Die Nacht weicht der Dämmerung und das erste Licht des Tages vermischt sich mit dem unseres Autoscheinwerfers. Leise surrend rollt unser Bus die schmale Straße ins hintere Pitztal. Die ersten Bergspitzen erstrahlen bereits im goldenen Glanz, als wir sechs mehr oder weniger müde, auch etwas hungrig und frierend in Mittelberg aus dem VW-Bus klettern; die Nachtfahrt von Braunschweig war schneller als vermutet.
Wir beginnen unsere Wanderung "Geigenkamm" mit einem Gepäcktransport: die Materialseilbahn "liftelt" unsere Zweit- und Drittrucksäcke von Mittelberg zur Braunschweiger Hütte (wo wir sie 5 Tage später in Empfang nehmen dürfen). Wieder am Auto zurück, packt jede(r) die verbleibenden 15-30 kg persönlichen Gepäcks (und Gebäcks) in die Tourenrucksäcke und bald darauf gehts mit dem Linienbus an den Talanfang. Die Sonne steht schon fast im Zenit, als wir unsere erste Tagesetappe von Jerzens über den Hochzeiger und Wildgrat zur Erlanger Hütte (2550m) in Angriff nehmen. Aber oh weh, einige von uns kommen schon am ersten Gipfel ins Keuchen: war es die schlafarme Nacht im Auto, fehlendes Frühstück und Mittagessen, die heiße Sonne, das schwere Gepäck oder der schnelle Start (Auto raus - Seilbahn rein - auf 2000 m hoch - und los)? Doch der Hochzeiger (2560m) ist noch nah gewesen, aber am Horizont reckt sich der Wildgrat mit 2970m hoch in den Himmel und der Weg dorthin ist steinig und weit, am Schluß sehr steil. Unsere Zermatt-trainierten Olaf Schröder, Peter Bornhorn und Torsten Sand müssen zwar auch kräftig schwitzen und pusten, aber gleichermaßen eine erste Geduldsprobe bestehen, bis wir anderen (Marion Welz, Silke Habig, Klaus Steube) mit reichlicher Verspätung und ziemlich ausgepumpt den Gipfel erreichen. Schauen, durchatmen, fotografieren, etwas essen und trinken und ein Handy-Anruf in der Hütte ("..ja wir kommen noch"); ein steiler Abstieg und gegen 19.30 Uhr betreten wir die Hütte. Beine und Rückenmuskeln schmerzen: die Stimmung ist gedrückt, das Abendessen will nicht schmecken und still verkriechen wir uns später in die Schlafsäcke; Gedankenfetzen: haben wir uns, habe ich mich, übernommen, Planungsfehler, wird der morgige Tag besser ?
Und in der Tat, er wurde es. Denn jetzt hatten wir wirklich einen ganzen Tag Zeit für die vorgegebenen 5-6 h. Wir konnten rasten und rasen, jeder sein Tempo gehen; es blieb Zeit zum Reden, Schauen, Fotografieren. Die Gruppe zog sich auseinander und traf sich wieder im langen Auf und Ab der schmalen Pfade hoch über dem letzten Grün, z.B. am Lehnerjoch, an der Feilerscharte (2920 m) mit Funduspfeiler (3080 m) - für einige der erste 3000er der Tour. Die Sonne am azurblauen Himmel war unser stetiger Begleiter, Wasser gab's reichlich (und auch Mixgetränke), aber nur wenig Pflanzen zwischen den steinigen Berghängen. Am späten Nachmittag gelangten wir zur niedrig gelegenen Frischmannhütte (2200 m) und genossen den Luxus einer Dusche; das Abendessen schmeckte und die Stimmung wurde besser. Mit guter Wetterprognose starteten wir in den 3. Tag: zu zweit oder dritt, nie (lange) alleine, wanderten wir anfangs über Geröll, später Grasmatten, sogar durch Latschenkiefer"wälder", um nach ca. 5 h wieder über Blockwerk die Selbstversorgerhütte am Hauersee (2380 m) zu erreichen. Der See und die Sonne luden zum Baden ein, die Bergkulisse zum Fotografieren und ein weiterer See lockte noch zu einem Spaziergang. Endlich konnte so mancher Rucksack auch vom Gewicht befreit werden: Spagetti, Rotwein, Käse - gekocht wurde am kleinen Holzofen der Hütte (unter schwäbischer Regie der Hüttenaufsicht) und beim Abendessen stellten wir rasch fest, daß die vorhandene Menge Spagetti auch für die Hälfte unserer Gruppe gereicht hätte (!) und der Nachtisch (Pudding, was sonst) nicht vollständig das Loch im Magen ausfüllte. Gemeinsam mit unseren Mitbewohnern (2 Hüttenwarte + 3 Gäste) quetschten wir uns an den Tisch, erzählten und sangen bis spät in die Nacht (im Gegensatz zur Braunschweiger Hütte waren hier Liederhefte vorhanden). Mit warmen Schlafsäcken und einem Feldbett ausgestattet flohen Marion und Olaf vor der Wärme und den Geräuschen der nächtlichen Hütte und genossen den freien Sternenhimmel - bis zum Frühstück (wieder in der Hütte).
