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Und heute geht wieder niemand aufs Matterhorn
Foto: Jürgen Koziol
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Mit dem Untertitel und einigen kurzen Hinweisen habe ich bereits im Mitteilungsblatt Nr. 4/1999 auf die Wetterprobleme bei unserer letztjährigen Gruppenfahrt nach Zermatt hingewiesen. Wegen der besonderen Aktualität haben wir in Heft 4/1999 aber zunächst über unser Jubiläum an der Braunschweiger Hütte und die Begleitveranstaltungen berichtet. Heute geht es in voller Fahrt endlich ins Wallis. Die drei Berichte von Kerstin Borgfeld, Torsten Sand und Michael Krech werde ich mit einigen zusätzlichen Informationen über unsere Gruppenfahrt verbinden, kann dabei aber längst nicht alle Ereignisse ansprechen.
Einige Tage vor unserer Verabredung in Zermatt habe ich mich - aus der Dauphiné kommend - mit Lisel in Brig getroffen, um mit ihr am Rande der Walliser Alpen einige leichte Berge zu besteigen, die man meistens als weniger bedeutend links liegen läßt. Dabei haben wir vom Sparrhorn (3.021 m) oberhalb Belwald bei herrlichstem Wetter das gesamte Panorama der Walliser Alpen von der Nufenengruppe im äußersten Osten bis hin zum Grand Combin im Westen genießen können. So müßte es die drei Wochen in Zermatt weitergehen.
Aber dieser Wunschtraum geht gleich zu Beginn kräftig in die Hose. Peter Bornhorn, Olaf Schröder und ich wollen zur Einstimmung schon am dritten Tag das Rimpfischhorn von Fluh aus besteigen. Für Peter und Olaf wäre es der erste Viertausender. Doch das für den späten Nachmittag angekündigte Schlechtwettergebiet kommt mit ICE-Geschwindigkeit angebraust. Gegen 8.00 Uhr geben wir in etwa 3.800 m Höhe bei dichtem Nebel und starkem Schneetreiben auf. Niemand erreicht an diesem Tag den Gipfel.
Am nächsten Tag reichen einige Stunden Sonne am Vormittag wenigstens für Kerstin Borgfeld zu ersten Schritten auf Steigeisen und zum ersten - wenn auch sehr leichten - 4.000er, das Breithorn (4.165 m).
Und dann folgt das Abenteuer am Furgg-Grat.
Es ist Sonnabend, der 7. August 1999. Seit einer Woche sind Jürgen und Lisel Koziol, Monika und Helmut Schulitz, Peter Bornhorn, Rita und Michael Krech mit Sohn Maxl, Acki und Ute Schröder und ich in Zermatt bei Biners (außer Peter, hat ein eigenes Quartier). Nach den ersten Wandertouren zur Gewöhnung gefällt mir die Zermatter Bergwelt, und schnell bin auch ich dem morgendlichen Ritual erlegen: "Na, sieht man das Matterhorn?" Am heutigen Morgen hüllt es sich zwar, wie schon so oft in diesen und den folgenden Tagen, in dicke Wolken, doch der Wetterbericht verspricht wenigstens für heute Besserung und viel Sonnenschein. Damit reicht das Wetter mal wieder nicht für eine "richtige" Gipfeltour. Also werden Ziele angestrebt, die man eigentlich schon immer machen wollte, wie z. B. den Furgg-Grat.
Jürgen, Acki, Peter, Ute und ich fahren gleich mit der ersten Bahn über Furi zum Schwarzsee, den ich vom letzten Jahr in guter Erinnerung habe. Auf dem Weg zur Hörnlihütte legten wir hier eine Rast bei brütender Hitze und wolkenlosem Matterhorn ein, um Alphornbläsern bei einem Freiluftgottesdienst zu lauschen. Einfach himmlisch.
