31. Juli 2000
Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Blauer Himmel. Die Sonne strahlt. Nur über Schlern und Langkofelgruppe ein paar Schönwetterwolken. Es ist 10.07 Uhr, als wir auf dem Parkplatz neben dem Gasthof Frommer (1760 m) aus dem Auto klettern. Wir sind auf der Seiser Alpe in Südtirol.
Gottlob bin ich diesmal nicht allein. Günther Schießl ist bei mir. Günther ist ein Vetter der bayerischen Linie der Familie, Gesundheitsapostel, begeisterter Bergsteiger und natürlich Mitglied des Alpenvereins, Sektion Aichach.
Mit dem Sessellift schweben wir wenig später bis Spitzbühel auf 1929 m. Hier oben beginnt unsere zweiwöchige Höhenwanderung durch die Westlichen Dolomiten. Rund 200 Kilometer liegen vor uns.
Der Aufstieg zum Schlern führt uns vorbei an der Saltner-Hütte über den Touristensteig. Nach 2 Stunden sind wir auf der Hochfläche. Die Schlernhäuser (2457 m) lassen wir rechts liegen und halten uns an die Wegnummern 3 und 4. Was für ein Blick über die Seiser Alpe zu den Geislerspitzen.
Nach einer weiteren halben Stunde stehen wir am Auslauf der Roterdspitze. Eine Tafel weist uns den Weg zum "Maximilianweg", der uns über die Roterdspitze (2655 m) zum Großen Rosszahn (2653) führt.
Der Maximilianweg ist ein ausgesetzter Klettersteig. Nur an einigen senkrechten Passagen helfen Drahtsicherungen. Wir klettern auf dem Grat. Es geht auf und ab. Teilweise über loses Geröll. Nicht ungefährlich.
Vom Großen Rosszahn haben wir einen herrlichen Blick auf die Marmolada. Unten lockt die Tierser Alpl-Hütte (2438 m) mit ihrem leuchtend roten Dach - unser Ziel für heute.
Mit dem Maximilianweg haben wir einen "kleinen" Vorgeschmack auf die anstehenden Klettersteige erhalten.
Seiser Alpe (Gasthof Frommer) - Spitzbühel - Saltner-Hütte - Touristensteig - Schlernhäuser - Roterdspitze - Maximilianweg - Großer Rosszahn - Tierser Alpl-Hütte
Tourenlänge: 12 km - Wanderzeit: 5 Std - Höhenunterschiede: 1300 m An- und 500 m Abstieg
01. August 2000
Wir stehen kurz nach 6.00 Uhr auf. Die Bergwelt hüllt sich in Nebel. Bald darauf scheint jedoch die Sonne.
Von der Tierser Alpl-Hütte geht es zunächst bis zum Mahlknecht Joch (2187 m) bergab. Aber, wer weiß das nicht am frühen Morgen zu schätzen. Geisler- und Puezgruppe, Plattkofel, Sella und Marmolada grüßen.
Weiter geht es durch grüne Wiesen. Wir sind "Auf der Schneid" in Richtung Plattkofel-Hütte (2300 m). Ab der Hütte brauchen wir noch etwa 1¾ Stunden bis zur Plattkofelspitze (2955 m). Steinmännchen weisen zunächst den Weg. Später müssen wir uns den Weiterweg durch Geröll selbst suchen. Es gibt kaum Markierungen.
Unter dem Gipfelkreuz stärken wir uns für den Abstieg über den Oscar Schuster-Steig. Der Langkofel ist nur einen Steinwurf weit entfernt.
Auf dem Schuster-Steig herrscht starker Gegenverkehr. Wir kommen nur langsam voran. Lediglich an äußerst exponierten Stellen unterstützen uns Seile. Der Rest ist Kletterei am nackten Fels. Wir müssen steil absteigen. Über ein Geröllfeld gelangen wir schließlich zur idyllisch gelegenen Langkofel-Hütte (2252 m). Eine urgemütliche Schutzhütte mit netter Bewirtschaftung.
