Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2001/1
Hochtourengruppe

Via delle Trincée


Ein Klettersteig auf den Spuren der Dolomitenfront des Ersten Weltkrieges

Nebelschleier steigen noch an den gewaltigen Felsabstürzen des Piz Lasties empor, als wir - Wanderer und Klettersteiggeher der Hochtourengruppe - auf der Dolomitenstraße von St. Christina im Grödner Tal zum Lago di Fedaia fahren, einem Stausee am Fuß der firnschimmernden, 3.344 m hohen Marmolata. Ein kleiner Parkplatz, nicht weit von der Staumauer entfernt, ist der Ausgangspunkt einer von Horst Rose geführten Wanderung über den Bindelweg und einer luftigen Klettertour über die meines Erachtens schönste Steiganlage in den Dolomiten.

Nördlich vom Lago di Fedaia erhebt sich der gezackte, aus dunklem Lavagestein bestehende Padonkamm mit dem steilaufragenden, 2.727 m hohen Bec de Mezdi (auch als Mésola bekannt), über den einer der interessantesten und abwechslungsreichsten Klettersteige führt, die auf alten Kriegsanlagen des Ersten Weltkrieges basieren. Gilberto Salvatore, ein Bergführer aus Arabba, hat diesen relativ kurzen, aber als technisch schwierig einzustufenden Steig angelegt und ihm den Namen "Via delle Trincée" gegeben, was soviel wie "Schützengrabenweg" bedeutet.

Bec de Mezdi
Bec de Mezdi - Im Hintergrund von links Plattkofel und Langkofel un der Piz Boé in der Sellagruppe
Foto: Wolfgang Watteroth

Sieben Klettersteiggeher der Hochtourengruppe - Gerhild Jüttner, Helmut Meineke, Jürgen Koziol, Frobald Wüstner, Torsten Sand, Ronald Scheffler und der Autor dieses Artikels - steigen auf alten Frontwegen über steile Hänge zur Porta Vescovo hinauf, einem grasbewachsenen Sattel, in dem die gleichnamige Hütte und die Bergstation der Seilbahn liegt, die von Arabba heraufkommt. Rote Markierungspunkte und der Wegweiser "Ferrata delle Trincée" führen uns an verfallenen Laufgräben vorbei zum Einstieg. Keine Leitern oder sonstige Tritthilfen erleichtern hier das Klettern im kleingriffigen Urgestein. Nur ein Drahtseil, in kurzen und längeren Abständen im Fels verankert, windet sich zu schwindelerregenden Höhen empor.

Der letzte von fünf Klettersteiggehern unserer Gruppe verschwindet gerade über uns hinter einem Felsvorsprung, als Jürgen und ich im Begriff sind, die Schlüsselstelle über dem Einstieg zu erklimmen. Wir hängen unsere Karabiner am Drahtseil ein, klettern mit einer gewaltigen Kraftanstrengung über den steilen, fast senkrechten Fels und überwinden mit den ersten dreißig Höhenmetern die schwierigste Passage der Via delle Trincée.

Jürgen und ich verringern den Abstand zu Gerhild und Ronald, die gerade vor uns in einer steilen Rinne empor klettern. Dann verlieren wir sie wieder aus den Augen. Der Rest unserer Gruppe ist schon seit längerer Zeit nicht mehr zu sehen.

Ein luftiger Quergang über trittarme, steil nach unten geneigte Steinplatten, mit atemberaubenden Tiefblicken zum Lago di Fedaia, führt uns zum nächsten Felsaufschwung hinüber. Während ich noch den Stausee und die zerklüfteten Bergmassive der Dolomiten mit der Kamera festhalte, klettert Jürgen schon zum schmalen Grat des Bec de Mezdi hinauf.

Im ständigen Auf und Ab folgen wir dem Sicherungsseil über den gezackten Kamm und erreichen eine schmale Hängebrücke, die eine tiefe Schlucht überspannt. Eindrucksvoll zeigen sich hier die Dolomiten in ihrer ganzen Schönheit. Im Nordwesten liegt die klotzige Sellagruppe, rechts der Sass Songher, La Varella, Fanis und die gewaltigen Felskolosse der Tofanagruppe. Doch immer wieder geht der Blick zur eisgepanzerten Marmolata und ihrem zerklüfteten Felssockel, an dem sich kontrastreich der smaragdgrüne Lago di Fedaia schmiegt.

