Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2000/4
Hochtourengruppe

Fast im Schnee versackt

Diesen Sommer wollten wir unsere ersten Hochtouren zusammen mit der Hochtourengruppe in der Bernina-Gruppe unternehmen. Olaf Schröder hatte sich vorgenommen, den Ausgangsort Pontresina zu Fuß von Meran aus zu erreichen. Dort würde er nach einer Woche mit den anderen Gruppenfahrtteilnehmern, die zum Teil erst dann anreisten, zum Teil auch schon eine Woche in Pontresina weilten, zusammentreffen. Nach zuletzt drei Tagen Regenwanderung mußte er jedoch einen Tag vor dem geplanten Treffen feststellen, als er morgens in der Refugio Chaschauna aufwachte, daß sich der Regen in Schnee verwandelt hatte. Die Schneegrenze lag etwa bei 2300 m. Der Weg über die Berge war durch knietiefen Schnee und schlechtes Wetter versperrt. So blieb nur der Umweg durch die Täler. Abends traf Olaf dann mit Klaus, Ilse, Benjamin, Sebastian und Katharina Steube,Rita, Michael, Max und Oma Leni Krech,Lisel und Jürgen Koziol,Edith und Horst Rose, Ute und Akki Schröder, Kerstin Borgfeld, Monika Schulitz, Gerhild Jüttner, Peter Bornhorn, Ute Rabenstein, Helmut Meineke und Andrea Moldenhauer zusammen. Das freudige Wiedersehen wurde allerdings dadurch getrübt, daß die geplanten Hochtouren bei dieser Schneelage vorerst nicht möglich waren.

Nach einem weiteren verregneten Tag und einem Spaziergang ins mondäne St. Moritz wurden nun kleinere Ziel angestrebt. Am ersten sonnigen Tag war das Ziel der gesamten Hochtourengruppe die Fuorcla Pischa. Doch der Weg dorthin war für die Einzelnen recht unterschiedlich. Das erste Stück des Weges konnte wahlweise erwandert oder auf dem bequemeren Weg mit dem Sessellift erreicht werden. An der Bergstation trafen dann auch alle zeitgleich ein, um sich kurz darauf wieder zu trennen. Der größte Teil der Gruppe wählte den Weg durchs Tal mit steilem Schlußanstieg zum Paß, während Ute, Gerhild, Peter und wir erst den Weg Richtung Piz Languard einschlugen, um später auf dem Höhenweg direkt zum Paß zu gelangen.

Der zuerst noch schneefreie Weg verschwand zusehends, doch war er auch unter dem Schnee als Stufe im Hang gut zu erkennen. So spurten wir den ersten Teil des Weges. Als wir an der Abzweigung zum Piz Languard ankamen, trennten sich unsere Wege abermals. Ute und Peter gingen direkt zum Paß, wo sie mit der Gruppe, die den Talweg genommen hatte und nunmehr mühsam durch tiefen Schnee nach oben stapfte, wiederum zeitgleich eintrafen - perfektes Timing!

Zu dritt wollten wir dann versuchen, den Gipfel oder zumindest die 60 m tiefer liegende Georgyhütte zu erreichen. Zum Glück überholte uns noch eine Schweizer Familie, die den Weg wohl gut kannte, denn nach kurzer Zeit hätten wir ihn nicht mehr zwischen den tief verschneiten Geröllblöcken erkennen können. Obwohl schon die Spur getreten war, sackten wir immer wieder z.T. hüfttief ein. Letztlich erreichten wir doch die auf 3200 m gelegene Hütte. Der teilweise versicherte und normalerweise schneefreie Weg zum Gipfel war noch nicht gespurt und sah uns bei diesen Verhältnissen auch zu gefährlich und beschwerlich aus. So stiegen wir nach einem Tee wieder ab, wobei uns jetzt Scharen von Wanderen entgegenkamen, Weiter unten folgten wir dann Utes und Peters Spuren - allerdings ohne die geringste Aussicht, sie wieder einzuholen.

Von dem beschwerlichen Gehen im tiefen Schnee abgeschreckt, suchten wir für die nächsten Tage nach geeigneteren Zielen. Da sich die Südseiten der Berge nördlich des Inns schnell fast schneefrei zeigten, beschlossen wir mit Gerhild, zuerst den Piz Ot (3246 m) zu erreichen. Die Schneegrenze lag jetzt schon deutlich höher und auch die Schneehöhe war geringer. Im oberen Teil waren die Wegmarkierungen zwar verdeckt, jedoch eine gut ausgetretene Spur führte uns problemlos zum Gipfel, wo wir bei herrlichstem Wetter die Aussicht besonderes auf die Berninagruppe genießen konnten. Beim Abstieg legten wir nochmal kurz die 400 Höhenmeter zum Gipfel des Piz Padella (2884 m) zurück, der sich zwischen St. Moritz und der Gipfelpyramide des Piz Ot (da oben waren wir gerade noch?) erhebt.

