Die Vorgeschichte ......
Gut 30 Jahre sind es her, als ich erstmals einen Artikel über das Dauphiné gelesen habe und einige seiner Berge auf Bildern bewundern konnte. Barre des Ecrins, Meije, Mont Pelvoux, .... haben mich seitdem einerseits immer wieder in ihren Bann gezogen, andererseits aber wegen größerer Entfernung, Schwere der Touren und wenig deutschsprachiger Literatur stets auf Distanz gehalten.
1988 kam dann ein deutschsprachiger Gebietsführer heraus, in dem u. a. folgendes nachzulesen ist:
"Die Dauphiné-Alpen werden von ihren Bewunderern als das wildeste, reinste und rauheste Gebirge der Alpen bezeichnet,.......In der Tat zeigen sich die Berge von einer Schroffheit wie sonst in dieser Fülle in keinem Alpengebiet. Die Berge sind hier so, wie man sich Berge vorstellt: steil aufragend, gletscher- und schneeummantelt, scheinbar unnahbar."
Jetzt fehlte mir nur noch ein Partner, der bereit war, mit in ein uns völlig unbekanntes Gebiet zu kommen. Diesen Partner habe ich für den Frühsommer 1990 in meiner Tochter Sonja gefunden. Wir waren knapp zwei Wochen in la Berarde, in ....., auf der...., dem Dôme de Neige (4.015 m), ....., haben die .... und den Mont Pelvoux gesehen, der im o. b. Führer als der
"weitausladenste und komplizierteste Berg im Dauphiné mit mehreren langen Graten und vielen hohen Wandfluchten"
bezeichnet wird.
.................und etwas zur Geschichte
Die Erschließung der Dauphiné-Alpen begann - von einer Ausnahme abgesehen - vergleichsweise spät, nämlich erst am 25. 6. 1864 mit der Besteigung der Barre des Ecrins (4.101 m) durch Edward Whymper und Gefährten. Nach der Katastrophe am Matterhorn zog sich Whymper von den großen Erschließungen zurück. Seine Rolle übernahm der Engländer W. A. B. Coolidge, der am 7. 7. 1870 mit l'Ailefroide occidentale, 3.953 m, den dritthöchsten Dauphiné-Gipfel und in der Folgezeit auch fast alle anderen bedeutenden Gipfel dieses Gebietes als Erster bestieg. Aber auch an anderen Stellen war Coolidge erfolgreich, so z. B. mit der ersten Überschreitung Fletschhorn -Lagginhorn am 27. 7. 1887.
Doch nun zur oben angedeuteten Ausnahme. Von allen bedeutenden Bergen des Dauphiné wurde der viergipfelige Mont Pelvoux (Pte. Puiseux, 3.946 m, Pte Durand, 3.931 m, Petit Pelvoux, 3.753 m, und die Trois Dents du Pelvoux, 3.683 m), der lange Zeit als die höchste Erhebung dieses Gebietes galt, mit großem Abstand als erster bezwungen. Bereits am 30. 7. 1828 bestieg Adrien-A. Durand aus vermessungstechnischen Gründen die Pte. Durand, und am 9. 8. 1848 erreichte Victor Puiseux die Pte. Puiseux. Beide Besteigungen erfolgten von Süden über die Rocher Rouges.
Und jetzt begegnet uns auch wieder W. A. B. Coolidge. Er eröffnete zusammen mit den Führern Chr. Almer, Vater und Sohn, am 15. 7. 1881 eine neue Route durch das SW-Couloir. Dieser heutige Normalweg trägt seit langem den Namen "Couloir Coolidge".
Am 25.6. 1882 gelingt schließlich Ch. Passavant mit A. Burgener und P. A. Reymond der erste Abstieg über den Glacier du Pelvoux und den Glacier des Violettes durch die NO-Flanke hinab nach Ailefroide. Diese Route wird im neuesten französischen Führer von 1996 als ein
herrlicher, steiler und direkter Abstiegsweg in einem außergewöhnlichen (Landschafts-) Rahmen
und - zusammen mit dem Aufstieg durch das Couloire Coolidge - als die
klassische Überschreitung des Mont Pelvoux
bezeichnet.