Kriegssteig
Auf dem Kriegssteig am Ostgipfel des Bec de Mezdi
Foto: Wolfgang Watteroth

Wir überschreiten die schwankende Hängebrücke, überwinden den tiefen Abgrund und gelangen zum Gipfelfelsen, der steil über der Schlucht emporragt. Ein letzter Grataufschwung trennt uns noch von unseren Bergkameraden, die sich schon zur Gipfelrast niedergesetzt haben. Dann stehen auch Jürgen und ich auf dem höchsten Punkt des Padonkamms. Mit einem "Bergheil" endet der Aufstieg über den ersten, weitaus schwierigsten Teil der Via delle Trincée.

Der zweite Teil ist nicht mehr so anstrengend, aber noch abwechslungsreicher für den Bergsteiger, der sich für die Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges in den Dolomiten interessiert.

Wir verlassen den Gipfel, klettern zu einem grasbewachsenen Sattel hinunter und betreten den noch gut erhaltenen Kriegssteig, der uns an Schützengräben vorbei zu einer Kaverne und einer verfallenen Feldküche führt. Über den historischen Kriegsanlagen erhebt sich der mit einem betonierten Absatz versehene Ostgipfel, auf dem einst Scheinwerfer standen, die den von österreichischen Kaiserjägern besetzten Col di Lana anstrahlten.

Trotz heftiger Angriffe einer gewaltigen Übermacht italienischer Alpinis konnte die strategisch wichtige Col-di-Lana-Stellung nicht erobert werden. Um weitere schwere Verluste zu vermeiden, entschloss sich die italienische Heeresführung zu einer neuen Strategie: Die Unterminierung und Sprengung des Gipfels.

Zwei Tage lang lag die Col-di-Lana-Stellung unter einem mörderischen Trommelfeuer. Doch in der Nacht vom 17./18. April 1916 stellte die italienische Artillerie ihren Beschuß ein. Scheinwerfer überfluteten vom Ostgipfel des Bec de Mezdi mit einem grellen Licht die Bergkuppe des Col di Lana. Dann geschah das Unfassbare: Eine furchtbare Explosion erschütterte den Gipfel, eine Feuersäule erhob sich zum nächtlichen Himmel und schleuderte gewaltige Felsmassen empor. Als sich der schwarze Rauch auflöste, gähnte dort, wo sich eben noch der Gipfel erhob, ein riesiger Krater. In dieser schicksalsschweren Nacht fanden auf dem Col di Lana 180 österreichische Soldaten den Tod.

Wir kehren zurück zur Via delle Trincée.

Die ständig wechselnde Felsszenerie am Ostturm des Bec de Mezdi und eine überwältigende Aussicht, lassen den Aufstieg über den Kriegssteig zu einem Erlebnis werden. Wir queren senkrechte Felsabstürze und erreichen am Ende des Steiges eine Stellungsanlage, die über einem schwindelerregenden Abgrund liegt. Kaum vorstellbar in unserer heutigen Zeit, was die Soldaten ertragen haben, die hier bei sengender Sonne und eisigen Winterstürmen aushalten mußten.

Ein ausgesetztes Felsband in einer steilabfallenden, fast senkrechten Wand und abdrängende, nicht leichte Kletterstellen, sind die letzten schwierigen Passagen, die wir noch überwinden müssen. Dann führt uns ein Steig über ein abschüssiges Grasband zu einer Scharte mit den Mauerresten verfallener Kriegsanlagen. Hier endet die Via delle Trincée.

Der Bergsteiger, der diese anspruchsvolle "Ferrata" durchstiegen hat, kann sich nicht nur einer sportlichen Leistung erfreuen, sondern auch ein nachdenklich stimmendes, kriegshistorisches Dolomitenerlebnis mit nach Hause nehmen.

Wenige Tage später fahren zehn Bergsteiger der Hochtourengruppe vom Pordoijoch zum nahen Mausoleum - das weithin sichtbare Kriegerdenkmal gefallener österreichischer und deutscher Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Der Blick reicht vom Col di Lana weit hinüber zu den einst schwer umkämpften Gipfeln und Höhen der Dolomiten. Im äußeren Ring dieser Anlage liegen ca. 900 Gefallene des Zweiten Weltkrieges, die aus den vielen Einzelgräbern und kleinen Friedhöfen nördlich der Linie Riviera - Triest überführt wurden. In der Gruft unter der Ehrenhalle fanden die sterblichen Überreste von 8.000 österreichischen und deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges, einst begraben auf den vielen einsamen Friedhöfen der Dolomitenfront, ihre letzte Ruhestätte.

Wolfgang Watteroth

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.15. Februar 2001