Sektion Braunschweig
mehrspaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1998/4
Hochtourengruppe

.....aber Sonnenschein in der Sellagruppe

Immer noch Freitag, 3. Juli. Die Anderen sind also abgereist. Nur Lisel, Monika und ich wollen versuchen, Petrus zu überlisten. Zwar ist es noch stark bewölkt und kühl, aber wenigstens trocken. Doch was fangen wir mit dem angebrochenen Vormittag an?

Schnell erst einmal Höhe gewinnen. Also fahren wir mit der Kabinenbahn hinauf nach Dantercepies oberhalb des Grödnerjochs und gehen auf dem Dolomitenhöhenweg Nr. 2 Richtung Passo Cir. Nebel kommt auf - die wilden Felstürme werden fast zu einem Irrgarten - am Paß ist es windig und kalt - schnell hinab - dann wieder aufwärts zum Passo Craspeina - der Wind vertreibt den Nebel - weit hinten im Westen taucht der Schlern auf - und vor uns liegt eine riesige, wilde Mondlandschaft - die Craspeina Hochfläche.

Sonnenschein lädt zu längerer Rast - immer mehr Berggipfel tauchen auf - gegenüber die Puezhütte - unter uns das Langental - verdammt weit noch der Weg bis Wolkenstein - der Nachmittag ist schon halb um - schnell weiter.

Kurz vor der Puezhütte schlägt der Nebel wieder zu - schnell eine Pasta - schmeckt ausgezeichnet - hinaus in den Nebel - hinunter ins Langental - das trägt seinen Namen wirklich zu Recht - kurz vor Ladenschluß erreichen wir doch noch Wolkenstein .- das Überleben ist gesichert.

Samstag, 4. Juli. Wolkenloser Himmel! Schnell frühstücken - ins Auto - Grödnerjoch - drüben hinunter bis zum Parkplatz bei P. 1.956 m. - einige "Mannschaften" sind schon da - Rucksäcke auf und Wanderweg zum Einstieg.

Im Pisciadu-Klettersteig (Foto: Jürgen Koziol)Via ferrata Brigata Tridentina (Pisciadù-Klettersteig) - Gurtzeug und Klettersteigset anlegen - "steife Hüte" auf - Handschuhe an - Lisel geht los - Monika ist Nr. 3 - ich gehe als ev. "Feuerwehr" in der Mitte.

Der erste Aufschwung ist etwas feucht und glitschig - Eisenklammern und Drahtseile geben genügend Sicherheit - dann überraschend ein richtiger Wanderweg - leicht fallendes Gelände - eine kurze Schlucht - und dann vor uns der mächtige Exnerturm. Dort hinauf führt unsere Route. Einige Mannschaften stehen scheinbar unschlüssig am Einstieg. Lisel geht forsch vorbei - .... - herrlich fester Fels - Eisenklammern und Drahtseile, wo es nötig erscheint - die neuen Y-Klettersteigsets lassen sich schnell und sicher bedienen - wir kommen rasch vorwärts - niemand drängelt von hinten - nach vorn haben wir ebenfalls reichlich "Luft" - und zu allem strahlt die Sonne von einem tiefblauen Himmel.

Etwa auf halber Höhe gibt es einen Auskneifer auf einen Wanderweg. Darüber wird der Klettersteig schwieriger. Genau hier ist mein Film voll. Günstiger Platz zum Wechseln. Meine beiden Damen gehen derweil weiter. Schnell, schnell! Rucksack wieder auf und hinterher. Kurz vor dem schwierigeren Gelände habe ich die beiden wieder - reihe mich wieder in der Mitte ein - langer Quergang - leichter Überhang - .... - tatsächlich deutlich schwieriger - aber wir kommen weiter zügig voran. Schließlich eine kurze Leiter - leicht fallendes ausgesetztes Band - fast senkrecht wieder hinauf - einmal kurz um die Ecke und da ist die (von vielen gefürchtete) Brücke. "Über diese Brücke mußt Du geh'n" - sonst kommst du vom Exnertrurm nicht hinüber zum Massiv - Lisel ist schon auf der Brücke - schneller Blick ins scheinbar Bodenlose - Foto - weiter - ich fotografiere von der Brücke ins Tal - dann kommt Monika - sie verursacht doch noch einen Stau, weil sie sich gar nicht losreißen kann und immer nur begeistert schaut, schaut, schaut ......

Kurz darauf gibt es an der Pisciadù-Hütte ein herrlich großes kühles Bier. Die Sonne lädt zu einer fast zweistündigen Rast auf der Terrasse. Zwischendurch begutachten wir den schnellen Abstieg durch das Setustal - steil, Schutt, viele Menschen, enge Schlucht - und entscheiden uns für den erheblich weiteren Abstieg durch das Val Mezdi (Mittagstal) - fester Fels, guter Weg, sehr einsam, landschaftlich sehr reizvoll - und erreichen wegen unserer "Bummelei" oben an der Hütte erst um 18.30 Uhr wieder P. 1.956 und unser Auto. Und immer noch ist der Himmel wolkenlos.

