Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1999/2
Klettergruppe

Richard ist 60

Dr. Richard Goedeke ist am 21. April 60 Jahre alt geworden. 1986 schrieb er in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift 'Rotpunkt'
"Wenn ich bedenke, wie ich vor zwanzig Jahren schon ernsthaft
annahm, jetzt müsse der altersbedingte Leistungsabfall einsetzen..."
Naja, das ist jetzt rund dreizehn Jahre her und auch da hat er noch nicht eingesetzt! Richard ist sicher einer der aktivsten Menschen die ich kenne. Es kann schon mal passieren, das man frühmorgens telefonisch aus dem Bett geholt wird. Er hätte heute zwei Freistunden, und da könnte man doch noch schnell in den Harz fahren. Heraus kommen bei solchen Aktionen dann auch noch ein paar Erstbegehungen.

Lange schon ist er aktiver Bergsteiger und ehrenamtlich für die Sektion und den Alpenverein tätig. Erste Erstbegehungen im Harz und im Weserleinebergland Ende der fünfziger Jahre, z.B.:

  • - Okertal, Treppenstein Nordwand, Weg der Jugend, Okt. 1958, (V+,a1,A2)
  • - Okertal, Schlafender Löwe, Hühnerstallkante, 1959 (V/a0/A2, heute 6-)
  • - Lüerdisser Klippen, Twägerstein, Südostverschneidung (besser bekannt als "alpinistischer Leckerbissen"), Juli 1959 (IV+/a0/A1, heute 5-)
  • - Lüerdisser Klippen, Teufelstrichter, Dachweg, Juni 1959, (5)
alles Touren, die heute zu den Klassikern zählen, die jeder norddeutsche Kletterer kennt. Weitere Erstbegehungen, mehrere hundert inzwischen, folgten. Und auch die Alpen blieben nicht verschont, z.B.:
  • - Sextener Dolomiten, mittlerer Zwölfer, Westwand, 1976, ca. 30 SL, VI/A2
und 'gerade eben erst'
  • - Langkofelgruppe, Langkofel, "Riesenpfeiler in der Sonne", 1993, 1000 Höhenmeter, V+
Dazu kommen Begehungen etlicher alpiner Klassiker, Sachen, die jeder Bergsteiger gemacht haben muß: Große Zinne Nordwanddirettissima, Walkerpfeiler, Peutereygrat und und und. Dabei kletterte er schon früh in einem Stil, der sich erst später durchsetzte und heute als 'Rotpunkt' bekannt ist. Dazu gehörte auch die erste freie Begehung der 'Hummel' im Hohenstein (1976), die er selbst noch mit 'VI oder VI+' bewertete, heute aber als 7- bewertet wird. Aber diesen Schwierigkeitsgrat gab es damals offiziell noch nicht.

Die dabei gesammelten Erfahrungen hielt er aber nicht nur in seinen Tagebüchern fest, sondern er machte sie durch etliche Führer und Bücher der Allgemeinheit zugänglich. Zunächst erschienen Kletterführer zu den lokalen Klettergebieten, 1972 "Die Felsen des Weserleineberglandes" und sechs Jahre später "Die Felsen des Harzes". Schon damals waren seine Führer auch Lesebücher; einige Zitate aus dem Ith-Führer:

  • "... rechts um die Ecke und engagiert queren zu Stand ..."
  • "Daran mit abnehmenden Schwierigkeiten lustvoll zum Ausstieg."
  • "... rechts queren zum Rand des botanischen Gartens."
  • "Wiederholer werden inständig gebeten, die Originalität des Anstiegs nicht durch phantasielos dazugeschlagene Haken zu vernichten."
  • "Efeukamin: unbegangen. Kaum Felsberührung zu erwarten"
und so weiter.

Anfang der achtziger Jahre folgten weitere Führer, vorwiegend aus den Dolomiten, wie Sextener, Schiara, Pelmo und zuletzt (1996) Sella und Langkofelgruppe, dazu Auswahlführer wie "Normalwege der 4000er" oder der "Kletteratlas Deutschland". Insbesondere der Sextener Führer ist lesenswert:

  • "Die genußvollen Passagen werden erst nach Absolvieren einiger herzhafter Schluchtseillängen mit Wasserspülung und steinschlaggeglättetem Gestein erreicht."
  • "Da der splittrige Fels sich nicht allzusehr sträubt, hin und wieder einen der kopfüber steckenden Haken in die Freiheit zu entlassen, haben auch Wiederholer eine relle Chance, die Mühseligkeit der Werkelei der Erstbegeher etwas nachzuempfinden"
  • "Die Haken sind nicht immer übertrieben fest, was Flugversuche rasch zu Ausnagelaktionen machen kann"
Leider lassen die neueren Führer dank stärkerer Verwendung von Topos nicht mehr soviel Platz für Prosa. Aber dafür gibt es ja noch seine großformatigen Bildbände "Luft unter den Sohlen" und "Augenblicke - oben". Und auch noch Wanderführer, Radwanderführer und wer weiß was noch alles.

Erstaunlich ist, das er neben seiner Arbeit, er ist Gymnasiallehrer, und seinen politischen Tätigkeit, u.a. als Ratsherr, für all das Zeit gehabt hat und auch noch Zeit für ehrenamtliche Tätigkeit im Verein gefunden hat. Aber ich glaube, ich weiß, wie er das macht. Auf Vorstandsitzungen z. B. (und vielleicht früher auch im Rat?) hat er bestimmt die Druckfahnen für sein neuestes Werk dabei und ist fleißig am Korrigieren.

1965 begann (meines Wissens nach) seine Kariere in der Sektion, zunächst als Leiter der Jungmannschaft, ab 1967 als Jugendreferent (mein Vorvorgänger). Diesen Posten bekleidetete er bis 1981 (in dreißig Jahren nur drei Jugendreferenten, wir scheinen an unseren Posten zu kleben :-)). Später kamen dann "überregionale" Tätigkeiten dazu, Landesjugendleiter, Mitglied im Hauptausschuß und sicher noch einige Sachen, die ich jetzt vergessen habe. Seit einigen Jahren jedenfalls wieder im Beirat der Sektion als Naturschutzreferent.

Naturschutz und Jugendarbeit ist eines seiner wichtigsten Anliegen. Z. B. der Kampf gegen das Kletterverbot im Hohenstein oder um den JDAV Zeltplatz im Ith in den sechziger und siebziger Jahren. Und ganz aktuell ist er Hauptinitiator und Koordinator für die "Kletterkonzeption Niedersachsen", eine umfassende Erhebung aller Felsen in Niedersachsen, die bei den aktuellen Diskussionen um Felssperrungen als Grundlage dienen soll.

Richard, im Namen des Vorstandes, der Sektion und ganz privat

Herzlichen Glückwunsch!

Günter Gersdorf
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.7. Mai 99