8.00 Uhr - Verbier
Es ist soweit, mein Rucksack ist fast gepackt, nur der Eispickel fehlt noch. Dann mal los - Rucksack auf, Tür zu und runter zum Auto - das Gepäck will gut verstaut sein.
Unser Team: Jürgen, Lisel, Peter und ich.
Vor der Abfahrt erfolgt eine letzte Besprechung am Frühstückstisch. Etwa 8.30 Uhr verlassen wir das Hotel "Rosa Blanche".
Die Fahrt nach Champex ist schon ein kleines Abenteuer. Schmale, enge Serpentinen
hinunter ins Tal bis nach Sembrancher und auf der anderen Talseite genauso wieder
hinauf, wie in einer Achterbahn. Es ist wolkig und Nebel zieht auf. Wirklich
gutes Wetter für die geplante Gletschertour? Aber wir hoffen auf Besserung.
Von Champex (1.482 m) fahren wir mit dem Sessellift bis nach Grand Plans hinauf
(2.188 m), sparen dadurch viel Kraft und Zeit. Schnell lassen wir die Seilbahnstation
hinter uns und marschieren auf schönem Wanderweg hinein in den Nebel. Es
ist leider kaum etwas zu sehen. Still gehen wir weiter, ungewisse Stunden,
stetig bergauf - der Sonne entgegen?
Meine Gedanken fliegen voraus. Ich bin ganz aufgeregt. Gletschertouren waren immer, aber immer nur ein Traum von mir. Doch heute ist es soweit, alles wird real. Das erste Mal auf einen Gletscher, das erste Mal über 3.500 m hinauf, das erste Mal mit Steigeisen und Eispickel umgehen und keine Erfahrung. Hoffentlich klappt alles!
Nach über zwei Stunden gönnen wir uns eine kurze Pause und bemerken, wie sich plötzlich der Nebel lichtet, erste Sonnenstrahlen sind zu spüren, die ersten Berggipfel werden sichtbar. Glücklich und mit neuer Kraft steigen wir weiter hinauf und können schließlich einen wunderbaren Ausblick auf die Gletscher genießen. Der blauweiße Horizont hebt sich nun deutlich von der grauen Gletscherzunge ab. Wir gehen auf einem Felsgrat entlang, an der Cab. d' Orny vorbei, und endlich - endlich auf meinen ersten Gletscher. Erste zaghafte Schritte mit Steigeisen, die scharfen Zacken greifen wunderbar. Ich bekomme ein sicheres Gefühl - und stehe vor der ersten Gletscherspalte. Etwas mulmig ist es mir schon im Magen - aber ich komme gut hinüber. So geht es immer weiter. Zum Schluß noch ein kurzer Aufstieg und wir erreichen unser Tagesziel, die Cab. du Trient (3.170 m). Trotz aller Erschöpfung zieht uns ein stimmungsvolles Bild, das wunderschöne Plateau du Trient in der Abendsonne, in seinen Bann. Wir sitzen in den wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne und erfreuen uns am Anblick des nächsten Tagesziels --
d e r A i g u i l le d u T o u r.
Der nächste Tag
Der Gletscher ruft!
Noch etwas müde vom Vortag überprüfen wir nach dem Frühstück
die Ausrüstung und legen die Gurte an. In der Dunkelheit in den Strahlen
unserer Stirnlampen machen wir uns auf den Weg. Auf dem Gletscher seilen wir
uns an, machen die Steigeisen an, nehmen die Eispickel, und weiter geht es.
Der Morgen dämmert, und wir überqueren den Gletscher in Richtung Aig.
du Tour - ein tolles Gefühl!
Vorsichtig nähern wir uns den Gletscherspalten, springen, sichern den Anderen. Es klappt alles sehr gut. Das Panorama beeindruckt mich sehr. Das Mont-Blanc-Massiv scheint in der Morgensonne zum Greifen nahe. Schließlich erreichen wir den steilen Aufschwung zum Gipfel, überqueren die Randkluft und ein letztes Eisfeld, entledigen uns der Steigeisen und erklimmen ohne Rucksäcke über mäßig schwierigen Fels den Gipfel. "Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein". Wir sind 3.540 m hoch auf der Aiguille du Tour - für mich der bisher höchste Gipfel - und genießen die Momente, die man wahrscheinlich nie vergißt, den überwältigenden Ausblick bei klarem und sonnigem Himmel. Wir fotografieren und schauen. Nur mühsam können wir uns davon losreißen und beginnen mit dem Abstieg, der nicht einfach ist. Das kostet mich viel Konzentration und Kraft, aber wir schaffen es.
Noch in Gedanken auf dem Gipfel und gleichzeitig auch schon auf dem Weg gehen wir wieder auf den Gletscher, überqueren oder umgehen viele Spalten, aber die Sonne steht nun ziemlich hoch, wird vom Schnee reflektiert und blendet. Es ist sehr warm. Der Schnee wird weich. Wir sinken immer tiefer ein.
Die Zeit rennt plötzlich - um 18.00 Uhr geht die letzte Seilbahn und vor uns liegt noch ein weiter Weg. Meine Kräfte lassen langsam nach, aber wir alle sind schon müde. Endlich verlassen wir den Gletscher, noch ein Blick auf unseren Gipfel, kurze Trinkpause und weiter Richtung Champex. Hier auf dem festen Weg geht es doch wieder leichter und schneller vorwärts.
Meine erste Gletschertour ist zu Ende. Ich bin erschöpft, aber sehr zufrieden. Es war eine tolle Erfahrung! Dies wird hoffentlich nicht meine letzte Gletscherbegehung bleiben.
Euer "Gletscherbaby" Dorota Buchna