Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2000/4
NN

Mit Skiern durch das winterliche Lappland

Das Lapplandfieber hatte Brigitte und mich befallen, seit wir vor einigen Jahren während eines Diavortrags des DAV-Summitclubs in Berchtesgaden eine Skidurchquerung des nordschwedischen Lapplandes auf dem "Kungsleden" miterleben konnten.

Dieser "Königsweg" ist Schwedens meistbekannte Wander- und Skiroute. Er ist ein Begriff und natürlich kennt ihn jeder Schwede. Er hat in etwa die Bedeutung eines nationalen Schatzes. Wer sportlich etwas auf sich hält, muß ihn gemacht haben. Zu allen Jahreszeiten bedeutet "Kungsleden" eine Herausforderung. Er verlangt Bereitschaft zu einfachem Leben. Dafür bietet er aber auch Naturabenteuer und -erlebnisse, wie man sie in Mitteleuropa wohl nicht ein zweites Mal finden wird. Die Route ist 450 km lang, 2/3 von ihr befinden sich nördlich des Polarkreises. Sie führt teilweise durch absolutes Hochgebirge, überquert viele Flüsse, riesige Seen, ausgedehnte Sumpfgebiete, Hochmoore und große, natürliche Wälder. Lappland, die letzte Wildnis in Europa, ist das gesamte Gebiet an der Nordkalotte der skandinavischen Halbinsel. Es erstreckt sich über die Grenzen der vier Staaten Norwegen, Schweden, Finnland und Rußland.

Brigitte und ich konnten das "Fieber" letztlich nur durch eine eigene Tour kurieren. Mit dem Flugzeug von Hannover via Stockholm kommend, landeten wir Anfang April d.J. in Kiruna, der Bergbaustadt in der schwedischen Polarzone. Diese Stadt entstand um die Jahrhundertwende, als hier der weltweit größte Untertageabbau von Eisenerz begann. Die größte Eisenerzgrube ist kilometertief, fast 20 Mill. Tonnen Erz werden hier jährlich abgebaut. Dabei sind die Ressourcen mit etwa 2 Milliarden Tonnen noch längst nicht abgebaut. Kiruna hat sich auch als Winterspsortplatz auf Grund hoher Schneesicherheit in Schweden längst einen Namen gemacht. Wir können uns davon während eines Stadtrundgangs überzeugen. Der Schnee liegt teilweise noch meterhoch beiderseits der Straßen, die trotz beachtlichen Gefälles ungestreut sind.

Voller angespannter Erwartungen sitzen wir dann neben unseren sorgfältig gepackten Rucksäcken im Zug, der uns zum Start unserer Tour bringt. Runde 15 kg wiegt jeder, wir haben unsere gesamte Verpflegung für 8 Tage plus Reserve dabei. Wir sind Selbstversorger. Ob und welchen Proviant wir eventuell ergänzen können, das wissen wir nicht. Ich setze auch dieses Mal voll auf Brigittes inzwischen bewährte Fähigkeit einer Proviantmeisterin. Der Speiseplan für die abendlichen Hauptgerichte enthält eine abwechslungsreiche Mischung aus kalorienreichen Globetrotter-Fertiggerichten. Für das Frühstück ist Müsli und Porrigde vorgesehen, Milchpulver macht's möglich. Angereichert mit gehackten Nüssen, Mandeln und Trockenfrüchten gab's dann manchmal sogar ein "Edelfrühstück".

Nach 1 ½ Std. sind wir am Start in Abisko, einer kleinen Station des schwedischen Touristikvereins, dem Beginn unserer Skitour auf dem Kungsleden. Wir sind in Lappland, ein Land, das einst den Samen eine Heimat war. Sie, die Urbevölkerung des Nordens, lebten hier lange vor allen anderen einst friedlich von Rentierzucht. Ihr Land kannte keine klare Abgrenzung, es brauchte sich gegen niemanden territorial zu verteidigen, denn die Erde gehörte allen Lebewesen. Von ihrer einstigen Freiheit ist ihnen heute wenig geblieben.

