In einer heftigen Tagesetappe über die Autobahnen und Bundesstraßen könnte man die knapp 900 Kilometer von Süd-Ostniedersachsen bis hinunter nach Ost-Südtirol gelangen, mitten hinein in den Naturpark Sextener Dolomiten - wenn es denn schnell gehen soll und die Urlaubszeit mehr fürs Wandern oder Klettern und weniger fürs Autofahren geplant ist. Egal ob man über den Brenner oder durch den Felbertauerntunnel anreist, der östlichste Dolomiten-Naturpark der autonomen Region Bozen in den Gemeinden Toblach, Sexten und Innichen ist auf dem Straßenweg problemlos und rasch erreichbar.
Das deutschsprachige Sexten im gleichnamigen Tal liegt als idealer Ausgangsort für Touren inmitten einer Kulisse von Bergen, die sich wie in einem Amphitheater um die kleine Gemeinde herum gruppiert, so regelmäßig gar, dass einige Berge ihre Namen von den Uhrzeiten einer Sonnenuhr bekamen, wenn man denn von der Talgemeinde Sexten aus zur rechten Zeit auf die Sonne und die dann genau darunter liegenden Gipfel schaut: Elfer-, Zwölfer- und Einser-Kofel im Süden, der Neuner-Kofel ganz im Westen, und dazwischen - außerhalb des Uhrenzyklus - mit über 3150 Metern Höhe die Gewaltigste von allen, die Dreischusterspitze.
Den Neuner-Kofel gibt es gar zweimal, nämlich einen für den Sonnenstand am Vormittag und einen für den Abend, und der "Zehner", um den es mit seinen 2965 Metern im weiteren eigentlich gehen soll, heißt zumindest auf den Landkarten Rotwandspitze, oder, weil es hier ja zweisprachig zugeht, auf italienisch auch Croda Rossa di Sesto.
Die Rotwand liegt schroff und kahl, aber zugleich faszinierend hoch, noch knapp 1500 Meter höher als der lokale Zeltplatz "Caravan Park Sexten", der sich etwa 10 Kilometer südlich vom Ort auf halbem Weg hin zum Kreuzbergpass befindet. Die Kulisse für die Camper ist einmalig schön. Deshalb gilt für diesen mehrfach ausgezeichneten Campingplatz besonders in der Hauptsaison: unbedingt vorbuchen!
Früh morgens an einem schönen Tag gegen Ende Juni des vergangenen Jahres geht es los. Es soll ein Weg hinauf auf knapp 3000 Meter und gleichzeitig 85 Jahre zurück in die Vergangenheit werden. Etwa in Höhe der Baumgrenze endet der leichte Wanderweg, und man kommt zum Einstieg des Klettersteiges durch die Nordwand. Rasch gelangt man an die ersten Stahlseile, die dem Kletterer den notwendigen Schutz garantieren - in Verbindung mit einem Sitzgurt, den man allerdings als persönliche Ausrüstung in Verbindung mit einem sogenannten Klettersteig-Set (Leichtmetall-Karabiner mit einer Fangstoßbremse) unbedingt benötigt. Gelegentlich helfen auch Eisenleitern über zu steile Passagen hinauf.
"Via Ferrata Croda Rossa" nennen die Italiener diesen Weg hinauf, doch zunächst verläuft der Weg auf ehemals österreichischem Gebiet, und bald sind die Überreste von militärischen K.u.K.-Unterständen erkennbar. Holzfußböden mit angrenzenden Mauerresten, grobe Treppen aus Holz, aufgeschichtete Steinwälle mit Maschendraht umwickelt, dazwischen Schießscharten, die allesamt hinauf auf den Gipfel deuten, denn vor 85 Jahren hatten sich dort, 300 Meter höher und 800 Meter entfernt die italienischen Alpini verschanzt.
Der Steig führt weiter hinauf. Dann sind die einstigen österreichischen Stellungen passiert und der Weg verläuft nun kurzfristig durch eine weite Mulde leicht bergan. Unvermittelt liegt dicht neben dem Weg unter einem kleinen Überhang das mit frischen, bunten Blumen geschmückte Grab eines italienischen Leutnants - krasser könnte der Kontrast im eintönig grauen, felsigen Hochgebirge nicht sein. Um das Grab herum liegen massenhaft, zum Teil kiloschwere, rostbraune Granatsplitter...
