Die erste Halbzeit ist vorbei.
Die Tour du Val des Bagnes und die Besteigungen von La Ruinette und Aig. du
Tour sind inzwischen Geschichte. Nach und
nach sind Ute, Acki, Kerstin, Monika und Peter abgereist. Nur Ronald ist zur
zweiten Halbzeit dazugekommen. Alle anderen Interessenten mußten aus beruflichen
oder gesundheitlichen Gründen passen.
Schließlich fahren auch noch Lisel und Dorota Richtung Heimat - der Himmel
beginnt Krokodilstränen zu weinen - und unser Minikader aus zwei Personen
steht etwas verloren in der Gegend herum und rätselt:
"Wohin?"
Unser Leuchtturm steht im Valpelline ........
....... und heißt Dent d'Herens. Schon 1995 hatten Helmut und ich diesen steilen Zahn im Visier, aber das zerstörte Rifugio Aosta war noch nicht wieder aufgebaut. Erst zur Saison 1998 war der Neubau endlich fertig. Also könnten wir .......
Schließlich ist es von Verbier nur ein Katzensprung von 35 km Luftlinie - aber mit dem Auto sind es 108 km und 2 ½ Stunden Fahrzeit. Zunächst von 1.490 m hinunter bis Sembrancher (712 m) - Val d'Entremont hinauf zum Col du Gd. St. Bernard (2.469 m) - es regnet immer noch - hinunter bis Variney (782 m) kurz vor Aosta - die Sonne blinzelt - und dann das ganze Valpelline hinauf bis zum Parkplatz oberhalb der Staumauer des Lago di Place Moulin (1.990 m). Gut getimt - es ist kurz vor 12.00 Uhr - Brot, Wurst, Käse, Mineralwasser haben wir genügend im Auto - na dann "Guten Appetit".
Gut gegessen ist die halbe Miete - aber lt. Führer warten auf uns jetzt 4 ½ Stunden Hüttenanstieg. Das erste Etappenziel Prarayer (2.005 m) - ein Mini-Weiler mit einer schmucken Albergo - am anderen Ende des Stausees erreichen wir genau "nach Vorschrift" in 1 Stunde , haben dabei jedoch nur ganze 15 Höhenmeter gewonnen. Auf dem breiten Weg herrschte reger Wanderbetrieb, aber rund um die Albergo tanzt fast der berühmte Bär.
Schnell weiter - wenige Minuten treffen wir noch vereinzelt andere Leute - dann nimmt uns die Einsamkeit des hintersten Valpelline auf. Eine erste Steilstufe - die letzten Bäume - Büsche - das Gras wird spärlicher - fast nur noch Steine, Steine, Steine ......
Rechts von uns rauschen die Wasser des Torrente Buthier - vom Glacier des Grandes Murailles und vom Haut Glacier de Tsa de Tsan gespeist - zu Tal. Zwei talwärts eilende Bergsteiger begegnen uns - ein kurzer Gruß - sie haben es eilig - wir auch - die Einsamkeit hat uns wieder. Rings um uns scheint es nur unberührte Landschaft zu geben - so, als seien wir die ersten Menschen auf diesem Fleckchen Erde - nur der schmale Pfad und gelegentlich gelbe Markierungen zeigen, daß dieser Eindruck täuscht.
Der gewaltige - undurchsteigbar erscheinende - Gletscherbruch des Haut Glacier de Tsa de Tsan wächst und wächst. Schließlich entdecken wir rechts davon oberhalb eines mächtigen Gletscherschliffes das Rif. Aosta - noch ziemlich klein und mickrig. Wie sollen wir da hinaufkommen? Geradeaus über die glatten Felsen - oder doch links durch den Gletscherbruch - oder gar rechts über rutschige, steil aufragende Lawinenhänge?