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Der viergipflige Mont Pelvoux und einige Nachbarn von
Südosten. Die Überschreitung erfolgt von links nach rechts.
Die Coolidge-Rinne liegt verdeckt zwischen Pic Sans Nom und Pte. Puiseux;
die Abstiegsroute ist größtenteils verdeckt durch Petit Pelvoux
und Trois Dent du Pelvoux.
Foto: Jürgen Koziol
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Der erste und der zweite Versuch, ...........
Frühsommer 1993 - wieder im Dauphiné.
Sigrid Holste, Helmut Meineke, Ulli Kuhlmann und ich wollen endlich den Mont Pelvoux besteigen, möglichst auch überschreiten. Beim Hüttenaufstieg und späterem Erkundungsgang ist es wolkenlos und warm. Spät abends im Südwesten einige graue Wölkchen - ob das gut geht?
29. Juni, 3.15 Uhr wecken - um 3.18 Uhr ein heller Blitz, ein lauter Knall - heftiger Regen setzt ein - das Unwetter tobt bis weit in den Vormittag - mittags steigen wir ab - abends blinzelt zaghaft die Sonne.
2. Juli - allmähliche Wetterbesserung - Sigrid, Helmut und ich gehen erneut zum Refuge Pelvoux - abends erneut heftige Gewitter mit Regen und Hagel - ziemlich hoffnungslos - um 23.45 Uhr Gang zur Toilette - kein Regen - einige Wolkenlücken - etwas Mondschein - klappt es doch noch?
3.15 Uhr wecken - sternenklarer Himmel - aber recht warm - 4.00 Uhr Abmarsch - im Couloir Coolidge und auf dem Gipfelplateau Schwerstarbeit - ca. 20 bis 30 cm Neuschnee - und auch der Altschnee ist aufgeweicht und naß.
8.45 Uhr auf der Pte. Puiseux (3.946 m) - herrliche Winterlandschaft mit guter Fernsicht - alle geplanten Überschreitungen werden wegen der "Bodenverhältnisse" abgeblasen - im Abstieg durch das Couloir Coolidge überholt uns eine Neuschneelawine, aber es geht alles gut.
..........., der nächste Anlauf ......
Ende August 1995, unser Treffen in Lauterbrunnen versinkt im strömenden Regen. Ein gewaltiges Tief überdeckt fast ganz Mitteleuropa und die Alpen. Nur der äußerste Südwesten könnte mit viel Glück verschont bleiben.
Bei der Konstellation brauche ich nicht sehr viel Überredungskünste aufzuwenden, um Alfons Otto, Ronald Scheffler und Lothar Freuwörth ins Dauphiné zu "locken" - und wir ziehen etwa 6 Richtige mit Zusatzzahl - gut eine Woche strahlenden Sonnenschein.
Erste Wanderung von Ailefroide zur Tête de la Draye - hervorragender Beobachtungspunkt für die Abstiegsroute vom Mont Pelvoux durch die NO-Flanke - der Glacier des Violettes ist jetzt im Spätsommer völlig ausgeapert und wild zerrissen - ein Abstieg darüber erscheint uns viel zu riskant - es klappt also wieder nicht.
Aber am 31. August stehen wir um 11.30 Uhr bei Superwetter auf der Barre des Ecrins, 4.101 m, dem südlichsten Viertausender der Alpen. Und das war mehr als nur ein Ersatz, zumal selbst Wallis und Mont Blanc-Gruppe kurzzeitig ihren Wolkenschleier lüften.
Aber sonst sieht es trübe aus: Braunschweig Regen - Grimsel, Furka usw. wegen Schnee gesperrt - an der Braunschweiger Hütte ¾ m Neuschnee -.....
...... und 1999 endlich das große Finale
Dreimal abgeblitzt - aber manchmal hilft nur sehr viel Geduld. Auch Alfons und Ronald sind inzwischen rettungslos vom Pelvoux-Bazillus infiziert. Also beginnen wir neu zu planen.