Andrea und Gerhild beim Aufstieg zum Piz Julier
Andrea und Gerhild beim Aufstieg zum Piz Julier
Foto: Olaf Schröder

Am nächsten Tag stand der Piz Julier (3.380 m) auf dem Programm.Der Weg führte vom Inntal aus erstmal zur 1000 m höher gelegenen Scharte zwischen Piz Julier und Piz Albana. Mit Andrea vorneweg erreichten wir sie in gut zwei Stunden. Weit und breit waren keine anderen Wanderer zu sehen. Von der Scharte aus führte der Weg teils sehr ausgesetzt (und mit Drahtseilen versichert) auf dem Südgrat Richtung Gipfel. An den Stellen, an denen der Weg westlich unterhalb des Grates verlief, waren die Schneereste stark verharscht, so daß wir mit größter Vorsicht gehen mußten. Kurz unterhalb des Gipfels teilte sich die Spur, eine gradeaus, eine rechts zum Berg hoch. Da wir ja nach oben wollten, wählten wir die rechte, die uns scheinbar gerade und steil zum Gipfel - einem kleinen Vorgipfel brachte. Dort sahen wir den richtigen Weg 15 m unter uns zum richtigen Gipfel laufen. Nach einigen Überlegungen einigten wir uns darauf, das kleine Stück abzuklettern und erreichten kurz danach den Piz Julier. Durch unseren kleinen Umweg hatten uns nun schon die ersten Gipfelanwärter

eingeholt, was uns aber nicht davon abhielt, in Ruhe die Aussicht zu genießen. Nach langer Pause machten wir uns wieder auf zum Abstieg. Der Schnee war durch die ungetrübte Mittagssonne mittlerweile so weich geworden, bzw ganz verschwunden, daß der Abstieg keine Probleme mehr bereitete.

Nach dieser Woche hatten sich die Schneeverhältnisse (und auch unsere Kondition) soweit verbessert, daß nun endlich doch einige Hochtouren möglich wurden. Piz Morteratsch und Piz Palü wurden ins Visier genommen.

Am Sonntag stiegen Ute, Kerstin, Gerhild, Jürgen, Helmut, Michael, Peter, Klaus, Olaf und Andrea in mehreren Gruppen begleitet von Lisel, Ute und Akki, die eines unserer Seile trugen und abends wieder nach Pontresina zurückkehrten, von Morteratsch (1896 m) zur Bovalhütte (2495 m) auf. Bei herrlichstem Wetter belegten die ersten die Lager und erkundeten den Teil desWeges, der am kommenden Morgen noch im Dunkeln zurückgelegt werden sollte. Um 18:00 Uhr fanden sich dann auch die letzten Nachzügler zum hervorragenden Abendbrot ein. Den Nachtisch könnte man phantasielos als Birne Helene bezeichnen, doch was da über unsere, mit Schokoladensoße gefüllten Teller huschte, sah kleinen Mäuschen verblüffend ähnlich. Danach wurden noch die Seilschaften festgelegt, und um 22:00 Uhr lagen wir alle in den Schlafsäcken.

Geweckt wurden wir am nächsten Morgen um 4:00 Uhr ziemlich unsanft: Licht an - GUTEN MORGEN! Etwa 60 Leute auf der Hütte sprangen aus den Lagern; schnell ein wenig Wasser ins Gesicht (oder auch nicht), anziehen, Rucksack zu Ende packen, frühstücken, Stirnlampe auf, und um 5:00 Uhr brachen wir auf. Im Dunkeln kraxelten wir den ausgetretenen Pfad über Grasmatten und Geröll hinauf. Nach kurzer Zeit mußten wir uns von Jürgen trennen, der uns alleine weiter schickte. Seine Kondition reichte nach der Operation noch nicht wieder für eine lange Tour.

Über Schneefelder und steiles Geröll kamen wir nach zwei Stunden an ein ca. 200 m hohes Felsstück, über das wir in leichter Kletterei zum Paß zwischen Piz Morteratsch und Piz Boval gelangten. Jetzt ging es richtig los: Klettergurte und Steigeisen anlegen, Karabiner, Eisschrauben und Prusikschlingen griffbereit halten und anseilen, falls unter der ausgetretenen Spur sich doch noch eine Getscherspalte auftun sollte. Dann stapften wir durch viel Schnee Richtung Gipfel.

Ein steiler Schneehang ließ uns nochmals richtig pusten, doch wir kamen gut voran und erreichten um 11:15 Uhr freudig den Gipfel des Piz Morteratsch (3751 m).

