Als Alpenvereinsmitglied gehe ich natürlich sehr gern in die Berge und alle paar Jahre muß meine Frau mit. So auch im Sommer 1996. Und sie ist gern mitgegangen, obwohl sie eigentlich begeisterte Seeurlauberin ist. Ein Erlebnis aus diesem Urlaub hat sich meine Frau einfach einmal von der Seele geschrieben, wohl auch, weil sie immer noch froh ist, daß unsere Tour damals so gut ausgegangen ist, hauptsächlich aber, um ihr Erlebnis mit Gabi festzuhalten.
Hans-Jörg Foraita
Es war ein wunderbarer Sommer, in dem ich mich gut auf den geplanten Bergurlaub vorbereitet hatte, kurz gesagt, ich war "in Form".
Bestens gelaunt und voll froher Erwartung fuhren wir nach Mühlbach am Hochkönig. Auf kleineren Wanderungen akklimatisierten wir uns, sahen interessiert einen Diavortrag über das Wandergebiet und entschlossen uns dabei, eine Kammwanderung mitzumachen. Für mich war das ein großes Erlebnis - die herrliche Natur, die nette Gruppe, der pfiffige Bergführer, und nicht zuletzt der Umstand, daß ich wirklich "gut in Form" war. Bei dieser Wanderung lernten wir Heinz kennen - Heinz, der mir die Besteigung des Hochkönig (2941 m) schmackhaft machte. Ich hatte die Kammwanderung - als einzige Frau in der Gruppe - wirklich gut gemeistert, warum sollte ich nun die Besteigung des Berges nicht auch schaffen? Es schmeichelte mir, daß man mir das zutraute. Längst hatte ich vergessen, was ich in einem Buch von Toni Hiebeler über die Verhältnisse auf dem Hochkönig gelesen hatte - zu gern ließ ich mich dazu überreden, die Wanderung mitzumachen. So verabredeten wir uns - viel früher, als wir uns eine so anstrengende Unternehmung vorgenommen hatten.
Sehr früh am Morgen brachen wir auf. In der Mitterfeldalm holten wir uns den Wetterbericht und meldeten uns als Wanderer auf den Hochkönig ab. Der Hüttenwirt riet uns, die Tour bis Mittag zu beenden, weil ein Gewitter heraufziehen würde. Dann begannen wir mit dem Aufstieg - er war sehr beschwerlich - und lang, aber es ging mir gut. Die Männer paßten sich meinem Tempo an, vielleicht konnte ich aber auch mit ihnen mithalten, ich weiß es nicht. Eine größere Rast legten wir an der Torsäule ein, konnten uns aber nicht lange aufhalten wegen des zu erwartenden Gewitters. Weiter ging es, immer weiter nach oben. Wir konnten das Matras-Haus schon sehen, mußten aber noch eineinhalb Stunden aufsteigen. Der Pflanzenwuchs hörte auf, es war nur noch steinig, wie in einer Mondlandschaft, dann begann das Schneefeld. Langsam wurde ich müde, war aber wieder hellwach, als ich sah, daß ich über eine Leiter, mit Stahlseilen gesichert, nach oben steigen mußte. Diese Eisenleiter gefiel mir gar nicht. Aber wenn ich hinauf wollte, mußte ich wohl oder übel über diese Leiter steigen. - Ich würde sie einen Tag später richtig lieben, aber das wußte ich heute noch nicht. - Gegen Ende der Tour trottete ich nur noch mit den Männern mit und war heilfroh, als wir endlich das Matras-Haus erreichten. Wie ein Adlernest thront es oben auf der Bergkuppe.
