Auto ist nicht gleich Auto, und Urlaub ist nicht gleich Urlaub. Diese Devise hat sich in diesem Sommer schon bei den Reisevorbereitungen bewahrheitet. Es gab sonst kaum Einschränkungen bei der Auswahl der notwendigen T-Shirts, Hosen, Röcke usw. Heute steht am Abend des 31. Juli nur ein armseliger Rucksack recht verloren im Flur. Schließlich wollen wir in den nächsten 8 Tagen von Hütte zu Hütte das Val de Bagnes umrunden.
Am Sonnabend, 1. 8. 1998, drehen sich ab 2.00 Uhr die Räder und Ute, Acki und ich erreichen nach problemloser Fahrt gegen Mittag Verbier im Wallis. Nach Seilbahn und 1 ½ Stunden Fußweg werden wir von unseren Wanderfreunden Lisel, Monika, Jürgen und Dorota in der Cabane du Mont Fort begrüßt. Ab jetzt war alles neu. Kaum zu glauben, oder kann sich ein Flachlandtiroler wirklich vorstellen, in einem Lager - Bettkiste für 20 Personen und Gepäck - zu schlafen? Also Augen auf und von den "alten Hasen" lernen.
Nach einer unerwartet ruhigen Nacht, wir haben uns auch nicht vom Hüttenfeuerwerk anläßlich des Schweizer Nationalfeiertages stören lassen , und einem guten Frühstück starten wir unter Jürgens Leitung zu unserer 1. Tagestour, dem Pierre Avoi (2.472 m) und können bereits nach 1/3 des Weges über die im Tal liegenden Wolken auf die Berge rund um Verbier sehen. Der Aufstieg führt aus dem Ort durch Wälder, über Matten und Almen, wo noch einzelne - und für mich die ersten - Gebirgsblumen stehen. Die letzten hundert Meter zum Gipfel klettern wir über leichte Felsen und genießen dann einen herrlichen Blick in das 2.000 m tiefer gelegene Rhonetal. Der Rückweg führt ständig auf und ab um den Kessel von Verbier bis zur Hütte zurück, und 2 Stunden begleitet uns dabei dichter Nebel. Gegen 17.30 Uhr haben wir die Tagestour und auch uns geschafft, und nach einem reichlichen Hüttenabendbrot erreichen wir die nötige Bettschwere für das Lager. Am nächsten Morgen ist das Wetter trübe. Dichte Wolken versperren die Sicht. So können wir uns Zeit beim Frühstück lassen. Schließlich war nur ein Aufstieg von gut 600 m zum Hausberg, dem Mont Gelé, geplant. Wie richtig die Entscheidung war, dennoch los zu gehen, zeigen die nächsten Stunden. Der Weg ist ein Erlebnis. Wir queren riesige Felsfelder, finden winzigen Schnee-Enzian neben den vielen anderen Blumenarten und überraschen eine Herde von ca. 30 Steinböcken in der Mittagssonne. Unterwegs lugt immer öfter die Sonne durch und auf dem Gipfel, meinem ersten 3.000er, können wir 2 Stunden Rast einlegen und Sonne, Wolken und Gipfelaussichten genießen.
Am anderen Morgen verlassen wir die Cabane du Mont Fort endgültig. Unsere Tour führt an der nördlichen Talseite ständig auf und ab, ist manchmal etwas ausgesetzt und mit Ketten gesichert. Immer wieder bleiben wir stehen, hoffen durch die sich auflösenden Wolken den Grand Combin oder sogar den Mont Blanc zu sehen. Auch wenn sich dieser Wunsch noch nicht erfüllte, ist der Blick zurück auf die Hütte auf der gegenüberliegenden Talseite und den Pierre Avoi so schön, daß wir für den Weg das Doppelte der angegebenen Zeit benötigen.
