Sektion Braunschweig
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Aus dem Mitteilungsblatt 2002/1
NN

Cordillera Blanca - Bergsteigen in Südamerika


Am Anfang war es nur eine Idee, zunächst noch vage und unverbindlich, mit der Zeit aber immer mehr an Kontur gewinnend, je weiter die Planung voranschritt, mögliche Partner und Gipfelziele ins Auge gefasst wurden, Agenturen und Fluggesellschaften kontaktiert und Vorauszahlungen geleistet wurden, Ausrüstung gekauft und Kontostände dezimiert wurden. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir aus dem Flugzeug stiegen und im Chaos einer Zehnmillionenstadt versanken.

Plötzlich war die Idee Realität.

Matthias Körner

Peru

Dass wir mit Peru ein sehr andersartiges Land als Ziel hatten, das wussten wir natürlich vorher nur im Kopf. So richtig auch aus dem Bauch erlebbar wurde es erst im Aufenthalt dort:

Peru ist entlang der Küste Wüste und in den von uns besuchten Gebirgsteilen im Juli extrem trocken. Die vorherrschende Farbe in der Landschaft ist braun und gelb. Grün gibt es nur, wo Wasser - oft in künstlicher Bewässerung - zur Verfügung steht. Und bei der geringen Luftfeuchtigkeit brauchen auch die Menschen Unmengen an Wasser, Säften, Tee, Suppen.

Maultier
Beladen der Maultiere
Foto: Richard Goedecke

Peru ist ein armes Land, mit unvorstellbar vielen Menschen, die mit unglaublich wenig Resourcen leben. Wir waren verglichen mit ihnen natürlich so unvorstellbar reich, dass es geradezu eine Provokation war. Andererseits lernten wir rasch, dass dies bei einer touristischen Stippvisite nicht individuell änderbar ist: Wer einmal einem Bettler etwas gibt, der sieht sich rasch ganz vielen Bettlern gegenüber, so dass er/sie nur fliehen kann. Und wenn etwas nicht bewacht wird, dann ist es ganz rasch weg. Aber wie schrieb doch der Autor des Quetschua-Sprachführers: Wenn Völker jahrhundertelang von Europäern ausgeplündert wurden, dann haben sie auch das Recht Touristen zu bestehlen... Durch das wüsteste Elend der 10-Millionen-Stadt Lima brausten wir im Landrover (Originalton von Filiberto, unserem einheimischen Organisator: "Passt mal mit auf, dass an den Ampeln niemand hinten auf den Wagen springt" (und unsere dort vertäuten Seesäcke losschneidet)... In Huaraz gewöhnten wir uns rasch daran, nur ganz wenig Geld mitzunehmen, wenn wir in die Stadt gingen. Wir haben es trotzdem gewagt, auch in der Umgebung von Huaraz zu wandern, durch Dörfer und beackertes Land - ungemein malerisch, ungemein fremdartig, ungemein arm - und doch ein Ort, wo uns offensichtlichen Gringos überwiegend freundlich begegnet wurde. Wir fanden das eigentlich überraschender als auf dem Markt oder nachher im Gebirge, wo die Händler beziehungsweise die Eseltreiber ja durch uns einen Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt hatten.

Peru ist ein exotisches Land. In seinen fremdartigen und oft farbenprächtig blühenden Pflanzen. In seinen Relikten alter Kulturen. Und in seinen ungewohnten Bakterien. Montezumas Rache ereilte jeden ...

Perus Berge sind hoch. Die Viertausender sind Grashügel. Erst ab 5000 m gibt es Schnee. Aber dort oben stehen in diesem jungen Gebirge schroffe Berggestalten herum. Und wenn man dort hinauf will, dann muss man damit umgehen, dass wir schon wenig über 5000 m Höhe nur noch die Hälfte des Sauerstoffs vorfinden, der uns auf Meereshöhe umgibt. Die Mühen der Akklimatisation, die stehen vor allen anderen Erlebnissen, und nur nach wackerem Work high - Sleep low hören diese tollen Berggestalten allmählich auf, Kopfwehberge zu sein.