Tierser Alpl-Hütte - Mahlknecht Joch - Plattkofel-Hütte - Plattkofel - Schuster-Steig - Langkofel-Hütte
Tourenlänge: 12 km - Wanderzeit: 6 Std - Höhenunterschiede: 850 m An- und 1100 m Abstieg
02. August 2000
Von der Langkofel-Hütte geht es frühmorgens stetig bergauf zur Langkofelscharte (2678 m) und danach über einen Geröllpfad steil abwärts zum Sellajoch-Haus (2129 m). Eine Schar Schneefinken begleitet uns eine Weile.
Ab dem Sellajoch (2242 m) bleibt uns weiterhin nur die Fahrstraße nach Canazei, bis wir auf dem markierten Wanderweg Nr. 656 links abbiegen können. Wir sind bald am Fuße des Piz Lasties (2875 m). Der Pfad führt jedoch zuerst noch etwa 100 Höhenmeter abwärts, um dann hinauf in das Lastiestal anzusteigen. Der Sellastock liegt vor uns.
Nach einem letzten mehr als beschwerlichen Steilanstieg treffen wir nach knapp 3 Stunden an der Zwischenkofelscharte (2830 m) auf den Dolomiten Höhenweg 2. Wir wählen allerdings mit dem Coburger Weg einen gesicherten Klettersteig und sind wenig später in der Boe-Hütte ( 2873 m ). Über 6 Stunden sind wir unterwegs.
Nach einer Stärkung und längeren Pause wagen wir den Aufstieg zum Piz Boe (3152 m). Wir wählen den vom Hüttenwirt vor einigen Jahren selbst - wie er betont - angelegten Steig.
Plötzlich ziehen dunkle Wolken auf. Ein Gewitter naht. Als die ersten Regentropfen fallen, retten wir uns in die kleine Schutzhütte Capanna Piz Fassa auf dem Gipfel.
Das Gewitter entlädt sich. Es regnet heftig. Das Thermometer zeigt +1°C. Als es heller wird, steigen wir wieder ab zur Boe-Hütte. Der Fels ist glitschig. Aber Drahtseile helfen uns beim Abstieg.
Am frühen Abend genießen wir das Bergsteigeressen, derweil sich draußen ein weiteres Gewitter austobt. Vorsorglich werden die Stromaggregate ausgeschaltet. Wir sitzen bei Kerzenlicht. Sehr gemütlich. Der "Rote" schmeckt.
Langkofel-Hütte - Langkofelscharte - Sellajoch-Haus - Sellajoch - Val Lasties - Zwischenkofelscharte - Boe-Hütte - Piz Boe - Boe-Hütte
Tourenlänge: 15 km - Wanderzeit: 7¾ Std - Höhenunterschiede: 1500 m An- und 700 m Abstieg
03. August 2000
Als sich der Nebel lichtet, brechen wir auf. Es ist 8.35 Uhr. Die Sonne zeigt sich ab und an. Gleich hinter der Hütte biegen wir in den Weg Nr. 651 ein. Das Val de Mesdi, das Mittagstal, liegt vor uns. Riesige Felstürme links und rechts. Gigantisch anzusehen.
Es geht gleich steil abwärts. Über rund 150 Höhenmeter helfen Drahtseile nach unten. Danach schlendern wir auf einem Geröllpfad langsam zu Tal, um nach 2½ Stunden nach links einzuschwenken. Wir kommen auf einen Saumpfad. Es geht durch Latschenkiefern vorbei am Pisciadu Wasserfall und Einstieg zum gleichnamigen Klettersteig in Richtung Grödner Joch (2137 m). Wir treffen wieder auf den Dolomiten Höhenweg 2.
Unsere Mittagspause entfällt heute. Das Rifugio Clark unter der Clarkspitze ist nicht bewirtschaftet.
Die Große Cirspitze (2592 m) liegt halblinks vor uns. Ein Pfad windet sich rechts vorbei und führt uns hoch ins Cir Joch (2466 m). Noch ein Blick zurück auf die Sella. Von nun an fehlen die Felsgiganten.
