Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2002/4
 

Auf dem E5 über die Alpen

- von Oberstdorf bis Bozen

Diese Fernwanderung war ursprünglich schon für das Vorjahr geplant. Ein unerfreulicher Krankenhausaufenthalt mit mehrwöchiger Nachbehandlung brachte den Zeitplan jedoch zunächst tüchtig durcheinander. Als es Anfang September 2001 schließlich losgehen sollte, war mir der Wettergott nicht hold: Ein Tiefdruckgebiet folgte dem anderen und sorgte am Nordalpenrand für Sturmböen mit heftigen Niederschlägen. Die Schneefallgrenze lag zeitweise um die tausend Meter. Eine Alpenüberquerung - unter diesen Vorzeichen - wäre wider jede Vernunft gewesen , sodass es letztlich zu dieser einjährigen Verzögerung gekommen ist.

Sonnabend, 13. Juli 2002

Der IR 2201 rollt um 9.42 Uhr in den Bahnhof von Oberstdorf ein. In diesem Moment fühle ich mich in das Jahr 1959 zurückversetzt: Ich möchte hier mit zwei Jugendfreunden Urlaub im Gebirge machen. Eine Trachtenkapelle spielt zur Begrüßung. Wenige Tage später lerne ich meine Frau kennen. - Heute erwartet mich niemand. Auch das Wetter zeigt sich nicht von seiner besten Seite. Die Wolken hängen tief und verhüllen die Bergspitzen. Aber es ist noch trocken. Regenschauer sind für den Nachmittag angesagt. Kein guter Beginn.

Der E5 leitet mich mittlerweile schon einige Kilometer durch das Trettachtal. Es geht am Christlesee vorbei in Richtung Spielmannsau. Nicht weit hinter der Oberaualm (1004 m) beginnt der Aufstieg zur Kemptner Hütte auf 1844 m. Unter mir rauscht die Trettach. Es ist schwülwarm.
Ab der Wallfahrtskapelle ”Maria am Knie” geht es weiter steil bergauf durch den Sperrbachtobel. Es hat längst angefangen zu regnen. Der Steig ist sehr rutschig. Drahtseile unterstützen mich jedoch. Ich bin auf der linken Bachseite. Nach nahezu drei Stunden beschwerlichen Anstiegs erreiche ich die Kemptner Hütte unterhalb des Kratzers (2024 m), die sich hinter Regenwolken versteckt.

In der Gaststube herrscht rege Betriebsamkeit: Geführte Wandergruppen. Übernachtung mit Halbpension.

Oberstdorf - Trettachtal - Sperrbachtobel - Kemptner Hütte
Tourenlänge: 13 km ; Wanderzeit: 4 1/2 h ; Höhenunterschiede: 1100 m Anstieg

Sonntag, 14. Juli 2002

Gestern bin ich in die Allgäuer Alpen aufgestiegen. Heute möchte ich es nahezu über die Lechtaler Alpen schaffen. Die Memminger Hütte ist mein Ziel. Ich breche daher zeitig auf. Der Himmel ist verhangen. Doch ab und zu reißt die Wolkendecke auf.

Nachdem ich am Mädelejoch ( 1974 m ) die deutsch-österreichische Grenze überschritten habe, steige ich in das Höhenbachtal steil ab. Linkerseits erhebt sich - in Wolken getaucht - die Hornbachkette, vorn der Große und Kleine Krottenkopf (2657 / 2577 m).
Gut eine Stunde ist vorbei, als ich in das Rossgumpen-Almgebiet komme. Zur Rechten fließt lautplätschernd der Höhenbach. Ab dem Simser Wasserfall ist es nur noch ein ”Katzensprung” bis Holzgau (1103 m). Ich bin im Lechtal.
Es sind noch einige kleinere Ortschaften zu umgehen, dann schwenke ich oberhalb von Bach rechts in das Madautal ein. Bis Madau sind es gut 6 km. Im Berggasthof Hermine mache ich Mittagsrast. Es zeigt sich sogar die Sonne. Doch dann geht es aufwärts durch das Parseiertal. ( Die meisten E5-Wanderer fahren von Holzgau bis zum Parkplatz der Memminger Hütte mit der Großraumtaxe.) Der Seekogel (2412 m) erhebt sich rechts vor mir. Zur Memminger Hütte (2242 m) steige ich weiter bergauf. Eine Blumenvielfalt ziert den steilen Pfad. Schweißgebadet und außer Atem komme ich oben an. Die Bergwelt ist mittlerweile wieder in Wolken eingetaucht.

Der Gastraum ist überfüllt. Die Wandergruppen sind längst eingetroffen. Ich muss mich jedenfalls mit einem Matratzenlager begnügen. Werden die AV-Satzungen auf Hütten außer Kraft gesetzt ?