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Es geht weiter, und immer wieder klickt der Sicherungskarabiner in die Stahlseile.
So erreicht man nach etwa 3 Stunden schließlich den Gipfel. Aber rechte
Freude und Heiterkeit, wie sonst nach dem Gipfelsieg will nicht aufkommen, ja
selbst das Wort "Gipfelsieg" passt hier ganz und gar nicht mehr -
der höchste Bereich der Croda Rossa ist durchsetzt von italienischen Stellungen,
der Fels ausgehöhlt und durchbohrt, doch diesmal deutet die Blickrichtung
aller Schießscharten nach Norden hinab ins Tal in Richtung Sexten. Der
Wahnsinn des Stellungskrieges im Hochgebirge ist keine Vergangenheit - hier
oben spürt man ihn noch immer!
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Das Gipfelkreuz ist übrigens nicht auf der höchsten Kuppe des Berges errichtet worden, sondern steht etwas unterhalb auf jenem erhöhten Grad, von dem aus es unvermittelt steil ins Sextener Tal hinab fällt. Der eigentliche Gipfelbereich der Rotwand ist tabu: von alten Stellungsstollen der Alpini an unzähligen Stellen durchbohrt besteht an diesem Teil des Berges immer eine extreme Steinschlaggefahr!
Ein Blick ins Gipfelbuch zeigt, dass in diesem Jahr erst wenige Menschen hier oben waren. Alle Eintragungen erwähnen den im Juni immer noch ungewöhnlich reichlich vorhandenen Schnee. An eine Überschreitung des Gipfels war in den vergangenen zwei Wochen noch nicht zu denken gewesen. Aber genau das hatte ich nun vor. Recht gespannt, ob mir das Unternehmen (auch noch im Alleingang!) gelingen würde, mache ich mich auf den weiteren Weg. Es ist aber zum Glück noch nicht sehr spät, und so wäre eine Umkehr auf die bisher gestiegene Route eigentlich immer noch möglich.
Der Abstieg vom Berg soll über die andere Seite erfolgen, also nach Süden hinab über die "Via Ferrata Mario Zandonella", wie der Klettersteig nun heißen wird. Während des Abstiegs über die zum Teil 20 Meter und mehr immerzu senkrecht abfallenden Seilstrecken gehen meine Gedanken wieder zurück in die Vergangenheit: auf diesem Weg hinauf musste damals der gesamte militärische Nachschub für die italienischen Stellungen hinaufgeschafft werden - Brennstoff, Verpflegung, Munition, Waffen, sogar schwere Geschütze...
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Unvermittelt endet der luftige Abstieg entlang des immer sicher verankerten
Stahlseiles, und ich befinde mich in einem kleinen, immer noch stark verschneiten
Kessel, der nach Osten zum Kreuzbergsattel hin eine schartenförmige Öffnung
zeigt. Am Fels rings herum ist keine Wegmarkierung zu finden, auch fehlen Stiefelspuren
im Schnee, die mir den Weg weisen könnten. In der (irrtümlichen) Annahme,
es ginge durch die Scharte direkt weiter hinab zum Kreuzbergsattel, versuche
ich zunächst diesen Weg. Allerdings wird mir bald klar, dass ich mich sehr
irre! Der Fels ist glatt und steil. Erst ein längerer Blick auf meine Karte
zeigt mir, dass ich vom Gipfel gerade mal 500 Meter abgestiegen bin und somit
noch ein Stückchen Klettersteig vor mir habe - bloß wo liegt der
neue Einstieg? Nach einer ganzen Weile entdecke ich mehr durch Zufall auf der
gegenüber liegenden Kesselseite ein kurzes Ende Stahlseil, dass unvermittelt
aus dem Schnee kommend nach zwei weiteren Metern an einem Bohrhaken sofort wieder
endet. Dort also muss es weiter gehen!
