120 km der schönsten Höhenwege in den südlichen Dolomiten
Freitag, 6. August 1999
Von der Brennerautobahn biege ich in das Grödnertal ein. Ich bin frohen Mutes, denn eine Woche sollten die südlichen Dolomiten mein Zuhause sein. Die Sonne lacht. Ein guter Beginn?
Von St. Ulrich und St. Christina und Wolkenstein scheint das Tal ein einziger "Ameisenhaufen" zu sein. Auto reiht sich an Auto. Touristen soweit das Auge reicht. In Italien haben die großen Ferien begonnen.
Eine Radiomeldung läßt mich aufhorchen: Das Sellajoch ist gesperrt - Erdrutsch durch heftigen Gewitterregen der letzten Nacht. Um nach Canazei zu kommen, muß ich über Grödnerjoch, Passo Campolongo und Pordoijoch anreisen. Ein Umweg von etwa 60 km.
Am frühen Nachmittag ist es dennoch geschafft. Ich parke meinen Golf auf dem Parkplatz der Ciampac-Seilbahn in Palua, einem Vorort von Canazei, ziehe mich um und wandere kurze Zeit später durch das Val Contrin zum Contrin-Haus. Linkerhand murmelt ein Bach. Der Weg ist breit. Er führt mich an der Baita Robinson vorbei.
Nach 1 ½ Stunden bin ich am Ziel: Das Rifigio Contrin (2.016 m) unter der Cima d'Ombretta - der Beginn meiner Höhenwanderung durch die südlichen Fassaner Alpen.
Sonnabend, 7. August 1999
Meine Höhenwanderung beginnt frühmorgens um 7.22 Uhr auf dem Dolomiten-Höhenweg 2 und führt mich zunächst in ein Kar. Die Gipfel des Sasso Vernale grüßen. Ich wandere durch ein Hochtal zum Passo di Cirelle (2.686 m) und gelange danach in das Val Tasca. Plötzlich umgeben mich Nebelschwaden. Über Schotter geht es bergab, später über Wiesenhänge. Ein Gewitter naht. Unter einer der Holzhütten von Fuchiade (1.982 m) finde ich Schutz. Der Regen prasselt. Als es nachläßt heftig zu regnen, gehe ich weiter. Ein Fahrweg führt mich durch das Val di Cigole zum Passo di San Pellegrino. Um 13.00 Uhr ist der Spuk vorbei.
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Die Hochfläche von Zingari Alta mit
Pala-Gruppe
Foto: Horst-Dieter Meißner
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Weiter geht es auf dem Höhenweg 2, der durch den Gewitterregen zu einem Rinnsal geworden ist. Mit nassen Bergstiefeln geht es bergauf. Lärchen zieren zunächst den Weg. Nach 1 ½ Stunden bin ich auf der Hochfläche von Zingari Alta. Von da gelange ich in die Forcella Pradazzo (2.220 m). Unten liegt der Lago di Cavia.
Nun geht es gemächlich abwärts zum Rifugio Capanna Passo Valles (2.031m). Zimmer mit Dusche und ein gutes Essen locken nach 6 ½ Stunden Gehzeit. Das Rifugio ist eine gute Adresse!
Sonntag, 8. August 1999
Heute soll die nördliche Pala-Gruppe durchwandert werden. Es geht vom Passo Valles zum Rifugio Pedrotti alla Rosetta (2.551 m) auf dem Höhenweg 2. Gleich hinter dem Pass empfängt mich die Pala. In der Literatur wird sie zu Recht als herrlich und wild beschrieben.
Es geht hinauf zur Forcella di Venegia. Oben angelangt, fesseln die Gipfel meinen Blick: Was für eine Ansicht, die mich noch eine Weile begleitet. Nach 1 ½ Stunden bin ich am Passo Venegiotta (2.303 m). Weiter geht es östlich hinauf, um gleich danach im Geröll steil abzugehen. Der Blick geht auf die drei Türme von Lastei.
An der Ostseite des Monte Mulaz geht es weiter. Der Weg wird steiler. Kehren führen in eine Scharte. Ich sehe das Rifugio Mulaz (2.571 m) unter dem Passo del Mulaz. Eine Anzahl Felsgipfel umgibt die Hütte, an der mich die Hiobsbotschaft erreicht, dass das Rifugio Pedrotti alla Rosetta wegen Umbauarbeiten geschlossen ist.
Was ist zu tun? Nach kurzer Bedenkzeit entschließe ich mich, zum Rifugio Pradidali weiterzugehen. Weitere 2 Stunden Gehzeit.
Zunächst wird es anstrengender. Ein steiler Geröllhang liegt vor mir. Ich muss über den Passo Farangole (2.814 m). Sicherungen helfen an exponierten Stellen. Auf dem Pass bin ich in Nebelschwaden gehüllt. Unten lässt sich das Val Grande nur vermuten. Der Abstieg ist steil. Aber alle kritischen Stellen sind ebenfalls gesichert.