Peru ist ein Abenteuer. Wer so was braucht, der muss da mal hin!

Richard Goedeke

Das rote Zelt

Im Basislager lebt man sehr gesund, wenn man sich erst mal an die Höhe von 4300 müNN gewöhnt hat. Ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer deutschen Kuranlage muss im Vergleich dazu geradezu ausschweifend sein. Kein Alkohol, keine Partys, stets mehrere Stunden vom gesunden Vormitternachtsschlaf. Da es halb sieben dunkel wird, fühlt man sich gegen neun spätestens reif für die Isomatte. Zum Frühstück gibt es Müsli ...halt, da waren wir nicht ganz so konsequent. Nachdem die Brotvorräte aufgebraucht waren ging Emilio - unser peruanischer Koch - dazu über, Pfannkuchen zu backen. Eine Stunde stand er vor uns auf und keins der Teile misslang ihm. Der frostige Übergang vom warmen Schlafsack in das durch das Pfannkuchenbacken erwärmte rote Küchenzelt musste allmorgendlich bewältigt werden, dann wurde alles gut.

Alpamayo mit Hochlager
Alpamayo-Südwand mit Hochlager
Foto: Axel Hake

Das Basislager war das Paradies. Wenn wir vom Hochlager zurückkehrten - und das kam ja häufiger vor - dann hatte Emilio uns schon ein zwei Stunden vorher mithilfe Matthias` Fernglas auf der Moräne ausgemacht und eine warme Suppe vorbereitet, aus frischem Gemüse! Wer gönnt sich das schon daheim in dieser Regelmäßigkeit?

Nicht alle Vorstöße zum Hochlager waren von Erfolg gekrönt. Vor allem das Wetter zwang häufiger zum Abbruch, die Enttäuschung war groß und wurde doch gemildert durch die Aussicht auf kulinarische und andere Annehmlichkeiten die uns "unten" erwarteten. Emilio war die gute Seele der Expedition.

An solchen Rückkehrtagen lag man dann erschöpft irgendwo im oder neben dem Zelt, je nach Temperatur, die tagsüber zwischen 10 und 20 °C schwankte. Man schlummerte bzw. nutzte die Basislagerbibliothek, sofern man noch in der Lage war, das Buch aufrecht zu halten. Pflichtlektüre war "Tod in den Anden" von Vargas Llosa, Pete Goss` Segelbericht über die "Vendee Globe" stand auch sehr hoch im Kurs. Gemessen an den Entbehrungen, die der kühne Einhandsegler auf sich genommen hatte, ging`s uns doch blendend hier. Die stärkste Kontroverse gab es bezüglich der Frage, womit der MP3-Spieler zu bestücken sei. Aida führte in den Charts.

Auch das Paradies wird irgendwann langweilig. An die überwältigende Bergkulisse hatte man sich nach drei Wochen gewöhnt. Der geniale Artesonraju , ein Tobleroneberg, war da wo er immer war. Na und ?! Die noch nicht begangenen Routen an den Flanken des Rinrijirca waren anfangs pausenlos Gegenstand des Interesses. Doch inzwischen war klar, dass die Erstbegehungsträume in diesem Urlaub nicht zu realisieren wären.

Sonnenaufgang am Quiteraju
Sonnenaufgang am Quiteraju
Foto: Axel Hake

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge genoss ich am letzten Abend das Abschiedsmahl. Der Schluck vom Pisco, den wir für den Abschiedsabend noch organisiert hatten, schmeckte auch ein wenig bitter.

Ob der Alpamayo wirklich der schönste Berg der Welt ist, darüber kann man eventuell geteilter Meinung sein. Aber "unser" Basislager ist mit Sicherheit das beste der Welt.