Plötzlich ziehen Wolken auf, und ich muss im aufkommenden Nebel weiter gehen. Das gefällt mir gar nicht. Zu allem Überfluss sind auch die nächsten zwei Bohrhaken nicht mehr fest, und der Fels wird allmählich nass. Der abenteuerliche Teil des Weges beginnt! Ich gehe nun in einem von Soldaten waagerecht in den Fels geschlagenen Halbtunnel an der steilen Bergflanke entlang - immer wieder liegen Unterstände der Italiener direkt am Weg, zum Teil ist der alte Holzfußboden noch erhalten. Von den Decken tropft Wasser herab...
Der Überhang-Weg endet bald wieder: unvermittelt soll es nun erneut senkrecht hinab gehen: ein Hinweisschild kündigt eine weitere Klettersteigpassage an, doch wieder einmal verschwindet das Seil ganz einfach mitten im hohen Schnee. Der Verlauf des Klettersteiges ist nicht zu erkennen, ein Abstieg kann nur über das Schneefeld erfolgen. Hinzu kommt der Nebel, der mir eine Sicht ins Tal hinab unmöglich macht.
Ich weiß nicht, wie steil der Abstieg nun wird. Zum Glück hatte ich die Steigeisen eingepackt. Ganz langsam taste ich mich, die Hacken fest in den Schnee rammend, nach unten voran. Wie lange ging ich im Schnee? Waren es zwanzig Minuten, dreißig oder gar noch länger? Das Zeitgefühl hat mich verlassen, aber schließlich hebt sich plötzlich der Nebel. Der Pfad, der für mich durch Schnee und Nebel so lange verborgen gewesen war, taucht vor mir wieder auf, und am Fels neben mir leuchten im plötzlichen Sonnenlicht auch die vertrauten Wegmarkierungen wieder auf. Was für ein Wetterwechsel!
Um die Steigeisen und die Gamaschen wieder im Rucksack zu verstauen, setzte
ich mich kurz auf einen Felsbrocken. Rasch noch ein Schluck aus der Feldflasche,
doch während sich mein Kopf beim Trinken nach hinten neigt, verschlägt
es mir fast den Atem: die Dolomiten-Giganten Elfer (3092m) und Elferturm (3068m)
mit ihren schier senkrechten Flanken liegen direkt vor und über mir. War
ich noch vor wenigen Minuten in dichtem Nebel, und konnte den Weg kaum erkennen,
so sitze ich nun mit offenem Mund und staune über das Panorama - und vergesse
dabei tatsächlich, ein Erinnerungsfoto von dieser hochalpinen Dolomitenkulisse
zu machen. Es hätte ein Kalenderblatt-Foto werden können...
Bald erreiche ich eine Weggabelung: nach rechts würde es zur Sentinella-Scharte
hinauf gehen (und dann weiter hinüber zum berühmten Alpinisteig),
doch ich will weiter absteigen: zuerst geht es auf dem Kamm einer Mittelmoräne
im vergletscherten oberen Teil des Vallon Popera fast ungewohnt bequem voran,
dann wechselt der Pfad zum nördlichen Talhang hinüber und läuft
wieder leicht aufsteigend auf den Arzalpensattel zu.
Oben auf dem Sattel liegen ebenfalls alte Befestigungsanlagen - aber sie sind allesamt verkommen und die Wege sind zertreten. Direkt hier verläuft die Grenze zwischen den beiden Provinzen Veneto und Südtirol. Unten im Tal kann ich den Campingplatz erkennen, und ich freue mich schon auf das Ende der Tour. Doch es heißt immer noch aufpassen, denn der Weg hinab ist voller Geröll und übel rutschig! Erst am späten Nachmittag ist endlich der Caravanpark Sexten wieder erreicht.
Abends sitze ich dann vor dem Wohnwagen und blicke noch einmal hinauf - bildschön sieht der Berg von hier unten aus. Kernig waren die Klettersteige. Toll und abenteuerlich war die Tour. Doch wirklich schöne Gedanken vom Gipfel habe ich nicht mitgebracht, dafür war die Vergangenheit zu gegenwärtig...
Empfohlene Karte: (vor Ort erhältlich)
Topografische Wanderkarte TABACCO Blatt 010 im Maßstab 1:25000
Informationen:
www.sexten.de
www.caravanparksexten.it
Ralf Schimmelmann