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Blick auf das Matras-Haus
Foto:J. Foraita
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Ich hatte es geschafft, mit meinen eigenen Beinen, aus eigener Kraft, hier herauf zu kommen. Ich war glücklich. Endlich konnte ich verstehen, warum Menschen immer wieder auf Gipfel steigen müssen. Dunkel drohten schon die Wolken am Himmel, als wir vergnügt mit einem großen Bier am Tisch saßen und uns über unsere Leistung freuten. Hinter der Theke bereiteten uns Gabi und Detlef ein - wie wir fanden - opulentes Mahl, unterstützt von zwei Sherpas, die bei den beiden zu Besuch waren. Während sich der Hüttenraum langsam füllte, zogen wir drei uns mit kratzigen, grauen Decken in unser Mehrbettzimmer zurück und machten einen Mittagsschlaf. Es kümmerte mich nicht, daß die Decken, wie man erzählte, nur einmal im Jahr gewaschen werden, daß es eisig kalt im Raum war und daß man die Komposttoilette riechen konnte. Draußen ging das Gewitter nieder, es interessierte mich wenig. Als das Gewitter verzogen war, sah man auf die Erde nieder wie aus einem Flugzeug. Es war atemberaubend. Gabi stand draußen vor der Hütte, sie trug eine blaue Bluse, weiße Socken und Schuhe und eine weiße Schürze. Sie fütterte die vorüberfliegenden Dohlen - es sah so aus, als wenn sie mit ihnen wegfliegen wollte. Sie gefiel mir sehr - ein Mensch, der in sich selber ruht. Leider hatte sie nicht viel Zeit, sich mit uns zu beschäftigen. Aber sie erzählte mir, daß sie nicht gern auf dem Berg sei, es wäre ein magnetischer Punkt, der ihr nicht guttun würde. Sie würde gern einmal eine andere Hütte auf einem anderen Berg bewirtschaften.
In der Nacht regnete es wieder. Auch am Morgen hatte sich das Wetter nicht gebessert. Entgegen der Warnung aller, begaben wir uns gegen 1/2 acht Uhr auf den Abstieg, da Heinz mit seiner Familie am folgenden Tag abreisen wollte und er versprochen hatte mittags wieder im Dorf zu sein. Es hatte frisch geschneit, nun regnete es, es war sehr kalt und die Sicht war nicht gut, aber Heinz kannte sich ja aus. Die Leiter kam. Heute beeindruckte sie mich nicht mehr so sehr, wir befanden uns ja auf dem Weg nach unten. Wir gingen auf dem Schnee immer weiter, ich wurde langsam naß bis auf die Haut. Es dauerte ziemlich lange, bis wir bemerkten, daß wir der falschen Markierung folgten. Es war eine schreckliche Erkenntnis. Wir irrten auf der Übergossenen Alm herum. Angst kam auf, ich zitterte, nicht nur, weil mir kalt war. Hans-Jörg lief voraus, erklomm so manche Erhebung, um die Orientierung wieder zu bekommen, aber leider gelang es nicht. Da beschlossen wir, in unseren Fußspuren im Schnee den selben Weg zurückzugehen, bis wir das Matras-Haus wieder erreichen würden. Inzwischen war an mir - bis auf die Füße - kein trockener Faden mehr, ich weinte und betete und dachte an alles, was mir im Leben etwas bedeutete. Und plötzlich - wie aus dem Nichts - sahen wir am Horizont die Hütte auftauchen. Mein Gott, wie das meine Füße beflügelte, fast hatte ich das Gefühl zu eilen. Und aufwärts ging alles wieder, was wir schon so mühsam bergab gelaufen waren. Welch ein erhebendes Gefühl, als wir endlich die gestern so verhaßte Eisenleiter mit den Drahtseilen passieren konnten! Innerlich umarmte ich sie, sie erschien mir wie die Himmelsleiter, die mich zum Matras-Haus bringen würde, in dem ich mich dann wieder in die kratzigen Decken hüllen würde, um mich aufzuwärmen und auszuruhen. Viereinhalb Stunden, nachdem wir losgegangen waren, erreichten wir das Matras-Haus wieder und ich schickte ein Dankgebet zum Himmel. Im Flur stand Gabi am Telefon - sie sprach mit der Polizei. Seit einer Woche wurde ein junger Holländer genau da oben vermißt, wo wir heute herumgeirrt waren. Schnell waren wir ausgezogen, unsere nassen Sachen hingen auf dem Gestell über dem Kachelofen, jeder von uns hatte einen Liter heißen Tee in der einen Hand, in der anderen einen Nußriegel, um uns ein wenig Energie zu geben. Gabi nahm mich in den Arm, tröstete mich, obwohl sie mit uns hätte schimpfen müssen. Sie setzte sich zu mir und erzählte mir aus ihrem Leben; ich hatte plötzlich keine Sehnsucht mehr nach den grauen Decken, ich hörte fasziniert zu. Ich erfuhr, daß sie eine Gasexplosion auf einer Hütte überlebt hatte, nur noch ein ganz geringes Lungenvolumen hatte, daß jedermann ihr riet, den Rest ihres Lebens möglichst ruhig ohne Anstrengung zu verbringen. Sie erzählte, daß sie nicht aufgegeben hatte, daß sie sich mit asiatischen Heilmethoden vertraut machte, daß sie wunderbare Heiler fand, und daß sie danach sogar wieder Touren im Himalaja unternehmen konnte.