Ab dem Crespeina Joch (2466 m) liegt eine Hochebene vor uns. Eine triste Landschaft. Der Weg führt uns am Crespeina See vorbei. Ab dem Chiampai Joch (2388 m) sind wir auf der Gardenazza. Wir sehen links ins Langental und sind schon bald in der Puez-Hütte (2475 m). Gerade noch rechtzeitig bevor der Regen auf das Hüttendach prasselt.
Es regnet die ganze Nacht. Sturmböen schütteln die Schutzhütte.
Boe-Hütte - Val de Mesdi - Grödner Joch - Cir Joch - Crespeina Joch - Chiampai Joch - Puez-Hütte
Tourenlänge: 17,5 km - Wanderzeit: 6¾ Std - Höhenunterschiede: 500 m An- und 950 m Abstieg
4. August 2000
Heute sollte mit dem Sass Rigais (3025 m) der zweite Dreitausender "bezwungen" werden. (Geplant war der Ostanstieg durch das Wasserrinnental und der Südwestausstieg über die Mittagspitze mit Übernachtung in der Regensburger Hütte.) Die widrigen Wetterverhältnisse lassen das Unternehmen jedoch scheitern. Wir schlagen daher schon heute die "Südroute" ein.
Als wir um 8.00 Uhr aufbrechen, ist zwar der Himmel zugezogen, aber es regnet zunächst nicht.
Am Chiampai Joch biegen wir links in den Weg Nr. 4 ein. Es geht am Lago de Ciampai vorbei zur Edelweiß-Hütte (1824 m). Der Sassongher (2665 m) ist nur im unteren Teil schemenhaft zu erkennen.
Unser Regenzeug haben wir längst angezogen. Es regnet bis Colfuschg und auch noch bis Corvara. Wegen des schlechten Wetters nehmen wir die Cabionovia Boe. Die Kabinenbahn bringt uns in 20 Minuten auf den Crep de Mont (2198 m). Von der Bergstation gehen wir noch gut eine Stunde bis zum Rifugio Franz Kostner al Vallon (2500 m). Der Weg Nr. 638 führt uns am Lago Boe vorbei.
Während unsere Sachen über dem Kachelofen trocknen, regnet es immer noch. Dichter Nebel verhüllt die Berglandschaft. Damit ich überhaupt weiß, wie es hier oben aussieht, kaufe ich mehrere Ansichtskarten. Wir sind die einzigen Gäste.
Puez-Hütte - Chiampai Joch - Capanna Edelweiß - Colfuschg - Crep de Mont - Boe See - Rifugio Franz Kostner al Vallon
Tourenlänge: 15 km - Wanderzeit: 4 Std - Höhenunterschiede: 950 m An- und 950 m Abstieg
05. August 2000
Der Wetterbericht hat erst für Sonntag Besserung vorausgesagt. Entsprechend ist die Lage. Ich stehe um 7.00 Uhr auf und sehe, dass ich nichts sehe. Der Wind pfeift ums Haus.
Auch der Regen stellt sich pünktlich ein, als wir gegen 8.30 Uhr losgehen. Es geht in Richtung Pordoi Joch (2242 m) weiter auf dem Weg Nr. 638. Der Eissee liegt zu unserer Rechten.
Um bei der Nässe nicht über die Via ferrata unter der Larsei Spitze (2952 m) zu müssen, haben wir den 638er verlassen. Wir sind jetzt auf einem nichtmarkierten Steig, der später in einen Wiesenpfad übergeht. Der Weiterweg ist bald nicht mehr zu erkennen. Bei dem Regen eine rutschige Angelegenheit.
Rechts ragt der Sellastock steil empor. Die Gipfel verschwinden im Nebel. Schaflosung hilft uns, auf dem richtigen Weg zu bleiben.
Als nach etwa 2 Stunden die Wolkendecke aufreißt, erhebt sich vor uns das Ehrenmal für Gefallene des 1. Weltkrieges. An den Hängen weiden Hunderte von Schafen.
Auf der Fahrstraße geht es später weiter abwärts zum Pordoi Joch.
Der Padonkamm erstreckt sich zwischen Sellastock und Marmolada. An ihm entlang führt der Bindelweg, der jetzt in dichtem Nebel liegt. Von Großem Vernel (3205 m) und Marmolada (3342 m) keine Spur. Schade.