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Steinmandl auf dem Mainzer Höhenweg
Foto:Olaf Schröder
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Der erste lange Tag begann mit einem Anstieg zum aperen und steilen Luibiskogelferner; ohne Steigeisen wären wir hier gescheitert. Torsten ging mit zwei der Hüttengäste und war bald außer Sicht, wir anderen geleiteten Silke's erste Gehversuche bzw. litten bei Marion mit, deren Steigeisen sich weder an den Schuhen noch an die Versprechungen des Verkäufers hielten. Doch auch das wurde irgendwie bewältigt, der Gletscher legte sich zurück, Blankeis wich dem Firn und am Joch trafen wir unsere "Mitwanderer" plus Torsten wieder. Gemeinsam ging es nun steil über lockeres Geröll hinab, nicht ohne Rutschpartien; später über Blöcke, wild, einsam, weglos, von Farbklecks zu Farbklecks, durch ein endloses Kar bis es schließlich wieder bergauf ging zum nächsten Joch. Dies war der Tag der Jöcher (insgesamt sechsmal steil rauf und runter) und jeder hatte auch an seinem Joch zu tragen: Heiße Sonne, wenig Wasser, schwere Rucksäcke, "Unruhe" in Magen und Darm bei 4 von 6 Gehern und schwierig zu gehendes Gelände. Einmal Steinböcke am Wegesrand, sonst nur Steine ohne Böcke. Die Konzentration sank, auch die Kommunikation und die Gruppe zog sich vor der letzten Steilstufe wieder auseinander, als Silke mit Kreislaufproblemen zurückblieb. Sie wurde von Olaf und mir als den Schlußläufern gefunden; Olaf blieb bei ihr, ich wollte Verstärkung holen und traf dann auf Marion und Sepp (einer der Mitwanderer), die dann mit vereinten Käften Silke zum Joch und dann weiter zur Hütte begleiteten. Die Situation war ernst, eine unglückliche Verkettung von mehreren unverschuldeten Ereignissen, aber auch von vermeidbaren Fehlern - es ging, Gott sei Dank, gut aus. Silke erreichte die Chemnitzer Hütte, allerdings war für sie die Tour "Geigenkamm" hier zu Ende.
Am nächsten Tag, die Magenverstimmungen von Olaf und Torsten hatten sich beruhigt, stiegen beide gemeinsam mit Marion und einem Erfurter Freund von Torsten über denWestgrat auf die Hohe Geige (3400 m). Zurück in der Hütte machte sich Skepsis über die Bewältigung des Mainzer Höhenweges ebenso breit, wie aufkommende Wolken und schlechtes Wetter. Es fielen Entscheidungen: Torsten stieg mit den Erfurter Freunden ab, um etwas auf der anderen Talseite zu versuchen. Peter (immer noch mit Magenproblemen) und Silke blieben die Nacht noch auf der Chemnitzer Hütte, um am nächsten Tag abzusteigen.