Am Rathaus
... und erreichten um 11.15 Uhr freudig den Gipfel des Piz Morteratsch (3751m)

Eine halbe Stunde Gipfelrast mußte reichen, um sich zu beglückwünschen, Gruppenfotos zu machen, die Aussicht zu genießen und sich zu stärken. Da wir mit die Letzten auf dem Gipfel waren, wollten wir die Pause auch nicht weiter ausdehnen. Dies erwies sich als günstig, da sich das Felsstück im Abstieg doch schwieriger zeigte, als beim Aufstieg angenommen. So seilte ein Teil der Gruppe Stück für Stück ab und wir kamen erst um 16:00 Uhr teils in guter Stimmung, teils ziemlich geschafft an der Bovalhütte an.

Etwa die Hälfte der Gruppe stieg nach einer kurzen Pause gleich weiter ab. Die anderen bummelten noch vor sich hin, genossen die Sonne und brachen erst deutlich später auf. Kurz unterhalb der Bovalhütte fiel Klaus ein, daß es nett wäre, in Pontresina noch ein Bier fürs Abendbrot zu kaufen und damit den Gipfelerfolg zu begießen. Dazu mußte jedoch der Zug in 50 Minuten erreicht werden, die normale Gehzeit betrug aber fast die doppelte Zeit. Also schaltete Michael für die 550 Höhenmeter bergab mit anschließendem langen Flachstück den Viergangantrieb ein, und der Rest eilte im Laufschritt hinterher. Leider kamen wir ca. 5 Minuten zu spät an, jedoch konnten wir freudig feststellen, daß der Zug 20 Minuten Verspätung hatte und wir so zum Abschluß des schönen Tages doch noch zum Einkaufen kamen.

Am Tag nach der Morteratsch-Tour wollten wir den Piz Palü besteigen. Die Gruppe war mit den Gipfelstürmern des Morteratsch identisch, nur daß Klaus sich wieder seiner Familie widmete. Am Dienstag war Aufstieg zur Diavolezza Hütte (2973 m), d.h. fast alle fuhren mit der Seilbahn, Andrea und Gerhild wanderten und Olaf joggte hoch. Der Rest des Tages gestaltete sich wie vor zwei Tagen: Weg erkunden, Abendsonne genießen, leckeres Abendessen (jedenfalls die Kräuterspagetti mit viel Parmesan) und Hüttenruhe um 22:00 Uhr .

Das Aufstehen um 4:00 Uhr machte schon keine Probleme mehr und so starteten wir um 5:00 Uhr in guter Stimmung. Der Weg führte bei fast vollem Mond über Felsgestein um den Piz Trovat herum, und in der Morgendämmerung erreichten wir den Persgletscher. Nach dem Anseilen folgten wir den Spuren erst über ein flaches Stück, dann gleichmäßig ansteigend durch den verschneiten Gletscherbruch. Erstaunlicherweise mußte keiner während des Aufenthaltes auf dem Gletscher austreten - dafür gab es einige Stopps für Müsliriegel, Jacke an, Jacke aus, Gamaschen anziehen, Fotos machen, Nase eincremen,... . Das wurde dann auch von Helmut mit einem " könnt ihr nicht einmal fünf Minuten durchgehen" kommentiert.

Trotz all dieser Schwierigkeiten erreichten wir um kurz nach 11:00 Uhr den Ostgipfel des Piz Palü (3882 m). Die Hälfte der Gruppe verzichtete auf die Gipfelpause und wagte sich noch über den sehr schmalen Grat zum Hauptgipfel (3901 m). Wir hatten einen grandiosen Rundblick und freuten uns über diesen Gipfelerfolg.

Da aus den südlichen Tälern schon einige Wolken langsam auf uns zuzogen, machten wir uns bald wieder auf zum Abstieg. Es zeigten sich schon mehr Spalten als beim Aufstieg, aber diesmal verlief der Abstieg schnell und problemlos. Am frühen Nachmittag wurden wir von Jürgen der wieder vorzeitig umgekehrt war, bei der Diavolezza-Hütte in Empfang genommen und beglückwünscht. Der größte Teil der Gruppe fuhr mit der Seilbahn ins Tal. Aber Olaf überredete Gerhild und Andrea, noch die 1000 Höhenmeter über die aperen Pers- und Morteratschgletscher abzusteigen, um der Tour noch einen schönen Abschluß zu geben.

Letztendlich sind wir doch nicht im Schnee versackt und konnten zwei schöne Hochtouren unternehmen, weitere waren auf Grund der Schneelage nicht möglich. Doch dafür wurden wir durch einige Touren zu nicht ganz so hohen Zielen bei schönstem Wetter mehr als entschädigt.

Andrea Moldenhauer + Olaf Schröder

 

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.19. November 2000