Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2001/2
NN

Den Götterberg der Masai bestiegen



Der Gipfel des Kilimandscharo war das Ziel. Die Spannung und Erwartung auf den höchsten Berg Afrikas waren groß. Und als dann endlich am Samstag, 27. Januar, um elf Uhr der Düsenjet in Amsterdam zum Nonstoppflug nach Arusha abhob, begann für Eberhard von der Heide, Götz Meier, Florian Psenner und Friedel Weber das abenteuerliche Umsetzen eines Wunschtraums. Ein Pappenstil war es für die Wolfsburger Bergfreunde jedoch nicht, denn in nur neun Tagen mußte das gesamte Unterfangen mit dem DAV-Summit-Club abgewickelt werden.

Gute Kondition und Höhentauglichkeit sind Voraussetzungen, den Götterberg der Massai zu besteigen. Erfahrungen in höheren Regionen sammelten Eberhard, Florian und Friedel in Jahren zuvor meist in Südtirol. Götz, der sich spontan nur wenige Wochen vor dem Start für das Mitmachen entschied, baute auf Hochtouren in Südtirol, Österreich und der Schweiz auf.
Intensiv studierte das Quartett zu Hause die Strecke der Überschreitung des Kilimandscharo, die über die Rongai- hinauf und Marangu-Route hinunter führte.
Hier kurz die Stationen: Vom Arusha-Airport Fahrt zur Unterkunft. Am nächsten Tag mit dem Bus zum Ausgangspunkt Rongai (2050 m) in Grenznähe von Kenya. Erstes Lager wird 800 Meter höher aufgeschlagen und am Tag darauf in 3800 Meter Höhe. Der vierte Tag dient zur Akklimatisation und am fünften führt der Weg bis zur Kibohütte in 4703 Metern Höhe. Am sechsten Tag geht es bis an den Kraterrand zum Gilman's-Point (5715 m) oder zum Uhuru Peak (5892 m), anschließend folgt der Abstieg vorerst bis zur Horombo-Hütte (3720 m). Am Tag darauf geht's hinab bis zum Hotel und ein Erholungstag ist vor den Abflug gesetzt.

Kirchgang
In den Dörfern ziehen sich die Einheimischen am Sonntag fein zum Kirchgang an.
Foto: Eberhard v. d. Heide

Die Schwierigkeiten der einzelnen Abschnitte sollen im folgenden Bericht nicht beschrieben werden, die kann man in Fachliteratur nachlesen. Hier soll ein Einblick in die persönlichen Erlebnisse und Eindrücke der Teilnehmer gegeben werden. Und die waren reichhaltig, wie die Verfasserin in mehreren Gesprächen erfuhr.
Es begann schon mit der Ankunft in Arusha in der Lodge "Mount Meru". Die Wärme, Farbenpracht der Flora, die unbekannten Düfte und Laute vieler Vögel versetzten die Männer in eine andere Welt. Und während des Bustransfers auf unebenen, teils schlammigen Straßen am nächsten Tag über Marangu nach Rongai gewannen die beobachtenden Bergfreunde einen kleinen Einblick in die Lebensweise der Einheimischen. Da Sonntag war, hatten sich die großen und kleinen Afrikaner in Schale geschmissen. In auffällig hübscher Kleidung gingen sie zur Kirche.

Übernachtung in Zelten

Die Gruppe bestand aus sieben Teilnehmern, dem Bergführer mit seinen zwei Assistenten und den 13 Trägern. Alle übernachteten in Zelten. Florian schlief in der ersten Nacht schlecht. Er begründete: "Ich hatte die Isomatte nicht ausgerollt und merkte jeden Stein." Auch Friedel haderte mal mit seiner Luft-Isomatte: "Der Nippel war aufgegangen und ich rutschte zur Seite." Wenig Schlaf war die Folge.

