Samstag, 27.April 2002., 9.30 h, da wären wir also wieder! Nach einem Start im Braunschweiger Regen und der Nachtfahrt auf freien Autobahnen rekelten wir uns nun in der warmen Sonne Norditaliens : Arco, ca. 5 km nördlich des Gardasees, hat uns wieder.
HALT! Nicht alle Teilnehmer des Vorjahres (siehe Mitteilungsblatt 3/2001)) sind dabei: Ein paar neue "Arco-nauten" entsteigen dem Bus, weitere werden in den nächsten Stunden folgen. Fast vier Generationen sind es diesmal. Jüngste Teilnehmerin ist Leandra mit 7 Monaten, knapp gefolgt von Sabine und Yvonne, den "Neuzugängen" aus der Unisportgruppe, im Mittelfeld dann die Recken des letzten Jahres, Ronald, Klaus und Lutz, nun verstärkt von Rinje, Olaf, und Thomas und schließlich "Die-Drei-im-rentenfähigen-Alter, Gerhild (auch zum zweiten Mal in Arco), Lisel und unser HTG-Häuptling Jürgen. Also elf Erwachsene, verteilt auf drei Autos, zwei Zelte, eine Holzhütte und eine Ferienwohnung und alle heiss' auf das Klettern in diesen südlichen Gefilden.
![]() |
|
Yvonne Meyer im Klettersteig Rino Pisetta.
Foto: Olaf Schröder
|
WEITER: Zelte aufbauen, wohlweislich dieses Jahr nicht im "Regensammelbecken" sondern ganz dicht an dem befestigten Weg. Mittagspause und dann los auf den Colodri, den Hausberg von Arco. Über den leichten Klettersteig erreichen wir in ca. einer Stunde den Klettergarten Muro dell' Asino. Abtasten der Teilnehmer und der Felsen, neue und alte (Vorjahres-) Routen werden gesucht. Oh Schreck, die Bohrhaken fehlen teilweise (etwa jeder dritte steckt noch). Ein neuer Bohrhakenkrieg? Wilde Theorien machen die Runde. Praktischerweise haben wir unsere Klemmkeile am Zeltplatz gelassen, weil wir ja wussten... . Nun, da müssen wir halt noch vorsichtiger klettern. Alles geht gut, und im Nachhinein war diese "Übung" auch sehr wertvoll, denn in die nächsten Tagen haben wir immer Klemmkeile und Friends dabei (die aber behütet in den Rucksäcken verbleiben; die anderen Klettergebiete sind nicht geplündert).
Es ist voll an diesen Felsen, viele Anfänger, darunter auch eine Jugendgruppe, unverkennbar aus dem bayrisch-tirolerischen Sprachraum, einige von ihnen aber alles andere als kletterbegeistert...
Am frühen Abend brechen wir auf; der Abstieg führt uns diesmal durch
den Ort Arco mit ersten Kontakten zum italienischen Speiseeis und Rotwein. Am
Zeltplatz ist inzwischen das zweite Auto, die Fraktion der Blockhausmieter,
eingetroffen
und die Bewohner schlagen ihr Quartier, strategisch günstig, neben unseren
Zelten auf.- Wir Zeltler freuten uns, profitierten wir doch von den Häuslern
durch Mitbenutzung des Kühlschrankes und der Terrasse mit Sitzgelegenheit.
Gerade letztere wurde zum zentralen Treffpunkt der Gruppe, z. B. beim morgendlichen
Frühstück, ("hat jemand meinen Käse gesehen" oder "warum
gibt's denn keine Brötchen mehr?") und natürlich bei dem abendlichen
Sun-downer (über die Rotweinmengen bewahren wir Stillschweigen) oder einfach
auch nur für das "Zwischendurchbier" (Originalimport aus BS).
Die Gesprächsthemen auf der Terrasse waren jedoch strikt reglementiert.
