Im Mitteilungsblatt Nr. 4/2001 habe ich u. a. geschrieben:
"............Ich war zwar dreimal in diesem Sommer in den Alpen, aber es ist überhaupt nichts Gescheites dabei herausgekommen........"
und im folgenden:
".........Der Clou war Mitte September im Karwendel Schnee bis 1.200 m herab......."
Aber Anfang Oktober dreht sich das Wetter. Die Sonne gewinnt mehr und mehr die Oberhand, läßt den Septemberschnee verdampfen. Erste kleine Gipfel werden frei und gegen Mitte des Monats verzaubert ein "Goldener Oktober" den Alpenraum.
Das ist unsere Chance, dieses Jahr doch noch etwas Ordentliches zustande zu bringen!
Also Termine prüfen, hin und her und wieder zurückschieben. Nur die
"Eckdaten" können
wir nicht beeinflussen.:
Freitag, 12. Oktober, Fete bei Rudi und Ruth zum Abschluß der Kleingartensaison
und
Samstag, 20. Oktober, 11.00 Uhr, Geburtstagsfete bei Schwägerin Wilma.
Samstag, 13. Oktober. Die Fete am Vorabend haben wir dank vornehmer Zurückhaltung beim Biertrinken schadlos überstanden. Bereits kurz nach 13.00 Uhr empfängt uns Mittenwald mit einem strahlenden Spätsommertag. Auf Anhieb ergattern wir eine schicke kleine Ferienwohnung. Damit haben wir unsere Glückslose für heute gezogen.
Unsere Planung für morgen: "Mittenwalder Höhenweg" (Klettersteig). Der Steig verläuft über 5 Gipfel meist auf der Grathöhe. Er ist also sehr aussichtsreich und deshalb sehr beliebt und stark frequentiert, besonders an schönen Sonntagen. Aber da wir keinen unserer wenigen Tage vertrödeln wollen, müssen wir da durch. Doch bei der Länge des gesamten Weges - lt. Führer 6 bis 8 Stunden - wird sich die Schlange schon auseinanderziehen.
Sonntag, 14. Oktober. Um 8.10 Uhr stehen wir an der Talstation der Karwendelbahn (912 m) auf den Startplätzen 6 und 7. Hinter uns baut sich schnell eine lange Menschenschlange auf. Um 8.30 Uhr startet die erste Bahn mit 31 Fahrgästen. Um 8.45 Uhr erreichen wir die Karwendelgrube (2.244 m). Ein Aufstieg zu Fuß hätte je nach Route 4 bis 5 Stunden gedauert.
Hier beginnen wir unsere erste Fleißaufgabe. Rechts geht es zum Beginn des Klettersteiges. Wir wenden uns jedoch nach links und steigen auf die Westliche Karwendelspitze (2.385 m), dem höchsten Berg des heutigen Tages.
Erste Ausblicke in die Ferne - Orientierung in der näheren Umgebung - dort drüben beginnt der Klettersteig - Abstieg zurück in die Karwendelgrube - Klettersteigset anlegen - Helme auf und schnell los. Wir haben uns bis jetzt fast eine Stunde Umweg eingehandelt.
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Querung an der Nördlichen Linderspitze
- mit viel Luft unter dem Po. Foto: Jürgen Koziol
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Einige Meter bergan, dann nach rechts absteigen in die Nordflanke der Nördlichen Linderspitze. Mittenwald scheint rd. 1.500 m tiefer fast senkrecht unter uns zu liegen. Die Bergflanken sind hier wahnsinnig steil. Hinter einer Ecke plötzlich 6 bis 8 m vereister Altschnee vom September, das Drahtseil ist darunter verschwunden. Über tiefe Tritte und an mäßigen Griffen im Eis mogeln wir uns hinüber - mit viel Luft unter dem Po. Das Spielchen wiederholt sich noch 3 bis 4 Mal, dann führt uns eine Leiter zurück auf den Grat. Nach wenigen Schritten stehen wir auf der Nördlichen Linderspitze (2.374 m). Die Aussicht ist von hier noch besser als von der Westlichen Karwendelspitze, da letztere etwas zurückliegt, wir jetzt aber direkt über dem Tal stehen.
Genug geschaut - wir müssen weiter - einen breiten Grashang hinab zum Steinernen Zaun (2.266 m), dem Kreuzungspunkt mit dem Heinrich - Noe-Weg, einem versicherten Wanderweg von der Karwendelgrube zur Brunnsteinhütte. Zwei lange Leitern und gut abgesicherte Felspassagen führen hinauf zur Mittleren Linderspitze (2.302 m). Auf schmalem Grat hinunter in die nächste Scharte (2.239 m) und wieder steil hinauf zur Südlichen Linderspitze (2.306 m).