Als wir in Serpentinen zum Fedaia See absteigen, reißt die Wolkendecke auf. Die Sonne kommt zeitweise durch.
Die Forelle "Müllerin", die ich abends im Rifugio Castiglioni alla Marmolada (2044 m) esse, mundet mir trotz allem. Günther bevorzugt Kaiserschmarrn.
Es gewittert erneut, als wir unser Lager aufsuchen.
Rifugio Franz Kostner al Vallon - Pordoi Joch - Bindelweg - Rifugio Castiglioni alla Marmolada
Tourenlänge: 14,5 km - Wanderzeit: 5½ Std - Höhenunterschiede: 550 m An- und 1000 m Abstieg
06. August 2000
Die Meteorologen haben sich geirrt. Nach neusten Meldungen soll das Wetter erst ab Montag besser werden. Aber endlich wieder eine heiße Dusche am frühen Morgen.
Zumindest hängen die Wolken höher. Und es regnet nicht. Die Bergwelt zeigt sich wieder.
Das Rifugio liegt nahe der Staumauer. Wir wandern am Südufer ostwärts zum Fedaiapass. Ab der Passhöhe kann ich den Serpentinen der Fahrstraße ausweichen. Durch Wiesen führt der Weg. Günther bevorzugt die Straße. Im unteren Teil ist allerdings der Weiterweg bis Malga Ciapela (1446 m) nur auf der Straße möglich. Hier befindet sich die Talstation der Marmolada-Seilbahn. (Bei guter Fernsicht hätten wir die Gelegenheit genutzt und uns mit der Seilbahn auf die Marmolada bringen lassen, um die sicher einmalige Gipfelrundschau zu erleben.) So folgen wir dem Weg Nr. 610, der mit dem Dolomiten Höhenweg 2 identisch ist.
Nach einer Stunde verlassen wir den Höhenweg. Rechts abzweigend bleiben wir auf dem 610er. Der Steig führt uns zur Malga Ombretta (1904 m) und dann durch das Ombrettatal zum Rifugio Falier (2080 m). Die Marmoladasüdwand türmt sich vor uns auf.
Im Rifugio nehmen wir eine kleine Mahlzeit ein, um Kraft für die nächsten 700 Höhenmeter bis zum Passo Ombretta (2704 m) zu tanken. Auf halber Höhe begrüßt uns ein Sprung Steinböcke. Es ist ein steiler Weg, der uns in Serpentinen über Geröll nach oben bringt. Die Sonne kommt sogar durch.
Auf dem Pass stecken wir allerdings in einer dunklen Wolke. Schneeregen zwingt uns erneut in unsere Regensachen. Doch urplötzlich kommt wieder die Sonne durch. Die Cima d'Ombretta (3011 m) hat eine weiße Haube auf.
Nach knapp 7 Stunden sind wir im Rifugio Contrin (2016 m) angelangt. Wir übernachten hier.
(Vorgesehen war eigentlich eine Übernachtung im Rifugio Falier. Zum einen fiel jedoch die Marmoladatour aus und zum anderen erschien uns die für morgen vorgesehene Besteigung der Cima d'Ombretta wegen des Neuschnees der gestrigen Nacht ebenfalls nicht ratsam.)
Rifugio Castiglioni alla Marmolada - Passo Fedaia - Malga Ciapela - Malga Ombretta - Rifugio Falier - Passo Ombretta - Rifugio Contrin
Tourenlänge: 21,5 km - Wanderzeit: 6¾ Std - Höhenunterschiede: 1400 m An- und 1300 m Abstieg
07. August 2000
Als wir aufbrechen fegen Wolkenfetzen über die Cima d'Ombretta. Auf dem Gipfel liegt immer noch Schnee. (Wir haben gestern also alles richtig gemacht!) Kurz darauf scheint jedoch die Sonne. Das Regenzeug kann im Rucksack bleiben. Bis zum Passo di San Nicolo (2340 m) mit dem gleichnamigen Rifugio sind es nur 1¼ Stunden.
