Seit vielen Jahren fahre ich mit Bruni zum Wandern und Bergsteigen nach Ellmau,
einem gastfreundlichen Tiroler Ferienort inmitten einer großartigen Hochgebirgslandschaft.
Über sanft ansteigende Almmatten ragen im Norden die zerklüfteten
Bergmassive des Wilden Kaisers empor. Nach Süden führt eine Straße,
die in den idyllischen
Ausläufern
der Kitzbüheler Alpen an einem der einsamen Bergbauernhöfen endet,
zum Ortsteil Kirchbichl hinauf. Abseits der Fahrbahn liegt das Haus Weißbacher,
eine urgemütliche Frühstückspension mit einer beeindruckenden
Aussicht auf den Wilden Kaiser. Hier bei Anne und Simon, die noch Zeit für
ihre Gäste haben, verbrachten wir schon viele erlebnisreiche Urlaubswochen.
Am 20. September 1998 fuhren Bruni und ich wieder nach Ellmau. Wir bewohnten im Haus Weißbacher eines der zwei rustikalen Zimmer in der obersten Etage, unter dem weit ausladenden Dach. Ein mit Geranien geschmückter Balkon unterstrich noch die gemütliche Atmosphäre. Das Zimmer nebenan war für Horst und Edith reserviert, die wenige Tage später aus Braunschweig angereist kamen.
Begünstigt durch sonnige Herbsttage, machten wir Vier abwechslungsreiche Bergtouren über den Wilden Kaiser Steig, zum gewaltigen Felsportal des Ellmauer Tors, eine luftige Querung über den landschaftlich großartigen Jubiläumssteig und eine Weitwanderung im ständigen Auf und Ab des reizvollen Niederen Kaisers. Dann zogen dunkle Regenwolken vom Westen herüber und beendeten vorerst unsere bergsteigerische Aktivität.
Die Wettervorhersage vom Österreichischen Rundfunk "Radio Tirol" kündigte für den 30. September einen kurzzeitigen Hochdruckausläufer an. Niederschläge waren erst am späten Abend zu erwarten. Der kurze Wetterumschwung gab uns die Chance, doch noch ein großes Unternehmen zu starten. Horst und ich, zwei alte Zausel, die zusammen 126 Jahre alt sind, beschlossen spontan die Besteigung der Ellmauer Halt.
Der anspruchsvolle, zwar gut gesicherte, aber steinschlaggefährdete Gamsängersteig sollte uns auf den höchsten Gipfel des Wilden Kaisers führen. Als Abstiegsvariante schlug ich den von mir schon mehrmals begangenen, streckenweise sehr exponierten Kaiserschützensteig vor, der laut Klettersteigführer des Bergverlags Rother nur unerschrockenen Routiniers zu empfehlen ist.
30. September 1998. Nebelbänke lagen noch in den Tälern, als Horst und ich zur Wochenbrunner Alm hinauf fuhren. Die kurvenreiche Straße endet hier auf einem großen Parkplatz, der ideale Ausgangspunkt für Wanderungen und Bergtouren im Wilden Kaiser. Nachdem ich meinen PKW abgestellt hatte, schulterten wir unsere Rucksäcke und stiegen durch einen herbstlich gefärbten Rotbuchenwald, dann über steile mit Latschenkiefern bewachsene Hänge zur herrlich gelegenen Gruttenhütte auf.
Die wuchtigen Felskolosse des Wilden Kaisers hoben sich kontrastreich vom tiefen Blau des Himmels ab. Vor uns, zum Greifen nahe, ragten über dem Hochgrubachkar die gezackten Türme des Kopftörlgrates und die gewaltige Südwand der Ellmauer Halt empor. Eindrucksvoll zeigte sich der Wilde Kaiser in seiner ganzen Schönheit.
Die
Gruttenhütte und das Hochgrubachkar lagen schon weit hinter uns, als wir
auf den schmalen, steinschlaggefährdeten Bändern der "Gamsängern"
zu der fast senkrechten Jägerwand hinauf querten. Stahlseile sichern schroffere
Passagen unter den steilen Abstürzen des Kopftörlgrates. Der mühsame
Aufstieg wurde uns schon jetzt mit einem herrlichen Blick über die firnbedeckte
Bergkette der Hohen Tauern belohnt.
Nur wenige Bergsteiger strebten dem Gipfel der Ellmauer Halt entgegen. So kam es auch nicht zu dem oft unvermeidlichen Stau auf der luftigen eisernen Stiege an der Jägerwand. Ohne Verzögerung hängten wir unsere Karabiner ein und traten, mit festem Griff am Stahlseil, von einer Doppelsprosse zur anderen. Nach einer zeitaufwändigen Querung erreichten wir schließlich das Ende dieser originellen Steiganlage, die in seiner ganzen Länge brüchigen Fels überbrückt.
In unmittelbarer Nähe führt ein gesicherter Abstieg nach links über die Rote Rinnscharte und den Scharlinger Böden zum Kaisertalhaus hinunter. Wir aber kletterten, einem gezackten Grat folgend, geradeaus zum tiefen Spalt der "Achselrinne" empor. Eisenstifte und eine lange, senkrechte Leiter führen hier aus dem düsteren, feuchtkalten Kamin. Aber der Wintereinbruch im September mit gewaltigen Schneemassen machte den relativ leichten Ausstieg unpassierbar. Doch das war für uns nicht von Bedeutung. Nur wenige Meter entfernt führte eine schmale, mit Stahlseilen gesicherte Rinne, sehr luftig an steil aufragenden Felsplatten empor.
