Im Jahre 1931 wurde die Braunschweiger Hütte aufgrund gestiegener Besucherzahlen baulich erweitert. Bereits 1933 flaute der Besucherstrom jedoch wieder ab, weil durch eine gesetzliche Verordnung - jeder Deutsche mußte bei der Ausreise an der Grenze 1.000,-- RM hinterlegen - die Reiselust deutlich gebremst wurde. Doch 1936, nach dem Wegfall der Verordnung, nahmen die Besucherzahlen auf der Hütte wieder deutlich zu.
Diese Entwicklung führte dazu, dass über die Versorgung der Hütte gründlich nachgedacht wurde. Parallel zu den steigenden Transportlasten gesellte sich eine immer geringer werdende Zahl von Trägern, die immer höhere Trägerlöhne verlangten. Im Vergleich der Leistungen zwischen Mensch, Maultier, Helikopter (damals Flugzeug) oder Seilbahn, geht die Seilbahn eindeutig als bestes Transportmittel hervor. Also wurde überlegt, was kostet eine Seilbahn zur Braunschweiger Hütte. Kostenvoranschläge beliefen sich auf etwa 25.000,-- RM.
Um eine brauchbare Finanzierung zu ermöglichen wurden 1938 und 1940 Spendenaufrufe an die Mitglieder gerichtet. Gelockt wurde auch mit freier Übernachtung auf der Hütte über mehrere Jahre oder mit einer namentlichen Eintragung auf einer Ehrentafel in der Hütte.
Die Ausweitung des 2. Weltkrieges veränderte die Situation schlagartig. Die Hütte wurde als Ausbildungsstützpunkt für Gebirgsjäger und als Erholungsstätte für Frontsoldaten gebraucht. Die Versorgung der Soldaten wird schließlich im Mai 1942 mit dem Bau und der Inbetriebnahme einer Seilbahn sicher gestellt. In den Jahren 1953 wird sie verbessert und 1980/81 völlig überholt.
In einem Bescheid der Bezirkshauptmannschaft Imst vom 28. Januar 1988 heißt es u.a.: Bis spätestens 30.12.1992 sind alle Stützen und die gesamte Streckenausrüstung, einschl. Einfahrtbinderausrüstung in der Talstation zu erneuern.
Bereits am 18.01.1985 wird in einem Bericht der Firma Reisch über die mangelhafte Gegenzugseilführung referiert, die zu erhöhtem Rollenverschleiß führt. Über Schuhaufhängung bis hin zur Stützenbelastung wird einiges beanstandet. Am 11.03.1987 wird mit einem Kostenvoranschlag über öS 650.000,-- plus 20% MWSt. für eine Streckensanierung nachgedacht. Am 25.11.1992 mahnt Herr Reisch erneut die Notwendigkeit einer Sanierung an und erinnert gleichzeitig an die Auflage der Behörde.
Mit Schreiben vom 13.05.1997 nimmt Unterzeichner Kontakt zu der Firma Reisch auf und signalisiert die Bereitschaft der Sektion zur Sanierung der Bahn. Es kommt neben dem Schriftverkehr zu persönlichen Treffen mit Herrn Reisch im März 1998 in Kleinarl und im März 1999 in Fiss. Zentrales Thema ist die Ausarbeitung eines Projekts und die Frage des Werksverkehrs. Natürlich wird auch darüber nachgedacht, ob mit dem Auswechseln des Trag- und Zugseils eine Teilsanierung möglich wäre. Eine aus Kostengründen durchaus erstrebenswerte Variante, die aber verworfen wird, weil die vorhandenen Holzstützen für neue Seilführungen nicht geeignet sind.
Mit Schreiben vom 18.06.1999 beantragt die Firma Reisch bei der Bezirkshauptmannschaft Imst ein Bewilligungsverfahren für die Sanierung der Seilbahn. Am 16.07.1999 wird die Altanlage vermessen. Am 05.08.1999 teilt die Bezirkshauptmannschaft Imst mit, dass die von der Firma Reisch vorgeschlagenen Vorgehensweise akzeptiert wird. Am 20.09.1999 kommt es in Mittelberg zu einem Treffen mit Herrn Reisch, Projektant des Materialaufzugs, seinem Mitarbeiter Herrn Dipl.-Ing. Herzinger, dem Beauftragten der Tiroler Landesregierung Herrn Dipl.-Ing. Schorn als Sachverständigen und dem Unterzeichner. Gemeinsam wird nach der Fahrt mit dem Pitzexpress der Gletscher bei absolut schlechtem Wetter überquert. Es folgt von oben nach unten die Besichtigung und Begutachtung der Bergstation, der oberen Stützen, der unteren Stütze und der Talstation. Das Ergebnis dieser Begehung ist positiv.