Die gegen 13.00 Uhr erreichte Cabane de Louvie bietet uns eine besondere Überraschung. Neu errichtet ist sie hell und geräumig, duftet noch nach frischem Holz und verwöhnt uns mit einer heißen Dusche. Den Nachmittag verbringen wir mit einer "Tour du Lac", einem Gang rund um den Lac de Louvie, bewundern die herrliche Lage der Hütte auf einem Hügel oberhalb des Sees, umgeben von schroffen Felswänden auf 3 Seiten, und endlich im Hintergrund auf der vierten offenen Seite auch den Grand Combin. Schließlich bestaunen wir ehrfürchtig die runden Kuhställe, die nur aus lose aufeinandergeschichteten Steinen ohne verbindenden Mörtel bestehen. Zum späten Nachmittag vervollständigt Peter unsere Gruppe.
Dichter Nebel läßt uns den Start des nächsten Tages um eine Stunde verschieben und die Wahrscheinlichkeit, nur bis zum Stausee zu gehen, größer werden. Unmittelbar vor unserem Aufbruch zieht aus dem Tal eine große Gruppe Gemsen am Gegenhang hoch. Auch bei unserem Aufstieg begegnen wir immer wieder kleinen Gruppen und vereinzelt auch Steinböcken. Die geringe Sicht erschwert die Suche nach den Wegzeichen , bis irgendwann keines mehr zu finden ist, und wir ausschwärmen. Und dann steht er vor mir: majestätisch, kraftvoll, ein Steinbock wie aus dem Bilderbuch, keine 30 m entfernt, dahinter seine Familie beim Äsen und Spielen. Welch ein Naturschauspiel.
Der weitere Weg führt wieder durch steile Hänge, auf und ab, von
einem Col zum anderen, mal mehr, mal weniger Nebel. Dann - in Sekunden - freier
Blick - strahlend blauer Himmel - gleißendes Sonnenlicht überflutet
den Grand Combin. Nachdem die letzten Nebelschwaden das Tal verlassen haben,
legt die Sonne Überstunden ein. Sonnencreme, Labello und weißer Hut
werden ständige Wegbegleiter.
Mit den Sonnenstrahlen zeigt die Natur in den nächsten Tagen ihr Sonntagskleid.
Im saftigen Grün der Wiesen leuchten ungezählte Alpenblumen in ihrer
bunten Vielfalt, die weißen Gipfel erstrahlen vor einem tiefblauen Himmel
und die ungestörte Ruhe durchbricht nur hin und wieder der Ruf eines Murmeltieres.
So führt uns unser Weg zum Hotel de Mauvoisin und am nächsten Tag
weiter zum Ende des Val de Bagnes zur Cabane de Chanrion. Nach einer weiteren
Etappe erreichen wir die neuerbaute Cabane de Panossiere am Glacier de Corbassiére.
Ihn müssen wir auf dem Marsch zur letzten Hütte überqueren. Die
Vorstellung ist schon eigenartig, viele hundert Meter Eis unter den Füßen.
Das nächste Ziel heißt Mont Rogneux, die Übersteigung meines
zweiten 3.000ers. Im letzten Abschnitt müssen wir steiles Blockwerk klettern,
was mit ein paar Hinweisen prima gelingt. Vom Gipfelkreuz sehen wir endlich
das Mont Blanc-Massiv verbunden mit einem phantastischen Rundblick bis ins Berner
Oberland. Sogar das Matterhorn können wir erkennen - und natürlich
glänzt die Nordflanke des Grand Combin ganz in der Nähe.
Bevor das Abendessen in der Cabane du Col de Mille serviert wird, gibt es eine besondere Attraktion. 3 Kinder machen sich mit einem Muli auf, um von einer 2 km entfernten Station erst einmal die notwendigen Zutaten zu holen. Für die kredenzten Rösti hatte sich der Weg, so die einhellige Meinung, wirklich gelohnt.
Am folgenden Morgen schultern wir zum letzten Mal gemeinsam unsere Rucksäcke und treten kurz vor 8.00 Uhr den fast 2.000-Meter-Abstieg nach Le Chable ins Tal an. Mit der Seilbahn geht es dann gegen 13.30 Uhr wieder nach Verbier hinauf. So hat sich der Kreis geschlossen. Der Ausgangspunkt einer völlig neuen Art, Urlaub zu machen, ist erreicht.
Aus Insiderkreisen weiß ich, daß erste Vorbereitungen für
das nächste Jahr bereits angelaufen sind und wenn nichts dazwischen kommt,
wäre ich gern wieder mit von der Partie.
Kerstin Borgfeld