Vom Passo Nicolo geht es bergauf zu den Hängen des Sass de Roca (2618 m) und Sasso Nero (2601 m). Murmel warnen.
Der Il Collac (2713 m) liegt vor uns. Nach einer Stunde erreichen wir die Forcia Neigra (2509 m) . Drahtseile sichern den felsigen Steig. Später geht es nochmals bergauf. Vor uns breitet sich das Skigebiet Ciampac aus.
An der Bergstation der Ciampacbahn biegen wir links in das Val di Crepa ein. Zur Rechten erhebt sich der La Crepa Neigra (2534 m), der auch im Monument Valley, in Utah, stehen könnte.
Bis Fontanazzo (1395 m) geht es nun stetig abwärts. Erlenbewuchs und später Fichtenbestand umgeben uns. Ganz schön anstrengend.
In Fontanazzo rüsten wir uns mit einer Gemüsesuppe im Albergo Clamoli für den Aufstieg durch das Valle di Dona zum Rifugio Antermoia (2490 m). Ein schöner Forstweg, der später in Serpentinen übergeht, bringt uns in 3½ Stunden ins Rifugio. Für das letzte Stück des Weges zur Schutzhütte müssen wir unsere letzten Reserven mobilisieren.
Nach 9¼ Stunden haben wir es geschafft. Sämtliche Schlafstellen sind belegt. Aber wir hatten ja vorbestellt.
Rifugio Contrin - Passo di San Nicolo - Forcia Neigra - Ciampac - Val di Crepa - Fontanazzo - Valle di Dona - Rifugio Antermoia
Tourenlänge: 20,5 km - Wanderzeit: 9¼ Std - Höhenunterschiede: 1700 m An- und 1250 m Abstieg
08. August 2000
Die Rotwand-Hütte ist unser heutiges Ziel. Wir haben die Route über den Scaletteweg nach Gardeccia und über den Fassaner Höhenweg gewählt. Eine landschaftlich interessante Tour.
Ein kalter Wind bläst uns ins Gesicht. Aber: azurblauer Himmel. Nicht eine Wolke weit und breit. Ein herrlicher Morgen.
Es geht ab dem Schutzhaus - nahe dem östlichen Ufer des Antermoiasees - bis zum Passo di Lausa (2720 m) steil bergauf. Nackter Fels. Durch das Val di Lausa, das mehr einer Hochebene gleicht, wandern wir danach bis zum Passo delle Scalette (2348 m) wieder abwärts. Am Pass klingelt es in Günther's Rucksack. Burgi, meine Frau, erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden.
Danach beginnt die Kletterei. Wir sind auf dem Sentiero Attr. delle Scalette. Drahtseile helfen jedoch auch diesen Klettersteig, der ca. 400 Höhenmeter überwindet, zu meistern. Der Rest auf dem Weg Nr. 583, der Via Larsec, bis Gardeccia ist bald geschafft. Weiter geht es auf dem 540er bis zum Rifugio Ciampedie.
Obwohl Touristen aus der Sesselbahn drängen, lädt das Rifugio zur Rast ein. Wir haben einen herrlichen Blick auf die Ostseite des Rosengartens. Von hier aus startet der Fassaner Höhenweg.
Nach kurzer Pause machen wir uns wieder auf den Weiterweg zur Rotwand-Hütte (2280 m). Bis auf den Schlussanstieg brauchen wir uns nicht weiter anzustrengen.
In der Rotwand-Hütte gibt es kein Fassbier. Ich sitze daher schon bald vor der Baita M. Pederira - gleich neben der Schutzhütte - in der Sonne. Der Trubel legt sich langsam. Günther klettert wohl noch irgendwo im Fels herum. Er ist bei einer Wanderzeit von "nur" 5¾ Stunden noch nicht ausgelastet. Kein Wunder - er wird erst im Dezember 66 Jahre alt. (Wie sich am Abend herausstellt, hat er über die Via ferrata Masare noch schnell die Rotwand mit 2806 m erklettert. Etwa 500 Höhenmeter.)