Sonntag, 5. Juli. Wir wollen zum Piz Boè. Kurz hinter Wolkenstein stehen wir schon im Stau. Lisel und Monika erkunden den Grund: Ein Volks-Radrennen rund um das Sellamassiv. Alle Straßen sind bis 14.00 Uhr gesperrt. Aber in Wolkenstein keine Hinweisschilder, keine Absperrungen. Nun stehen alle bunt gemischt im Stau: PKW, Reisebusse, Wohnmobile usw. Nichts geht mehr.

Vorsichtiges Wendemanöver - Seilbahn nach Dantercepies - Klettersteig auf die Große Cirspitze (sehr leicht) - Klettersteig auf die Kleine Cirspitze (kurz, aber sehr schön) - später Abendessen auf der Terasse eines Gasthauses in der warmen Abendsonne.

Montag, 6. Juli. Wieder wolkenloser Himmel. Das Radrennen ist zu Ende, die Straßen sind wieder frei. Autofahrt nach Corvara, Seilbahn zum Ristorante Boè und Sessellift ins Vallon in der Nähe des Rifugio Franz Kostner.

Die Sicht ist überwältigend. Gegenüber - fast zum Greifen nahe - steht die Marmolada mit ihrer vergletscherten Nordflanke in der Morgensonne. Weiter im Osten Monte Pelmo, Antelao ....

Aber wir müssen weiter, der Weg ist noch lang. Im großen Bogen immer dicht unter gewaltigen senkrechten Felswänden - umrunden wir etwa die Hälfte des Vallon. Steuern schließlich eine Felsmauer an - stapfen einen Schneehang hinauf - an der ersten Felsstufe taucht das Drahtseil aus dem Schnee auf - die ersten Stufen und Bänder sind etwas schuttig - bald wird es steiler und besser - dann der Wasserfall - die Brücke zur anderen Seite ist arg schief und hat in der Mitte einen gewaltigen Knick - wahrscheinlich von einem riesigen Steinbrocken verursacht - aber sie hält. Drüben fast senkrecht hinauf - sehr solider fester Fels - dann eine riesige Geröllmulde - zwischen den Türmen hindurch imponierende Tiefblicke hinunter ins Val Mezdi - schmale Pfade, Schneeflecken - noch ein kurzer Grat - wir sind auf dem Piz dal Lec Dlacè (Eisseespitze). Hier treffen wir auf den Lichtenfelser Steig - unser späterer Abstiegsweg.

Und gegenüber der Piz Boè - verschandelt mit einer riesigen Antennenanlage. Ins Joch hinunter - drüben wieder hinauf - dann sind wir auf dem höchsten Gipfel des Sellamassivs (3.152 m).

Zunächst sind wir ziemlich frustriert. Der Gipfel wimmelt von Menschen, als sei hier Sommerschlußverkauf o. ä. Aber gemildert wird der schlechte Eindruck sehr schnell durch die phantastische Sicht. Es gibt in der kleinen Hütte ein 360 °-Gipfel-Panorama zu kaufen. Und genauso erleben wir es in natura: Sozusagen die gesamten Dolomiten - Groß Glockner - Groß Venediger - ...... - Gr. Mösele - .... Zuckerhütl - .... Wildspitze - .... Ortler - Zebru - Königspitze - .....

Und dann wird es einfach noch richtig super. Die vielen jungen Menschen, die hier in Massen herumwuselten - gestikulierten - schrien - .... erweisen sich als ein Kirchenchor aus der Nähe von Rom. Plötzlich sitzen alle im Halbrund auf dem Gipfelplateau - der Maestro gibt den Einsatz - und sie beginnen zu singen. Es wird ein regelrechtes Konzert - ein richtiger Kunstgenuß - ich habe den Eindruck, das Panorama um uns wirkt durch den Gesang noch gewaltiger und eindrucksvoller.

Leider können wir nicht bis zum Ende bleiben. Auf unserem Weg über den Lichtenfelser Steig begleitet uns der Gesang noch eine ganze Weile. Wir erreichen Sessellift und Seilbahn kurz vor Toresschluß. Es war ein herrlicher Tag.

Dienstag, 7. Juli. Dichte Wolken hängen über den Bergen. Die Schneefallgrenze soll bis gegen 2.000 m sinken. Was hält uns dann hier noch? Wir fahren kurz entschlossen nach Hause.
Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 6. Nov. 98