Weg und Markierung wechseln über eine stabile neue Holzbrücke auf
die andere Bachseite - auf einem Pfosten der Brücke steckt ein offensichtlich
heißgelaufener Turnschuh - der Gletscherbruch scheint durch den Seitenwechsel
aus dem Spiel. Zwischen einigen riesigen Felsquadern hindurch - Schuttkegel
und Toteisreste hinauf und hinunter - genaue Richtung auf die glatten Felsen
- die Hütte ist längst wieder verschwunden - da! - eine gelbe Markierung
an der Felswand - ein Pfeil - eine stabile, blanke Kette - noch eine ..........
die Felsen lehnen sich zurück - der Fahnenmast - wir stehen vor der Hütte,
2.788 m, 16.50 Uhr - nur 3 Stunden ab Prarayer - viel zu schnell gerannt?
- oder doch nicht? - es beginnt zu regnen!
Die Hütte ist nur mäßig belegt. Fünf Deutsche sind heute bei Nebel, Schnee und Regen ca. 300 m unter dem Gipfel wieder umgekehrt. Ihre Schilderungen von aufgeweichten oder gar nicht mehr vorhandenen Brücken über die zahlreichen Gletscherspalten können uns fast zweifeln lassen, ob wir es morgen schaffen werden. Aber das Wetter bessert sich allmählich wieder, die schöne neue Hütte gefällt uns auch, Essen und Trinken schmeckt, Wirtsleute sind o. k. , Optimismus ist ungebrochen.
Um 3.00 Uhr wecken - Blick nach draußen - sternenklar, kalt, ideal - schnell anziehen, frühstücken, .... 3.40 Uhr Abmarsch - stockfinstere Nacht nimmt uns auf - in zwei Tagen ist Neumond -. im Schein der Stirnlampen etwa 80 m einen steilen Hang hinunter - unten weglos durch Geröll und dicke Blöcke - irgendwie auf die Moräne hinauf - oben endlich eine Art Trittspur.
Die Moräne verliert sich an einem Geröllhang - in der Dunkelheit ist der Weiterweg nicht auszumachen - wir stolpern mehr nach Gefühl vorsichtig schräg aufwärts - das Geröll geht mehr und mehr in Eis über - Steigeisen anlegen - weiter bergauf - langsam wird der Gletscher flacher - plötzlich weit vor und hoch über uns ein hin und her tanzendes Licht - wahrscheinlich der Bergführer mit seinem Gast, die einige Zeit vor uns aufgebrochen sind, denn sonst ist niemand unterwegs. Sie sind offensichtlich oben im großen Bruch des Glacier des Grandes Murailles. Da müssen wir demnächst auch hindurch.
Das Licht geht nach links - wieder nach rechts - hält an - zurück nach links - gewinnt keine Höhe - scheint ganz schön schwierig zu sein. Es bewegt sich wieder schräg nach links aufwärts - verschwindet - also ist dort irgendwo der "Ausgang".
Es beginnt leicht zu dämmern - wo ist der Führer in den Bruch eingestiegen? - die wenigen harten Schneereste haben keine Trittspuren angenommen - geradeaus sieht der Anfang ganz brauchbar aus - und dann durchwurschteln in Richtung auf das verschwundene Licht.
Links - rechts - Sprung - stetig aufwärts - wieder etwas absteigen - das völlig apere Gelände erleichtert das Vorwärtskommen. Ein steiles Stück hinauf - ich stehe genau vor einer breiten Spalte - mit Anlauf ginge es vielleicht, aber das Anlaufgelände fehlt - also Rückzug - wieder links - rechts - plötzlich ganz frische Steigeisenspuren - war wohl der Bergführer vorhin - ihm nach - irgendwie lösen sich die schwachen Abdrücke in Nichts auf - weitersuchen - wieder eine mächtige Spalte - nach links? Glück gehabt! - eine Rampe führt in die Spalte hinein - drüben eine andere wieder hinaus - das war das Ei des Kolumbus - wir haben die Spur wieder und verlieren sie nicht mehr.
Die folgenden flacheren Gletscherteile und zwei weitere Aufschwünge sind einfacher, aber viele Spalten zwingen immer wieder zu Ausweichmanövern. Noch ist der Frost so stark, daß alle Brücken halten, aber wie wird es später beim Abstieg?
