Nein, eigentlich treibt es Kinder nicht so in die Berge wie uns Große. Sie wollen spielen, herumrennen, malen, basteln, einfach für den Augenblick leben. Eine fantastische Bergkulisse ist da mehr als zweitrangig. Und dennoch: Wir, 2 Familien der Hochtourengruppe, mit 5 Erwachsenen und 4 Kindern wagten die Teilnahme an der Gruppenfahrt nach Pontresina im August 2000.
Die erste Woche versanken wir, gemeinsam mit dem Rest des Alpenkammes in Regen und Schnee (Winter ab ca. 2200m). Die Aktivitäten aller Bergurlauber waren entsprechend eingeschränkt. Wir besuchten das Schwimmbad, andere das Dorfmuseum; Spiele in der Ferienwohnung oder im Zelt bzw. im Aufenthaltsraum des Campingplatzes (ja, wir hatten mit unseren 3 Kindern die kostengünstige Unterbringung auf dem wunderschön gelegenen Campingplatz Morteratsch, einige Autominuten südlich von Pontresina, gewählt). Die gemeinsamen Aktivitäten mit der HTG beschränkten sich auf gelegentliches miteinander telefonieren oder Treffen beim Einkaufen gehen. Bergprogramm bei Schlechtwetter ist immer schwierig. Doch die zweite Woche wurde besser; und hier zeigt sich, dass wir Familien doch eleganter mit den äusseren Bedingungen zurechtkamen als der andere Teil der HTG. Denn die Berge waren immer noch tief verschneit, über 3000 mwar fast nichts möglich - aber die 2 Familien konnten ein "normales" Bergprogramm durchziehen: mittels Aufstiegshilfen (Zahnradbahn, Bus, Eisenbahn, Seilbahn, Sessellift) gelangten wir stets rasch auf die Höhe, unterhalb der Schneegrenze, und setzten von dort unsere Ausflüge als Höhen- oder Bergabwanderung fort. Ausgiebige Pausen, mit Spielen am Bach, an den Felsen, Erkundungen der Umgebung oder Spurensuchen lockten die kleinen Wanderer. "Der Weg ist das Ziel" dieser schon klassische Satz von Reinhard Karl bewahrheitete sich wiedermal. Die großen Jungs, Benjamin und Sebastian (10 bzw. 7 Jahre) liefen mitunter auch schon den Erwachsenen davon, die Kleinen, Kati und Max (4 bzw. 3 Jahre) motivierten sich teils gegenseitig, teils durch nie-versiegende Vorräte von Gummibärchen, Müsliriegeln, Traubenzucker oder endlose Geschichten des Begleitpersonals. Beim Höhenweg von Muottas Muragl zur Alp Languard (die HTG versank im Schnee am Piz Languard) oder beim Ausflug in das Val Fex, mit einer Extra-Bergbesteigung von Klaus und Benjamin, stets konnten wir die Kulisse des Berninahauptkammes in weisser Pracht, mal von Osten, mal von Westen geniessen. Solchermaßen motiviert , beschlossen die Tourenplaner die Besteigung eines "richtigen" Berges, des Piz Campasc, ca. 400 Höhenmeter über dem Berninapass. Ein kleiner Pfad schlängelte sich durch Wiesen, Weiden, über Felsplatten und am Schluß eine steile Bergflanke hinauf (Gemsensteig), auf der nicht nur die Kinder ihre Hände zuhilfe nehmen mussten. Oben wehte der Wind, Schokolade und Wurst schmeckten gut und die Väter beäugten mißtrauisch die dunklen Wolken, die aus Italien herüberzogen. Die ersten Regentropfen trieben uns abwärts; Michael und Rita waren heilfroh, dass Max auf dieser Tour nicht dabei war, Klaus konnte erst durchatmen als die Seinen alle wohlbehalten wieder am Auto waren."Einfache Wanderung" als Beschreibung im Engadiner Tourenführer war also auch - kindermäßig - mit Vorsicht zu interpretieren. Rückfahrt im Regen, in Pontresina schien dann wieder die Sonne.
