Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2002/4
 

Mosesberg und Felsenriff

Die ägyptische Halbinsel Sinai, nur wenige Flugstunden entfernt, bietet einen wahrlich abwechslungsreichen Urlaub...

Früh morgens um kurz nach fünf Uhr ist es geschafft. Wir stehen auf dem 2285 Meter hohen Djebel Musa, dem Mosesberg im Süden der Halbinsel Sinai. Der Himmel ist noch völlig dunkel; die Nachtluft ist klar und die Mondsichel liegt – für uns Europäer ungewohnt – auffällig verdreht, fast wie eine venezianische Gondel, am sternenübersäten Firmament schräg über uns. Wir sind hier oben nicht alleine: überall liegen, hocken, stehen Menschen, angereist aus allen möglichen Hotels entlang der Küste, um gemeinsam hoch über der Wüste auf den Sonnenaufgang zu warten. Rasch hole ich ein trockenes T-Shirt aus dem Rucksack, wechseln es hinter einem Felsen gegen das nassgeschwitzte Hemd. Zum Glück ist auch ein Pullover und die Windjacke dabei: nur 6°C zeigt das Thermometer. Die Wüstennächte sind kalt – und erst recht hier oben!

Als wir vor wenigen Stunden abends gegen halb elf mit dem Bus von unserem Hotel in Sharm el Sheikh am Roten Meer bei angenehm warmer Abendluft aufgebrochen waren, erschien uns die Ausrüstung für die Fahrt zum Sonnenaufgang im Sinai fast noch überflüssig! Nach gut drei Stunden Fahrt auf hervorragend ausgebauten Straßen hatten wir dann den Parkplatz am Katharinenkloster, und damit den Ausgangspunkt der Wanderung in einer Höhe von 1600 Metern über dem Meer erreicht. Bereits hier war die Abendluft recht frisch. Kurze Hosen, Pumps oder Badelatschen taugen nichts für diese Tour, auch wenn der Weg hinauf zunächst breit ausgebaut und wenig anstrengend ist. Nach und nach wird der unbeleuchtete Weg jedoch steiler und kurviger. Von unserem Reiseleiter hatten wir Taschenlampen bekommen. Wer wollte, konnte sie einschalten. Allerdings hatten sich unsere Augen bereits nach kurzer Zeit an die Dunkelheit gewöhnt, und der Aufstieg allein im Mondlicht war eine schöne Erfahrung: gestolpert sind wir nie – es geht auch ohne künstliches Licht!

Oft wurde uns unterwegs von den zahlreichen am Wege wartenden Beduinen ein Reitkamel für den Aufstieg angeboten. Nachtschicht der Einheimischen am Mosesberg. Wir lehnen dankend ab und genießen den Fußmarsch in der kühlen Nachtluft. Ganz hinauf bis zum Gipfel können auch die Tiere nicht gelangen. Etwa dreihundert Meter unterhalb heißt es absitzen und marschieren. Breite Stufen sind jetzt in den Fels gehauen. Der Andrang hinauf zum Gipfel wird überraschend groß: schließlich haben sich mit uns etwa zweihundert Menschen auf dem nächtlichen Berg versammelt. Wir hatten knapp zwei und eine halbe Stunde für den gesamten Weg gebraucht.

Kurz vor sechs wird es heller. Es ist windstill aber nach wie vor kalt. Einige haben sich wärmende Decken ausgeliehen – doch die grauen, groben Tücher sind alles andere als sauber. Plötzlich schlägt die kleine Glocke in der 1934 auf dem Gipfel erbauten Kapelle, just in dem Moment, in dem sich die Sonne langsam über den Horizont schiebt. Fotoapparate klicken, Kameras summen. Langsam überfluten die wärmenden Sonnenstrahlen die kargen Berge der trockenen Felsenlandschaft. Der neue Tag hat begonnen, und die Zweifel, ob sich der Aufwand einer durchwachten Nacht lohnen würde, sind verflogen. Auch dem weniger gläubigen Pilger wird bewusst, dass es sich bei diesem Berg um einen ganz besonderen Ort handelt: das Alte Testament beschreibt, wie Moses von Jahwe hier oben die Tafeln mit den zehn Geboten empfing, während unten im Tal dem Goldenen Kalb gehuldigt wurde. Es mutet uns fremd an, dass dieses wasserlose Felsenwirrwarr die Wiege von Weltreligionen ist!

