Um noch einige organisatorische Vorkehrungen treffen zu können, reisen Horst, Thea und ich schon am Donnerstag, dem 25. Juni, an. In Wolkenstein treffen wir uns im Bergsteigerbüro mit meinem Freund Wolfi, um noch für einige Hütten die aktuellen Telefonnummern zu erfragen. Dann fahren wir zu unserem ersten Quartier im Sellahaus bei Frau Valentini, die wir später noch als eine raffige alte Dame erleben werden. .
Für Freitag, den 26. Juni, haben wir im Laufe des Tages das Eintreffen aller Teilnehmer am Sellahaus vereinbart. Horst, Thea und ich erkunden derweil am Vormittag schon einiges zum Tourenablauf. Wir fahren über den Fedaiapass zum Fedaiasee am Fuße der Marmolada, die bekanntlich auch Königin der Dolomiten genannt wird. Hier soll unsere zweite Tourenwoche mit der Besteigung der Punta di Penia, 3343 m, zu Ende gehen, - so hatten wir jedenfalls gedacht. Steigeisen, Seile und anderes sollte hier im Rifugio Marmolada bis zu unserer Ankunft durch das Sellagebiet zwischengelagert werden. Nach einem weiteren Abstecher zum Karerpass treffen wir gegen 12.00 Uhr am Sellahaus Lisel, Jürgen, Gisela und Werner. Lisel ist schon von weitem auszumachen. Sie hatte den nächsten besten Felsen erklommen, um mit dem Fernglas Ausschau zu halten. Im Laufe des Nachmittags kommen auch Ute und Acki, später Helmut, Paul und Monika.
Samstag, den 27. Juni. Heute beginnt der erste Abschnitt unserer Zweiwochentour
"Von Hütte zu Hütte durch König Laurins Rosengarten." Um 7.45 Uhr sollen wir mit einem Großraumtaxi zum Karerpass gefahren werden. Unseren Augen nicht trauend, müssen wir feststellen, daß für uns 12 Männlein und Weiblein ein großer Reisebus vor der Tür bereit steht. Nach der Busfahrt geht es zum Einstieg in den Rosengarten mit der Sesselbahn zur Paolinahütte. Schon auf dem Weg zur Paolinahütte fängt es heftig an zu regnen. Den Weg über den Vaiolonpass mit Überschreitung der Rotwand und gleichnamigem Klettersteig sowie den Masarègrad können wir vergessen. Die erste Übernachtung in der Rotwandhütte schlägt auch noch wegen Überbelegung fehl. Also gehen wir gleich zum nächsten Tagesziel weiter. Vorbei am Cristomannosdenkmal, der Rotwandhütte und über den Zigoladepass - vor uns liegt die Rosengartenspitze, 2.405 m - erreichen wir gegen 14.00 Uhr die Vajolethütte in nächster Nähe der berühmten Vajolettürme.
Sonntag, der 28. Juni. Unser Bettenlager im Untergeschoß ist klamm und hat noch nicht die Winterfeuchte verloren. Nachdem Lisel beim Hüttenwirt Beschwerde eingelegt hat, sollen wir für die nächste Nacht ein anderes Lager bekommen. Jürgen inspiziert noch einmal kurz das Wetter, und ab geht es, Versäumtes von gestern nachzuholen. Wir wollen doch den Rotwandklettersteig gehen. Unterwegs setzt Werner noch eins drauf und schlägt vor, über das Tschagerjoch zur Westseite des Rosengartens zu gehen, um dann über den Vaiolonpass in den Rotwandklettersteig einzusteigen. Das Tschagerjoch erweist sich dabei als echter Hammer - sehr steil, sehr schuttig, einfach fies. Das Wetter zeigt sich aber doch nicht von seiner besten Seite, es droht ein Gewitter aufzuziehen. Darum verzichten einige auf den Klettersteig und steigen auf der Ostseite des Vaiolonpasses ab. Monika, Jürgen, Horst, Helmut und ich lassen es uns aber nicht nehmen, den Klettersteig doch zu gehen, müssen aber auf die Überquerung des Masarègrades verzichten, da das Gewitter näher kommt. Wir können uns gerade noch hinter einen Felsen retten, als uns ausgerechnet im Zigoladepass das Gewitter erwischt. Helmuts Laune ist geladen wie das Gewitter, ihm läuft das Wasser bis in die Schuhe und steht zentimeterhoch in seinem Rucksack. Der Rest unserer Mannschaft hat inzwischen den Umzug vom vornächtlichen Bettenlager in ein kleines Nebengebäude vorgenommen, doch ohne die Rechnung von Horst. Der stellte plötzlich fest, daß der Fußboden ganz feucht war und wir im Bezug zur letzten Nacht sozusagen vom "Regen in die Traufe" gekommen waren. Wir konnten nicht einmal die Rucksäcke auf den Boden stellen. Nach Überbringung einer neuerlichen Protestnote an den Hüttenwirt durften wir dann in das trockene Dachgeschoß umsiedeln. Und dort ging es uns sehr gut.