Wir sind im oberen Gletscherbecken bei etwa 3.740 m. Vor uns ragt der eigentliche Gipfelaufbau gut 400 m in die Höhe. Gen Westen reicht der Blick inzwischen bis zum Grand Combin und Montblanc, aber auch zu leichten, von Südwesten hereinziehenden Wolken. Und tief unten leuchtet das blaugrüne Auge des Lago di Place Moulin.
Wendung nach links (nördlich) - hinauf zur breiten Randkluft - die Übergänge sind ziemlich löchrig - eine Brücke scheint noch ziemlich stabil - drüben eine Art "Treppe" einige Schritte sehr steil hinauf - Pickel einschlagen - noch ein kräftiger Zug - ich kann über den Rand aussteigen - Ronald kommt nach. Mäßig steil hinauf zu den ersten Felsen der SW-Flanke - schräg rechts aufwärts - Geröll - wechselnd mit festen Bändern und Platten - Schwenk nach links - fast ein Pfad - hinauf zur Kante des W-Grates - genau zu einer Holzstange - Route super getroffen.
Ronald rennt schon los - ich habe Mühe zu folgen - die Platten sind durch die gestrigen Niederschläge teilweise tückisch überfroren - aber das Gelände ist leicht bis mäßig schwierig - noch ein äußerst luftiger Blockgrat - rechts etwa 400 m steile Felsen der SW-Flanke - links rd. 1.300 m Fels und Eis der Nordflanke, dem "Schaustück" von der Zermatter Seite - Ronald schlägt oben an - 2 bis 3 Minuten später bin ich auch da - 4.171 m, 11.20 Uhr.
Das Wetter hat sich in der letzten Stunde erheblich verschlechtert. Mächtige
Wolkenberge türmen sich über dem Aostatal auf, strecken immer häufiger
ihre Fühler gegen die Dent d'Herens aus. Grand Combin und Montblanc sind
lange verschwunden. Aus Norden blickt nur noch die etwa 8 km entfernte Dent
Blanche aus einem Wolkenfenster zu uns herüber.
Und im Osten? Da nimmt ohnehin der unmittelbare Nachbar Matterhorn fast das ganze Gesichtsfeld ein. Wir stehen hier der gewaltigen Westwand gegenüber, die links vom Zmuttgrat und rechts vom Liongrat begrenzt wird. Es gibt keinen Punkt rund ums Matterhorn, an dem man seinem Gipfel nach Höhe und Entfernung näher ist - 4 km Luftlinie und 306 Höhenmeter. Aber so gewaltig, wie das Matterhorn von hier aus wirkt, genauso winzig wirkt umgekehrt die gewiß nicht zwergenhafte Dent d'Herens, wenn man vom Matterhorn aus hinüberblickt. Allerdings sieht man auch genau auf den schmalen O-Grat und nicht auf eine imposante Wand.
Dann wird es langsam ernst. Tief unten im Aostatal beginnt offensichtlich ein großer Kegelabend. Zuerst ist nur das leise Grummeln wie von einer rollenden Kugel zu vernehmen, dann sind es mehrere, ..... Falls uns ein Gewitter hier oben auf dem schmalen Felsgrat erwischen sollte, wird es äußerst gefährlich. Also schnell aber doch konzentriert und vorsichtig absteigen - vereiste Platten sind teilweise immer noch glatt - endlich die Markierungsstange - hinunter vom Grat in die Flanke - die Kegelbrüder erobern allmählich das Valpelline - Steigeisen an - hinein in die Firnflanke - vorsichtig rückwärts die "Treppe" zur Randkluft hinunterschleichen - und dann im "Schweinsgalopp" über die leichteren Passagen des Gletschers hinunter - keine lange Brückensuche an den Spalten - bergab kann man ziemlich weit springen - Nebel kommt auf - es beginnt zu graupeln - und dann summen die Pickel!
