Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 1999/2
Hochtourengruppe

Mit Langlaufschi auf dem Kamm des Riesengebirges


Das Riesengebirge ist heute Polen und Tschechien zugehörig. Die deutschen Namen der Orte sind der Nachkriegsgeneration nur noch als Straßennamen bekannt. Wir fahren mit dem Zug von Braunschweig nach Liberec, ehemals Reichenberg, in Nordböhmen. Bis zur Weiterfahrt nach Trutnov, ehemals Trautenau, machen wir einen kleinen Stadtbummel. Hübsch das Neorenaissance - Rathaus, merkwürdig das Dreischienengleis der Straßenbahn, der Grund: eine alte, noch betriebene schmalspurige Straßenbahn. Ein Blick auf die umliegenden Hügel, die nicht besonders viel Schnee aufweisen, hat uns fast an unserem Unternehmen zweifeln lassen. Liberec liegt auf 340 m Höhe. Um auf ausreichende Schneehöhe zu gelangen fahren wir weiter ostwärts bis Trutnov. Unser letzter Zug ist ein kleiner Triebwagen nach Svoboda (Freiheit). Nach zwölfeinhalb Stunden endlich da. Hier hat es tatsächlich noch Altschnee! Es ist fast dunkel und wir gehen auf Quartiersuche. Kurze Frage an der Tankstelle und wir landen im Hotel "Helena". So müde, sind wir auch nicht wählerisch. Besonders auffällig ist ein kristallgeschmückter Kronleuchter im Gastraum, der ein gefährliches Hindernis für wandelnde Langlaufbretter darstellt. Bei der ersten Begegnung mit böhmischen Knödeln und Bier kommt richtig gute Stimmung auf.

Am folgenden Morgen sind wir die einzigen Frühstücksgäste. Kaffee, Tee, Marmelade, warme Wurst mit Senf sind gar nicht so schlecht für den Neunhundertmeter - Anstieg. Mit zunehmender Höhe werden die Schneeverhältnisse gut. Es hat circa 5 Grad minus und leichten Schneefall. Uns begegnen sechs Skiwanderer und auf der stark verblasenen Höhe ein Grenzer per Motorschlitten. Er findet unsere Idee, diesen Weg zu den Grenzbauden zu nehmen, nicht so gut. Mit Recht, denn es war mühsam durch Tiefschnee, Hohlwege Marke Rübezahl oder schneelos verblasenene Flächen auf 1100 Meter Höhe anzusteigen. Auch die Abfahrt über 400 Höhenmeter hatte es in sich. Sie verlangte volle Aufmerksamkeit bei dem Schneetreiben. Doch plötzlich sind die Grenzbauden erreicht. Dem kalten Wind entkommen, beziehen wir ein hübsches, holzgetäfeltes Giebelzimmer.

Vor der plonischen Baude auf der Schneekoppe (Foto: Ellen Nicklaus)Am nächsten Tag ist das Wetter wie gehabt, Schneefall, Wind, der sich zum Sturm steigerte, kaum Sicht. Trotzdem starten wir zur Schneekoppe. Es hat viel Neuschnee gegeben. Zunächst ist der Wind im Wald nicht so heftig und der Schneefall noch harmlos. Je näher wir zur Koppe wandern ändert sich das Bild. Wald wird von der fast baumlosen Hochfläche abgelöst. Das Krüppelholz, nur kniehoch, ist ganz dick vereist. Es ist kein einfaches Vorankommen bei diesen Verhältnissen. Wären da nicht im Zehnmeter - Abstand die Holzstangen im Schnee für die Wegführung, man könnte sich leicht verirren.
Doch solange es bergauf geht sind wir noch nicht oben. Endlich, schemenhaft sind die Gebäude zu erkennen. Alles sieht arktisch schneeverweht aus. Zum Glück hat die polnische Baude geöffnet. Eine warme Suppe und Kaffee bringen die Lebensgeister zurück. Nach dieser Mittagsrast steht uns ein Abstieg zur Wiesenbaude bei polaren Verhältnissen bevor. Es sind zwar nur dreihundert Meter Abstieg, aber der Zick-Zack-Weg läßt uns bei jeder Kehre gegen den Wind fast straucheln. Zum Glück sind da die dick vereisten Ketten. Aufpassen, ja nicht ausrutschen! Am Fuße des Buckels angekommen folgen wir wieder den Holzstangen. Bei dem Sturm gehen wir zu Fuß, denn wir fürchten auf der eisigen Hochfläche fortgetragen zu werden. Allmählich fängt sich Flugschnee in den Windgangeln, so können wir wieder die Bretter anschnallen. Wir helfen uns dabei gegenseitig, so daß auch nichts fortgeweht wird. Wir sind alle ganz ordentlich zugeeist und meine Schneebrille ist bitter nötig. Auf unserem Weg kommt uns jemand entgegen der die Stangen vom Schnee befreit. Alles, was auf dem Koppenplan steht, zeigt bizarre Schnee- und Eisformen. Endlich ist es geschafft, tief verschneit liegt die Wiesenbaude vor uns.Freundschaftsweg, an den Mittagssteinen (Foto: Rainer Nitsche)Wir sind in dem großen Bau für fünfhundert Leute allein. Die Geschichte des ältesten alpinen Hotels Europas ist im Treppenhaus anschaulich dokumentiert. Der Wetterbericht am nächsten Tag: minus 13 Grad, Wind fünf bis sieben. Mit beginnendem Tageslicht haben wir einen fabelhaften Blick zur Schneekoppe. Doch wenig später ist der Berg ein einziges Wolkenpaket. Unsere Route, an den Mittagsteinen vorbei dem Freundschaftsweg folgend, liegt an der nördlichen Abbruchkante des Riesengebirges mit dem Blick auf das Hirschberger Becken. Spindlerbaude, Petersbaude waren gut besuchte Rastplätze, in der Hauptsache von Schulkindern.