Die Abstiegsroute über die NO-Flanke ist recht kompliziert und deutlich schwerer als der Aufstieg durch das Couloir Coolidge. Außerdem wird uns der Abstieg in unbekanntes Gelände führen. So etwas steigert immer das Risiko um eine unbekannte Größe. Deshalb wollen wir uns auf jeden Fall die NO-Flanke von der gegenüberliegenden Talseite aus nochmals genau ansehen und versuchen, uns möglichst viel davon einzuprägen. Und von der Schneelage her dürfte der Glacier des Violettes in den meisten Jahren etwa Mitte Juli am besten zu begehen sein.
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Die NO-Flanke des Mont Pelvoux von Ref. Glacier Blanc
aus. In der Bildmitte Pte. Puiseux (rechts) und die Pte. Durand, ganz
links der Petit Pelvoux. Zwischen letzterem und der Pte. Durand verläuft
die Abstiegsroute und verschwindet später hinter dem Ref. Glacier
Blanc.
Foto: Jürgen Koziol
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Erst 1999 passen unsere Termine endlich wieder übereinander. Ich bin als erster in Ailefroide, gehe hinauf zum Refuge Glacier Blanc und weiter Richtung Col du Monetier/Montagne des Agneaux. Aus knapp 3000 m Höhe kann ich gut die NO-Flanke des Mont Pelvoux überblicken, nehme Führer und Karte zur Hand und beginne, meine "Vokabeln" zu lernen.
Am nächsten Tag kommt Ronald. Wir wollen das Knäuel sozusagen von hinten aufrollen und die Abstiegsroute von unten her ein Stück im Aufstieg begehen. Der Plan mißlingt anfangs, da uns Markierungen verschiedener Klettergarten-Routen irritieren, und wir deshalb den Einstieg nicht finden. Wir suchen an anderen Stellen weiter - natürlich vergeblich - und geben schließlich bei zunehmendem Regen entnervt auf.
Zwei Tage später versucht Ronald es an der ursprünglichen Stelle noch einmal, hat mehr Glück und kann das Knäuel ein ziemlich großes Stück abspulen. Ich gehe derweil auf die Tête de la Draye. Ein um ca. 100° geänderter Blickwinkel eröffnet mir gute Einblicke in bisher verdeckte Teile "unserer Wand", so daß ich eine Reihe neuer "Vokabeln" lernen kann.
Jetzt könnte es eigentlich losgehen, aber Alfons kommt zwei Tage später als geplant. Ronald und ich gehen deshalb zum Refuge du Selé (2.509 m) und besteigen am nächsten Tag zum Training und aus Spaß an der Freud' l'Ailefroide orientale (3.847 m). Das Wetter ist hervorragend, die Firnverhältnisse sind ideal, die Sicht reicht vom Montblanc über Gran Paradiso bis hin zu Matterhorn und Monte Rosa.
Am 18. Juli trudelt auch Alfons ein. Wir gewähren ihm einen Tag zur Akklimatisation und verdonnern ihn zu einer zackigen Wanderung auf la Blanche (2.956 m). Uns selbst verordnen wir einen verdienten "Ruhetag" und toben uns im Klettergarten aus. Am 20. Juli steigen wir gemütlich zum Refuge du Pelvoux (2.704 m) auf und sehen uns nachmittags noch einen Teil des Weges an, den wir morgen früh im Dunkeln gehen müssen.
21. Juli 1999, 2.00 Uhr wecken - Blick aus dem Fenster - einige Wolken - viele Sterne - und, ich fasse es kaum, weit und breit kein Gewitter.
Abmarsch um 3.00 Uhr - stockdunkel - 100 m hinter der Hütte eine kleine Felswand - lt. Führer "delicat de nuit" ("nachts heikel") - einen steilen Hang hinauf zur linken Seitenmoräne des Glacier du Clot de l'Homme, dessen Gletscherbruch drohend in der schmalen Schlucht zwischen den Rochers Rouges und dem Petit Pelvoux hängt - schnell, schnell hinüber zur rechten Seitenmoräne - bei einem Eisabbruch hoch oben würde die Schlucht wie ein gigantisches Kanonenrohr wirken - aber im Dunkeln nur nicht stolpern und fallen.