Petra Weiss

Der schönste Berg der Welt?

Sechs Uhr früh, die Sonne geht auf, endlich, ich halte es nicht mehr aus! Axel schnauft neben mir in unserem winzigen Hochlagerzelt. Geht es mir jetzt gut oder schlecht? Ich weiß es nicht, wie geht es einem nachdem man das erste mal im Leben auf 5.450m übernachtet hat? Ist es ein gutes Zeichen, dass man einen Ruhepuls von "nur" 100 hat, die Kopfschmerzen nur bei Bewegungen auftreten und man ansonsten nicht vielmehr hechelt, als daheim beim Joggen? Als notorischer Optimist beschließe ich: Es geht mir blendend, ist ja schließlich kein Kindergeburtstag hier oben. Ich wühle mich aus Schlafsack und Zelt und zünde erst mal eine kleine Motivationsrakete, indem ich an Axel wach rüttele und Petra und Matthias ihr noch kleineres Zelt aufreiße. Das Wetter ist gut, der Alpamayo lässt bitten!

Allgemeines Unverständnis schlägt mir entgegen, der Rest vom Team beurteilt die Situation wesentlich realistischer: Gestern haben wir im letzten Tageslicht das Hochlager hier raufgeschleppt, knapp 30 Kilo für jeden, 1.200 m vom Basislager, stellenweise richtig steiles Eis. Außer Matthias war noch niemand von uns jemals so hoch. Wir steigen wieder ab und lassen das Lager stehen, zurück im Basislager sind wir mehr als platt und schwer beeindruckt, irgendwie doch alles eine Nummer größer als in Chamonix.

Einen vergeblichen Moränenhatscher und einige Tage später sind wir wieder oben, diesmal schon deutlich besser in Form. Wir graben die verschneiten Zelte aus, schmelzen endlos Schnee und kochen. Morgen geht es los.

Abstieg vom Hochlager
Abstieg vom Hochlager
Foto: Axel Hake

Wir steigen zum Gletscher ab und folgen der Spur rüber zur Flanke. Es geht ganz harmlos los, 45° steiler Firn, gute Spur, bei entsprechender Langsamkeit kein Problem. Nach etwa einer Stunde dreht Axel ab, es geht ihm ziemlich schlecht, er hat noch weniger geschlafen als wir und obendrein echte Probleme mit seinen Schuhen. Die Spur ist hier auch zu Ende. Eine SL vor dem Bergschrund wird es uns zu heikel, um noch seilfrei zu gehen. Wir seilen an. Die ersten drei Seillängen gehen an mich. Das größte Problem ist es die richtige Rinne zum Gipfel zu erwischen. Bewaffnet mit reichlich Schrauben und einigen Snowstacks wühle ich los. Der Bergschrund ist wie Bergschründe halt so sind: Tiefer, weicher und fast senkrechter Firn. Als ich drüber bin, versenke ich erst mal hechelnd einen Snowstack. Weiter: Es wird steiler (60 - 65°), der Firn wird härter und wir finden jetzt auch Standplätze und alte Fixseile, die wir aber nicht benutzen. Oben führt dann Matthias. Das Eis ist jetzt blank, schwarz und noch einmal steiler geworden, bestimmt so an die 75°. Es dauert alles ziemlich lange, die Höhe macht sich bemerkbar, außerdem zieht Nebel auf. Irgendwie hatten wir uns unter einem "Normalweg" auch was anderes vorgestellt. Ziemlich spät, so gegen 16.00h, sitzen wir auf dem Gipfelgrat des Alpamayo, mitten im Nebel. Könnte auch irgendwo im Ötztal sein, stellen wir trocken fest. Trotzdem, es ist schon irgendwie anders, froh sind wir auch, dass wir heute alleine hier waren. Mit mehreren Seilschaften in diesem Kanonenrohr kann nur gut gehen, wenn man erster ist. Noch knapp zwei Stunden Tageslicht, also los. Im Abstieg benutzen wir die Fixseile jetzt doch und kommen so flott vorwärts. Im letzten Tageslicht packen wir am Bergschrund die Seile ein und steigen so weiter ab. Die Bezeichnung "Hochlager" gewinnt eine ganz neue Bedeutung. Das Ding heißt halt "Hochlager", weil man hoch muss, wenn man hin will, selbst wenn man vom Berg kommt, weil es eben direkt am Col liegt. Lächerliche 50 Höhenmeter können verdammt hart sein, wenn man eigentlich nur noch in den Schlafsack will.

