Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1999/1
Klettergruppe

Klettern auf Rügen


Kann man auf der Insel Rügen wirklich klettern? Ich war mir jedenfalls nicht sicher, ob die Wettkampfankündigung in der Kletterzeitschrift nicht vielleicht doch ein verspäteter Aprilscherz sein sollte, oder ob es wirklkich eine Kletteranlage so weit im Nord-Osten Deutschlands geben würde. Aber weil es am Ende doch von mehreren Leuten bestätigt wurde, und die Neugierde doch recht groß war, haben wir uns zu viert verabredet, an diesem Wettkampf teilzunehmen. Teilnehmer der " Forschungsexpedition" sind Angie, Ralf, Peter und ich. Da man sowas ja nicht ohne ausgewogene Ernährung bestehen kann, wurde auch noch für ausreichend isotonische Getränke in Form von einer Kiste Bier gesorgt, was Ralf dann doch etwas an der Ernsthaftigkeit unserer Ambitionen zweifeln ließ.

Zunächst mußten wir aber erst an den Ort des Geschehens kommen, was dank Ralfs zügigem Fahrstil aber in knapp vier Stunden erledigt war. Da wir erst am Abend so gegen 22 Uhr gestartet waren, war es zumindest auf der Insel selber relativ menschenleer. Das machte das Auffinden der Sportstätte etwas kompliziert, da die Ausschilderung sowie die telefonisch eingeholte Wegbeschreibung etwas mager waren. Hauptproblem war also, ortskundige Einheimische zu finden. Eine Person haben wir nach einigem rumkurven dann doch noch gefunden, auf einer der vielen Kreuzungen, nur leider auf der falschen Straßenseite. Der Jugendliche, der da durch die Nacht schlenderte, hätte wunderbar aus einem Rap- video der Snowboardszene entsprungen sein können, allerdings fehlte ihm noch die absolute Coolness für ein authentisches Auftreten in der Szene. Ihm war auf jeden Fall die Verwunderung über Ralfs reifenquietschendes Wendemanöver deutlich anzusehen. Wahrscheinlich sah er sich schon als Opfer einer mitternächtlichen Entführung... Auf die Frage, ob er das betreffende Sporthotel denn kennen würde kam nur die Antwort: "Ja nu, da komm ich gerade her, ich arbeite dort...!" Daraufhin war die Reihe wieder bei uns, das dumme Gesicht wieder in normale Bahnen zu lenken. Mit Hilfe des nächtlichen Wanderers haben wir die Wettkampfstätte dann auch recht schnell gefunden.

Die kurze nächtliche Besichtigung der Kletterwand zeigte dann auch schnell das Potential der Kletteranlage, auf ca. 30m Breite und 15m Höhe war ein Überhang von mindestens 4 Metern vorhanden. Irgendwo in der Wand hing auch noch der Routenschrauber, der die Touren für den nächsten Tag vorbereitete. Aber das ist halt das Los eines jeden Routenschraubers, daß die Nächte vor den Wettkämpfen halt mit allem anderen als Schlafen gefüllt werden, deshalb hing hier auch um 2 Uhr morgens noch einer in der Wand. Naja, uns sollte es recht sein, und um nicht vollständig unfit in den Wettkampf zu starten, wollten wir uns wenigstens ein paar Stunden Schlaf gönnen.

Der nächste Tag brachte uns dann eine bis dahin nicht bekannte Form der Qualifikation. Jeder Kletterer durfte sich 4 Touren aussuchen, die er meinte klettern zu können. Für jeden festgehaltenen Griff gab es dann je nach Schwierigkeitsgrad der Tour unterschiedlich viele Punkte, was die meisten anwesenden Kletterer dazu veranlaßte, auf Sicherheit zu klettern, und nicht an das Limit zu gehen. Ralf, Peter und ich haben uns dann aber nach kurzem Überlegen dazu verabredet, doch die drei schwersten Routen als Qualifikation (8+, 9-, 9+) zu klettern, weil wir eigentlich nicht die Strecke gefahren waren, um dann 7er Routen zu klettern. Nicht zu letzt wegen der isotonischen Getränke nach der Ankunft am Vorabend führte das dann zu mehr oder weniger gelungenen Begehungsversuchen. Der Spaßfaktor kam dabei aber auch nicht zu kurz, ein verbissenener Ehrgeiz kam nicht auf. Auf jeden Fall zeigte sich hier, daß man mit auf Sicherheit gekletterten Routen im 7. Grad fast genauso viele Punkte erreichen konnte, wie mit vorzeitig abgebrochenen "schweren" Routen. Das hielt das Ranking spannend, da sich auch Ralf nicht endgültig vom Feld absetzen konnte. Angie sah da schon souveräner aus, sie kletterte die Damenkonkurenz in Grund und Boden und verschaffte sich einen mehr als komfortablen Abstand. Eigentlich hätte sie zum Finale nicht mehr starten müssen, da sie schon hier uneinholbar führte.