Und drüben wie weiter? Vor uns ein steiler Hang aus blankgeschliffenen, riesigen Felsrücken, dazwischen - scheinbar wahllos verteilt - kleine und größere Flecken aus Schutt und Geröll. Nähere Einzelheiten wie Höhe des Hanges usw. lassen sich im Schein der Stirnlampen nicht abschätzen.
Vor einigen Jahren war hier noch überwiegend Firn und Eis. Jetzt versucht jede Seilschaft, an irgendeinem Band zwischen zwei Felsrücken mühsam Höhe zu gewinnen. Aber irgendwie scheinen doch alle ziemlich planlos hin und her zu tapsen.
Gegen 5.00 Uhr stehen wir dann endlich am Rande des Glacier de Sialouze in etwa 3.180 m Höhe, können Gamaschen und Steigeisen anlegen, endlich die Lampen einpacken - und Ronald rennt schon los - Alfons hetzt hinterher - ich versuche, wieder Anschluß zu bekommen - aber elender Bruchharsch bremst mich immer wieder und kostet auch noch viel Kraft. Nur Leichtgewicht Ronald schwebt scheinbar mühelos darüber hinweg.
Am Beginn des Couloir Coolidge pfeift mir eiskalter Wind entgegen - schnell Anorak an und Helm auf - das "Geläuf" wird zwar wesentlich steiler, ist aber sehr fest und gut zu gehen. Irgendwann hole ich Alfons ein. Wir gehen gemeinsam bis zum Ausstieg (3.837 m) und treffen hier Sprinter Ronald wieder, der schon fast festgefroren ist.
Noch gut 100 m höher über sanfte Hänge des Glacier du Pelvoux zum bereits sichtbaren Gipfel - doch schlagartig hüllt uns dichter Nebel ein - vorsichtig auf der Spur weitertasten - ein schmaler Firngrat - ein Steinhaufen mit Gebetsfahnen -
der Gipfel, Pte. Puiseux, 3.946 m, 8.00 Uhr.
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Jürgen und Alfons auf der Pte. Puiseux
Foto:Ronald Scheffler
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Um uns wabert dichter Nebel, aber direkt über uns meistens ein großer blauer Fleck. Die Nebelschicht scheint nicht sehr mächtig zu sein. Doch rund um uns bleibt alles dicht, windig und kalt. Aber Pause muß trotzdem sein, denn der weitere Tag wird noch lang. Bisher war alles nur leichter Aufgalopp.
Um 8.30 Uhr haben wir lange genug in der Kühltruhe gesessen. Vor uns liegen 2.500 Höhenmeter Abstieg - im weglosen Gelände über Gletscher und Felsen und Felsen und Gletscher - irgendwann werden wir uns sicher nach einem kleinen Gegenanstieg oder einem richtigen Weg sehnen - aber da wird wohl immer "Fehlanzeige" kommen. Doch zur Erholung dürfen wir ja ab und zu ein Stück abseilen - wie tröstlich.
Vorsichtig zurück Richtung Couloir Coolidge - die Spuren verwischen sich fast im diffusen Licht des Nebels - ich blicke noch einmal zurück - drehe mich wieder um - und bin völlig allein. Der Nebel hat Alfons und Ronald förmlich verschluckt - weiter zum Couloir - hoffentlich ..... - zwei schemenhafte Gestalten - ich rufe - erleichtertes Aufatmen - aber starke Zweifel - werden wir in diesem Nebel den Abstieg überhaupt finden?
Kurze Beratung - deutliche Spuren gehen in die richtige Richtung - also erst einmal weiter - doch merkwürdig - die Spuren kommen uns entgegen! Sind in den letzten Tagen alle Seilschaften wieder umgekehrt? Unsere Zweifel werden erneut geschürt. Doch allmählich lichtet sich der Nebel - nördlich links neben uns die Pte. Durand - im Südosten rechts vor uns der Petit Pelvoux - ganz großes "Aha"-Erlebnis - von dorther kommen die Spuren.