Marsch
Auf dem Marsch zum Kilimandscharo - Die einheimischen Träger befördern die Last auf dem Kopf. Es folgen der Bergführer und wir
Foto: Eberhard v. d. Heide

Der Weg zum Kibo führte durch üppigen Pflanzengürtel, dichtes Buschwerk und hohes Heidekraut. Am Tag der Akklimatisation auf 3800 Metern Höhe zeigte sich der Kibo im frisch angezogenen weißen Schneekleid. Die Sonne schien, es waren Minusgrade. Friedel schrieb in sein Tagebuch: "Der Kibo lockt und sieht so leicht zu besteigen aus - noch 2100 Meter."

Und dann kam der am meisten Kräfte raubende Tag bzw. Nacht, der letzte Anstieg stand bevor. Florian notierte: "Am Abend krochen wir mit beinahe der gesamten für den Gipfelanstieg benötigten Kleidung in den Schlafsack. Es wurde lausig kalt und der Wind war so stark, dass wir befürchteten, samt dem Zelt weggetragen zu werden. Von Schlaf war keine Spur." Um 0.30 Uhr setzte sich die Mannschaft in der Dunkelheit mit Stirnlampen sehr langsam ("pole, pole") in Bewegung. Der Weg war steil. Florian berichtete, dass er zeitweise das Gefühl hatte, als ob er eine "halbe Kiste Bier" getrunken hätte. So torkelte er. Da seien wohl die Höhe und der wenige Schlaf dran Schuld. Er zweifelte, ob er es wohl hinauf schaffen werde.
Auch Friedel hatte mit der Atmung etwas Schwierigkeiten. Doch nach einer kleinen Pause ging er langsam weiter. Götz stolperte durch die Nacht, weil die Batterien seiner Stirnlampe durch die Kälte ihren Geist aufgegeben hatten. Obwohl sich Ersatz in seinem Rucksack befand, waren seine Finger so kalt und steif, dass er an ein Auswechseln nicht dachte.

Minus 20 Grad am Gilman's-Point

Gilman's Point
Am Kraterrand des Kilimandscharo.
Foto: ?

Den Sonnenaufgang am Gilman's-Point bewunderte die Gruppe gegen sechs Uhr. Golden stieg sie hinter dem Mawenzi (5149 m) auf und tauchte den riesigen Krater und die Stufengletscher in rosiges Licht. Der Gilman's Point war für alle ein Erlebnis unterschiedlicher Art. Götz fror wie noch nie in seinem Leben und Florians Finger blieben am Metallgehäuse seiner Kamera kleben, so dass er noch Wochen später unter den Erfrierungen zu leiden hatte.
Während Eberhard, Götz und Friedel vom Gilman's-Point aus wieder zur Kibohut abstiegen, begab sich Florian mit dem Bergführer bis zum Uhuru Peak auf 5892 Meter Höhe. Florian: "Es war für mich wie eine innere Befreiung, auf diesem Gipfel zu stehen. Trotz der geschätzten Kälte von minus 20 Grad und des eisigen Sturms war es für mich wie ein Wunder, dass ich so etwas erleben kann." Keiner der Wolfsburger hat über Schlafschwierigkeiten nach dem Abstieg vom Kraterand geklagt, die völlige Verausgabung der Kräftebatterie wurde in tiefem Schlaf wieder aufgeladen.

Hinterher
Der Kilimandscharo nach der Gipfelbesteigung
Foto: Friedel Weber

Der Rückweg durch die Vielfalt der Gewächse, Feuchtgebiete und den Regenwald mit seinen Riesenbäumen, Lianen und Grünpflanzen bildete einen beeindruckenden Kontrast zur Gletscherwelt auf dem höchsten Berg Afrikas. Der Vulkanberg unweit des Äquators verabschiedete sich am letzten Tag noch einmal beeindruckend mit einer über Nacht gefallenen Schneedecke, die die vier Wolfsburger im Abendlicht vor dem Abflug sehen konnten.

Eberhard kommentierte das Abenteuer: "Aus meiner Sicht hat es sich bewährt, mit bekannten Bergkameraden solch eine Tour zu machen. Es war insgesamt eine gute Organisation und Kameradschaft." Götz: "Der Gesamteindruck der Reise wirkt viel nachhaltiger als das kurze Gipfelglück." In einem Punkt war sich das Quartett besonders einig: Es will eine weitere ähnliche Tour planen.

Gudrun Meier

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.8. Mai 2001