Schnell hinhocken - nichts summt mehr - Graupel geht in heftigen Schneefall über - ein ohrenbetäubender Donnerschlag läßt scheinbar alle Berge rund herum einstürzen - das Echo rollt und rollt - Pickel hochhalten - aufrichten - Pickel noch höher - die elektrische Spannung hat sich mit diesem einen Schlag verbraucht - schnell weiter - Schneefall läßt nach, hört ganz auf - Sicht bessert sich - endlich der obere Rand des Gletscherbruches - mutig hinein, ........ und durch - ....... - noch die 80 m den Hüttenschinder wieder hinauf - um 16.50 Uhr ist das Abenteuer zu Ende. Und abends fällt die Karaffe Rotwein erheblich größer als am Vortag aus.
Buon giorno - Mittwochmorgen 3.00 Uhr - heute ist die nächste Schicht dran - wir haben Ruhetag - schlafen wieder ein - schon wieder rumort es im Lager - die meisten Frühaufsteher kommen zurück - dichter Nebel und heftiger Nieselregen halten viele vom Aufbruch ab.
Um 7.00 Uhr krabbeln wir aus unserem Lager - große Überrraschung - wolkenloser Himmel - hektisches Treiben um uns herum - einige rasen los, Versäumtes nachzuholen. Haben wir es doch heute gut. Nach dem Frühstück steigen wir gemütlich ab, grüßen vom Auto nochmals zur Dent d'Herens hinauf und fahren über den Col du Gd. St. Bernard zurück bis Bourg-St - Pierre, dem ersten schweizer Ort im oberen Val d'Entremont. Hier beginnt der Aufstieg zur Cab. du Valsorey und zum Grand Combin. Dort reizt uns der Meitin-(W-)Grat.
Kurzes Zwischenspiel........
Ich telefoniere mit der Wetterberatung des SAC.Es sieht nicht gut aus. Morgen ist voraussichtlich noch einigermaßen sicheres Wetter, aber dann ..... Den Grand Combin können wir also erst einmal vergessen, denn heute ist es für den langen Hüttenaufstieg schon zu spät.
Neuer Plan: Morgen eine Tagestour auf einen hohen Gipfel. Rein ins Auto - Fahrt Richtung Zermatt - in Turtmann preiswertes Hotelquartier für 25,00 sfr - früher Aufbruch nach Täsch - Bahnfahrt nach Zermatt - Eilmarsch durch den Ort - Seilbahn zum Klein Matterhorn - 8.45 Uhr fertig angeseilt, Abmarsch zum Pollux - dort können wir wenigstens auch etwas Fels anfassen.
Aber alle Welt scheint heute zum Pollux zu gehen. Also disponieren wir noch einmal um. Breithorn-Mittelgipfel über den OSO-Grat (III, stellenweise IV) wäre noch reizvoller. Kurz entschlossen links ab vom "Hauptwanderweg" - steile Südflanke hinauf - das Eis ist sehr hart - zum Grat, P. 4.022 der Schweizer Landeskarte.
Der Fels-"Grat" ist fast schon eine breite Wand. Die Route wird nicht ganz einfach zu finden sein. Wolken segeln heran - hüllen den ganzen Mittelgipfel ein. Wenn eine ernsthafte Wetterverschlechterung eintritt, und wir stecken mitten im Grat, gibt es keinen Auskneifer mehr. Also ändern wir nochmals unseren Plan. Wir machen die Teil-Breithornüberschreitung einfach in die "falsche" Richtung über den O-Gipfel (4.139 m) und den Gendarm (4.106 m) - häufig als Breithorn-Zwillinge bezeichnet - zur Roccia Nera (4.075 m). Hier haben wir bei Wetterverschlechterung fast überall die Möglichkeit, über die S-Flanke abzusteigen.
Eine
Überschreitung in dieser Richtung ist zwar völlig unüblich, aber
sicher recht reizvoll. Sie hat jedoch den Nachteil, daß wir nun die sonst
üblichen Abseilstellen hinaufklettern müssen. Also, packen wir's an.
Firngrat zur W-Wand des O-Gipfels - unten rechts um die Kante - schräg
weiter nach oben - geschafft. Abstieg ganz einfach wieder zum Firngrat - der
Gendarm sieht schwieriger aus - Ronald bleibt nach kurzem Aufstieg in einer
Sackgasse stecken - nach oben ist es viel zu schwer - er macht Stand - ich komme
nach - habe inzwischen ein nach links hinaufziehendes schräges Band entdeckt
- wenn ich da den Anfang zu packen kriege und hinaufkomme, ..... - es klappt
- am Ende des Bandes auf der Gratkante ist ein Super-Standplatz - genau über
der Breithorn-Nordwand.