Also weiter. Wir wenden uns nach Norden. Nur gelegentliche alte Trittspuren zeigen, daß die Route schon einige Tage nicht begangen wurde. Der zahme und sanft abfallende Glacier du Pelvoux geht in den wahnsinnig zerrissenen und steil nach unten schießenden Glacier des Violettes über. Wir müssen an den linken Rand des Gletschers ausweichen und uns meist dicht an den Felsen des NO-Grates der Pte. Durand halten.
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Das schaurig-schöne Szenario der Gletscherbrüche
des Glacier des Violettes.
Foto: Jürgen Koziol
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Die Sonne gewinnt mehr und mehr die Oberhand. Das schaurig-schöne Szenario der Gletscherbrüche rechts neben uns wird erst jetzt richtig sichtbar. Gewaltige Querspalten, die scheinbar ohne Unterbrechung aus dem Bruch bis an die Felsen laufen, versperren uns häufig den Weg und zwingen zu einem ständigen Zickzack-Kurs. Irgendwo tut sich dann doch immer wieder eine Lücke auf und wir kommen weiter abwärts.
Schließlich die erste Felsbarriere - steile, nasse, plattige Felsen - eine solide Abseilschlinge - etwa 20 m tiefer wieder ein steiler Firnhang - ich seile als "Versuchskaninchen" als erster ab - und lande fast auf Blankeis.
Die Steigeisen sind gut verpackt im Rucksack - aber der Eispickel steckt griffbereit zwischen Rucksack und Rücken - einige Meter links beginnt im tieferen Schnee eine alte Spur - ich hangele mich am Seil dort hinüber - rufe zu Alfons und Ronald hinauf, vor dem Abseilen Steigeisen anzulegen und gebe dann erst das Seil frei. Vorsichtig Rucksack absetzen - alles gut sichern - Steigeisen anlegen - Gefährten beobachten - im Firn weiter absteigen - am Beginn der großen Felsmauer, die den Glacier des Violettes in zwei Arme zerteilt, endlich eine verdiente Essen- und Trinkpause.
Danach auf der Felsmauer in nordöstlicher Richtung fast ohne Höhenverlust - oder sollte ich besser sagen, ohne Abstiegsgewinn? - weiter. Die beiden Gletscherarme - rechts der wilde, zerrissene Bruch - links der zahmere steile Hang - sinken immer tiefer hinab.
Endlich der große Turm, mit dem die Felsmauer ins Tal abbricht. Vor dem Turm leitet eine steile Rinne nach rechts (südöstlich) auf den unteren flachen Teil des Gletschers hinunter. Am Anfang eine solide Schlinge - Gelände etwas unübersichtlich - ich lasse mich von Ronald sichern - klettere ab - verschwinde unter einem Überhang - kann übersehen, daß der weitere Verlauf der Rinne gut seilfrei abzuklettern ist - binde mich aus - empfehle Alfons und Ronald, bis hierher abzuseilen - steige vorsichtig weiter ab - halte von Zeit zu Zeit kurz an - Blick nach oben zu den Gefährten - alles in Ordnung - irgendwann sind wir aus der Rinne heraus - und stehen unter dem gewaltigen Bruch des Glacier des Violettes.
Möglichst schnell über den hier ca. 500 m breiten Gletscherarm zu einer Schneeschulter im NO-Grat der Trois Dent du Pelvoux. Wenn es während der Querung über uns knallt, haben wir ziemlich schlechte Karten.
Von der Schneeschulter steigen wir in der linken von zwei Felsrinnen etwas ab - dann eine Abseilstelle - am Seilende finde ich keine Möglichkeit, eine neue Abseilstelle oder einen guten Sicherungsplatz einzurichten - bleibt nur noch seilfreies Abklettern - Signal nach oben - ich steige aus dem Seil aus - spreize vorsichtig die Rinne weiter hinab - zwischendurch rückwärts Blicke zu Alfons und Ronald - alles läuft glatt - zu glatt.