Ein schöner Waldweg mit tiefem Schnee und Gefälle bringt mich wieder mal zum Kugeln. Das Aufstehen mit Rucksack kostet Kraft. In der Martinsbaude erhole ich mich beim Lesen, während Tina, Rainer und Ralf eine Extratour vor dem Abendessen machen. Ohne Rucksack bei schönsten Schnee ein Hochgenuß. Den Gastraum der Martinsbaude ziert das Ambiente eines Jägers. Heute ist Blaubeertag! Kuchen, Knödel und Pfannkuchen haben diese Füllung. Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zur Elbbaude. Es ist mühsam, jeder Schritt durch 30 cm Neuschnee. Auch die Sicht bei Schneefall und Nebel ist mies. Wir beschließen den Kammweg zu verlassen und den Mummelgrund nach Harrachov ( Harrachsdorf) zu fahren. Dieser Versorgungsweg ist eine gemütliche Abfahrt. Die Mittagspause bei den Mummelfällen zeigt schon recht feuchten Schnee an. Harrachov ist bekannt als Wintersportort mit einer Flugschanze. Wir schauen uns heute das Glasmuseum an. Beim letzten Büchsenlicht erreichen wir Martinske Udoli ( Martinstal). Es soll unser Ausgangsort für den morgigen Abstecher ins Isergebirge sein. Es ist dem Riesengebirge westlich vorgelagert und 500 Meter niedriger. Beim Start fällt nasser Schnee, der an den Brettern klebt und den Aufstieg recht schweißtreibend gestaltet. Auf der baumlosen Hochfläche bei 800 Meter Höhe herrscht eisiger Wind. Jizerka (Klein Iser) ist der höchstgelegene Ort des Gebirges und hatte früher eine Glashütte die den Holzvorrat nutzte. Heute ist wohl das Misthaus von Gustav Ginzel einer der bekanntesten Punkte. Zwei Stunden lauschen wir seinen Erzählungen mit seinem unverwechselbaren praktischem Lebenssinn. Das Haus ist die interessanteste Rumpelkammer die ich kenne. Mit Karten- und Buchverkäufen, Spenden und Freunden existiert Gustav als Lebenskünstler der auch weltweite Expeditionen getätigt hat. Doch diese Geschichte würde Seiten füllen. Wir müssen zurück. Der leichte Schneefall läßt uns nur noch wenig Tageslicht erwarten. Wir wollen auf der sicheren Seite die Tour beschließen und nehmen eine recht moderate Abfahrt mit Schneekuhlen zur Unterhaltung. Korenov (Wurzelsdorf) ist bald erreicht. Im gut geführten Hotel beschließen wir den Abend und die Tour mit Rotwein und Schnaps. Diese fünfundachtzig Kilometer Rucksacktour auf Langlaufschi 2500 Meter rauf und 2400 Meter runter in fünf Tagen hat uns gut gefallen und neugierig gemacht auf mehr. Der Erfolg ist sicherlich Ralf zu verdanken, der sich so gut auskannte, örtlich wie auch sprachlich.

Ellen Nicklaus

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.7. Mai 99