Heute morgen dagegen ist es recht frisch, auf dem Boden liegen noch Eisgraupeln von den nächtlichen Gewittern, und ein kalter Wind pfeift. Den Weg zur Hörnlihütte verlassen wir bald nach links und queren den kleinen Skilift. Markierungen brauchen wir hier nicht (es gibt auch keine), das Furggjoch als erste grobe Richtung kann kaum verfehlt werden.
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Unter der Ostwand des Matterhorns
Foto:Acki Schröder
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Bald sind wir unter der Ostwand des Matterhorns - von hier sieht es ganz anders aus - da liegt zwischen den vielen Steinen etwas Buntes. Jürgen schaut nach und bringt einen mächtig lädierten Rucksack samt Inhalt. Wo wohl sein Besitzer ist? Ist er gesund vom Hörnligrat abgestiegen? Die Bedingungen da oben sind in diesem Jahr nicht optimal. Der Schnee liegt oft runter bis auf 3.000 m. Eigentlich hätten wir das als schlechtes Omen nehmen und umkehren sollen. Wenn wir gewußt hätten, was uns erwartet, hätten wir es wohl auch getan. Doch wer weiß schon, was die nächsten Stunden bringen. Schließlich wollen wir doch nur über den Furgg-Grat gehen, der laut SAC-Führer ein leichter Weg ist. Auf ein Seil haben wir deshalb auch verzichtet. Jürgen ist extra vor 3 Tagen losgegangen, um die scheinbar schwierigste Stelle, den Einstieg zum ersten Gipfel, zu erkunden. Auch Herr Biner ist früher mit seinen Kindern dort lang spaziert und meinte: "Ja, ja, den Furgg-Grat machen's man, das ist ein schöner Weg."
Der Wind pfeift zwar immer noch recht kalt um die Felsblöcke, aber die Sonne scheint bereits. Wir erreichen bald den Furgg-Gletscher. Also Steigeisen anlegen und Pickel in die Hand. Zum Breithorn hab ich ja schon geübt. Doch so richtig sicher fühle ich mich mit den Dingern immer noch nicht. Jeder erzählt mir, ich soll ruhig auf dem Eis gehen und nicht im Schnee. Doch etwas zieht mich immer wieder in die falsche Richtung. Besonders steil ist es hier nicht, so kommen alle - ob mit oder ohne richtige Technik - voran zum Einstiegspunkt. Hier müssen wir nun doch in leichtem Fels etwas klettern, aber je höher wir kommen, desto mehr geht der Fels in Schuttbänder über. Vorsicht ist dringend geboten, denn die Steine sind naß und sehr bröckelig. Schnell hat man mal so ein Stück in der Hand und keinen Halt mehr. Und oft liegt immer noch Graupel auf dem "Weg".
Um 11.00 Uhr sind wir oben bei P. 3.355 m auf dem ersten Gipfel und genießen die inzwischen gute Aussicht, einen kräftigen Schluck aus der Teeflasche und die mitgebrachten Schnitten. Den Zeitplan halten wir bis jetzt so ziemlich ein. Lisel, Monika und Helmut spazieren bestimmt schon vom Trockenen Steg aus Richtung Theodulhütte. Hier wollen wir uns alle zwischen 3 und 4 Uhr treffen. Wenn wir auf dem nächsten Gipfel stehen, können wir schon bis zur Hütte sehen.
Überraschung! - Der Weg scheint recht belebt zu sein. Uns kommt gerade eine Gruppe von 5 Männern entgegen. Doch , oh, oh, die sind ja angeseilt! - Also geht Jürgen erst mal gucken und muß feststellen, daß wir ohne Seil da kaum eine Chance haben runterzukommen. Ich bin zwar in diesem Sommer schon im Harz geklettert und für einen Anfänger wohl auch nicht schlecht, aber ohne Seil ist das Risiko im senkrechten brüchigen Felsabbruch zu groß.