Hoch über dem Tal führt der Weg in südlicher Richtung hinauf zur Pala-Hochfläche. Es regnet. Der Nebel lässt keine Sicht zu. Ich bin jetzt auf fast 2.600 m.
Nach dem Abstieg von der Hochfläche muss ich zum Passo di Ball (2.443 m) wieder ansteigen. Die Mittelpassage ist gesichert. Ab und zu reißt die Wolkendecke auf. Vom Pass reicht der Blick dann in den Pradidali-Kessel Das gleichnamige Rifugio (2.278 m) ist schemenhaft zu erkennen.
Kurze Zeit später stehe ich in der Hütte. Ich war 9 ½ Stunden unterwegs.
Beim Abendessen lerne ich einen jungen Mann aus Niederösterreich kennen. Er soll die nächsten 1 ½ Tage mein Begleiter sein.
Montag, 9. August 1999
Der gestrige Tag hat mich zur Hälfte um die Pala di San Martino geführt. Leider war die Sicht mangelhaft. Heute scheint es hingegen ein herrlicher Tag zu werden. Bei Morgengrauen liegt die Bergwelt zwar noch im Nebeldunst, als ich jedoch losgehe, lockert sich der Nebel auf. Der Österreicher geht mit mir.
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Abstieg vom Passo de Lede zum Rifugio
Treviso
Foto: Horst-Dieter Meißner
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Nach leichtem Anstieg - vorbei am Lago Pradidali - erfolgt der Einstieg in den Klettersteig zum Passo di Lede (2.695 m): Steiler Fels - ohne Sicherungen. Aber es geht zügig voran. Nach einer Stunde haben wir es geschafft. Nun haben sich auch die letzten Nebel verzogen. Nahezu blauer Himmel. Die Sonne lacht. Schweißtreibend!
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Auf dem Weg zum Rifugio Treviso
Foto: Horst-Dieter Meißner
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Wir befinden uns weiterhin auf dem Höhenweg 2. Es geht talwärts vorbei am Biwak Minanzio zum Rifugio Treviso (1.631 m). Rund 1000 Höhenmeter gehen ganz schön auf die Gelenke.
Aber nach 4 ¼ Stunden ist es vollbracht.
Ich sitze den ganzen Nachmittag in der Sonne, trinke ein paar Bierchen und beobachte Kletterer in der Ferrata Canalone.-
Dienstag, 10. August 1999
Am Rifugio Treviso haben wir den Höhenweg 2 verlassen. Mein Begleiter ist noch bei mir. Es geht auch heute weiter in nördlicher Richtung, später in östlicher Richtung. Mein Ziel ist das Rifugio Vazzoler am Dolomiten-Höhenweg 1. Ein langer Marsch.
Am Anfang meines heutigen Weges steht der Anstieg zum Passo dell' Orsa (2.330 m). Nach gut einer Stunde stecken wir im dichten Nebel. Ich verfehle den Pass und wandere zum Passo di Canali weiter mit. Erst hier trenne ich mich von meinem Weggefährten und folge dem Weg mit der Nummer 707, um später in den Sentiero R. Furlan in Richtung Ferrata dell' Orsa einzubiegen.
Der Weg ist kaum markiert. Ich muss jede Kennzeichnung suchen und laufe manchmal sogar im Kreis. Der Nebel wird noch dichter, so dass ich meinen Plan nach einiger Zeit aufgebe. Ich gehe zurück und steige über die Forcella di Miel weiter aufwärts und später auf Weg Nr. 705 im Vallone delle Miel nach Col di Pra ab. Ich habe viel Zeit verloren. Doch Glück im Unglück: In Col di Pra, einer Ortschaft im Valle di San Lucano, nimmt mich ein Vertreter eines italienischen Speiseeisherstellers in seinem Verkaufswagen bis Listonade mit. 8 Kilometer Fußmarsch eingespart.
Ab Listonade (700 m) wird es jedoch nochmals ernst. Etwa 1000 Höhenmeter liegen vor mir. Zunächst geht es auf einem Fahrsträßchen stetig bergauf. Nach der Capanna Trieste beginnt der Weg Nummer 555, der später auf den Höhenweg 1 trifft. Es wird zunehmend steiler. Wieder zieht ein Gewitter auf. Aber nach einer guten halben Stunde ist alles vorbei. Der einzigartige Blick auf den Torre Trieste und die Cima della Busazza entschädigen mich nun für die notwendige Plackerei.
Nach 2 ½ Stunden ist es geschafft. Ich bin am Rifugio Vazzoler (1.714 m), das direkt im Wald gelegen ist. 10 Stunden Gehzeit spürt man in den Beinen.
Vom Rifugio habe ich einen unvergleichlichen Blick auf den Torre Venezia, an dessen Füßen die "Transversale Civetta" vorbeiführt.