Hier gönnen wir uns eine kurze Frühstückspause, genießen die Ausblicke ins Isartal zwischen Scharnitz und Mittenwald, hinüber zur Arnspitze und auf das Wettersteinmassiv - und blicken voraus zur Sulzleklammspitze. Wo wird durch diese abweisende Felsflanke unser Weg weitergehen?
Doch zunächst abwärts über einen Wiesengrat, leichte Felsen, im Schutt - und weit hinunter bis zum Gamsanger (2.188 m), einem Sattel, aus dem ein Notabstieg zum Heinrich-Noe-Weg abzweigt und in dessen Nähe sich eine kleine Notunterkunft befindet, bei Gewitter sicher ein guter Unterschlupf.
Unser Steig umgeht die steile Felswand links (östlich) über ein mächtiges Geröllfeld - Vorsicht, erhöhte Steinschlaggefahr - gewinnt allmählich wieder an Höhe über steile Felsrinnen - einige halbverfallene Holzleitern behindern mehr als daß sie nützen - und leitet uns dann auf der SO-Seite über steile Schrofen hinauf zum Grat und auf die Sulzleklammspitze (2.323 m). Nur kurz anschlagen, zwei, drei Fotos - und über den felsigen SSW-Grat und durch eine kaminartige Rinne in die nächste Scharte hinunter (2.245 m) und sofort wieder aufwärts zur Kirchlspitze (2.302 m), dem letzten Gipfel des Klettersteigs. Ein paar Minuten Zeit für eine kurze Mittagspause können wir uns jetzt leisten - dann geht es über einen luftigen, welligen Grat mit den letzten Versicherungen und einen sanften Grashang abwärts -
um 14.20 Uhr erreichen wir den Brunnsteinanger (2.096 m),
das Ende des Klettersteigs, aber noch längst nicht das Ende unseres weiten Weges.
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Vor mir liegt die Brunnsteinspitze, der achte und
letzte Gipfel des heutigen Tages.
Foto: Jürgen Koziol
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Zunächst baue ich eine zweite Fleißaufgabe ein, aber Lisel streikt dieses Mal. Ohne Gurtzeug und Rucksack sprinte ich in 15 Minuten hinauf zur Rotwandlspitze (2.193 m) und in weiteren 5 Minuten zur Brunnsteinspitze (2.179 m), dem letzten und südlichsten Gipfel der ganzen Kette. Und damit habe ich mein Ziel erreicht:
"Acht auf einen Streich"
Das "Tapfere Schneiderlein" habe ich glatt übertroffen.
Kurz schauen - einige Fotos - zurück zum Brunnsteinanger - Lisel und meine Klamotten aufsammeln - und dann hinein ins Abstiegs - "Vergnügen". Was uns da erwartet, entnehmen wir einem Wanderführer:
"......... über die Brunnsteinhütte hinab und auf einem Feldweg nach
Mittenwald ......... bis die Knie weich werden."
Auf der Terrasse der Brunnsteinhütte sind noch einige Plätze frei. Bockwurst, Kuchen und Radler haben wir uns redlich verdient. Nach 30 Minuten geht es weiter abwärts und schließlich auf einem Feldweg über weite Wiesen in die Abenddämmerung hinein.
Um 18.45 Uhr stehen wir nach 10 ereignisreichen Stunden vor unserer Haustür. Es war einfach super!
Montag, 15. Oktober. Ruhetag - Urlaub genießen - und viel schauen.
Gemütlicher Bummel durch's schöne Laintal zum Lautersee - weiter zum Ferchensee - mittags im Gartenlokal Forelle essen und Radler trinken - weiter aufwärts auf den Hohen Kranzberg (1.391 m) - herrlicher Blick auf die Karwendelkette und unseren gestrigen Weg - ohne Hast ins Tal absteigen - und noch lange auf dem Balkon sitzen.
Dienstag, 16. Oktober. Der Goldene Oktober legt eine kurze Pause ein. Wolken und Nebel lassen die Sonne nur zeitweise durchscheinen.
Wir fahren nach Krün (875 m) und gehen über Fischbachalm und Lakaiensteig zu den Soiernhäusern (1.610 m) und den Soiernseen. Die Soiernspitze (2.257 m) lassen wir wegen der Wetterlage aus und gehen nach Krün zurück. Morgen werden die Karten neu gemischt.
Mittwoch, 17. Oktober. Das Gold leuchtet wieder in den Bergen. Wir fahren nach Innsbruck bis zur "Hungerburg" und mit der Seilbahn über Seegrube (1.906 m) hinauf zum Hafelekar (2.269 m).