Der Fels rechts zieht sich unter einen großen Überhang zurück - spreizen ade - und ich stehe auf einem großen Block, der überall rund und grifflos ausschaut. Etwa 3 m unter mir beginnt eine Firnrinne - abspringen? - und wenn unter dem Schnee Eis ist? - oder .........?
Rückwärts tastend hinuntertreten - doch ein kleiner Knubbel - kräftiges "Handauflegen" auf rauhem Fels - noch ein Knubbel - leichte Textilreibung - Fuß hat Firnkontakt - und dicht darunter ist tatsächlich Eis.
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Ronald (oben) und Alfons am Ende der Rinne vor dem namenlosen
Schneefeld.
Foto: Jürgen Koziol
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Langsam und vorsichtig die Firnrinne nach rechts queren - dort beginnt nach dem Überhang fester, gut gestufter Fels - auf Alfons und Ronald warten - die gucken auch ganz schön dumm aus der Wäsche - einige "taktische" Anweisungen - beide mogeln sich zu mir herüber - schließlich endet die Rinne auf einem namenlosen großen Schneefeld.
Darüber hinweg zu einem weiteren Felsriegel - einige Meter abklettern - nochmals abseilen - Landung unmittelbar neben einem Wasserfall - in weichem Firn weiter abwärts - und über Geröll hinauf auf die linke Seitenmoräne des Glacier Névé Péléssier.
Wir sind jetzt auf etwa 2.800 m Höhe - haben knapp die Hälfte des Höhenunterschiedes zwischen Gipfel und Ailefroide und auch den weitaus schwierigeren Teil des Abstiegs geschafft. Bis hierher ist Ronald vor einigen Tagen von unten heraufgekommen. Weiteres Suchen nach der Route entfällt damit zwar, aber runde 3 Stunden wird es doch noch dauern, bis wir zu Hause sind. Und bekanntlich gleicht der Schluß eines derart langen "Arbeitstages" einem sich immer mehr ausdehnenden Gummiband.
Noch einen Schluck aus der Pulle - dann packen wir es an. Ein Stück auf der Moräne entlang - dann auf Trittspuren nach links den Hang hinunter - der vermeintliche Weg scheint aus dem verstreuten Inhalt von Kugellagern zu bestehen - ich rolle und eiere immer heftiger talwärts - endlich in gut 2.000 m Höhe die Abzweigung zum Refuge Cézanne. Wir schwenken nach rechts - ein fast ebenes Wegstück - nahezu himmlische Erholung - und dann die letzte Etappe.
Durch eine etwa 400 m hohe, fast senkrechte Felswand zieht sich - beinahe wie mit dem Lineal gezogen - in südöstlicher Richtung ein schiefes Band - manchmal blanker Fels, manchmal mit Gras oder Büschen bewachsen - manchmal 2 - 3 m , manchmal nur ½ m breit - aber für trittsichere Geher fast immer ohne Benutzung der Hände zu begehen. Lediglich eine feuchte Rinne müssen wir mit besonderer Vorsicht genießen.
Etwa um 16.00 Uhr das letzte Felsband - wir stehen am Fuß der Wand - genau an der Stelle, an der Ronald und ich vor gut einer Woche vergeblich versucht haben, das Knäuel von hinten aufzurollen. Schnell hinaus in freies Gelände mit Gras, Büschen, Bäumen und dem Rauschen des Torrent de St. Pierre - ganz ohne Eis und Schnee und mit nur wenigen Steinen.
Schnell über die letzte Wiese - auf direktem Weg in den Biergarten unseres Hotels -
16.30 Uhr - Prost!!!
22.Juli 1999 - Ruhetag mit essen - trinken - klönen - in der Sonne liegen - Urlaub genießen. Am nächsten Tag Abreise. Alfons muß nach Hause, seine Firma ruft. Ronald fährt nach Chamonix, ihn lockt der Montblanc. Und ich bin im Wallis verabredet. Aber irgendwann komme ich wieder zurück ins Dauphiné nach Ailefroide, la Berarde ...... wo die Berge so sind, wie man sich Berge vorstellt.
Jürgen Koziol