Am 15.10.1999 erhält die Sektion endlich das Angebot der Firma Reisch. Das in 4 Kopien vorliegende Eingabeprojekt wird von der Sektion umgehend zwecks weiterer Angebote an zwei Wettbewerbsfirmen gesandt. Leider bekommen wir nur eine Antwort. Die Firma Steurer bietet an. Nennenswerte preisliche Unterschiede bestehen bei den Bietern nicht. Um mehr Transparenz in die Angelegenheit zu bekommen, fahren der 1. Vorsitzende Herr Dr. Walter Sprenger und Unterzeichner am 10.02.2000 nach Österreich. In den persönlichen Gesprächen mit den Firmeneignern zeigt sich, dass die Firma Reisch als Projektant deutliche Vorteile gegenüber dem Wettbewerb - der Firma Steurer - hat. Umfassende Kenntnisse der Altbahn mit Tal- und Bergstation sowie persönliche Erfahrungen über Gelände und Zugänglichkeit geben den Ausschlag für die Firma Reisch. Versuche, die Bieter zu Preisnachlässen zu ermuntern, schlagen fehl. Im Gegenteil: Wir sollen 2,5% mehr bezahlen. Dieser unsittliche Antrag kann abgewendet werden.
Mit unserem Schreiben vom 06.04.2000 erteilen wir den Auftrag an die Firma Reisch. Die Auftragssumme für die Seilbahn lautet ATS 2.302.000,-- plus 20% MWSt. Dazu kommen Kosten für den Fundamentbau und Umbaukosten für die Bergstation in Höhe von etwa ATS 700.000,-- plus 20% MWSt. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, wer die Baumeister- und Zimmermeisterarbeiten übernehmen würde. Vereinbart wird, dass die Bahn Anfang August montiert wird. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Fundamente für die Stützen bis Ende Juli fertig sein müssen.
Die Terminplanung wird durch unseren Pächter Franz Auer gründlich durcheinander geschüttelt. Er wehrt sich zu Recht gegen die Demontage der alten Bahn in der Hauptsaison Anfang August - auch wenn er mit dem Versprechen gelockt wird - der Neubau des Materialaufzugs nehme doch nur 3 Tage in Anspruch. Wie sich später herausstellen sollte, eine wahrlich verwegene Aussage. Herr Reisch ist im Gegenzug der Meinung, dass eine Baustelle im Hochgebirge im September nicht zu verantworten sei. Trotzdem kommt es zu einer Einigung, und die heißt: Montage der Bahn ab Mitte September.
Und hier ist der Ablauf:
18.09.2000: Ein Helikopter bringt nacheinander Seiltrommeln, eine Seilwinde, das neue Gestell mit Motor und Getriebe, einen Schaltschrank und vieles andere mehr vom Tal hinauf zur Hütte. Im Bereich der unteren und oberen Stützen werden Rollen und anderes Kleinmaterial abgelegt. 3 Mitarbeiter der Firma Schwendinger treffen in der Hütte ein. Sie sollen gemeinsam mit 2 Kollegen im Tal die alte Bahn ab- und die neue Bahn aufbauen.
19.09.2000: Um 8.30 Uhr fährt die alte Seilbahn zum letzten Mal. Sofort danach wird das alte Tragseil eingezogen. Danach werden die alten Stützen abgesägt, wobei sich zeigt, dass das Holz noch gut erhalten ist. Der alte Antrieb wird ausgebaut. Der schon lange in Pension lebende alte Diesel kommt zum Vorschein - ein Museumsstück, das Franz aufheben will. Der neue Antrieb wird montiert. Im Tal wird die neue Umlenkrolle für das Zugseil eingebaut.
20.09.2000: Der Einbau der Neuteile geht voran. In der Mittagszeit plötzlich die Ankündigung: Der Heli kommt und stellt die neuen Stützen auf. Inzwischen weht eine starke Brise. Kann der Hubschrauber bei diesem Sturm überhaupt arbeiten? Zweifel kommen auf. Doch dann in den späten Nachmittagsstunden knattert der Rotor im Duett mit der Düse heran. Zunächst wird die Lage im Tal nach einer Landung nochmals diskutiert. Sie wollen es versuchen.
Der Einweiser wird mit dem Heli nach oben geflogen. Beim Versuch aus dem Vogel auszusteigen, zeigt sich wie stark der Sturm inzwischen geworden ist. Erst im dritten Versuch kommt der Mann unter großen Schwierigkeiten aus dem Heli auf die Felsen in der Nähe der oberen Stützen. Angst kommt auf, wenn die Rotorblätter sich unter dem Einfluß der Böen dem Geröll nähern. Dann schwebt der Helikopter wieder heran. Unter seinem Bauch hängt an ein Leinenband geknotet eine Stütze. Der Einweiser spricht über Funk mit dem Piloten. Der Anflug beginnt. Mit einer kaum für möglich gehaltenen Präzision schwebt die Stütze heran und wird im ersten Anlauf auf die aus dem Beton des Fundamentes ragenden Gewindestangen gesetzt. Sofort werden an gegenüber liegenden Ecken faustgroße Muttern auf die Gewindestangen gedreht. Das Textilseil am Heli wird ausgeklinkt. Geschafft. Ein Monteur klettert die an der Stütze montierte Leiter empor und löst das Textilseil am Schaft der Stütze.