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Im Schussanstieg zur Cima di Furggen;
links hinten die Monte-Rosa-Gruppe
Foto: Acki Schröder
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Darum alles zurück, dann nach Süden über einen "schwimmenden" steilen Schutthang Richtung Cervinia runter, unter dem Berg queren, um über einen steilen Firnhang erneut Richtung zweiten Gipfel aufsteigen. Die Stimmung ist sehr deprimiert, keiner redet. Jeder achtet nur auf seine Schritte. Der Hang wird immer länger, immer steiler, meine Beine immer weicher und die Gedanken immer konfuser. Eine kurze Pause, ein Nußriegel und es geht besser.
Um 14.00 Uhr erreichen wir endlich die Cima di Furggen, mit 3.491 m der höchste Gipfel des gesamten Furgg-Grates. Die alte Liftstation "Cresta di Furggen" , deren Bahn von Cervinia kam, ist inzwischen stillgelegt. Vor uns liegt das Furgghorn, doch der Weg dorthin sieht irgendwie besorgniserregend aus. Keine Trittspuren, kein einziger Steinmann. Ob wir überhaupt noch richtig sind? Jürgen und Peter kehren immer wieder um, weil es zu steil wird, Überhänge den Weitermarsch verhindern, oder der "Stein" so brüchig und aufgeweicht ist, daß er den Namen nicht verdient. Oh Gott, ich könnte heulen, ob wir hier alle wieder rauskommen? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als umzukehren. Doch das heißt, wir müssen die steile Schneeflanke runter. Schon bei dem Gedanken wird mir ganz mulmig. Also versuchen wir es auf direktem Weg zu unserem ersten Gipfel. Auch hier kommt Jürgen nach wenigen Metern wieder zurück. Was nun? - Es scheint weder vor noch zurück zu gehen. Nach Norden auf der schweizerischen Seite fällt die Wand ca. 400 m steil ab. Es bleibt nur der Weg nach Süden ins Italienischeüber einen steilen Geröll- und Schutthang. . So sucht jeder, immer wieder darauf achtend, keinen Stein loszutreten, und zeitweise auch mal auf dem Po oder allen Vieren, den nächsten Schritt, den nächsten Halt. Dabei bleiben wir möglichst dicht zusammen, müssen aber auch manchmal große Abstände lassen und warten, bis keiner mehr unter uns geht. Wir queren Eisrinnen oder können nicht immer verhindern, in kleinen Muren einige Meter abzurutschen. Da ist es dann schon richtig angenehm, auf Schneefelder zu kommen, die so steil sind, daß ich mich im Schneeflug nur eben ohne Ski gleiten lassen kann. Wichtig ist, es geht abwärts. Nur das zählt im Moment. Eigentlich wollten wir uns wohl spätestens jetzt mit Lisel, Monika und Helmut treffen. Doch unser Weg ist noch weit.
Als wir endlich einen "Wander"-Weg finden, stellt sich die Frage, ob wir noch weiter absteigen und in Cervinia übernachten wollen. Die unguten Erfahrungen mit italienischen Quartieren und der dann bevorstehende 1.300 m Aufstieg am nächsten Morgen geben schließlich den Ausschlag, einen Weg zur Theodulhütte zu suchen. Nach langer Querung in weglosem Gelände - möglichst annähernd parallel unter dem Furgg-Grat - und noch einem großen Bogen um einen kleinen aber steilen Muggel erreichen wir schließlich den normalen Aufstieg zur Hütte. Bis dahin sind es "nur" noch gut 700 Hm und es geht inzwischen auf 18.00 Uhr zu. Zum Glück hat das Wetter gehalten, die Sonne scheint hinter dem Matterhorn immer noch, doch Lisel, Monika und Helmut werden sich große Sorgen machen. Sie sind sicher längst auf dem Rückweg nach Zermatt. Unsere Hoffnung, eventuell noch die letzte Bahn zu erreichen, hat sich auch zerschlagen. Also weiter, einen Fuß vor den anderen, Meter für Meter der schon lange sichtbaren Hütte entgegen.