Das kam auch daher, da viele Mädels hier die Möglichkeit nutzten, mal in das Wettkampfklettern hineinzuschnuppern. Die Atmosphäre war demensprechend locker, auch wenn hier die persönliche Leistungsgrenze häufig im 6. Grad angesiedelt war. Auch bei den Herren waren deutliche Leistungsunterschiede zu erkennen, allerdings war der individuelle Wettkampf zwischen der "Fahrgemeinschaft" nicht geeignet, um sich ein tolles Punktekonto zu verschaffen. Das wurde dann auf den zweiten Tag verschoben, der Abend wurde genutzt, um die anderen Kletterer näher kennenzulernen und die Form für den nächsten Tag noch etwas zu verschlechtern. Das zum Aufwärmen betriebenen ausgiebige Hack-sac spielen machte sich jedenfalls beim Aufstehen am nächsten Tag deutlich bemerkbar.
Der frühe Wettkampfbeginn (10.00Uhr) war der individuellen Kondition von Ralf, Peter und mir auf keinen Fall besonders zuträglich. Immerhin waren nur zwei Routen zu klettern, eine Plattenroute, die eigentlich ziemlich ungewöhnlich in einem Wettkampf war. Eine eigenwillige Entscheidung des Routenbauers, die auch nicht ganz unumstritten war, zumal die meisten Teilnehmer nicht bis an die Hauptschwierigkeit heranklettern konnten. Hier war eine ziemlich harte Boulderstelle zu passieren, die bis auf zwei Kletterer jeden anderen abwies und in die Tiefe schickte.

Speziell bei den Damen bewies ein Mädchen Mut, in dem sie nach einem weiten, spekakulären Kopfübersturz, bei dem allerdings nichts passierte, auch in dem zweiten Durchgang bis an die Sturzgrenze ging, und sich mit einem (erfolglosen) Sprung zum nächsten Griff mit einem weiteren 5- Meter- Satz an den 2. Platz der Damenwertung setzen konnte. Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß das Mädel dabei durchaus wußte, was sie da macht...

Anschließend wurde die Geschicklichkeit der Kletterer im Umgang mit Bierkisten getestet, da für jeden Finalteilnehmer ein gewerteter Durchgang im Bierkistenstapeln durchgezogen wurde. Das sah dann so aus, daß dem Kletterer Bierkisten angereicht wurde, die der dann zu einem Turm aufstapeln mußte, während er auf diesem Turm sich mit dem Gleichgewichthalten beschäftigte. Hier zeigte sich dann das Trainig vom Vortag, die Fahrgemeinschaft konnte sich auch hier an der Spitze des Feldes sammeln. Bei einer Höhe von 24 Bierkisten (ca. 12 Meter Höhe) kam hier vielleicht auch die Übung durch das Technoklettern etwas zu Gute.

Anschließend wurde dann das Finale gestartet, und wie erwartet, konnte sich Angie ebenso wie Ralf als ehemaliger A-Kader Kletterer endgültig den ersten Platz sichern. Die beiden weiteren Plätze auf dem Treppchen wurden zwischen Peter und mir aufgeteilt. Offensichtlich kann das Trainig im Bereich in Braunschweig, Hildesheim und Hannover nicht soo schlecht sein, immerhin fuhr die "Fahrgemeinschaft" mit vier Pokalen und ca. 1500 DM Preisgeldern wieder nach Hause, natürlich nicht ohne vorher mit den anderen Teilnehmern noch gemütlich zusammengesessen zu haben...

Die rasante Heimreise haben dann auch alle wieder gut überstanden, so daß letztendlich neben einem tollen Wochenende folgende Ergebnisse zu verzeichenen waren:

1. Platz bei den Damen Angie Faust (Sektion Hannover)
1. Platz bei den Herren Ralf Kowalski (Hildesheim)
2. Platz Tho Bauer (Sektion Braunschweig)
3. Platz Peter Bauer (Sektion Braunschweig)

Damit es auch in Zukunft so locker und spaßig ablaufende Wettkämpfe gibt, kann ich an dieser Stelle nur jede(n) interessierte(n) Kletterer(in) auffordern, bei nächster Gelegenheit einfach mal mit zu machen. Blamieren kann man sich bei solchen Gelegenheiten nicht, Spaß ist dafür eigentlich garantiert.

Tho Bauer

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.17. Feb. 99