Im Mittelpunkt des diesjährigen Naturschutzreferententages stand breite Information und Diskussion über die europäische Naturschutzrichtlinie Fauna - Flora - Habitate (FFH). Diese neue Naturschutzmaßnahme hat vielerorts zu Beunruhigung geführt, was zugleich deutlich macht, wie tief die Verunsicherung durch die Kletterverbote im DAV bereits reicht.
Am Donnerstag gab es dazu einleitende Vorträge zur allgemeinen Zielsetzung Naturschutz und zur Rechtslage der Erholungsnutzung. Am Freitag wurde das Informationsprogramm mit einem Besuch im Europäischen Parlament in Strasbourg fortgesetzt, bei dem auch Fachleute zur FFH zur Verfügung standen. Am Abend hatten wir als Kontrast das brilliante Kabarett "Maul- und Clownseuche" zu Gast, dessen Feuerwerk von Pointen zu alltäglichen Situationen wie zu ernsten Ökothemen uns auch noch nachträglich Gesprächsstoff bot.
Vor allem war es gut, am Samstag in Offenburg auf dem Podium hochkarätige Fachleute
zu haben, um die Zielsetzungen der FFH zu erklären und die Konsequenzen
zu diskutieren: Herrn Dr. Jan C. Bongaerts (Leiter des Rerferats Umwelt, Technik,
Energie und Verkehr bei der Europäischen Kommission im Verbindungsbüro Bonn),
Herrn Klaus Iven (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit),
Herrn Dr. Jürgen Marx (Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg), Herrn Andreas
Götz (Geschäftsführer der CIPRA International, Liechtenstein) und Herrn Peter
Janssen (Kuratorium für Sport und Natur) und als Diskussionsleiter Herr Werner
d'Oleire-Oltmanns (Nationalpark Berchtesgaden).
In den einleitenden Statements wurde von Herrn Bongaerts ausgeführt, daß die
FFH-Liste Auswahl-Grundlage für ein europaweites Netz von Schutzgebieten ist,
das unter dem Namen "NATURA 2000" die Erhaltung der wesentlichen Pflanzen- und
Tierarten langfristig sichern soll. Die Durchführung der Schutzmaßnahmen liegt
bei den Mitgliedsstaaten. Herr Iven machte deutlich, daß dazu die meisten wesentlichen
Gebiete bereits in Form von NSGs geschützt sind und daß die FFH im wesentlichen
ein Verschlechterungsverbot durchsetzen will. Im einzelnen kann es natürlich
in der Auslegung des Begriffes "erhebliche Verschlechterung" zu Konflikten kommen,
jedoch wird bei neuen Unterschutzstellungen gewöhnlich davon ausgegangen, daß
bestehende Nutzungen weiter möglich sind. Auch wurde auf Nachfrage von Herrn
Iven und Herrn Dr. Bongaerts bestätigt, daß die Ausübung des Kletterssportes
als sozialer Belang einzustufen sind, der einen Grund für Klettererlaubnis mit
Zonierungslösungen auch in Naturschutzgebieten darstellt. Herr Dr. Götz führte
dann aus, daß solche Diskussionen um Kletterverbote oder Betretungsverbote geradezu
grotesk sind vor dem Hintergrund einer neuen großen Welle von Planungen und
Pressionen in Richtung auf Landschaft technisch umgestaltenden Großprojekten
in Form von neuen Skigebieten, Seilbahnen und Autostraßen ("Wenn jemand eine
geschützte Blume pflückt, dann bekommt er eine Geldstrafe, wenn er die Wiese
mit dem Bagger planiert, dann bekommt er Subventionen"). Und er machte deutlich
daß zum Kampf gegen solche Großprojekte breite Koalitionen nötig sein werden.
Zum Schluß forderte Herr Janssen die frühzeitige und umfassende Beteiligung
aller Betroffenen - also auch der Sportverbände - an den Planungsprozessen des
Naturschutzes und machte deutlich, daß nur so die breite Akzeptanz zu erreichen
ist, die zur breiten tatsächlichen Umsetzung von Schutzmaßnahmen nötig ist,
und erinnerte zum Schluß daran, daß sich solche Forderungen und Erkenntnisse
im schönsten Einklang mit der Agenda 21 befindet, die nur ökologisch und sozial
verträgliche Lösungen als dauerhaft tragfähig erkennt. Eine solche Einordnung
wurde auch von Herrn Bongaerts und Herrn Iven bestätigt.
In der Diskussion kamen dann aber auch rasch die Gebiete mit Defiziten hinsichtlich solcher sozialverträglicher Naturschutzpolitik zur Sprache (allen voran Nordrhein-Westfalen, das fast alle Naturfelsen mit Kletterverboten belegt hat) und die Forderung nach Bereinigung solcher "Altlasten" aus Zeiten eines zu fundamentalistischen Naturschutzes laut. Auch wurden die Defizite hinsichtlich einer auch in Naturschutzgebieten noch immer im großen Stil mit Agrogiften arbeitenden Landwirtschaft angesprochen.
Nach der Mittagspause kamen dann Referate über konkrete Naturschutzprojekte des DAV zur Sprache: Hans Wick berichtete über Arbeitseinsätze zur Unterstützung der Berglandwirtschaft, Manfred Scheuermann über das DAV-Projekt "Skibergsteigen umweltfreundlich". Dr. Jörg Eberlein stellte die neue Kletterkonzeption Altmühltal und Donaudurchbruch vor und Karin Steinmetzer referierte über die DAV-Untersuchung "Umweltbildung im DAV", mit der eine Erfolgskontrolle der Naturschutz-Schulungen begonnen wurde.
Anschließend wurden nach der Kaffeepause noch 3 Anträge behandelt. Der Antrag, der DAV solle bei der Bayrischen Staatsregierung darauf drängen, daß noch mehr FFH-Gebiete gemeldet werden, weckte zwiespältige Gefühle. Zwar hatte man von den Experten gehört, daß die FFH-Richtlinie eigentlich kein Anlaß für Hinausschützen aus der Landschaft sein dürfte, aber andererseits sind durchaus Beispiele bekannt, daß die FFH von Behörden zum Anlaß für neue Sperrungen genommen wurden. Der Antrag soll an die Hauptversammlung 1999 gestellt werden. Die beiden anderen Anträge - eine Resolution an das Land NRW auf Wiederfreigabe von Kletterrouten in allen größeren Felsgebieten und die Anregung auf Berufung eines DAV-Beauftragten für Europafragen - wurden einstimmig angenommen.
Am Sonntag wurde auf 3 Exkursionen zum Battert (Klettern und Naturschutz) , auf den Schwarzwald (Naturschutz und Erholungsnutzungen) und in die Vogesen (grenzübergreifende Konzepte) Gelegenheit zu konkreter Information und zu informellem Erfahrungsaustausch gegeben.
Am Rande der Tagung wurde außerdem der Gedanke aufgegriffen, die sehr informative, kritische Ausstellung "Schöne neue Alpen" über umweltzerstörende Planungen in den Alpen in 1999 nach Norddeutschland zu bekommen. Reinhard Bräunig (NR der Sektion Hannover) will sich darum kümmern. Es ist jedoch absehbar, daß dies nur erfolgreich sein kann, wenn dies auch von den umliegenden Sektionen finanziell und durch Besuche der Gruppen unterstützt wird. Braunschweig sollte dabei sein!
Richard Goedeke