20 Minuten nach 8 Uhr haben wir es geschafft. Die Zivilisation hat uns wieder. Seit wir auf italienischem Boden sind, haben wir keine Menschenseele gesehen. Hier in der Hütte gibt es sogar heißen Tee, ein Bier, eine Suppe oder Steak und ein B e t t ! Herz was willst du mehr? - Jetzt noch bei Lisel Bescheid sagen und dann in die Horizontale, so wie wir sind. Ohne waschen, ohne Zähne putzen. Alles egal!
Nachts gewittert es ununterbrochen und am nächsten Morgen müssen wir nach einem guten Frühstück erst noch den Regen abwarten, können dann aber gegen 10.00 Uhr in Richtung Trockener Steg zur Bahn absteigen. Pünktlich zum Mittag - Lisel hat ...? ..gekocht - sind wir wieder im Quartier, zwar immer noch geschafft, aber dafür glücklich.
Nach einer solchen (Tor)tur hätte ich eigentlich sagen müssen: "Danke, ABER DAS WARS!" Schließlich war ich bis zu diesem Zeitpunkt, wenn ich alles zusammenrechne, ganze 3 Wochen in den Alpen unterwegs. Als Jürgen und Peter wenige Tage später zum Pollux aufbrechen, kann ich nicht mitgehen, weil die Nerven immer noch blank liegen. Um so mehr habe ich mich gefreut, als ich 10 Tage später auf dem Strahlhorn stehe.
Inzwischen weiß ich, daß es auch für den Sommer 2000 wieder Tourenpläne gibt
Und ich bin bestimmt dabei!
Kerstin Borgfeld
Und dabei hatte ich scheinbar so gut vorgearbeitet, den versteckt liegenden Einstieg und weiter oben das "charakteristische Felsband" gefunden, den harmlosen Furgg-Gletscher begangen und im neuesten SAC-Führer von sanften Firngraten gelesen. Wozu sollten wir da noch Seil und Kletterausrüstung brauchen?
Aber die Passage im Führer wird wohl unverändert seit 30, 40 oder mehr Jahren in jede Neuauflage übernommen. Die Firngrate sind jedoch inzwischen fast völlig verschwunden, und die zu Tage getretenen "Felsen" gleichen mehr gigantischen, fast senkrechten Sandhaufen. Ein Seil hätte uns hier auch nichts genützt. Wir hätten nirgends Standplätze bauen können.
Also abgehakt und auf zum Pollux!
Am Montag, dem 9. August 1999, ist es soweit. Peter Bornhorn und ich wollen
unseren ersten Viertausender besteigen. In der Walliser Gegend rund um Zermatt
gibt es ja genug davon. Jürgen Koziol hatte vorgeschlagen, daß wir
den Pollux versuchen. Für ein längeres Unternehmen würde das
Zwischenhoch nicht reichen. Das Wetter sieht dann morgens zur ersten Seilbahnfahrt
aber doch so aus, als wenn wir den Gipfel nicht erreichen würden. So stehen
wir einige Zeit vor der Talstation herum und diskutieren: Fahren? - nein! -
vielleicht doch? - oder doch nicht? - Auch die Bergführer sind unschlüssig,
ob sie mit ihren Gästen fahren sollen.
Nach etwa 15 bis 20 Minuten sind wir uns dann einig, versuchen wollen wir es
auf jeden Fall. So starten wir etwas verspätet doch noch zum Klein Matterhorn.
Wie sich später herausstellt, war die Entscheidung total richtig.
