Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1998/4
Hochtourengruppe

Die Watzmann-Überquerung

-Eine Herausforderung-

Um 4.00 Uhr klopft es an der Tür unserer Ferienwohnung in der Schönau. Norbert weckt mich. Es ist noch stockfinstere Nacht. Der Wetterbericht hat für heute bestes Wetter vorhergesagt. Es müßte daher möglich sein: die Überquerung des Watzmann an einem Tag!

Norbert begleitet mich. Er startet seinen Audi A 4 eine halbe Stunde später. Wir fahren zum Parkplatz an der Wimbachklamm. Punkt 4.45 Uhr geht es los: ein strapaziöser Tag liegt vor uns.

Noch im Dunkeln marschieren wir an der Koppenwand vorbei. Wir kommen zügig voran. Als die Sonne zaghaft über Hohem Göll und Hohem Brett hervorlugt, sind wir schon auf etwa 1.200 m. Aber gut 1,5 Höhenkilometer liegen noch vor uns.

Bis zum Mitterkaser liegt noch Kühle in den Bäumen. Wenig später knallt die Sonne.Auf der Watzmann-Mittelspitze (Foto: Horst-Dieter Meißner)Wir sind bald über der Baumgrenze. Norbert hat seine Videokamera griffbereit und filmt. Ich mache ab und an ein paar Aufnahmen mit meiner Nikon W 35. Ich bin dankbar für diese Pausen.

Ab dem Watzmannhaus (1.930 m) wird es lauter. Es wimmelt nur so von Leuten, die sich auf den Weg zum Hocheck machen oder schon unterwegs sind. Jeder Schritt wird jetzt zur Qual. Wir kommen auf dem Geröllpfad nur langsam voran. Nach rund 4 ½ Stunden haben wir es fast geschafft. Wir stehen an der Unterstandshütte am Hocheck (2.651 m). Hier ist kaum noch Platz Wir trinken etwas, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen, und schon geht es weiter. Wir sind auf dem Klettersteig zur Watzmann-Mittelspitze. Drahtseile helfen uns auf dem glatten Fels. Der Aufstieg verlangt ganze Aufmerksamkeit. Viele Passagen sind ausgesetzt. Eine Dreiviertelstunde erfordert der Aufstieg, dann stehen wir auf der Mittelspitze (2.713 m). Auch hier sind schon viele Leute, die aber vermutlich im Watzmannhaus übernachtet haben.

Ein gigantischer Anblick - ein unvergeßliches Erlebnis: unter uns der Königs- und Obersee. Dahinter das Hagengebirge, links daneben Schneibstein, Hohes Brett, Hoher Göll und Kehlstein. Der Jenner ist nur noch ein grüner Hügel. Hinter uns das Wimbachtal, und westlich dahinter der Hochkalter und die Schärtenspitze, die vor Jahren schon mein Ziel war.

Eine kurze Rast. Dann geht es weiter auf dem Klettersteig zur Südspitze (2.712 m). Viele Leute hängen in der Wand. Wir brauchen daher gute 1 ½ Stunden bis wir am Gipfelkreuz stehen. Wiederum läßt uns das wunderschöne Alpenpanorama staunen. Ein Blick zurück zur Mittelspitze. Vor uns das Steinerne Meer, das seinen Namen zurecht hat: ein Meer aus Fels. Weit hinten liegt die übrige Alpenwelt. Die heutige Fernsicht sucht ihresgleichen. Blauer Himmel. Gebirge so weit das Auge reicht.

Über die Schönfeldschneid, ebenfalls ein Klettersteig mit einigen Tücken, geht es wieder talwärts. Später müssen wir über ein langes Geröllfeld, eine unangenehme und gefährliche Sache. Wir sind froh, als wir es geschafft haben.

Weiter auf dem Weg mit der Nummer 411 geht es auf dem Gries zur Wimbachgrieshütte (1.327 m). Wir lassen uns erschöpft nieder. Zwei "Halbe" setzen jedoch neue Energien frei. Wenig später wandern wir weiter durch das Wimbachtal. Wir haben noch ca. 8 km vor uns. Aber es geht schon seit einiger Zeit leicht bergab. Gut zu gehen. Am Wimbachschloß und Wimbachklamm vorbei führt der Weg zu unserem Ausgangspunkt. Um 17.45 Uhr haben wir das Auto erreicht. Wir waren 13 Stunden auf den Beinen.
Horst-Dieter Meißner

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.6. Nov. 98