Ich gehe hinter Brigitte und sehe von ihr nur noch zwei Arme mit Skistöcken, ihre Beine und die Ski, die über den Schnee kratzen. Ihr Kopf und Rücken sind hinter dem großen Rucksack verborgen. Sie gibt das Tempo an, findet ihren Rhythmus anscheinend immer schnell. Ich muß dranbleiben. Aber der Schnee ist hart, vom Wind blankpoliert, das Gelände ist naturbelassen. Der Anstieg ist lang, zu steil, um ihn direkt anzugehen. Deshalb geht's entweder schräg parallel im Bogen oder Fischgrät. Ich habe Probleme mit den Schuhen, kann nicht genügend aufkanten. Die Schuhe sind eben keine Maßanfertigung, hätte ein zweites Paar Socken mitnehmen sollen. Hinter einer buschigen Birke, dem einzigen Schutz vor dem kalten Wind, wartet Brigitte auf mich. Wir stärken uns erst einmal mit heißem Tee. Auf der weiten Hochfläche kommen wir an etlichen kleinen Hirtenkottas vorbei, vermutlich einem Weidegebiet für die Rentiere. In einem Birkenwäldchen treffen wir später noch auf große, etwa einen halben Meter im Schnee eingesunkene Trittspuren. Wir wundern uns darüber, wer sich in diese polare Landschaft gewagt haben mag. Dann erkennen wir nach genauerem Hinschauen, daß es ein Elch war, der seine tiefen Abdrücke hinterlassen hat. Die Schneedecke präsentiert uns im Verlauf der Tour noch viele Abdrücke von Vertretern der Fauna, die hier heimisch ist, wie Schneehase, Marder und Hermelin. Auch auf Spuren des Luchs stoßen wir verschiedene Male. Keines der Tiere bekommen wir jedoch zu sehen, da sie ja nachtaktiv sind.

Unsere Tagesetappen liegen bei 15 bis 25 km, wobei die Aufstiegshöhenmeter zwischen 270 und 390 variieren. Mit topografischen Karten des schwedischen Landesvermessungsamtes ausgerüstet, finden wir immer unsere Route. Eine Hütte zu erreichen ist schön. Man hat sie sich verdient, sozusagen als Lohn nach stundenlanger Anstrengung. Kein anderer Platz kann einem in diesem Augenblick mehr bedeuten. Wenn noch Rauch aus ihrem Schornstein quillt, weiß man, daß sie warm ist. Das Feuermachen bleibt einem dann erspart. Die ankommenden Skitourengeher begrüßen sich freundschaftlich mit "Hey". Die Hütten sind bis auf wenige unbewirtschaftet, aber mit guten Propangasherden ausgestattet. Wasserversorgung, Verfügbarkeit von Brennholz, Abwasch und Reinigung sind Gemeinschaftsarbeit. Ohne besondere Worte erledigt jeder das, was gerade erforderlich ist. Trinkwasser wird in sauberen Nirostaeimern aus einem eigenen Wasserloch der meterdick zugefrorenen Seen geschöpft. Das Brennholz wird vor der Hütte selbst gesägt und zerhackt. Der Letzte muß, bevor er morgens aufbricht, dafür Sorge tragen, daß ein genügender Vorrat an Brennholz beim Ofen bereitliegt. Er muß sich vergewissern, daß die Wassereimer gefüllt sind, damit die Neuankommenden sogleich alles vorfinden. Die Küchen sind mit allem Geschirr ausgerüstet. Seinen eigenen Schlafsack hat jeder dabei. Es fehlt jedoch elektrisches Licht, was aber niemand vermißt. Kerzenlicht schafft umso heimeligere Stimmungen.

Wenn wir morgens aufbrechen, fühlen wir uns stark und wohl, obwohl das Thermometer neben der Hüttentür 10° unter Null anzeigt. Es ist ein schönes Gefühl, den Rucksack auf den Schultern zu haben. Er ist inzwischen ein Teil unserer selbst, er wärmt uns.

Am Tjäktjatjakka-Paß, der mit 1150 m der höchste Punkt des Nördlichen Kungsleden ist, taucht aus dem Nebel urplötzlich das Dach einer "Winskydd" auf. Es ragt aus dem Schnee wie ein spitzes, hölzernes Zelt. Sie ist eine Notunterkunft, ein Schutz gegen Schneestürme. Wir schauen nur kurz hinein. Der Raum ist finster und kalt, für den Ofen ist kein Brennholz da.

Nun liegen etwa 400 Hm Abfahrt vor uns. Es ist wir immer, wenn es irgendwo hinuntergeht, kaum ist die Anstrengung des Aufstiegs überwunden, schon kehren die Kräfte zurück. Der Rucksack hat mit einem Mal Flügel, er bremst nicht mehr, er schiebt voran. Doch geblendet vom diffusen Licht, das ohne Schatten zu werfen von überall herkommt, kann ich keine Konturen im Schnee mehr erkennen. So wirft's mich urplötzlich um, und ich liege neben einer Schwedin, die gerade im Begriff ist, sich mit ihren verkreuzten Skiern aus dem tiefen Schnee auszubuddeln.