An der Hütte werden umfangreiche Um- und Anbauten vorgenommen. Waschen kann man sich nur im Freien.

Kemptner Hütte - Holzgau - Madautal - Memminger Hütte
Tourenlänge: 22,5 km ; Wanderzeit: 8 3/4 h ; Höhenunterschiede: 1400 m An- und 900 m Abstieg

Montag, 15. Juli 2002

Lechtaler Alpen
Die Lechtaler Alpen. In der Bildmitte:
Seescharte und Zammer Loch.
Foto: Horst-Dieter Meißner

Gleich am frühen Morgen müssen wir steil hinauf zur Seescharte ( 2599 m ). ( Wir, das sind außer mir Jürgen und Sebastian Müller aus Alzey, die ich am Vorabend kennen gelernt habe. Beide, Vater und Sohn, sind ebenfalls AV-Mitglieder. Die nächsten Tage werden wir zusammenbleiben. ) Die Seewiseen liegen am Weg. Die Bergwelt spiegelt sich nur schemenhaft im klaren Wasser wider. An der Scharte sind etwa 350 Höhenmeter geschafft.
Der Pfad führt nun über Geröll zur Oberlochalm ( 1799 m ) und weiter durch blühende Weiden abwärts. Mittlerweile scheint die Sonne. Bis Zams liegt noch ein weiter, steiler Abstieg vor uns. Durch das Zammer Loch sind 1800 Höhenmeter zu bewältigen.

Wir übernachten in der Pension Haueis. Endlich wieder eine warme Dusche.

Memminger Hütte - Seescharte - Zams
Tourenlänge: 11, 5 km ; Wanderzeit: 7 h ; Höhenunterschiede: 350 m An- und 1800 m Abstieg

Dienstag, 16. Juli 2002

Frühmorgens um 8.30 Uhr startet die Venetbahn mit uns. Wir fahren bis zum Krahberggipfel ( 2208 m ) hoch. Danach steigen wir zur Gladerspitze ( 2512 m ) auf und ”klettern” bis zum Kreuzjoch ( 2464 m ) auf dem Kamm entlang. Der Rundblick über die Ötztaler Alpen ist herrlich. An der Grafluhnalm ( 1961 m ) ist der
”alpine Abschnitt” vorüber. Wir folgen nun dem Weg Nr. 12. Unten liegt das Pitztal. Vorbei an der Larcheralm
( 1814 m ) steigen wir weiter abwärts. Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen.

Ab Wenns ( 982 m ) ist die Empfehlung: ”Europäischer Fernwanderweg E5 - Strecke bis Mittelberg mit Linienbus.” Wir folgen diesem Ratschlag.
Die Fahrt durch das Pitztal dauert etwa eine Stunde. Die Rucksäcke werden mit der Materialseilbahn nach oben befördert. Dann beginnt der kräftezehrende Anstieg zur Braunschweiger Hütte ( 2759 m ). Der Weg wird zunehmend steiler. Mächtige Felsbrocken ragen empor. Laut dröhnt ein Wasserfall. Die Gletscherwelt umfängt uns. Die Wildspitze ( 3772 m ) thront majestätisch über allem. Davor und dahinter erstreckt sich kilometerweit die Weißkamm-Gletscherregion. Ein riesiges Skigebiet.

Braunschweiger Hütte
Vor der Braunschweiger Hütte
Foto: Horst-Dieter Meißner

Nach knapp drei Stunden Steilanstieg stehen wir vor der Hütte. Ich bin völlig ausgepumpt.

Einige Wandergruppen sind schon da, andere kommen noch. Die Tische in der Hütte sind reserviert. Als ich mich als Braunschweiger zu erkennen gebe, dürfen wir am Stammtisch Platz nehmen. Statt eines Notlagers bekommen wir von Franz Auer - nach längerem Warten - sogar das Dreibettzimmer Nr. 15 zugewiesen.

Zams - Krahberg - Gladerspitze - Kreuzjoch - Larcheralm - Wenns - Mittelberg - Braunschweiger Hütte
Tourenlänge: 15 km ; Wanderzeit: 7 3/4 h ; Höhenunterschiede: 1350 m An- und 1500 m Abstieg ( ohne Seilbahn und Busfahrt )

Mittwoch, 17. Juli 2002

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von der Braunschweiger Hütte, die die höchstgelegene Schutzhütte dieser Fernwanderung sein wird. Mit dem Pitztaler Jöchle ( 2996 m ) erreichen wir kurz darauf den höchsten Punkt des E5. Wir stecken im Nebel. Es fängt auch noch an zu regnen. Der Abstieg geht - nahezu orientierungslos - etwa eine halbe Stunde über ein langgezogenes Schneefeld. Nicht ungefährlich.