Wo klettern wir morgen, und: was essen wir heute abend, waren die einzig zulässigen
Fragen. Lange Diskussionen drehten sich außerdem um die exakte, historisch-kritische
Nachbereitung der geleisteten Tagesklettermeter mit der zentralen Frage, ob
die Schlüsselstelle der Kletterei als 5b zu bewerten sei, oder doch eher
als eine 5a+ mit einem Handicap für kleine Leute... [wer es ganz genau
wissen will, soll mal auf der Homepage von Ronald nachlesen [http://www.b-f-t.de/sport/bergsteigen],
zum Diavortrag kommen (sofern er denn stattfindet) oder am besten selbst nach
Arco fahren].
Die Sportgeschäfte in Arco waren wie immer gut besucht und die Artikel dieses Jahr billiger denn je: Hatte ein Satz Karabiner im letzten Jahr noch etliche Tausender gekostet, waren es diesmal nur ein paar Euros. [Einschub 1 : Jürgen, hast Du eigentlich schon das neue Seil gekauft?].
Morgens ging es meist gemütlich zu (abgesehen von den Frühaufstehern die schon um 7.00 h unbedingt joggen mussten); Handybesitzer tauschten Nummern, Tarife und Bedienungsanleitungen aus, Kletterziele wurden erneut in Frage gestellt und der Menüplan des Abendessens wieder verworfen. Ronald hatte die Vorbereitungen vom letzten Jahr noch dabei und irgendwann ging es dann wirklich los - wenn auch nicht immer alle zusammen. Dank des Busses hatten wir auch selten Packprobleme. Unsere Helme waren malerisch an den Kopfstützen der hinteren Sitzbank aufgereiht.
Die Rucksäcke lagen kreuz und quer im Gepäckraum und wurden nebst Inhalten abends an die rechtmäßigen Besitzer zurückgetauscht. Wir tummelten uns an den griffarmen Reibungsplatten von Baone und über den Wellen des Gardasees an Corno di Bo, mit einem abenteuerlichem Zugang durch den Autotunnel. Der böige Wind dort über dem Wasser machte uns allerdings fast mehr zu schaffen als die trittlosen Seillängen. Yvonne und Olaf rückten dem "ultimativen" Klettersteig Rino Pisetta in Sarche auf die Pelle, während die Hauptgruppe ein neues Klettergebiet in der Nähe von Marciaga (weit im Süden') begutachtete: An einem Hang, über einem Golfplatz gelegen und abgeschirmt von dichtem Dornengestrüpp erheben sich herrlich raue Felsen auf einer Länge von ca. 1-2 km - allerdings nicht ganz so hoch. Die einzelnen Routen waren ausgezeichnet beschriftet, mit klingenden Namen wie Glasnost, Pizza Margeritha oder (Free) Willy und machten uns die Suche nach kletterbarem leicht. Bei anderen Gelegenheiten versuchte sich Mama Rinje beim Mutter-ohne-Kind-klettern (mit geteiltem Erfolg), während andere sich als Aushilfskräfte für die Kleinkindbetreuung "ausboulderten" (ebenfalls mit geteilten Erfolg).
Zweimal kletterten wir in den Sonnenplatten, die diesmal mit gemischter Begeisterung aufgenommen wurden. Sabine war von den Dränglern hinter ihr genervt, Gerhild musste sich mit einen Standplatzbesetzer' (Ronald fand "Krümelkacker" wäre passender) arrangieren, der meinte, unbedingt alle 3 Standplatzhaken für sich allein nutzen zu müssen und Klaus empfand die Routen stärker bewachsen als im Vorjahr. Olaf, Ronald und Yvonne schließlich, konnten die langen Routen gar nicht richtig genießen, weil sie einen Geschwindigkeitsrekord brechen wollten.
Lisel und Jürgen waren mit gespannter Erwartung nach Arco mitgefahren, um mit den (nicht-mehr-ganz-so-) jungen Wilden der Hochtourengruppe zu klettern - und ich glaube, sie haben es nicht bereut. Sei es in den Mehrseillängentouren an den Sonnenplatten und denen von Baone oder auch über dem "Golfplatz" von Marciaga. Vielleicht wirkte unsere Begeisterung auch einfach ansteckend oder es war der italienische Flair, der durch Arcos Gassen mit den Straßencafés, Eisdielen und Sportgeschäften zog. [Einschub 2 : Lisel, beim nächsten Mal wird aber auch mal ein Cappuccino bestellt und nicht nur Deutscher Kaffee, gelle!].