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Auf dem Mainzer Höhenweg
Foto:Olaf Schröder
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Wir anderen (Olaf, Marion, Klaus) wagten, gemeinsam mit Harald Schnatz und Andreas Ost, die am Abend wie verabredet aus Braunschweig kommend, auf der Hütte eingetroffen waren, am nächsten Tag den Mainzer Höhenweg. Fast immer in einer Höhe zwischen 2900 und 3200 m, drei kleine Gletscher, Kletterpassagen am Drahtseil, schmale Wege oder auch gar keine, brüchige Felsen und immer noch mit recht schweren Rucksäcken näherten wir uns in einem ca. 10 stündigen Auf und Ab des Gratverlaufes der Braunschweiger Hütte. Die Sonne war diesmal nicht unser Begleiter, sondern Wolken,Wind und auch einzelne Regenschauer. Die Augen kamen daher zu kurz - im Gegensatz zu unseren Füßen, die wieder auf ihre vollen Kosten kamen. Mittagsrast im originellen Rheinland-Pfalz Biwak auf dem Wassertalkogel (kein Wasser, kein Tal, aber Nebel), weiter und nach 4 h dann am Pitztaler Jöchl zum ersten Mal die Braunschweiger Hütte vor Augen. Letzte Rast, letzter Pudding und Abschied von der Einsamkeit des Geigenkammes. Keine Zeit zum Meditieren, denn ein neuer Regenschauer trieb uns endgültig der "Zivilisation" und dem Trubel der Hütte zu. Mit heißem Gesicht, müde aber glücklich und zufrieden betraten wir die Hütte. Großes Hallo von den ersten, schon anwesenden Braunschweigern und große Überraschung: Silke und Peter waren auch eingetroffen. Beiden ging es wesentlich besser und sie hatten am Morgen entschieden, aufzusteigen. Große Erleichterung. Nun war unsere Wandergruppe fast wieder komplett - doch nichts ist wie es war - ein neues Kapitel fing an.
Und das Kapitel hieß "Fest der Hochtourengruppe" mit dem ganzen Drumherum. Darüber wird Jürgen berichten.
Am Samstag jedenfalls, statteten wir 5+2 Geigenkammler dem unteren Bereich des Karles-ferners einen Besuch ab. Es galt, alte und neue Kenntnisse zur Gletscherbegehung und Spaltenbergung zu diskutieren und am Ende sogar einzuüben. Einzelne "stiegen" in eine geräumige Spalte ab, wurden "fixiert", dann mit loser Rolle, und anschließend mit dem Schweizer Flaschenzug "gerettet". Später, in einem separaten Raum der Hütte diskutierten wir weiter und übten Varianten, um einen "Braunschweiger Flaschenzug" zu entwickeln, sahen aber schließlich ein, daß der "Schweizer" von uns kaum verbessert werden konnte. So gerüstet, stürzten wir uns ins Fest, aßen und tranken, planten Seilschaften, tranken und aßen, versuchten die Gesangsdarbietungen der beiden Musiker etwas zu erweitern, aßen und ...gingen dann nicht als allerallerletzte ins Matratzenlager.
Der nächste Tag begrüßte uns mit Sonne und blauem Himmel. Irgendwann nach dem Frühstück verabschiedeten wir Olaf, weil er nach Hause und wir auf den Gipfel mußten: der erste Teil des Normalweges auf den linken Fernerkogel war uns zu fad, wir suchten und fanden einen Weg durch die Spaltenzone im mittleren (orografisch links) Teil des Gletschers und gelangten auch so zum Gipfel (3.278 m). Die halbe Festgesellschaft war auch oben oder noch unterwegs, aber der starke Wind und eine Wolkenfront aus dem Süden kommend, veranlassten uns, doch nicht auf dem Gipfel weiterzufeiern, sondern den Rückweg anzutreten. Diesmal auf dem Normalweg, vorbei an der PETERswand, so genannt nach unserem Vorsteiger, der ENDLICH in den Genuß des Eiskletterns kam und uns übrige eine Seillänge in die luftigen Gefühle auf Frontalzacken zu steigen einführte. Peter (sowieso) und Klaus (angesteckt) waren so begeistert, daß sie am liebsten weitergemacht hätten - aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte ("die der letzten 4") und wird auch an anderer Stelle fortgesetzt.
Der Abend war feucht-fröhlich und ein wenig traurig, der Morgen noch trauriger: die Hütte leerte sich zusehends ob des Regens und zurück blieben nicht allzu viele. Diese steckten ihre Nasen alle 2 Stunden in den Regen, um dann bei Skat, Kaffee und Kuchen immer wieder aufs Neue einen Ortwechsel zu überlegen - und es wurde doch ganz anders....
Fortsetzung folgt.
Klaus Steube