" im strömenden Regen? No way!
Also schnell wieder abgeseilt und ab zum Auto und ins Camp und in die Cafeteria.
Auf dem Weg dorthin begegnen wir zahlreichen abreisenden "El Cap - Aspiranten".
Ihnen ist es zu kalt und zu naß!!
Ok - irgendwie hatten wir es ja schon geahnt, daß es dieses Jahr mit dem
Wetter nicht so gut sein würde.
Alex, Arkadi und ich scherzten bei unseren Vorbereitungen wir würden alle
verfügbaren Gore - Tex Klamotten mitnehmen und auf bestes California Wetter
hoffen. Nur dumm das Arkadi und ich keine Gore Tex Klamotten besitzen!!
Nach einem vollständig trockenem Trainings - Klettertag am "Jacks and Pats
Pinnacle Area", signalisiert ein Blick in die Tageszeitung von Donnerstag bis
Sonntag gutes Wetter!
Also "schnell" die Ausrüstung gepackt - schließlich hat man das ja
in langen Wintermonaten auf einem flauschig weichen Wohnzimmerteppichboden trainiert.
Unser
Ziel ist der Mega Klassiker "The Nose " - die einzig wirklich trockene Route.
Die Schwierigkeitsangabe ist: " VI, 5.10 c, A2 ", was soviel heißt das
man mindestens 2 bis 3 Tage braucht,
man im 7.Grad klettern können sollte und auch noch Techno-Schwierigkeiten
bis A2 zu bewältigen hat.
Wie immer vor einer schweren Route schlafe ich nicht besonders gut. Morgens
um vier heißt es aufstehen, Essen und trinken soviel es zu dieser Zeit
geht und mit dem Auto ab zum Fuß des El Cap. Entgegen der Allgemeinen
Gewohnheit fixieren wir die ersten vier Seillängen nicht, sondern starten
von unten mit schwerem Gepäck. Der Haulbag, ein riesig großer ca.
50 kg schwerer Seesack wird nach jeder Seillänge vom Vorsteiger nachgezogen.
Endlich ist es soweit. Die erste Seillänge, alles ist leicht geneigt, die
Risse lassen sich mit Keilen und Camelots gut absichern und nur an kurzen Pendelquergängen
greifen wir in die Schlingen ansonsten geht alles frei. Die Sonne schießt
ihre ersten Strahlen auf uns ab - El Cap Feelings!!
Vom " Sickle Ledge" gehts zwei Seillängen im alpinen 5.Grad auf
Stand Nr.6 - doch was ist das? Wir haben erst 12 Uhr Mittags und es ziehen
bedrohlichen Wolken auf. Der erste größere Pendelquergang und
der nächste Stand im "Dolt hole". Was nun folgt ist der berühmt,
berüchtigte Pendler in die "Stovelege Cracks" mit den anschließenden
Handrissen. Da ich keine Handrisse klettern kann, bleibt nur die Möglichkeit
mit Hilfe der "Raupentechnik", man arbeitet sich mit zwei Klemmgeräten
gleicher Größer technisch nach oben, Meter zu machen. Inzwischen,
wir sind in der 9.SL, hat es zu nieseln begonnen. Am Stand der 10.Sl ,
es regnet inzwischen in Stömen, sind wir klatschnaß und frieren,
doch mit Hilfe eines Fixseils arbeitet sich Arkadi nach oben. Wir haben
nur eine Chance: Möglichst schnell den Biwakplatz am "Dolt Tower"
erreichen und im Schutz unseres Biwaksacks die Nacht überstehen. "Rope
is fixed" , höre ich von oben Arkadi herunterrufen und mit Hilfe der
Steigklemmen gehts auf den "Dolt Tower". Während es weiterhin ununterbrochen
regnet richten wir uns fürs Biwak her. Arkadi hat noch die Energie
einen Liter Tee zu kochen - danke, ich wäre einfach zu fertig gewesen.
Irgendwann in der Nacht schlafen wir ein, doch was wird der nächste
Tag bringen? Regen, Sonne? Werden wir bei anhaltendem Regen überhaupt
weiterklettern können? Für einen weiteren Versuch bei besserem
Wetter bleibt keine Zeit mehr, da Arkadis Rückflug in 5 Tagen unbarmherzig
näherrückt...
Irgendwann morgens pellen wir uns aus unseren Schlafsäcken. Es hat aufgehört zu regnen und einige blaue Flecke am Himmel lassen die Stimmung steigen. Mit uns zusammen haben zwei Amerikaner biwakiert, jedoch nicht einfach in primitiven Biwaksäcken sondern sie schlafen in einem "portaledge", einem Aluminiumrahmen mit Nylonbespannung und über diese Konstruktion wird ein sackartiges Zelt gespannt. Während unsere Kleidung trocknet, frühstücken wir, erläutern den Amis unsere Situation (Arkadis Rückflug in 4 Tagen) und einigen uns darauf, in Anbetracht unserer nassen Bekleidung, noch etwas länger zu frühstücken, während die Amis die nächste Länge in Angriff nehmen.