Ronald kommt nach - führt wieder den Weiterweg - schimpft fürchterlich an einem Überhang - und jubelt - dann fluche ich am Überhang - Ronald zieht noch einal kräftig am Seil - um 14.30 Uhr hocken wir endlich beide auf dem Gendarm und machen lange Mittagspause. Der Weiterweg auf dem Firngrat ist stark aufgeweicht. Wir verzichten deshalb auf den Schlußanstieg zur Roccia Nera - steigen vorsichtig die kräftig tauende S-Flanke zum Biv. Cesare e Giorgio ab - wenden uns dort auf der oberen Firnterrasse gen Westen und erreichen schließlich wieder die Haupttrasse Richtung Klein Matterhorn. Die letzte Seilbahn ist längst weg - Abstieg auf der Skipiste Richtung Gandegghütte - unterwegs Sinneswandel - Wiederaufstieg zum Rif. del Teodulo (3.317 m) - 20.20 Uhr beginnt endlich der Feierabend.
Wir haben es nicht bereut - kleines Lager für zwei Personen - Küche ist zwar schon kalt - Suppe gibt es dennoch - und Mineralwasser, Rotwein und eine unendlich große Käseplatte.
Am anderen Morgen - Schlechtwetterwolken nehmen rasch zu - Trainings-"Sprint" auf den Breithorn-Hauptgipfel (4.165 m) - Wolken, Sturm und Schneetreiben haben uns eingeholt - "Freifahrtschein" von gestern ab Klein Matterhorn abfahren - im Regen durch Zermatt - und wieder Quartier in Turtmann im Rhonetal.
...., der nächste Anlauf ......
Am Sonntag regnet es weiter. Wir waschen Wäsche, trödeln herum, bleiben
noch eine weitere
Nacht in Turtmann. Am Sonntagmorgen treiben uns aufklarender Himmel und hoffnungsfroh
stimmende Wetterberichte aus den Federn. Wir fahren erneut nach Zermatt. Zinalrothorn,
Obergabelhorn o. ä. wären nicht schlecht, aber erst einmal müssen
wir sehen, wieviel Neuschnee es gegeben hat. -also holen wir zunächst die
Besteigung des Pollux nach und sehen dann weiter.
In Zermatt herrscht inzwischen eitel Sonnenschein, es ist wunderschön warm. Wir wollen heute nur bis zur Gandegghütte. Ronald möchte gern zu Fuß gehen. Ich kenne den Weg und winke wegen des schweren Rucksacks dankend ab, erkläre mich aber bereit, bis Furri mitzugehen und nur mit der zweiten Seilbahnsektion zu fahren. Als wir im Weiler "Zum See" sind, führt unser Weg sozusagen genau über die Terrasse des dortigen Speiselokals - und da sind alle guten Vorsätze dahin. Es ist ohnehin gerade Mittagszeit, also bleiben wir und schlagen kräftig zu. Und die Moral von der Geschicht'? Ronald ist so vollgefuttert, daß er ab Furri auch mit der Seilbahn fährt!
Vom "Trockenen Steg" aus können wir den ganzen Schlamassel schon einmal sehen. Die gesamte Kette vom Weißhorn bis zur Dent Blanche sieht aus wie im tiefsten Winter. Weniger scheint die Mischabelgruppe abbekommen zu haben. Da wird in den nächsten Tagen noch etwas zu machen sein.
Enttäuschung an der Gandegghütte. Alles ist voll belegt. Nur Notlager im Tagesraum. Wir verzichten und steigen noch 1 ¼ Stunden hinauf zum Rif. del Teodulo, bekommen wieder ein kleines Lager, dieses Mal auch komplettes Menü zum Abendessen und freuen uns des Lebens.