Durch das Rettenbachtal steigen wir zügig ab. Über uns die Ötztaler Schwebebahn. Weiter geht es talwärts zur Gaislachalm ( 1968 m ). Ich vermisse meine ”Regenhaut” . Der Wirt der Alm hört davon und überreicht mir spontan eine Jacke der Bergwacht. Ich werde sie ihm zurückschicken.
Der Höhenweg führt jetzt über Wiesenhänge. Später umgibt uns Wald. Durch das Ventertal gelangen wir schließlich nach Zwieselstein. Wir nehmen Zimmer im Hotel Neue Post. Sauna inbegriffen.

Braunschweiger Hütte - Pitztaler Jöchle - Rettenbachtal - Ventertal - Zwieselstein
Tourenlänge: 14,5 km ; Wanderzeit: 6 1/2 h ; Höhenunterschiede: 300 m An- und 1600 m Abstieg

Donnerstag, 18. Juli 2002

Auch heute ist die Wetterlage unverändert. Dennoch geht es gleich nach dem Frühstück los. Mit dem Timmelsjoch ( 2474 m ) liegt gleich früh eine ausgedehnte Bergetappe vor uns. Durch Wiesen schlängelt sich der Ötztaler Urweg nach Süd-Osten. Vorbei an einem rauschenden Wasserfall queren wir den Timmelsbach. Der Aufstieg zieht sich über drei Stunden hin. Die Sonne versucht erfolglos den Nebel zu durchbrechen. Es weht ein eisiger Wind. Nur 5 bis 6 °C.
Ab dem Joch, gleich hinter der österreichisch-italienischen Grenze, geht es dann steil hinab durch das Passeier Timmelstal. Endlich scheint die Sonne. Weit und breit Wiesen. Später müssen wir über die Passer und bleiben am linken Ufer bis Moos im Passeier (1007 m ).

Im Café Maria sind noch Zimmer frei. Ich übernachte in einem besserem ”Taubenschlag”.

Zwieselstein - Timmelsjoch - Moos
Tourenlänge: 17 km ; Wanderzeit: 7 1/2 h ; Höhenunterschiede: 1100 m An- und 1300 m Abstieg

Freitag, 19. Juli 2002

Um 6.00 Uhr weckt mich die Kirchturmglocke. Ich traue meinen Augen nicht: Strahlendblauer Himmel. Die Sonne scheint durch das Dachlukenfenster.

Der E5 führt gleich hinter Moos durch einen Tunnel. Wir sind auf der Fahrstraße. Dann geht es jedoch hinauf in den Wald. Steil ist der Pfad, der uns nach Stuls, einem Bergdorf über dem Passeiertal, bringt. Der Blick in das Tal ist gigantisch. Weit hinter uns erheben sich die Ötztaler Alpen.

Unsere Wanderung verläuft jetzt steil abwärts bis St. Leonhard im Passeier ( 693 m ). Wir kommen an einigen Einzelgehöften vorbei. Der Wanderweg Nr. 3 und später der 1er bringen uns ab St. Leonhard stetig steil aufwärts zur Pfandler Alm ( 1345 m ). Der Einstieg in die Sarntaler Alpen ist getan.

Die Pfandler Alm hält Betten für E5-Wanderer bereit. Und was nach dem schweißtreibenden Aufstieg besonders wichtig ist - es gibt eine heiße Dusche.

Wir sitzen bis zum frühen Abend in der Sonne. Ein herrlicher Tag. Die Andreas Hofer Hütte liegt gleich nebenan.

Moos - Stuls - St. Leonhard - Pfandler Alm
Tourenlänge: 14 km ; Wanderzeit: 5 1/2 h ; Höhenunterschiede: 1000 m An- und 600 m Abstieg

Sonnabend, 20. Juli 2002

Die heutige Tour, die uns weiter über die Sarntaler Alpen führt, wird es in sich haben. Alle Kräfte müssen mobilisiert werden. Die Zeit drängt. Ich steige daher auch sehr früh aus meinem Hüttenschlafsack. Um 7.42 Uhr brechen wir auf. Die Sonne vertreibt die letzten Nebelschwaden.

Die ”Normalroute” zur Hirzer Hütte ( 1983 m ) ist gesperrt. Steinschlaggefahr. Nur wenige Meter hinter der Almhütte erfolgt dafür ein noch steilerer Aufstieg. Nach etwa zwei Stunden entschädigt uns dafür ein herrlicher Blick auf das Passeier- und Vinschgauer Tal. Dahinter zeigen sich die Ötztaler Alpen. Weiter windet sich der Steig durch Wälder und Wiesen aufwärts. Was für eine Alpenflora. Leider sind die Alpenrosen schon verblüht.