Mittwoch, 11. August 1999
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Rif. Tissi auf dem Col Rean. Gegenüber
die Civetta Norwestwand
Foto: Horst-Dieter Meißner
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Es ist 8.15 Uhr. Azurblauer Himmel. Die "Transversale Civetta", der Civetta-Höhenweg, steht heute auf dem Programm. Ich befinde mich gleichwohl auf dem Dolomiten-Höhenweg 1. Nur etwa 3 bis 4 Stunden Gehzeit bis zum Rifugio Sonino al Coldai. Ich kann es gemütlich angehen lassen. Um so mehr Zeit habe ich, die gigantischen Eindrücke zu verarbeiten: die Gipfel der zentralen Civetta grüßen zur Rechten, links das Argordotal mit dem Lago Alleghe. Unvergleichlich.
Ich mache einen kleinen Schlenker zur Tissi-Hütte (2.250 m) auf den Col Rean. Der Umweg lohnt sich: Die Nord-Westwand der Civetta liegt vor mir. Ich fotografiere viel. Ebenso habe ich einen herrlichen Blick auf Alleghe mit See. Links darüber die Südfront der Marmolada, rechts die Sella-Gruppe.
Später auf dem Weg zur Coldai - Hütte umgibt mich urplötzlich Dunkelheit: Um 12.35 Uhr erlebe ich die Sonnenfinsternis über der Civetta. Die Natur scheint zu verstummen.
Nach einem kurzen Abstieg geht es wieder bergauf zur Forcella Col di Negra. Der Lago Coldai liegt vor mir. Zehn Minuten später stehe ich vor dem Rifugio Coldai (2.132 m). Der Civetta-Höhenweg liegt hinter mir.
Den ganzen Nachmittag genieße ich den herrlichen Sonnenschein und betrachte das unvergleichliche Panorama. Der Monte Pelmo ist greifbar nahe.
Donnerstag, 12. August 1999
Eine gute halbe Stunde wandere ich abwärts vom Rifugio Coldai auf dem Höhenweg 1. Ich verlasse die traumhafte Civetta-Gruppe. Ein großes Almgebäude liegt vor mir. Etwas später überquere ich die Forcella di Alleghe. Ich gehe auf dem Weg Nr. 564 in zwei Stunden nach Alleghe und wandere am gleichnamigen Lago (966 m) entlang.
Durch den See fließt der Cordovole. Zum Rifugio Sasso Bianco (1.840 m) muß ich über eine schwankende Holzbrücke auf die andere Seite des Flusses. Doch das, was noch auf mich zukommt, sollte eine große Strapaze werden: Der Weg über Bramezza (1.452 m) und später am Monte Forca (2.013 m) vorbei ist nicht markiert.
Zunächst geht es durch Wälder und über Wiesen. Ein Wiesenpfad führt mich schließlich zum Rifugio. Wieder einmal etwa tausend Höhenmeter geschafft.
Als ich um 12.15 Uhr ankomme, bewölkt sich der Himmel. Es regnet den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht. Ich mache ein wohlverdientes Mittagsschläfchen. Als ich nach zwei Stunden in die Gaststube zurückkehre, sitzt der weibliche Teil der Familie vor einem Berg Pfifferlinge. Die Pilze werden geputzt und für das Abendessen vorbereitet. Der Wirt hat die "Schwammerln" selbst gesammelt. Ich esse am Abend ebenfalls "Polenta e Funghi". Es schmeckt köstlich.
Freitag, 13. August 1999
Der Himmel ist verhangen. Gottlob regnet es nicht. Ich starte um 6.45 Uhr. Bis zur Forcella Schiota geht es noch gut eine Stunde auf einem Wiesenpfad bergauf. Das Gras ist nass, der Weg rutschig. Vorbei am Sasso Bianco (2.407 m) geht es danach auf dem Weg Nr. 623 bis Col di Rocca abwärts. Erlen-, Lärchen- und Fichtenbestände wechseln sich ab.
Doch bald geht es wieder bergwärts. Das Wetter klärt sich auf. In Malga Ciapela stoße ich wieder auf den Höhenweg 2. Jetzt liegen noch etwa 600 Höhenmeter bis zum Lago di Fedaia vor mir. Am Passo di Fedaia habe ich es fast geschafft. Jetzt noch etwa 3 Kilometer auf gleicher Ebene am See entlang, und ich bin am Rifugio Marmolada (2.044 m).
Die Nordflanke der Marmolada erhebt sich eisig, rechts davon der Große Vernel. Es ist 12.00 Uhr. Ich entscheide, nicht im Rifugio Marmolada zu übernachten, zumal es zu meinem Auto nur noch ca. 2 Stunden Gehzeit sind. Ich pendele daher auf dem wunderschönen Weg Nr. 605 vom Fedaia-See nach Palua.
Um 14.15 Uhr sitze ich in meinem Wagen und fahre über das Sellajoch heimwärts.
Eine wunderschöne, wenn auch sehr anspruchsvolle Höhenwanderung, die wider alle Vernunft im Alleingang bewältigt wurde, liegt hinter mir.
Horst-Dieter Meißner