Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2001/1
Hochtourengruppe

Via ferrata dei Finanzieri

18.September 2000 - Die zweite Woche unseres Dolomitenaufenthaltes ist angebrochen. Wolfgang hält uns nun für gut trainiert und hat auf seinen Plan schwierigere Touren gesetzt..

An diesem Tag ist die Via ferrata dei Finanzieri vorgesehen, ein Klettersteig, der laut unseren meist gut informierten Experten 1980 für Finanzbeamte angelegt wurde, um deren Physis und Psyche zu trainieren.

Von Alba im Fassatal (1.517 m) geht eine Seilbahn zum Ciampac-Almkessel (2.070 m). Von dort führt der Klettersteig auf den Colac, einem 2.715 m hohen Dolomitfelskamm. Es sind also mit eigener Kraft nur 645 m Höhenunterschied zu bewältigen.

Am Vorabend entdeckt Thea in ihrem Führer, daß die Seilbahn seit zwei Tagen ihren Sommerbetrieb eingestellt haben soll. Das läßt aber das Häuflein der Sieben, die sich für die Tour entschieden haben, nicht abschrecken: Bei dem guten Wetter könnte die Betriebszeit verlängert sein, zur Not könnte auch ein Großtaxi gemietet werden. Also machen sich Wolfgang Watteroth, Helmut Meineke, Alfons Otto, Horst Rose, Frobald Wüstner, Jürgen Koziol und die Verfasserin dieser Zeilen optimistisch auf den Weg.

Alba wirkt am Morgen wie ausgestorben, die Hotels geschlossen, die Seilbahn im Reparaturzustand. .........Ein Einheimischer klärt uns auf, daß zur Bergstation kein Großtaxi fahren kann. Die Straße ist lediglich für Landrover befahrbar. 600 Höhenmeter haben wir also zusätzlich zu leisten - etwas Warmlaufen vor dem Klettern.

Die Straße führt steil aufwärts ohne Serpentinen, mit nur leichten Kurven und ohne abkürzende Verbindungswege. Die Steilheit kommt uns erst richtig zum Bewußtsein, als wir nachmittags wieder hinunter müssen. Die Temperatur ist recht kühl, trotzdem kommen wir ins Schwitzen.

Oben im Ciampac-Kessel hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Es gibt keine Schottergrube mehr, die für Wolfgangs Wegorientierung wichtig ist, dafür aber einen gut ausgeschilderten botanischen Lehrpfad, der evtl. auch zum Klettersteig führen könnte. Unser pensionierter Finanzbeamter erkennt gleich die Verschneidung, an der wir hoch müssen. Ein Jeepfahrer bestätigte die Richtung.

Heftiger Wind kühlt uns im Schatten der Nordwestwand schnell ab. Das Angurten gestaltet sich teilweise kompliziert angesichts klammer Finger. Einige haben sich frische Hemden angezogen, wir anderen vertrauen auf das rasche Trocknen der Funktionswäsche und machen uns schon etwas Bewegung, bevor es losgeht.

Der Steig verläuft an der NW-Flanke des Colac. Er ist im unteren Teil etwas feucht. Die Seilführung ist fast durchgängig und sehr straff. Es geht steil nach oben, einmal etwas links, ein anderes mal etwas rechts um die Felsgebilde herum, so daß man nur bei seltenen Durchblicken erkennen kann, wo die vorderen und nachfolgenden Kletterer sind. Der Blick nach oben beschert ständig neue Felswände, teils überhängend, teils schroff und rissig.

Im unteren Teil versuche ich, ohne Hilfen zu klettern, gebe aber bei den schwierigeren Passagen der Sicherheit Vorrang und klinke ständig die Karabiner ein.Wenn man sich mit links sichern will, klebt die rechte Hand am Seil, und so zieht man sich eben damit hoch. Es geht schnell und unkompliziert. Das richtige Verhalten ist es wohl nicht. Kitzelig ist es an einer Stelle, die der Klettersteigführer als "eine sehr luftige, teils vorspringend versetzte Leiterreihe" beschreibt, die Schlüsselstelle dieses Steiges. Auf Eisen habe ich sowieso das Gefühl, schnell abrutschen zu können. Also bin ich hier sehr, sehr vorsichtig.

Danach geht es in etwas steinschlagverdächtiges Gebiet. Prompt kommt auch ein Stein geflogen, prallt auf meinen Rucksack und danach dicht an Helmuts und Alfons Kopf vorbei. Das gibt uns zu bedenken, daß es besser ist, auch in leichten Passagen bei gutem Griff am Seil die Karabiner einzuhaken.

An Querbändern lagern neue Drahtseile, Reste von abgesägten alten Haken zeugen von der kürzlichen Erneuerung und Veränderung des Steiges (dei Finanzieri !!).

Auch die längste Wand ist einmal zu Ende, und nachdem wir die ganze Zeit auf der Schattenseite geklettert sind, empfängt uns der Gipfel mit Sonne, Wärme und einem herrlichen Rundumblick. Die Marmolada zeigt sich aus einem ganz neuen Blickwinkel und fast zum Greifen nah. Dort hinauf möchte ich auch noch gehen.

Nach einer Stärkung mit Dohlenfütterung und den obligaten Gipfelfotos geht es wieder hinunter. Der steile und manchmal glatte und schuttige Abstieg, anfangs auch mit Seilen gesichert , führt nach Osten hinab, wieder hinauf zu einer Scharte und dann auf einem Grashang hinunter zum Almgrund mit zwei Hütten - hurra, eine ist noch geöffnet - und der Seilbahnstation. Nach einer kurzen Einkehr und einem großen Radler nehmen wir den steilen Schotterweg zurück nach Alba in Angriff. Es erfordert volle Aufmerksamkeit, sich kontrolliert und ohne folgenschweren Ausrutscher nach unten zu bewegen. Am Ende der Tour treffen wir, wie anfangs auch, auf eine italienische Gruppe. Sie war auf dem Wanderweg ins Contrintal zur dortigen Hütte abgebogen. Trotz Sprachverständigungsproblemen erkundigen sie sich nach unsere Tour und sind voller Bewunderung ob unserer Leistung. Dürfen wir also stolz sein!

Nebenbei: Im Kletterführer von H. Kammerer ist der Steig in der Kategorie E (Skala A bis F); dabei technische Schwierigkeit 2, objektive Gefahren wie Steinschlag 2, Anforderungen an die Ausdauer 2, psychische Anforderung 3 (Bewertung von 1 bis 3).

Gerhild Jüttner

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.15. Februar 2001