Rifugio Antermoia - Passo Lausa - Val di Lausa - Passo Scalette - Scaletteweg - Rifugio Gardeccia - Ciampedie - Fassaner Höhenweg - Rotwand-Hütte
Tourenlänge: 15,5 km - Wanderzeit: 5¾ Std - Höhenunterschiede: 600 m An- und 800 m Abstieg
09. August 2000
Gegen Morgen weckt mich sintflutartiger Regen. Es schüttet wie aus Eimern. Wenig später tobt sich ein Gewitter über der Rotwand aus. Blitze zucken. Donner grollt.
Beim Frühstück gießt es immer noch. Den Einstieg in das Latemargebirge mit Übernachtung im Rifugio Torre di Pisa wagen wir daher nicht. Auch der Hüttenwirt rät ab. Das Wetter ist zu unbeständig.
Wir gehen daher nicht talwärts zum Karer Pass, als es aufhört zu regnen, sondern auf dem Hirzelweg - vorbei am Bronzeadler unterhalb der Punta Masare - via Kölner Hütte.
Wir biegen nach Norden ein. Weit in der Ferne glitzern die schneebedeckten Ötztaler und Stubaier Alpen im Morgenlicht. Über dem Latemar hängt immer noch eine dunkle Wolkendecke.
Gleich hinter der Kölner Hütte beginnt der Einstieg in den Fels. Drahtseile helfen über die steile Passage. Danach geht es fast eben unter dem Baumannkamm weiter, um dann in den Santnersteig steil anzusteigen. Die Kletterei bringt durch den Neuschnee der letzten Tage doch einige Probleme. Seile und eine Leiter unterstützen uns. Über uns blauer Himmel.
Nach 2 Stunden Klettern erfrischen wir uns vor der Santnerpass-Hütte. Wir sitzen in der Sonne. Dann ziehen Nebelschwaden aus dem Tiersertal herauf und mahnen zum Aufbruch.
Die Vajolettürme verschwinden im Nebel. Der Abstieg ins Tal erweist sich als sehr beschwerlich. Regen und Hagel setzen ein. In der Grassleitenpass-Hütte (2601 m) suchen wir nach einstündigem Anstieg Schutz.
Am frühen Nachmittag scheint wieder die Sonne. Nach kurzem Ab- haben wir einen kräftezehrenden Anstieg zum Molignonpass (2601 m). Vorbei an der Tierser Alpl-Hütte treffen wir gegen 19.00 Uhr an den Schlernhäusern ein.
Ein letzter Härtetest. Gehzeit: Nahezu 10 Stunden.
Rotwand-Hütte - Hirzelweg - Kölner Hütte - Santnersteig - Santnerpass - Gartl - Vajolet-Hütte - Grassleitenpass - Passo Molignon - Tierser Alpl-Hütte - Schlernhäuser
Tourenlänge: 24 km - Wanderzeit: 9½ Std - Höhenunterschiede: 1600 m An- und 1300 m Abstieg
10. August 2000
Ich stehe früh auf und erlebe ein einmaliges Naturschauspiel: den Sonnenaufgang am Petz (2564 m). Die Sonne strahlt die Bergwelt an. In den Tälern Morgendunst.
Punkt 8.00 Uhr geht es talwärts. Der aufsteigende Nebel hüllt uns ein, als wir auf dem Touristensteig sind. Allerdings nur kurze Zeit. Dann lacht wieder die Sonne.
Nach 3 Stunden sind wir am Auto und wenig drauf auf dem Heimweg.
Schlernhäuser - Touristensteig - Saltner-Hütte - Spitzbühel - Seiser Alpe (Gasthof Frommer)
Tourenlänge: 8 km - Wanderzeit: 2¾ Std - Höhenunterschiede: 200 m An- und 900 m Abstieg
Schlusswort
Nahezu zwei unvergleichliche Wochen in den Westlichen Dolomiten haben mir wieder einmal alles abverlangt, zumal wir es auch mit widrigen Witterungsverhältnissen zutun hatten. Dennoch: die Faszination für diese gigantische Bergwelt wird immer bleiben.
Horst-Dieter Meißner