In der Hirzer Hütte sind schon alle Schlafstellen belegt. Wir erhalten jedoch Unterkunft im Gasthaus Klammeben ( 1980 m ) gleich neben der Bergstation der Hirzer Seilbahn.

Die Sonne meint es gut mit uns. Ich verbringe den ganzen Nachmittag im Liegestuhl auf der Terrasse. In der Ferne grüßen die Ötztaler Alpen und die Ortlergruppe, linkerhand erhebt sich der Große Ifinger ( 2581 m ), vorn rechts die Texelgruppe und unten liegt Meran.

Pfandler Alm - Hirzer Hütte - Gasthaus Klammeben
Tourenlänge: 7 km ; Wanderzeit: 4 1/2 h ; Höhenunterschiede: 800 m An- und 150 m Abstieg

Auf dem Hirzer
Auf dem Hirzer
Foto: Horst-Dieter Meißner

Sonntag, 21. Juli 2002

Blauer Himmel. Im Tal hängt noch Nebel. Wir stoßen nach einer Stunde auf den Gebirgsjägersteig, der uns zur oberen Hirzer Scharte ( 2698 m ) leitet. Ich bin geschafft. Mancher Schweißtropfen ist gefallen. Dennoch investieren wir weitere Mühe und ersteigen in gut einer Viertelstunde den Hirzergipfel ( 2781 m ). Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus: Was für ein Panorama. Die Alpenwelt zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Wunderschön.
Aber schon bald müssen wir zurück zur Scharte. Nebel steigt aus dem Tal auf. Wir folgen dem Gebirgsjägersteig weiter bis zum Kratzberger See auf 1919 m. Bis zur Meraner Hütte ist es jetzt nur noch eine Stunde. Wir sind im Skigebiet Meran 2000.

Kurz vor Erreichen der Hütte fängt es an zu regnen. Doch bald schon scheint wieder die Sonne.

Gasthaus Klammeben - Hirzer - Meraner Hütte
Tourenlänge: 9 km ; Wanderzeit: 6 3/4 h ; Höhenunterschiede: 900 m An- und 800 m Abstieg

Montag, 22. Juli 2002

Heute frühstücke ich als erster und verabschiede mich von meinen Pfälzer Begleitern, die es nach Meran zieht. Ich wandere hingegen auf dem Haflinger Höhenweg Richtung Bozen. In leichtem Auf und Ab und gelange ich über Kreuzjöchle ( 1984 m ), Maiser Rast ( 2026 m ), Kreuzjoch ( 2086 m ) schließlich zum Mölterer Kaser
( 1763 m ). Die Silhouette der Dolomitenkette begleitet mich fast die gesamte Wegstrecke.

Kreuzjöchl
Kreuzjöchl mit Texelgruppe
Foto: Horst-Dieter Meißner

Der Weg senkt sich gemächlich. Lediglich vor Langfenn ( 1527 m ) muss ich noch ein Stück aufsteigen. Es geht an der kleinen Kapelle St. Jacob vorbei. Kurz zuvor bin ich auf den Weg Nr. 1 gestoßen und wandere nun in Serpentinen nach Jenesien hinab. Ich übernachte hier im Albergo Jenesien mit Blick auf den Rosengarten. Daneben links der Schlern und rechts Latemar.

Meraner Hütte - Mölterer Kaser - Langfenn - Jenesien
Tourenlänge: 19,5 km ; Wanderzeit: 5 1/2 h ; Höhenunterschiede: 250 m An- und 1000 m Abstieg

Dienstag, 23. Juli 2002

Heute lasse ich es gemütlich angehen und schwebe um 8.00 Uhr mit der Jenesien-Seilbahn nach Bozen ( 260 m) ein. Mit dem Linienbus fahre ich zum Hauptbahnhof.

Der EC 12 Paganini verlässt Gleis 3 pünktlich um 10.31 Uhr in Richtung München. Es geht zunächst im Eisacktal entlang. Über Brenner und Innsbruck rückt die Heimat näher. Die Bergwelt fliegt an mir vorbei. Meine Gedanken kreisen immer wieder um die Eindrücke der vergangenen Tage. Vergessen sind die überlangen, steilen, kräftezehrenden An- und die mitunter noch steileren, nicht enden wollenden Abstiege. Allein die wunderschönen Erlebnisse halten mich umfangen. Doch irgendwann überfällt mich Müdigkeit. Zufrieden schlafe ich ein.


Horst-Dieter Meißner

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.2. November 2002