Auf derAlesjaurestugorna (Hütte) kommen wir zu einem ganz unerwarteten Tourenerlebnis, saunieren in der Wildnis. Wieder in Gemeinschaftsarbeit wird die Sauna angeheizt und etliche Eimer Wasser aus einem tiefer gelegenen See zum abseits liegenden Saunahüttchen geschafft. Dann genießen wir zu fünft, 2 Frauen und 3 Männer nach einem anstrengenden Tourentag die wohlverdiente Entspannung.

Am nächsten Tag brechen wir als einzige erst um 10.30 Uhr auf. Lange haben wir überlegt, ob wir die Hütte bei dem schlechten Wetter verlassen sollen. Der Sturm, der ortstypisch plötzlich hereingebrochen ist, kommt genau von vorne. Er bläst uns Schneekristalle ins Gesicht, die auf der Haut wie Sand schmerzen. In kurzer Zeit sind wir schnee- und eisverkrustet. Die Orientierung wird zeitweilig problematisch, da wir die Markierungen kaum noch erkennen können. Zwei Schneescooter tauchen vor uns auf, mit dickvermummten Gestalten. Aber kaum haben wir sie wahrgenommen, hat das "Whiteout" hinter uns sie mit ihren röhrenden Motoren auch schon verschluckt. Wir müssen uns manchmal buchstäblich gegen den Sturm anstemmen. Dann taucht um 15.30 Uhr endlich die Tjäkta-Hütte aus dem Weiß auf, sie ist vom Schneesturm fast zugeweht. Wir sind doch froh, sie zu erreichen. Im Verlauf des Abends wird der Gang zum Häuschen mit dem Herzen zu einem Unternehmen in voller Sturmausrüstung.

Je näher wir dem Kebnekaise-Gebiet kommen, desto alpiner wird die Kulisse. Kolossale Felswände ragen bis zu tausend Meter neben unseren Spuren in den Himmel. Hängegletscher und gefrorene Wasserfälle schaffen eine grandiose Hochgebirgsszenerie. Der Kebnekaise ist mir 2114 m der höchste Berg Lapplands und Schwedens überhaupt. "Kebne" heißt Kessel, und "Kaise" ist die Bezeichnung für einen steilen Berg. Wir erinnern uns an die Geschichte von den Wildgänsen, mit denen Nils Holgersson zum Kebnekaise flog.

Von der kleinen Singi-Hütte starten wir dann eines frühen Morgens alleine bei ruhigem Wetter. Unsere Ski deponieren wir leider viel zu früh in Unkenntnis über das Gelände. So müssen wir noch ein beträchtliches Stück über immer steiler werdende Hänge aufsteigen. Um 13.00 Uhr erreichen wir die Toppstugan, eine Schutzhütte auf 1900 m Höhe. Wir können sie als solche kaum erkennen, weil sie mit meterdicken, bizarren Eisgebilden total überzogen ist. Es ist kalt und feucht an diesem exponiertesten Ort Lapplands. Der Südtoppen, der höchste Punkt des Kebnekaise, ist inzwischen von dichten Nebelwolken eingehüllt. Wir verzichten auf den weiteren steilen Aufstieg. Dafür genießen wir eine zwar durch die herabsinkenden Wolken eingeschränkte, aber immer noch fantastische Aussicht auf die vielen Gipfel des Massivs. Dabei müssen wir wieder an die Geschichte von Nils Holgerssons wundersame Reise mit den Wildgänsen denken. Am späten Nachmittag sind wir in der Singi Hütte groggy und durstig. 1395 Hm im Aufstieg und ebensoviele Abstiegsmeter mußten wir bewältigen und dabei 24 km zurücklegen.

Den Abschluß unserer Skitour können wir noch einmal richtig genießen. 20 km geht es durch eine weitläufige Tallandschaft zuerst rasant, dann gemächlich abwärts. Wie zu Anfang unserer Tour hat Brigitte die Führung. Über den kilometerlangen Laddjujarvi-See gleiten wir ohne Proviant in den Rucksäcken dahin. Sie fliegt ja förmlich, denke ich. Durch ein ausgedehntes Birkenwäldchen erreichen wir unsere Busstation in Nikkaluokta. Von hier fahren wir wieder zurück nach Kiruna.

Immer in Erinnerung bleiben wird uns die wohltuende Stille in der weiten weißen Winterwelt Lapplands.

Helmut Kähler

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.19. November 2000