Das Riesengebirge ist heute Polen und Tschechien zugehörig. Die deutschen
Namen der Orte sind der Nachkriegsgeneration nur noch als Straßennamen
bekannt. Wir fahren mit dem Zug von Braunschweig nach Liberec, ehemals Reichenberg,
in Nordböhmen. Bis zur Weiterfahrt nach Trutnov, ehemals Trautenau, machen
wir einen kleinen Stadtbummel. Hübsch das Neorenaissance - Rathaus, merkwürdig
das Dreischienengleis der Straßenbahn, der Grund: eine alte, noch betriebene
schmalspurige Straßenbahn. Ein Blick auf die umliegenden Hügel, die
nicht besonders viel Schnee aufweisen, hat uns fast an unserem Unternehmen zweifeln
lassen. Liberec liegt auf 340 m Höhe. Um auf ausreichende Schneehöhe
zu gelangen fahren wir weiter ostwärts bis Trutnov. Unser letzter Zug ist
ein kleiner Triebwagen nach Svoboda (Freiheit). Nach zwölfeinhalb Stunden
endlich da. Hier hat es tatsächlich noch Altschnee! Es ist fast dunkel
und wir gehen auf Quartiersuche. Kurze Frage an der Tankstelle und wir landen
im Hotel "Helena". So müde, sind wir auch nicht wählerisch. Besonders
auffällig ist ein kristallgeschmückter Kronleuchter im Gastraum, der
ein gefährliches Hindernis für wandelnde Langlaufbretter darstellt.
Bei der ersten Begegnung mit böhmischen Knödeln und Bier kommt richtig
gute Stimmung auf.
Am folgenden Morgen sind wir die einzigen Frühstücksgäste. Kaffee, Tee, Marmelade, warme Wurst mit Senf sind gar nicht so schlecht für den Neunhundertmeter - Anstieg. Mit zunehmender Höhe werden die Schneeverhältnisse gut. Es hat circa 5 Grad minus und leichten Schneefall. Uns begegnen sechs Skiwanderer und auf der stark verblasenen Höhe ein Grenzer per Motorschlitten. Er findet unsere Idee, diesen Weg zu den Grenzbauden zu nehmen, nicht so gut. Mit Recht, denn es war mühsam durch Tiefschnee, Hohlwege Marke Rübezahl oder schneelos verblasenene Flächen auf 1100 Meter Höhe anzusteigen. Auch die Abfahrt über 400 Höhenmeter hatte es in sich. Sie verlangte volle Aufmerksamkeit bei dem Schneetreiben. Doch plötzlich sind die Grenzbauden erreicht. Dem kalten Wind entkommen, beziehen wir ein hübsches, holzgetäfeltes Giebelzimmer.
Am
nächsten Tag ist das Wetter wie gehabt, Schneefall, Wind, der sich zum
Sturm steigerte, kaum Sicht. Trotzdem starten wir zur Schneekoppe. Es hat viel
Neuschnee gegeben. Zunächst ist der Wind im Wald nicht so heftig und der
Schneefall noch harmlos. Je näher wir zur Koppe wandern ändert sich
das Bild. Wald wird von der fast baumlosen Hochfläche abgelöst. Das
Krüppelholz, nur kniehoch, ist ganz dick vereist. Es ist kein einfaches
Vorankommen bei diesen Verhältnissen. Wären da nicht im Zehnmeter
- Abstand die Holzstangen im Schnee für die Wegführung, man könnte
sich leicht verirren.
Doch solange es bergauf geht sind wir noch nicht oben. Endlich, schemenhaft
sind die Gebäude zu erkennen. Alles sieht arktisch schneeverweht aus. Zum
Glück hat die polnische Baude geöffnet. Eine warme Suppe und Kaffee
bringen die Lebensgeister zurück. Nach dieser Mittagsrast steht uns ein
Abstieg zur Wiesenbaude bei polaren Verhältnissen bevor. Es sind zwar nur
dreihundert Meter Abstieg, aber der Zick-Zack-Weg läßt uns bei jeder
Kehre gegen den Wind fast straucheln. Zum Glück sind da die dick vereisten
Ketten. Aufpassen, ja nicht ausrutschen! Am Fuße des Buckels angekommen
folgen wir wieder den Holzstangen. Bei dem Sturm gehen wir zu Fuß, denn
wir fürchten auf der eisigen Hochfläche fortgetragen zu werden. Allmählich
fängt sich Flugschnee in den Windgangeln, so können wir wieder die
Bretter anschnallen. Wir helfen uns dabei gegenseitig, so daß auch nichts
fortgeweht wird. Wir sind alle ganz ordentlich zugeeist und meine Schneebrille
ist bitter nötig. Auf unserem Weg kommt uns jemand entgegen der die Stangen
vom Schnee befreit. Alles, was auf dem Koppenplan steht, zeigt bizarre Schnee-
und Eisformen. Endlich ist es geschafft, tief verschneit liegt die Wiesenbaude
vor uns.