Am Montagmorgen steigen wir - nichts Böses ahnend - über die Skipiste zum Breithornplateau auf. Erste Wölkchen rasen hinter uns her - überholen uns - kurz vor 10.00 Uhr sind wir am Fuß des SW-Grates des Pollux - alles hüllt sich plötzlich in dichte Wolken - es beginnt stark zu schneien - keine lange Überlegung - noch sind alle Spuren erkennbar - schnell hinunter zum Rif. Guide della Val d'Ayas, 3.420 m - 10.30 Uhr stehen wir vor der Hüttentür - es stürmt und schneit.
.... und Ronalds Höhentraining
Dienstagmorgen - sternenklar, aber saukalt - lange Unterhosen und alle anderen warmen Sachen anziehen - Gurtzeug in der Hütte anlegen - hinaus in die Kälte - die große Terrasse vor der Hütte liegt voll im stürmischen N-Wind - Steigeisen an - schnell wieder die dicken Handschuhe anziehen - die Finger sind schon kalt - mühsam das Seil gletschergerecht präparieren - gleich hinter der Hütte beginnen die zahlreichen Spalten - zwischen den übrigen hantierenden Seilschaften vorsichtig hindurchwuseln - nicht auf die ausliegenden Seile treten - 5.40 Uhr in der Spur - in Kürze beginnt es zu dämmern.
Mühsam kämpfen wir uns gegen den Sturm bergauf, brauchen weit mehr als das Doppelte der gestrigen Abstiegszeit, um wieder an den Fußpunkt des Pollux-SW-Grates zu kommen - und sind immer noch nicht richtig warm.
Auf dem Felsgrat zum Pollux ist es heute viel zu kalt, also gehen wir - wie alle anderen Seilschaften auch - zum Castor. In der steilen W-Flanke sind wir etwas windgeschützter, aber die einzelnen Böen veranlassen uns immer wieder, uns spontan fest auf den schrägen Hang zu pressen. Am Bergschrund gibt es Stau. Die Überschreitung ist jetzt im Spätsommer nicht mehr ganz einfach. Oben auf dem schmalen Gratstück vom Vor- zum Hauptgipfel ist es besonders stürmisch. Gelegentlich "reitet" sogar jemand über den Grat.
Endlich sind wir auch dran. In vorsichtigem Eiertanz geht es g a a a n z langsam
zum Gipfel hinüber, 9.10 Uhr, 4.228 m. Die Sicht ist zwar fantastisch,
aber zum Genießen ist es viel zu kalt. Zum Fotografieren stelle ich
den Apparat manuell auf 1/500 sec. ein, da ich sonst befürchte, daß
ich im Sturm nur verwackelte Bilder produziere.
Dann halten wir ganz kurz Kriegsrat. Nach der Großwetterlage wird uns der kalte Wind noch einige Tage erhalten bleiben. Also streichen wir sämtliche Pläne für Felstouren, bleiben hier in den höheren Regionen und machen Höhentraining für Ronald. Er will schließlich im Oktober noch nach Südamerika, einen oder mehrere Sechstausender zu versuchen.
Also Abstieg über den SO-Grat - Felikhorn (4.093 m) - Liskamm-Überschreitung ist bei dem Sturm viel zu heikel - weiter bis kurz vor die Capanna Quintino Sella - scharfe Linkswendung zum Ghiacciaio del Lis unter der S-Wand des Liskammes - im völligen Windschatten wird es mächtig warm - hinauf auf den Passo del Naso (4.150 m) - hier oben zieht es wieder gewaltig - auf der O-Seite steil hinab - der Bergschrund ist etwas problematisch - ziemlich mühsam im weichen Firn durch hügliges Gelände - endlich die breite Trasse, die von der Signalkuppe herabkommt - um 16.30 Uhr schließlich an der Capanna Giovanni Gnifetti, 3.611 m.