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Auf dem Innsbrucker Klettersteig
Foto: Jürgen Koziol
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Hier beginnt nach kurzer Wanderung der "Innsbrucker Klettersteig", auf dem man insgesamt 7 Gipfel der Nordkette überschreiten kann. Aber der Steig mit einer lt. Führer
"..........bewußt würzig und pfiffig angelegten Wegführung ......"
ist sehr lang, und wenn man das hervorragende Bergpanorama betrachtet und auf sich wirken läßt - fotografiert - noch einmal zurückschaut - vertrödelt man sich derart, daß man am "Langen Sattel" nach "nur" 5 Gipfeln die Tour abbricht, um noch die letzte Seilbahn zu erreichen.
Der Klettersteig beginnt mit einem kurzen senkrechten Wandstück, daß mit Bügeln gangbar gemacht und mit Drahtseil gesichert als scharfe Schlüsselstelle angelegt wurde. Nach einem leichteren Gratstück erreichen wir schon bald den Gipfel der Seegrubenspitze (2.350 m).
Jetzt verlassen wir den Grat, müssen in die kalte Nordflanke absteigen. Dort beginnt wieder das bekannte Spielchen: Hartgefrorener Firn mit eisigen Tritten und Griffen - das Drahtseil gut unter dem Firn versteckt - dazwischen feuchte Felspassagen, aber mit Drahtseil - und viel Luft unter uns. In einer Scharte erreichen wir wieder den Grat und die wärmende Sonne, die uns beim folgenden langen Anstieg schon fast wieder lästig wird.
"C'est ca, la vie".
Ständiges Auf und Ab - schmale, gut gesicherte Felsgrate - rassige Plattenschüsse, die auf Stiften gequert oder erstiegen werden müssen - so geht es über die Östliche Kaminspitze (2.432 m) und die Mittlere Kaminspitze (2.435 m) auf die Westliche Kaminspitze (2.445 m). Wieder abwärts - aufwärts .........- hinein in eine Scharte - an einem senkrechten Gratstück wieder hinauf - ......... -
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Abstieg zur "Seufzerbrücke"
Foto: Jürgen Koziol
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und dann die Scharte mit der sog. "Seufzerbrücke", eine stark pendelnd aufgehängte 8 m lange Stahlseil-Hängebrücke. Weiter in munterer Abwechslung - steiler Abstieg in eine Scharte - drüben auf Stiften über eine plattige Wand - ein Stück "Wanderweg" - eine ausgesetzte Querung an einem Turm - Endspurt über steile, aber leichte Felsen -
um 13.40 Uhr auf der Kemmacherspitze (2.482 m), den höchsten Punkt des Klettersteigs und Gipfel Nr. 5.
Radler gibt es hier zwar nicht, aber zur Mittagspause schmecken auch Tee und mitgebrachte Stullen. Wir machen eine Art "Kassensturz": Die Zeit, die wir bis zur Abfahrt der letzten Seilbahn ins Tal noch zur Verfügung haben, reicht für den zweiten - zwar kürzeren, aber auch schwereren - Teil des Klettersteigs nicht mehr aus. Also lehnen wir uns ganz gelassen zurück - verlängern die Mittagspause - freuen uns über Sonne, Wärme und tolle Rundsicht - und müssen schließlich doch aufbrechen.
Einige luftige Passagen über sehr schmale Gratstücke - allmählich leichteres Gelände - die letzten Sicherungen - ein schmaler Grasgrat - ein breiter werdender Wiesenhang - der "Lange Sattel" (2.258 m). Geradeaus zur Fortsetzung des Klettersteigs, doch wir gehen links, anfangs auf steilen schlechten Pfaden, später über sanft abfallende Wiesen und Skigelände hinab zur Seegrube
und fahren mit der vorletzten Seilbahn hinunter zur Hungerburg.
Zu Hause gibt es vor dem Duschen erst einmal ein "Karwendel hell" von der Mittenwalder Brauerei.
Donnerstag, 18. Oktober, Ausklang. Wir fahren nach Seefeld und mit der Standseilbahn zur Roßhütte (1.751 m). Die Seilbahn zum Seefelder Joch (2.064 m) ist bereits zur Winterinspektion abkommandiert. Also gehen wir zu Fuß hinauf und weiter zur Seefelder Spitze (2.220 m) - hinab ins Reither Kar und über Reither Joch auf die Reither Spitze (2.373 m), dem südwestlichen Eckpfeiler des Karwendelgebirges.
In über einer Stunde Gipfelrast genießen wir Wetter und Aussicht, - lassen unsere kurze Urlaubswoche noch einmal im Zeitraffer Revue passieren - sind dankbar für die schönen Tage - stellen mit Wehmut fest, daß wir uns wohl für dieses Jahr von den Bergen verabschieden müssen - und beginnen schon wieder Pläne für das nächste Jahr zu machen.
Abstieg zur Bahn - Fahrt nach Mittenwald - am Freitagmorgen geht es nach Hause - abends noch zum Dia Vortag in die TU -
und am Samstag um 11.00 Uhr sind wir pünktlich bei Wilmas Geburtstagsfete.
Jürgen Koziol