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Vom Klein Matterhorn aus ist der Pollux
noch ziemlich weit entfernt
Foto: Jürgen Koziol
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Vom Klein Matterhorn aus zeigt sich der Pollux noch ziemlich weit entfernt. Immer am Breithorn entlang kommen wir aber trotz vieler Gletscherspalten über den Verragletscher bereits nach gut 1 ½ Stunden an den Beginn des SW-Grates des Pollux. Ein kurzer Schneeschauer kann uns nicht davon abbringen, über den Felsgrat dem Gipfel entgegen zu klettern. Ich bin Jürgen dankbar dafür, daß er sich entschieden hat, mit uns über den Felsgrat zu klettern. So war die Tour recht abwechslungsreich, auch wenn wir im Kamin von absteigenden Schweizer Bergführern rücksichtslos überrannt werden. Doch auch wir erreichen gegen Mittag den Gipfel, der uns zwar äußerst stürmisch empfängt, dafür aber eine grandiose Fernsicht bietet. Der Castor liegt unmittelbar vor uns - zum Greifen nah - und reizt gleich zu einer weiteren Besteigung. Aber die Zeit ist uns weggelaufen. So beschließen wir, den Rückweg anzutreten. Das war auch eine gute und richtige Entscheidung, denn es kommt schnell dichter Nebel auf und der Sturm wird immer stärker.
Kurz vor 16.00 Uhr sind wir wieder am Klein Matterhorn. Der reguläre Fahrbetrieb der Seilbahn ist längst eingestellt. Der Sturm bläst mit über 100 km/h. Nach uns kommen noch 1 oder 2 Seilschaften zurück. Dann startet eine Sonderfahrt der Bahn mit etwa 30 Bergsteigern ganz langsam und vorsichtig Richtung Tal.
Abschließend möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich bei Jürgen für die sehr schöne und erfolgreiche Gipfelbesteigung zu bedanken.
Torsten Sand
Und noch bleiben uns etwa 1 ½ Wochen für Täschhorn, Obergabelhorn ....., aber immer wieder müssen wir morgens feststellen, und heute geht wieder ....! So verbringen wir z. B. den Tag der Sonnenfinsternis auf dem Gornergrat. Und da scheint dann doch der eine oder der andere einen Augenschaden abbekommen zu haben, denn er kann plötzlich das Matterhorn nicht mehr sehen! Aber - halb so schlimm. Es war nur wieder einmal eine Wolke davorgezogen.
Doch eines Tages strahlen die Augen wieder - morgen geht es Richtung Strahlhorn.
Super-Wetter in Niedersachsen - aber in Zermatt sind während unserer sommerlichen Gruppenfahrt die Witterungsverhältnisse für Hochtouren leider meistens zu unbeständig. Als sich zu Beginn unserer letzten Urlaubswoche eine vorübergehende Wetterstabilisierung abzeichnet, verabreden wir kurzentschlossen, am Sonntag Richtung Strahlhorn zu starten. Weil das gute Wetter dann jedoch wieder einmal auf sich warten läßt, müssen wir den Aufbruch doch noch um 24 Stunden verschieben. Und auch am Montagnachmittag drohen erneut ergiebige Niederschläge. Und am Dienstag.....?
Optimistisch fahren wir dennoch am Montagmorgen mit der unterirdischen Standseilbahn 600 m höher bis Sunnega. Hier verabschieden wir Lisel, Rita und Maxl, die uns bis jetzt begleitet haben und nun zu Fuß nach Zermatt zurückkehren wollen. Wie wir später hören, sind sie dabei leider ganz schön naß geworden. Wir anderen aber, Kerstin Borgfeld, Ute und Acki Schröder, Jürgen Koziol und der Verfasser dieser Zeilen, fahren rasch mit der Gondelbahn weiter bis Blauherd, weil schon bedrohliche Wolken aufziehen. Von dort geht es zu Fuß Richtung Fluhalp. Vor dem einsetzenden Regen retten wir uns gerade noch in die Berghütte (2.616 m). Kurz darauf stößt auch Peter Bornhorn dazu, der als einziger die 1.000 Höhenmeter bis hierher "standesgemäß" zu Fuß zurückgelegt hat. Der Nachmittag vergeht wegen des Regens mit Klönen, Ausschlafen und Packen, unterbrochen durch eine kurze Regenpause, in der wir endlich den Weiterweg - wenigstens bis zum Findelgletscher - erkunden können. In der Hütte wird - mitten im August - der Ofen angeheizt. Der Hüttenwirt, der zu unserer Überraschung aus Kärnten stammt, serviert ein reichliches Abendessen und spendiert uns wenigen Gästen noch eine Runde Obstler. Nach dem Essen klart es langsam auf. Oberhalb 3.000 m ist der Regen als Schnee niedergegangen. Um 21.30 Uhr herrscht Bettruhe, denn um 3.00 Uhr ist schon wieder Wecken angesagt.