Alle kleinen Zimmer sind zwar schon belegt, aber im großen Lager ist noch sehr viel Platz. Unser Trick hat also geklappt. Wir waren - ohne es vorher zu ahnen - in den Rhythmus aller Alpinschulen u. ä. geraten, als wir am Sonntag zur Gandegghütte wollten. An der Teodulhütte waren wir zwar wieder draußen, aber durch unseren unfreiwilligen "Boxenstop" in der Ayashütte wieder mittendrin im großen Trubel. Durch Überschlagen der Quintino Sella Hütte hatten wir uns wieder Luft verschafft.
Der Andrang beim Abendessen und am nächsten Morgen beim Frühstück ist dann auch nicht so riesengroß. Aber wenn die Hütte voll wäre, .... Sie hat immerhin 277(!) Übernachtungsplätze.
Wir gehen heute morgen erst um 6.20 Uhr im Hellen los. Schlange von dunklen
Punkten vor uns - lange Schlange hinter uns - überwiegend "Tagesgäste"
zur Signalkuppe - nach einer guten Stunde verlassen wir den Troß nach
rechts - sind sofort völlig allein - erreichen um 8.30 Uhr den Gipfel der
Piramide Vincent (4.215 m).
Stürmisch und eiskalt - aber scheinbar grenzenlose Sicht. Nur die Po-Ebene ist unter einer Wolkendecke versteckt - wir scheinen wie in einem Ballon darüber hinwegzuschweben. Schnell einige Aufnahmen - nach zwei Fotos sofort wieder Handschuhe anziehen - sonst erfrieren die Finger. Ein Einzelgänger kommt herauf - macht ein gemeinsames Foto von uns - dann wird es zu ungemütlich - wir steigen ab. Später erfahren wir, daß Undine und Frank Roscher etwa 3 Wochen vorher in kurzärmeligen T-Shirts hier auf dem Gipfel gestanden haben - und wir haben sämtliche verfügbaren Klamotten an.
Der Weiterweg führt uns zur Corno Nero (4.321 m), auf die Ludwigshöhe (4.341 m), hinüber zur Parrotspitze (4.432 m) - hier treffen wir wieder auf eine andere Seilschaft - hinunter ins Colle Sesia (4.296 m) und schließlich auf die Signalkuppe (4.554 m) mit dem Rif. Regina Margherita.
Die Hütte ist durch Voranmeldungen voll belegt - also absteigen? - es
ist ja erst 12.50 Uhr - oder Notlager im Tagesraum? Bei dem sicheren Wetter
bleiben wir - sitzen im Windschatten auf dem schmalen Balkon vor dem Tagesraum
und genießen echte Höhensonne
- rund 3.000 m Luft der Monterosa-Ostwand unter den Füßen - und bekommen
doch noch ein richtiges Lager, weil nicht alle Angemeldeten kommen.
Die Bewirtschaftung der Hütte hat sich, seit ich 1989 das letzte Mal hier oben war, sehr zum Positiven geändert. Als wir dann auch noch einen zauberhaften Sonnenuntergang erleben - die Sonne verschwindet genau hinter dem Matterhorn - sind wir rundherum zufrieden.
Der Donnerstag begrüßt uns mit einem ebenso phantastischen Sonnenaufgang - vor lauter schauen und fotografieren kommen wir kaum zum frühstücken - aber Sturm und arktische Kälte sind ungebrochen. Der stille Traum, doch noch die Überschreitung der Dufourspitze anzuhängen, wird endgültig fortgeweht. Allein schon die Besteigung der Zumsteinspitze (4.563 m) ist abenteuerlich. Der Sturm ist so stark, daß mich eine Bö im Colle Gnifetti glatt umwirft. Aber dann machen wir uns auf in wärmere Regionen - Grenzgletscher abwärts - die unteren Spaltenzonen gleichen Irrgärten - an der Monte Rosahütte wird es warm - wir können sogar Turnhosen anziehen - um 14.10 Uhr sind wir am Rotenboden - fahren mit der Gornergratbahn nach Zermatt und machen nochmals Quartier in Turtmann.
Freitagmorgen 5.20 Uhr Abfahrt - starke Bewölkung über dem Rhonetal - in Kandersteg regnet es bereits - um 14.00 Uhr sind wir wieder in Braunschweig - es war eine runde Sache.
Jürgen Koziol