Wir
sind in dem großen Bau für fünfhundert Leute allein. Die Geschichte
des ältesten alpinen Hotels Europas ist im Treppenhaus anschaulich dokumentiert.
Der Wetterbericht am nächsten Tag: minus 13 Grad, Wind fünf bis sieben.
Mit beginnendem Tageslicht haben wir einen fabelhaften Blick zur Schneekoppe.
Doch wenig später ist der Berg ein einziges Wolkenpaket. Unsere Route,
an den Mittagsteinen vorbei dem Freundschaftsweg folgend, liegt an der nördlichen
Abbruchkante des Riesengebirges mit dem Blick auf das Hirschberger Becken. Spindlerbaude,
Petersbaude waren gut besuchte Rastplätze, in der Hauptsache von Schulkindern.
Ein schöner Waldweg mit tiefem Schnee und Gefälle bringt mich wieder mal zum Kugeln. Das Aufstehen mit Rucksack kostet Kraft. In der Martinsbaude erhole ich mich beim Lesen, während Tina, Rainer und Ralf eine Extratour vor dem Abendessen machen. Ohne Rucksack bei schönsten Schnee ein Hochgenuß. Den Gastraum der Martinsbaude ziert das Ambiente eines Jägers. Heute ist Blaubeertag! Kuchen, Knödel und Pfannkuchen haben diese Füllung. Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zur Elbbaude. Es ist mühsam, jeder Schritt durch 30 cm Neuschnee. Auch die Sicht bei Schneefall und Nebel ist mies. Wir beschließen den Kammweg zu verlassen und den Mummelgrund nach Harrachov ( Harrachsdorf) zu fahren. Dieser Versorgungsweg ist eine gemütliche Abfahrt. Die Mittagspause bei den Mummelfällen zeigt schon recht feuchten Schnee an. Harrachov ist bekannt als Wintersportort mit einer Flugschanze. Wir schauen uns heute das Glasmuseum an. Beim letzten Büchsenlicht erreichen wir Martinske Udoli ( Martinstal). Es soll unser Ausgangsort für den morgigen Abstecher ins Isergebirge sein. Es ist dem Riesengebirge westlich vorgelagert und 500 Meter niedriger. Beim Start fällt nasser Schnee, der an den Brettern klebt und den Aufstieg recht schweißtreibend gestaltet. Auf der baumlosen Hochfläche bei 800 Meter Höhe herrscht eisiger Wind. Jizerka (Klein Iser) ist der höchstgelegene Ort des Gebirges und hatte früher eine Glashütte die den Holzvorrat nutzte. Heute ist wohl das Misthaus von Gustav Ginzel einer der bekanntesten Punkte. Zwei Stunden lauschen wir seinen Erzählungen mit seinem unverwechselbaren praktischem Lebenssinn. Das Haus ist die interessanteste Rumpelkammer die ich kenne. Mit Karten- und Buchverkäufen, Spenden und Freunden existiert Gustav als Lebenskünstler der auch weltweite Expeditionen getätigt hat. Doch diese Geschichte würde Seiten füllen. Wir müssen zurück. Der leichte Schneefall läßt uns nur noch wenig Tageslicht erwarten. Wir wollen auf der sicheren Seite die Tour beschließen und nehmen eine recht moderate Abfahrt mit Schneekuhlen zur Unterhaltung. Korenov (Wurzelsdorf) ist bald erreicht. Im gut geführten Hotel beschließen wir den Abend und die Tour mit Rotwein und Schnaps. Diese fünfundachtzig Kilometer Rucksacktour auf Langlaufschi 2500 Meter rauf und 2400 Meter runter in fünf Tagen hat uns gut gefallen und neugierig gemacht auf mehr. Der Erfolg ist sicherlich Ralf zu verdanken, der sich so gut auskannte, örtlich wie auch sprachlich.
Ellen Nicklaus