Anfang September hat das Azorenhoch von ganz Mitteleuropa Besitz ergriffen, die ersehnte Großwetterlage ist da. Eine Reihe von Schönwettertagen steht uns bevor, und Brigitte und ich sind in Berchtesgaden. Also keine langen Überlegungen mehr, wir sind beide so gut wie im Seniorenalter. Morgen werden wir uns einen langjährigen Wunsch erfüllen, die Watzmann-Ostwand. Alles paßt, unsere Kondition ist gut, und an Hand genauer Routenbeschreibungen und vieler Bilder habe ich unsere Route, den Berchtesgadener Weg seit langem studieren können
Auf nach St. Bartholomä. Im Ostwandlager, daß nur den Begehern der Watzmann-Ostwand zugänglich ist, werden wir übernachten. Die Hütte gehört der Sektion Berchtesgaden. Sie liegt ca. 200 Meter abseits der Kirche von St. Bartholomä und des Touristenrestaurants im Wald, und zumindest von außen betrachtet hat sie uns doch arg enttäuscht. Grau und ungepflegt, ja fast etwas schmuddelig erscheint ihr Dasein am Rand des Touristenstromes wie geduldet. Die paar Ostwandbegeher bringen ja nichts in die Kassen.
Kurz vor 5 Uhr am nächsten Morgen verlassen wir die Hütte, wie meistens mit einem bescheidenen Frühstück im Magen. Über den steinigen Fußweg gehen wir in gleichmäßigem Bergschritt Richtung Eisbachtal. Unsere Stirnlampen geben uns Licht. Um und über uns ist dunkler Fichtenwald. Bei der Kapelle St. Johann und Paul überschreiten wir den Bach, und von jetzt ab geht es schmaler und steiler bergauf. Die "Eiskapelle" lassen wir rechts liegen. Sie ist eine in das Massiv des Watzmann eingeschnittene Schlucht, in der sich der Lawinenschnee aus den Wänden ablagert und im Sommer allmählich in Eis verwandelt.
Bis zum Beginn des "Schuttkars", welches links der eigentlichen Ostwand eingelagert ist, zeigt uns meistens ein Steiglein durch Schrofen und über Grashänge den Weg. Bei rund 1.400 m Höhe gelangen wir über einen Schuttrücken endlich an die Felsen. 2 Stunden sind vergangen. Wir legen unsere Gurte an, und einen Augenblick nehmen wir uns noch Zeit für ein herrliches Schauspiel. Der Ring der Berge um den Königsee ist mittlerweile immer mehr von der Sonne erhellt worden, während der Königsee noch im Dunkel der Schatten liegt.
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Tiefblick auf St. Bartholomä
Foto: H. Kähler
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Wir steigen nun zur großen Rinne hinauf, die von der "Eiskapelle" heraufzieht. Teilweise links von ihr gelangen wir über ausgewaschenen Fels zum "Ersten Sporn" und nach der Querung eines überdachten Bandes durch Rinnen und über Platten zum "Zweiten Sporn". Wir sind auf der richtigen Route, denn den dunklen Fels der "Wasserfallwand" können wir nun bereits sehen.
Hier, dicht oberhalb ihrer Abbruchkante dürfen wir auf keinen Fall den scharfen Rechtsabbieger auf die "Rampe" hinauf verpassen. Vielen Seilschaften ist dies früher einmal passiert. Sie haben sich danach in schwierigem Gelände verstiegen. Mit der kompakten, geneigten "Platte" unterhalb der Wasserfallwand haben wir keine Probleme, mit ihr überwinden wir die ersten technischen Schwierigkeiten im Berchtesgadener Weg.
Als wir nach interessanter und abwechslungsreicher Kletterei am Ende der "Rampe" auf einem kleinen Sattel Rast einlegen und ich Brigitte den "Massigen Pfeiler" zeigen kann, unter welchem die Biwakschachtel steht, stellt sich auch das Gleichgewicht nach meiner ersten Anspannung wieder ein und optimistische Stimmung erfaßt mich. Tief unter uns ruht der Königsee in seinem Felsenbett. Das weiße Kirchlein von St. Bartholomä am Rand hellgrüner Wiesen lugt herauf. Wie Spielzeuge wirken 3 kleine Touristenschiffe auf dem See. Man kann von hier oben nicht mehr erkennen, daß sie fahren. Der Himmel über uns ist wolkenlos blau.