Nach dem ruhigen Vortag kommen wir gut "aus den Federn". Der erste Blick aus dem Fenster läßt das Stimmungsbarometer weiter steigen, denn der Himmel ist sternenklar. Nach einem kurzen Frühstück verlassen wir gegen 4.00 Uhr die Hütte und gelangen im Licht unserer Stirnlampen über die steile Seitenmoräne, die an einigen Stellen an flüssigen Beton erinnert, mühsam tief hinunter auf den Findelgletscher. Acki findet trotzdem noch Zeit, uns einige Sternbilder zu erklären. Links, hoch über uns, erkennen wir zwei andere Stirnlampen. Sie gehören wohl einem jungen Paar, das auch in der Hütte war und sich nach Einzelheiten über das Rimpfischhorn erkundigt hat. Die Felspassagen dort werden vermutlich stark verschneit oder vereist sein. Ich bin froh, daß wir heute ein anderes Ziel haben.
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Jürgen spurt zum Adlerpaß
Foto: Michael Krechl
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Jürgen geht als erster und findet einen günstigen Weg durch die zahlreichen
Spalten. Matterhorn und Monte Rosa glänzen im ersten Morgenlicht. Jürgen
entdeckt auch einen guten Übergang zurück auf die Moräne. Steigeisen
ab und über Blöcke und Moränenschutt hoch zum Adlergletscher.
Steigeisen wieder an und weiter aufwärts. Als der Neuschnee die Spalten
verdeckt, seilen wir uns an. Jürgen spurt Richtung Adlerpaß, es wird
steiler und steiler und durch immer tieferen Neuschnee auch anstrengender. Erst
um 10.00 Uhr fällt in unseren Nordhang die Sonne, kurz darauf stehen wir
im Adlerpaß (3.789 m), wo uns ein stürmischer kalter Wind empfängt.
Von der Fluhalp sind wir heute die einzigen hier oben, aber von der höhergelegenen
Britannia-Hütte her haben schon mehrere Seilschaften diese Stelle passiert.
Doch die Hoffnung auf eine brauchbare Spur trügt. Der mehr als 30 cm hohe
Pulverschnee liegt so locker, daß die Füße fast zu "schwimmen"
scheinen.
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Die letzen 400 hm gehen ganz schön auf
die Kondition
Foto: Michael Krech
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Leider streikt kurz darauf Ackis Steigeisen, und so steigt er mit Ute wieder
zum Paß ab. Bei uns restlichen vier gehen die letzten 400 Höhenmeter
ganz schön auf die Kondition, aber gegen 11.30 Uhr ist der Gipfel erreicht.
In 4.190 m Höhe pfeift ein stürmischer Wind, doch die Sicht ist gut.
Jürgen kann uns fast alle 4.000er der Alpen zeigen. Selbst Piz Bernina
und Biancograt sind gut zu erkennen. Schnell noch einige Erinnerungsfotos "geschossen",
dann geht es zügig hinab zum Adlerpaß. Erst hier machen wir eine
kleine Verpflegungspause.