Zügig kletterten wir im tiefen Einschnitt der glatten und trittlosen Felsbarriere hinauf und erreichten, nachdem wir die Schlüsselstelle des Gamsängersteigs überwunden hatten, das breite Geröllband der "Maximilianstraße". Steigspuren und Markierungspunkte führten uns zu der mit vier Schlafplätzen versehenen Babenstuberhütte, die sich, schon in Gipfelnähe, unter überhängenden Fels schmiegt. Während ich die zerklüftete Berglandschaft mit der Kamera festhielt, betrat Horst den kleinen Raum und trug uns in das Gipfelbuch ein. Dann stiegen wir über den letzten Felsaufschwung zur höchsten Erhebung des Wilden Kaisers hinauf.
Der Schweiß lief uns über die Stirn, die T-Shirts klebten am Körper, als Horst und ich das Gipfelkreuz erreichten. Mit einem kräftigen Händedruck, dem ein "Bergheil" folgte, endete der Aufstieg über den schönsten Klettersteig im Kaisergebirge. Kein höherer Gipfel schränkte die Aussicht ein, die im Süden über die dunklen Schieferberge der Kitzbüheler Alpen bis zum Firnsaum der Hohen Tauern reichte und sich mit einem beeindruckenden Rundblick nördlich im welligen Alpenvorland verlor.
Dunkle Wolken am westlichen Horizont gaben uns noch keinen Grund zur Beunruhigung, aber das sollte sich schnell ändern. Wir verließen den Gipfel, stiegen in den Kaiserschützensteig ein und kletterten über den gezackten Grat zum steilen Grashang zwischen der Ellmauer Halt und der Gamshalt hinunter. Der Steig verzweigte sich bevor er nach links zu den Oberen Scharlinger Böden hinabführte. Wir aber stiegen geradeaus zum Gipfel der nahen Gamshalt empor.
Der kurze Abstecher lohnt sich allein schon wegen der herrlichen Aussicht. Schwindelerregende Felsabstürze der Ostwand, die in eine bodenlose Tiefe zu führen scheinen, enden erst weit unten im langgestreckten Kar des "Hohen Winkels". Rechts ragt der gezackte Kopftörlgrat auf und geradeaus erhebt sich über dem Kar die gewaltige Bergkette zwischen der Vorderen Karlspsitze und dem Totenkirchl. Ein überwältigender Anblick!
Im Windschatten des Gipfelfelsens setzten wir uns zur Rast nieder und machten unsere Brotzeit. Die zutraulichen Bergdohlen, die sich nicht nur auf Horsts Stiefel setzten, sondern auch seine Knie zur Landung anflogen, bekamen ihren Anteil.
Die Wettervorhersage vom Österreichischen Rundfunk "Radio Tirol" hatte sich nicht bestätigt. Schon in den Mittagsstunden zog eine geschlossene Wolkendecke vom Westen zum Kaisergebirge herüber. Angesichts des zu erwartenden Niederschlags beendeten wir unsere Gipfelrast und stiegen über den Kaiserschützensteig ab. Eine steile schneebedeckte Rinne, die nur unter äußersten Schwierigkeiten zu begehen war, luftige Wandstufen und ausgesetzte Bänder mußten wir überwinden, Felsabstürze in den Steilwänden der Gamshalt über gähnenden Tiefen queren, bevor wir die Oberen Scharlinger Böden erreichten.
Mit heftigen Windböen kündigte sich das Unwetter an. Tiefhängende schwarze Regenwolken zogen über den Wilden Kaiser. Nebelschleier stiegen an den plattigen Wänden der Ellmauer Halt empor. Es dauerte nicht mehr lange, dann prasselte der Regen vom wolkenverhangenen Himmel.
Das nachgebende Geröll rutschte unter den Bergstiefeln in die Tiefe, als wir im steilen Kar der Oberen Scharlinger Böden Schritt für Schritt zur Roten Rinnscharte aufstiegen. Vom Regen durchnäßt und erschöpft, erreichten wir den Bergeinschnitt. Stahlseile führten uns mit einer luftigen Querung zurück zum Gamsängersteig. Unter der steil aufragenden Jägerwand schloß sich der Kreis unserer Bergtour.
Der Tag neigte sich allmählich dem Ende entgegen. Es dämmerte schon, als wir die Gruttenhütte erreichten. Nachdem ich die Pension Weißbacher angerufen hatte, um unsere Frauen zu beruhigen, setzten wir uns im gemütlichen Gastraum zum Abendessen nieder. Zwei große Radler zu je einem Liter tranken wir, um unseren Durst zu löschen. Ausgeruht und gesättigt stiegen wir im Lichtstrahl unserer Stirnlampen zur Wochenbrunner Alm ab und fuhren zurück nach Ellmau.
Vier Tage blieben uns noch, dann mußten Bruni und ich die Heimreise antreten. Horst und Edith fuhren weiter nach Tramin. Gern hätte ich mit Horst noch ein großes Unternehmen gestartet, zum Beispiel der Aufstieg über die Maukspitze zur Ackerlspitze, der Abstieg ins Griesener Kar, das von einer gewaltigen Felsszenerie umgeben ist, wo der Wilde Kaiser mit Recht seinen Namen trägt, aber die anhaltend schlechte Wetterlage ließ keine Bergtour mehr zu. Doch die holen wir nach, wenn Horst und Edith, Bruni und ich im September 1999 wieder nach Elmau fahren.
Wolfgang Watteroth