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Biwakschachtel
Foto: H. Kähler
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Wir steigen nun wenige Meter etwas ab und müssen dann links aufwärts. Steil ist das Gelände, und nachdem wir zwei natürliche Biwakhöhlen passiert haben, erreichen wir die "Gipfelschlucht", in der erstmals Wasser plätschert. Wir füllen unsere Getränkeflaschen nach. Bald schon müssen wir die Schlucht nach rechts verlassen und durch eine schottrige Rinne und über einen schrofigen Gratrücken kommen wir endlich an die Biwakschachtel. Jetzt liegt die Südspitze nur noch 300 Höhenmeter über uns. Es ist Zeit für eine zweite Rast. Neugierig inspizieren wir die kleine Schachtel, die mit ein paar Wärmeanzügen ausgestattet ist und tragen uns in das Büchlein ein. Anläßlich der 250. Begehung der Watzmann-Ostwand ist hier für den bekannten Ostwandführer Heinz Zembsch eine kleine Bank aufgestellt worden. Ein fantastischer Rastplatz hoch über der "Eiskapelle" und dem Königsee.
Der Respekt vor einer der höchsten Wände der Ostalpen begleitet uns anfangs wohl zu Recht, auch wenn die großen Katastrophen und zahlreichen tödlichen Unfälle bereits Jahre zurückliegen. Heute steigen wir jedoch auf einer von den Schwierigkeiten her vergleichsweise leichten Route durch die Ostwand. Aber dennoch stellt auch der Berchtesgadener Weg gehörige alpine Anforderungen und ein gutes Maß an Orientierungsvermögen an den Begeher. Die Wand ist so gewaltig, daß es 200 Meter rechts genauso aussieht wie links. Der Berchtesgadener Weg ist eine der großen Bergfahrten in den Ostalpen. Würde der Sockel der Wand nur einige Hundert Meter höher liegen, so könnte man diese Besteigung zweifelsfrei mit den großen Hochtouren in der Schweiz vergleichen. Die Südspitze des Watzmann liegt nämlich 2.112 Meter über dem Königsee.
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In den "Ausstiegsrissen"
Foto: H. Kähler
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Die "Ausstiegskamine"oberhalb der Biwakschachtel erfordern noch einmal erhöhte Aufmerksamkeit. Es geht steil hinauf, und den Griffen darf man nicht allen trauen. Manch einer ist so lose, daß er ausbricht. Eine 8 Meter hohe und senkrechte Wandstufe, klettertechnisch wohl die Schlüsselstelle, bietet uns keine Schwierigkeiten mehr. Sie ist mit Haken und Standhaken versehen.
Die beengenden Felsmauern weichen nun unversehens zurück und unser Gesichtsfeld kann sich erweitern. Urplötzlich überrascht uns der großartige Raum, als wir die Südspitze des Watzmann betreten. Wir sind glücklich, bei diesem schönen Wetter hier oben stehen zu dürfen. Jetzt haben wir uns eine Gipfelrast verdient. Dicht östlich von uns ragt die Mittelspitze als turmförmige, ruinenhafte Felsgestalt in den Himmel. Eine Dreierseilschaft ist gerade im Begriff, sie zu erklettern.
Eine fantastische, nur durch einige Wolken unterbrochene Gipfelschau läßt die Zeit unseres Aufenthaltes leider allzu rasch vergehen. Unsere Tour ist noch nicht beendet, denn die nicht ganz unproblematische Abstiegsroute zur Wimbachgrieshütte hinunter soll uns noch weitere 2 ½ Stunden kosten. Wie gut, daß sie so hervorragend bezeichnet ist, sonst würden, besonders bei schlechter Sicht, einige Orientierungsprobleme entstanden sein.
In der Wimbachgrieshütte trinkt Brigitte ein großes Radler, ich ein riesengroßes Bier. Auf die schöne Ostwandführe, den Berchtesgadener Weg, prosten wir uns mit einem Enzian zu.
Helmut Kähler