Unternehmungen im Tal waren z.B. der Besuch einer Käserei mit Verkostung, ein Ausflug zum Stazer Waldsee zwischen Pontresina und St.Moritz oder die Fahrt mit der Albulabahn. Eindrucksvoll für Groß und Klein auch der Spaziergang zum Morteratschgletscher: am Fluss entlang, über Steinblöcke kraxeln und am Schluss mit Klettergurt, Steigeisen und Pickel ausgerüstet auf dem aperen Gletscher zur Spalten- und Gletscherbachbesichtigung. Wie staunten da die zahlreichen Nur-so-Touristen, die den steinigen Weg in Sandalen oder Stöckelschuhen angestolpert kamen. Später durfte man noch in der Sonne dösen, Steine sammeln und zerstreuen oder eispickeln, um den schwindenden Gletscher noch weiter zu verkleinern (momentaner Rückgang: 4-8 m pro Jahr- ohne Zutun von Kinderhänden); als Abschluss ein paar Seillängen im Klettergarten Morteratsch rundeten den "Ruhetag" ab.
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Familiengruppe an der Corvatsch-Bergstation
(3300m)
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Einen landschaftlichen Höhepunkt bildete sicher die kombinierte Überquerung des Rosatschkammes: Kombiniert, weil (fast) alle Verkehrsmittel eingesetzt wurden. Zuerst der Linienbus von Pontresina nach Sils, weiter mit der Seilbahn auf die 3300 m hohe Bergstation Corvatsch in den Schnee.
Wieder zurück zur Mittelstation Murtel und von dort zu Fuß zum Bergrestaurant Fuorcla Surlej (2700 m). Einer der fotogensten Aussichtsbalkone auf die Bergketten von Palü und Bernina. Das Bilderbuchwetter gehörte dazu. DerAufbruch von dort fiel uns schwer, denn 750 m bergab können nicht nur für kleine Füße lang sein; aber als Trost begleitete uns noch ca. 3 h die Aussicht auf die Bergmassive der weißen Riesen: anfangs zu Fuß hinab ins Rosegtal und dann weiter mit der Pferdekutsche bis Pontresina. Die Nähe von "Königin Bernina" und ihrer Trabanten so lange vor Augen weckte Sehnsucht bei den Vätern. Die Verhältnisse waren inzwischen gut und diese Sehnsucht konnte dann in der letzten Woche, als richtige Hochtouren-Gruppenveranstaltung, gestillt werden.
Ausklang und Abschluß bildeten am allerletzten Sonnentag der Ausflug zur Paradishütte, ca. 600 m hoch über Pontresina, an der noch ein Trio der HTG teilnahm. Dort oben verzehrten wir nicht nur eine größere Menge Kuchen (von der Wirtin selbst gebacken und im Rucksack hochgetragen) und Eis, sondern auch die letzte "paradiesische" Aussicht auf Palü und Co - mussten doch die Eindrücke nun für ein Jahr halten... bis uns dann dunkle Wolken zum Aufbruch gemahnten. Abstieg durch einen herrlichen Lärchen- und Fichtenwald oder per Sessellift, Auseinandergehen, Auflösung der Gruppe und Heimfahrt in den darauffolgenden Stunden und Tagen.
Um der Bezeichnung Gruppenfahrt der Familien- (und Hochtourengruppe) gerecht zu werden,
fehlte vielleicht noch die eine oder andere Familie. So war es ein schöner Bergurlaub von 2 Familien am kinderfreundlichen, aber teuren Urlaubsort. Vielleicht gibt es ja in den kommenden Jahren ein paar mehr Interessenten - wenn man sich früh genug zusammensetzt
kann ja auch eine gemeinschaftliche Unternehmung daraus werden....
Klaus Steube