Vor Erreichen der klettermäßigen Höhepunkte der Fahrt setzte mit eintägiger Verspätung (O-Ton Ronald: Im Mai regnets immer) am 2. Mai der Dauerregen ein. Der Himmel hatte alle Schleusen geöffnet und wir standen direkt darunter. Das normalerweise kleine Flüsschen Sarca schwoll innerhalb weniger Stunden zu einem reissenden Strom an und einige Zeltbesatzungen des Campingplatzes strebten schon höher gelegene Bereiche an. Andere Bergsportler waren bereits auf dem Weg in ihre (meist bayrischen) Heimatorte und wieder andere entwarfen Evakuierungspläne und überlegten, wo wohl am Besten ein Rettungshubschrauber landen könnte. Wir aber blieben standhaft und warteten auf das Ende der Regenzeit!!!!!
Na ja, nicht ganz:: Um ehrlich zu sein, wir haben dieses Regenende trotz aller Tricks nicht mehr erlebt: Zwei kletterten unverdrossen im Regen unter den großen Überhängen von Massone, andere zelebrierten indianische Anti-Regentänze. Auch die systematische Belagerung der Sportgeschäfte half nichts. Nach 40 Stunden Dauernässe brachen wir einen Tag früher als geplant unsere Zelte ab und fuhren am Freitagmittag gen Norden (die Wohnungs- und Hausmieter hatten schon vorher aufgegeben). Gegen Abend erreichte unser Bus die Tannheimer Berge an der deutsch-österreichischen Grenze, und nach ausführlicher Diskussion suchten wir dort eine Übernachtungsmöglichkeit. Hier demonstrierten wir ausdrücklich (leider keine Zeugen), dass auch "Die Kletterer" der Hochtourengruppe wandern können: Wir stiegen nämlich zur Vilser Almhütte auf (Gehzeit bleibt geheim). Nach inoffiziellen Verlautbarungen war diese Alm für einige Teilnehmer sogar die erste Übernachtung in einer "richtigen" Berghütte. Also, Tipp für die nächsten Italienfahrer: Hier bietet sich eine günstige Übernachtungsmöglichkeit in angenehmer Bergkulisse, mit eigener Käserei, Bier vom Fass und Tiroler Rotwein nebst reichlich gefüllten Tellern; auf halber Strecke zwischen Braunschweig und Norditalien (Talort Vils bei Reutte), oft ab dem 1.Mai geöffnet. Allerdings, die Bergkulisse mussten wir uns dann doch vorstellen, denn außer Nebelwolken haben wir nicht viel gesehen.
Schade eigentlich, denn Ronald und ich wollten die Tannheimer für eine zukünftige Kletterfahrt mal genauer in Augenschein nehmen. [Einschub 3 : Matthias, aufgepaßt hier könnte sich was anbahnen]. Ausgeruht und ohne schweren Kopf ging es anderntags zurück zum Bus und weiter nach Norden, um wiederum auf halber Strecke, an den Stadelhofener Wänden im Frankenjura zu halten. Olaf und ich kannten dieses Gebiet von einer früheren Unternehmung und wir überredeten (fast) alle, nochmals Gurt und Karabiner anzulegen. Hier war es doch etwas schwieriger als in Arco; Yvonne und Olaf fielen zweimal recht lang, doch ohne Schaden zu nehmen, ins Seil. Mit schweren Armen und Beinen traten wir gegen 19.00 h "endlich" die nun wirklich letzte Etappe der Heimfahrt an - die Fortsetzung erfolgte am Tag darauf an der Kletterwand in der Güldenstrasse und bei der feuchtfröhlichen Nachbereitung (diese Ausführungen würden jedoch den Rahmen des Mitteilungsblattes sprengen).
Klaus Steube