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Rückweg auf dem Findelgletscher
Foto: Jürgen Koziol
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Im anschließenden steilen Abstieg vom Paß stollen die Steigeisen, also herunter damit. Eine Passage steigen wir sogar vorsichtshalber rückwärts ab. Weiter unten auf dem Adlergletscher legen wir die Steigeisen wieder an und müssen sie für den Moränenschutt bis zum Findelgletscher doch wieder auf die Rücksäcke schnallen. Jürgen beweist erneut seine gute Nase und führt uns an Spalten, in die ein größeres Haus passen würde, vorbei zum letzten Übertritt auf die Moräne. Jetzt schlaucht es schon mächtig, in der Moräne noch einmal fast 100 m steil nach oben zu steigen. Kurz nach 17.00 Uhr erreichen wir die Fluhalp.
Jetzt steht es fest: Die letzte Seilbahn ab Blauherd ist nicht mehr zu erreichen, zu den 1.600 Höhenmetern bis hierher kommen also noch einmal 1.000 m Abstieg bis Zermatt hinzu. Daher gönnen wir uns nun eine ausgiebige Pause in der Abendsonne und regenerieren Körper und Geist.
Mir kommt in den Sinn, wie das Strahlhorn in einem Führer charakterisiert ist: Leicht, aber lang...... Gegen 20.00 Uhr treffen wir ziemlich geschafft in unserer Unterkunft ein und werden mit einer Riesenportion Bratkartoffeln empfangen, die Lisel zubereitet hat. So klingt auf angenehmste Weise in großer vertrauter Runde eine gelungene Bergtour aus!
PS: Erst im Nachhinein erweist sich, wie zutreffend Jürgens Wettereinschätzung war. Einen Tag eher oder einen Tag später wäre die Tour so nicht möglich gewesen.
Michael Krech
Das war es dann aber auch schon. Die Bergführer gehen immer noch nicht wieder aufs Matterhorn - und alle rüsten zur Heimfahrt. Doch dann haben Lisel und ich noch einen Plan. Wir könnten noch zwei/drei Tage dranhängen, über den Simplonpaß nach Süden fahren, ....
Morgens in Zermatt Regen - in Täsch auch - schnell alles ins Auto - Simplonpaß Regen - auch in der Gondoschlucht - ..... Varallo - Val Sesia - Alagna (1.190 m) im Talschluß - endlich trocken, aber stark bewölkt.
Morgens klarer Himmel - 9.15 Uhr Fahrt mit der kleinen klapprigen Seilbahn in drei Sektionen hinauf zur Punta Indren (3.250 m) - gemütlicher Aufstieg zum Rif. Citta di Mantova (3.498 m) - nachmittags herrlicher Sonnenschein auf der Terrasse - phantastische Aussicht - so schön kann Urlaub sein.
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Sonne auf der Vincentpyramide - im Hintergrund
der Liskamm
Foto: Jürgen Koziol
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Und morgen wollen wir zur Signalkuppe und dort übernachten.
Bevor wir am anderen Morgen die Hütte verlassen, warnt uns der Hüttenwirt.
Im Laufe des Tages soll das Wetter umschlagen, möglicherweise mit 2 bis
3 Tagen Sturm - und das in der "Mausefalle" Rifugio Regina Margherita
(4.554 m)? Also funktionieren wir um - schnell nur hinauf zur Vincent-Pyramide
(4.215 m) - es ist stürmisch und lumpig kalt - aber sonnig mit unendlicher
Fernsicht - Piz Bernina und Biancograt im Osten - die Meije in der Dauphiné
im Süden - und, und, ......
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Im Abstieg von der Vincentpyramide - die
ersten Wolken quellen
Foto: Jürgen Koziol
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Erst um 11.00 Uhr beginnen wir den Abstieg - erste Wolken quellen - werden mit rasender Geschwindigkeit größer - und bereits in etwa 3.700 m Höhe tauchen wir in dichten Nebel ein - und wo geht es hier zur Punta Indren und zur Seilbahn? Erst um 14.30 Uhr taucht im Nebel ein dunkler Schatten auf - nach weiteren 30 bis 40 m stehen wir an der Tür zur Seilbahnstation. Um 15.30 Uhr sind wir im Tal. Dann beginnt die lange Heimfahrt.
Jürgen Koziol