Montag, den 29. Juni. Es soll eigentlich über den Kesselkogelklettersteig zur Antermoiahütte und am nächsten Tag über die Via ferrata Laurenzi zur Tierser- Alpl-Hütte gehen. Das schlechte Wetter und Schnee im Laurenziklettersteig veranlassen uns aber, auf kürzestem Weg über den Grasleitenpass und Molignonpass die Tierser-Alpl-Hütte anzulaufen. Durch das langgezogene Karfeld zum Molignonpass versinken wir teilweise noch knietief im Schnee. In der Tierser Alpl-Hütte werden wir mit allerbestem Bettenlager und Duschen für das schlechte Wetter entschädigt.
Dienstag, den 30. Juni, brechen wir um 8.15 Uhr bei sonnigem Wetter auf, den Maximilianklettersteig über die Rosszähne zu gehen - eine luftige Angelegenheit, dieser Steig. Die Krönung ist dann die Roterdspitze, 2655 m, doch schon nähern sich wieder Regenschauer, die uns veranlassen die geplanten Schlernhäuser auszulassen und direkt zurück zur Tierser-Alpl-Hütte zu gehen. Als dann nachmittags das Wetter wieder aufklart, geht Jürgen die ganze Tour vom Vormittag noch einmal im Alleingang.
Mittwoch, den 1. Juli, brechen wir gegen 8.15 Uhr in Richtung Plattkofelhütte
auf, die wir nach ca. 2 Stunden Gehzeit erreichen. Unser nächstes Ziel
soll heute noch der Plattkofel sein.
Mit
leichtem Gepäck, bei Sonne aber starkem Wind, erreichen wir nach 1 ½
Stunden und 600 Höhenmetern das mit Felssteinen ausgestopfte Gipfelkreuz
auf dem 2954 m hohen Plattkofel. Manch einer, Namen sollen hier nicht genannt
werden, beklagt sich über das Gehtempo und den fast nur aus Felsschotter
bestehenden Weg. Ein gemütlicher Abend mit einem Gläschen Rotwein
nach reichhaltigem Essen nähert sich seinem Höhepunkt. Als ich Paul
auf seine in alle Richtungen stehenden Haare anspreche, sagt er :"Du kannst
mit meinem Kopf für 20,-- DM machen was Du willst". Dieses einmalige Angebot
lasse ich mir natürlich nicht entgehen: "Paul wir machen Dir einen Stoppelschnitt!"
Und los geht's. Eine Schere und ein Tischtuch als Frisierumhang stellt uns die
Hüttenwirtin gerne zur Verfügung. Lisel hat einen großen Kamm
dabei. Die versprochenen 20,-- DM (22.000,-- Lire) sind bei 11 Personen auch
schnell gesammelt. Helmut wird als Don Figaro auserkoren und macht sich fachmännisch
an die Arbeit, als hätte er das Haarschneiden erlernt. Zum Schluß
bekommt der Paule eine prachtvolle Kurzhaarfrisur, die im so gut gefällt,
daß er spontan beschließt, jetzt immer die Haare so kurz zu tragen.
Donnerstag, den 2. Juli. Nach einer gewitterigen Nacht und Regen bis in die Früh machen wir uns über den Friedrich-August-Weg zum Sellajochhaus. Da das Wetter trübe bleibt, beschließen Werner und Gisela die Heimreise, Thea schließt sich an. Wir verbleibenden 8 Aufrechten sind die einzigen Gäste bei Frau Valentini. So "gut" ist auch ihre Laune.
Freitag, den 3. Juli, nach einer Nacht voller Gewitter. Zur Frühstückszeit regnet es immer noch. Ute, Acki, Helmut, Horst und auch ich beschließen ebenfalls unsere Heimreise. Jürgen, der an einer Wetterbesserung glaubt, möchte noch bleiben, aber nicht bei Frau Valentini. Die probt einen Aufstand, als sie erfährt, daß ihre letzten Gäste vorzeitig abreisen wollen, und ihr doch nun für die restlichen zwei Tage, die wir in Ihrem Hause gebucht haben, das Geld verloren geht. Aber auch Lisel, Jürgen und Monika lassen sich nicht erweichen und fahren nach Wolkenstein und machen dort Quartier. Unsere zweite Wochentour, - "Vom Col-Raiser zur Marmolada" - ist also regelrecht ins Wasser gefallen. Ein Grund mehr, einmal wieder in die Dolomiten zu fahren und entgangene Bergfreuden nachzuholen.
Alfons Otto