Es ging mir schon besser, ich hatte mich beruhigt. Aber der Heimweg stand bevor, da half nun alles nichts, wir mußten hinunter. Und Gabi gab mir Reiki. Ich kann es nicht beschreiben - es war wie ein Wunder - ich fühlte mich danach frisch, ausgeruht, ohne Angst. Sie gab mir trockene, wasserdichte, warme Kleidung, einen Stock, umarmte mich noch einmal und schickte uns dann zusammen mit Detlef auf den Weg nach unten. Und ich, für die niemand an diesem Tag mehr einen Groschen gegeben hätte, von der jeder dachte, daß ich nur noch im Bett verschwinden und mich nicht mehr von dort wegbegeben würde, ich stieg hinter Detlef - genau in seinen Fußspuren - den Weg hinunter, ohne Pause, ohne Ermüdung, ohne Murren, sicher geleitet von unsichtbaren Kräften.
Als wir uns nicht mehr verirren konnten, machte sich Detlef auf den Rückweg. Er war kein Mann großer Worte, aber er hatte uns durch seine Begleitung viel Liebe angedeihen lassen. Ich war ihm sehr dankbar. Die Kleidung sollten wir später auf der Mitterfeldalm abgeben.
Wir kamen gut im Dorf an.
Als wir die Kleidung zurückbrachten, legte ich einen Brief bei, bedankte mich für die Hilfe und entschuldigte mich dafür, daß wir so unbedacht gewesen waren, und gab unsere Adresse an. Falls Gabi mal Wirtin auf einer anderen Hütte sein sollte, könnte sie uns verständigen.
Fast dreieinhalb Jahre vergingen. Immer wieder dachte ich an Gabi. Sie war für mich etwas Besonderes und ich hätte gern gewußt, wie es ihr ging.
Kurz vor Weihnachten sollte ich für eine Umfrage meinen Wunsch für das Jahr 2000 nennen. Ich wünschte mir, daß ich dieser ungewöhnlichen Frau noch einmal im Leben begegnen würde. - Als wir später von Weihnachtseinkäufen zurückkamen, lag ein Brief von Gabi in unserem Briefkasten. Bis dahin kannte ich ihren Nachnamen nicht: er lautet "Berg".
Sie lebt jetzt in einer süddeutschen Stadt.
Ich werde sie nie vergessen.
Im Wanderführer von Hiebeler stand:
Wer einmal dem Hochkönig aufs Haupt gestiegen ist und auch noch das Glück hatte, da oben den Abend und Morgen bei schönem Wetter zu erleben, der kommt sich wahrhaft königlich vor und vergißt für ein Weilchen all die unwichtigen Dinge, die ihn im Tal als Probleme bewegen. Neben diesen verlockenden Möglichkeiten hat der Hochkönig freilich auch weniger schöne Überraschungen im Hinterhalt - wenn er sich zum Beispiel, kaum daß man oben ist, in Nebel und Wolken hüllt und sich Regen sehr oft und schnell in Schnee verwandelt. Dann muß man Zeit und Geduld haben. Und den Weg über die Hochfläche der Übergossenen Alm, die nicht zufällig ihren Namen hat, sollte man besser vergessen. Denn in diesem Ödland aus Karst, Steinen und Geröll wird die Orientierung bei schlechter Sicht sehr schnell zum ernsten, gefährlichen Problem, das schon manchem Bergsteiger zum Verhängnis wurde. Mit dem Hochkönig läßt sichs also nicht scherzen. Aber das weiß jeder, der sich in seinen Bannkreis begibt.
Auch daran werde ich mich immer erinnern.
Jutta Foraita