Der Heli ist bereits wieder im Anflug. Eine weitere Stütze baumelt unter seinem Bauch. Das Prozedere beginnt von vorn und endet genauso elegant wie beim ersten Mal. Diese Piloten sind doch echte Künstler. Sie beherrschen ihr Gerät. Hochachtung kommt auf.
Der Heli parkt 120 Höhenmeter über uns neben der Hütte. Er wartet bis der Einweiser und die beiden Monteure eine geeignete Stelle am Berg gefunden haben, um in den Heli zu klettern. Dann schwebt er heran. Der Einweiser steht auf dem schwankenden Holm des Fahrwerks. Er öffnet die Tür des Helis und hilft den Monteuren beim Reinklettern. Die Beiden tun sich schwer. Der Heli schwankt bedrohlich. Im Steilflug geht es zum Fundament der unteren Stütze. Der Einweiser und die beiden Monteure werden abgesetzt.
Wie sich später herausstellt, ist der Wind hier unten noch stärker. Die Stütze rutscht beim ersten Anflug über den Rand des Fundamentes. Eine kritische Situation, die fast zum Abbruch der Montagearbeiten führt. Doch dann wird die Lage mit vereinten Kräften gemeistert. Abends beim Gläschen Wein wird der ereignisreiche Tag nacherlebt. Die Beteiligten sind froh über den Erfolg und wohl auch zu Recht ein wenig stolz auf ihre Leistung.
21.09.2000: Wir reiben uns die Augen. Das darf doch nicht wahr sein. Es schneit mit dicken Flocken. Erneut Erleichterung über die gestrige geglückte Montage der Stützen. Bei dem Wetter wäre ein Heli-Einsatz undenkbar. Die Monteure stapfen durch den Schnee zu den Stützen. Die Montage geht voran. Später dann in der Bergstation.
22.09.2000: Der Schneefall hat nach 24 Stunden aufgehört. Ergebnis: 60 cm Schnee. Das neue Tragseil wird hoch gezogen. 2,5 to Zug hängen an der Winde. Respektvoll wird ein größerer Abstand zu dem Gerät gehalten. Danach fahren die Monteure zum Wochenende nach Hause.
25.09.2000: Die neue Woche beginnt mit Arbeiten an der unteren Stütze und in der Talstation. 3 neue Gesichter gehören Mitarbeitern der Firma Reisch. Sie wollen jetzt mit den Feinarbeiten beginnen. Dazu gehört die Elektro-Installation. Der Schaltschrank - später zuständig für den automatischen Fahrbetrieb des Aufzugs - wird aus dem Schnee geholt und an seine Position gebracht.
26.09.2000: Gearbeitet wird an der oberen Stütze und in der Berg- und Talstation. Das neue Zugseil wird aufgelegt.
27.09.2000: Um 9.30 Uhr kommt der neue Wagen zum ersten Mal in die Nähe der Bergstation. Zunächst muß jedoch ein Zugseilüberschlag behoben werden. Dann ist der Wagen an der Bergstation. Er ist beladen mit einem Schweißgerät und anderem Handwerkszeug. Um 10.15 Uhr wird das neue Telefonkabel hochgezogen. 14.30 Uhr: Die Talfahrt des Wagens mit 2 Monteuren wird durch eine blockierte Rolle gestoppt. Die Steuerung des Aufzugs erfolgt jetzt noch mit der Hand - über Stern-Dreieck - wie die Monteure sagen.
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Die Jungfernfahrt
Foto: Dieter Langkopf
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28.09.2000: Eine rote Warnkugel wird auf der unteren Stütze montiert. Die Talstation wird entkernt. Die Montage geht weiter. Einige Provisorien sollen in der nächsten Woche gründlich nachgearbeitet werden. Die behördliche Abnahme und damit die Inbetriebnahme der Bahn wird erst im Jahre 2001 erfolgen.
Am 27.09.2000 übermittelt die Firma HTB, Imst telefonisch ihr Angebot für den Um- und Neubau der Bergstation. Mit ATS 335.960,-- einschl. MWSt. fällt der Preis so hoch aus, dass wir uns entschließen diese Arbeiten über Franz selbst zu machen. Am 10.10.2000 bestätigt mir Franz, dass die Station ein neues Dach hat. Der Boden ist abgesenkt und aus Beton neu gegossen. Die Außenhaut wurde neu verschalt. Die Türen zum Tal und die Tür zur Hütte sind als Schiebetüren ausgebildet worden. Eine aus Platzgründen notwendige Maßnahme. Die Kosten für diese in Eigenregie erbrachten Leistungen belaufen sich auf ATS 142.712,--.
Fazit: Es ist vollbracht. Der neue Materialaufzug steht und wartet darauf, für viele Jahre im Dienst für die Braunschweiger Hütte zu arbeiten. Wir wünschen ihm den nötigen Erfolg und ein stets unfallfreies Funktionieren.
Dieter Langkopf
1. Hüttenwart