Dirk Voigt

Nevado Quitaraju

Die Sonne brennt auf das Hochlager in 5450 m Höhe herab. Wir sortieren uns aus den Schlafsäcken, schmelzen Schnee für das Frühstück aus Müsli und Brombeersuppe und breiten vor dem Zelt die Ausrüstung zum Packen aus.

Gestern waren wir wirklich auf dem Gipfel des Quitarajo.Der Zeitplan ist aufgegangen.

Jetzt müssen wir nur noch absteigen, runter vom Alpamayo Col , auf das wir uns so oft hinaufgequält haben. Ins Basecamp zu Emilio und den leckeren Pfannkuchen, die den drohenden Gewichtsverlust in einen schleichenden Gewichtszuwachs verwandelt haben. Und mit der Eselkarawane zurück durch das Quebrada Santa Cruz nach Cashapampa in die südamerikanische Zivilisation, die wir vor drei Wochen verlassen hatten.

Gipfelgrat des Quiteraju
Gipfelgrat des Quiteraju, Cordillera Blanca/Peru (Im Hintergrund der Alpamayo)
Foto: Axel Hake

Es ist dunkel. Abwechselnd drängen wir uns an die kleine Öffnung des Biwacksacks und schauen in die sternklare Nacht. Nebenan erzählen sich Petra und Dirk Biwakgeschichten und kichern. Langsam zeichnet sich die Gipfelpyramide des Nevado Santa Cruz zartgelb vor dem fahlen Horizont ab. Der Himmel verfärbt sich orangeblau und die Strukturen in der Flanke des Quitaraju links von uns werden sichtbar. Knisternd streifen wir die Biwaksäcke ab und hüpfen uns die Kälte aus den Kleidern.

Über uns durchreißt der Bergschrund die Flanke und trennt den oberen steilen Teil vom flacheren Gletscher. Eine Eisbrücke vermittelt den einzigen Zugang.

Zögernd betritt Matthias die labile Brücke, ein Bein sackt weg, aber schon schlägt er die Geräte in die gegenüberliegende Eiswand. Immer höher steigen wir seilfrei die etwa 50 Grad steile Flanke hinauf, schwindeln uns um eine Seraczone herum und erreichen bei 5800 m den langen Grat, der zum Gipfel des Quitaraju hinaufzieht.

Gegenüber leuchtet der Alpamayo in der Vormittagssonne. Zur Rechten fällt die Wand 2500 m zum rotbraunen Santa Cruz Tal ab. Diffuses Licht durchdringt die heraufziehenden Wolken und verhüllt die vor uns liegenden Grataufschwünge.
Matthias versenkt zwei Schneeanker im weichen Schnee und steigt los. Schwindelnd tasten wir uns den Grat über der bodenlosen Tiefe entlang und erreichen eine flachere Gratrampe. Vor uns baut sich der Grat mit bizarren Schneeformationen nochmals 15 m fast senkrecht auf. Mit den Schneeankern als einziger Sicherung erscheint uns dieser letzte Gratturm zu gefährlich. Wir beschliessen zu bleiben. 6025 m über Normal Null, 1218 m über dem Montblanc haben wir unseren Gipfel erreicht.

Axel Hake

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 3. Februar 2002