Jedes Frühstück hat ein Ende und so geht es drei Seillängen 5.9,5.9 und 5.6 auf den "El Cap Tower". Halbzeit. 500 Meter Wand sind ge- schafft. Hier ist genug Platz für vier bis sechs Personen und vor allen Dingen kann man ausgestreckt liegen.Wir beschließen unsere drei Seile zu fixieren um die Nacht dann hier auf dem "Tower" zu verbringen.
Aufkommender Nieselregen verschafft mir einen guten Grund der Amerikanischen Seilschaft ein Seil von uns mitzugeben. So wird aus der legendären "Texas Flake 5.8 " eine "Cheater"-Länge. Was folgt ist Techno-Genuß: "Rivets" an glatter steiler Wand und Rißkletterei vom Feinsten. Am spähten Nachmittag hängen unsere Seile von der 19. Seillänge bis zum "Tower". Abseilen, Biwaksack herrichten und der bange Blick zum Himmel! Es ist noch nicht dunkel als wir uns heute schlafen legen. In der Nacht werden wir von heftigen Regen geweckt der erst morgens aufhört. Mit dem Argument das wir unsere Seile für einen Rückzug sowieso aus der Wand holen müßten kann ich Arkadi zum weitermachen bewegen und da es am Stand der 19.Seillänge nicht regnet, klettern wir weiter. Zwei Seillängen unter dem" Great Roof" ist Freikletterei in nassem Granit gefordert.Da wir die "American Guys" überholt haben revanchieren wir uns nun indem wir ihnen das Seil für zwei Seillängen fixieren. Groß ist mein Respekt vor dem eigentlichen "Great Roof". Überraschenderweise ist diese Seillänge einfach da viel Maqterial fixiert ist. Groß ist die Freude, als Arkadi nicht nur unser Material sondern auch noch einige der fixen "Piecements" (zusammengesetztes Wort aus "piece" und "placement") zu mir an den Stand rettet. Nicht erst hier verdient sich Arkadi den Spitznamen: "Radikal Cleaner"!
Nun stehen wir am Stand Nr.23. Was folgt ist die "Pancake Flake" und mein kläglicher Versuch wenigstens "a.f." ein paar "schnelle Meter" zu machen. Doch heute, am dritten Tag habe ich keine Chance, die Muskeln sind müde und die Haut an den Händen schmerzt brutal. Also weiter im Techno Stil. Wir müssen unbedingt den letzten wirklich ebenen Biwakplatz, das "Camp 6" erreichen. Mit dem letzten Licht gelingt uns das und welch Freude der Führer irrt auch hier nicht, wenn er von "seasonally wet" spricht. Permanent rieselt die Quelle über uns direkt auf den Biwaksack. Mit meinem Kunstfaserschlafsack decken wir uns zu, da Arkadis Daunenschlafsack nur noch ein einziger großer Klumpen ist. Als wir uns dann aneinander kuscheln und es wärmer wird schmerzen meine beiden großen Zehen - angefroren!
Diese Nacht erzählen wir uns Berggeschichten, schlafen ein bischen, kochen Tee und können den Tagesanbruch kaum erwarten, denn wir wissen: Morgen werden wir den Gipfel erreichen ! In der Nacht hat es aufgeklart und da wir uns in einem riesigen Verschneidungssystem befinden, dauert es eine Weile bis die Sonne uns wärmt. Vier Seillängen sind wir geklettert, als sich irgendwann Nachmittags der letzte Überhang vor mir aufbäumt. Ich erkenne ihn sofort, denn es ist die mit neuen "Metoulios-Bohrhaken" versehene A1- Passage, die von meinem Kumpel Alex als "langweilig" bezeichnet wurde und in der man auf gar keinen Fall "alle Bohrhaken" einhängen dürfte. Wie immer befolge ich seinen Ratschlag und komme dabei auf fünf eingehängte Bohrhaken (zwinker,zwinker). Reibungsplatte, Latschenkiefern - Oben. Die Strapazen werden belohnt von einem unendlichen Blick über das Tal und von Sonne, die es gut mit uns meint. Ich denke zurück an Weihnachten `84 als ich das erste mal "Yosemite" von Reinhard Karl in den Händen hielt. Noch einmal blicke ich auf das Topo der "Nose", mein bisher größtes Abenteuer.
Woher sollte ich wissen das ich bereits drei Tage nach dieser Route in ein noch viel größeres Abenteuer starten sollte - steiler, schwieriger. Sein Name: "Mescalito".
Doch das ist eine andere Geschichte.
Der "El Cap" ist endlos.
Holger Längner