Die umliegende Landschaft ist atemberaubend. Filmmusik aus David Leans „Lawrence Of Arabia“ kommt mir in den Sinn. Grandiose Wüste pur mit ockerbraunen Felsbergen im goldenen Morgenlicht. Gar nicht weit entfernt von uns können wir nun den mit 2637m etwas höheren Djebel Katrinah sehen – den höchsten Gipfel der Sinai-Halbinsel. Auf ihm soll ein Engel den Leichnam der Märtyrerin Katharina zur Ruhe gebettet haben. Doch nicht das Grab, sondern das nach ihr benannte Kloster unten im Tal ist unser nächstes Ziel. Und das wollen wir möglichst noch vor all den anderen erreichen.

Wüste
Grandiose Wüste pur mit ockerbraunen Felsbergen im ersten Morgenlicht
Foto: Ralf Schimmelmann

Der Aufbruch vom Mosesberg ist daher etwas überstürzt – was sich jedoch schon bald als sehr vernünftig erweist. Etwa eine viertel Stunde später erreichen wir eine Weggabelung: hier müssen wir uns entscheiden, ob wir den vielbegangenen Weg, an dem wieder die Kameltreiber mit ihren Tieren auf die Touristen warten, einschlagen wollen, oder aber jenen schmalen Pfad, der sich mit über 3500 Stufen steil durch den Fels hinunter zum Katharinenkloster schlängelt. Wir entscheiden uns ohne zu zögern für den Pfad, denn ein Blick zurück nach oben zeigt uns, dass nun der Exodus vom Berg begonnen hat. Wer jetzt erst den Abstieg oben am Gipfel beginnt, kommt nur noch langsam voran!

Unser kleiner Vorsprung gibt uns die Möglichkeit, nicht nur als erste sondern auch noch fast alleine durch den steilen und ständig enger werdenden Canyon im engen Zickzack abzusteigen. Schon bald liegt das griechisch-orthodoxe Kloster, übrigens das kleinste Bistum der Welt, in der morgendlichen Sonne unten im Tal in Sichtweite vor uns. Die wenigen Bäume und Sträucher innerhalb der Klosteranlage sind wahrlich das einzige Grün, dass uns in dieser sonst ockerbraunen Steinwüste ins Auge fällt – und dieser Farbklecks strahlt mitten in der Wüste Sinai Leben und Geborgenheit aus. Nach einer weiteren Stunde stehen wir dann vor der kleinen Eingangstür in der 15 Meter hohen, festungsartigen Mauer, die das Kloster umgibt. Nur freitags, sonntags sowie an kirchlichen Feiertagen bleibt die Eingangstür des Klosters für die Besucher geschlossen. An diesen Tagen wollen die 24 griechischen Mönche unter sich bleiben. Ansonsten finden Besucher täglich von 9 bis 12 Uhr Einlass.

Katharinenkloster
In einem engen Talkessel liegt das Katharinenkloster.
Foto: Ralf Schimmelmann

Die unübersichtlich und verschachtelt in mehreren Stockwerken gebaute Klosteranlage besteht bereits seit über 1600 Jahren. Ihre Anfänge liegen im 3. oder 4. Jahrhundert an jener Stelle, an der laut Altem Testament der Engel des Herrn aus dem brennenden Dornbusch heraus zu Moses gesprochen und sich so als Gott Israels offenbart hat. Ruhe und Frieden strahlt das dicke Gemäuer aus. Es wurde übrigens nie ernsthaft von Hitzköpfen anderer Religionen bedroht. Auch die unseligen Wirren des Nahostkonfliktes oder des Terrorwahnsinns des vergangenen Jahres haben hier keine Wirkung gezeigt. Im Gegenteil: unter den interessierten Besuchern finden sich offensichtlich Angehörige aller Religionen. Ob mit Kopftuch, Turban oder Cap: friedlich nebeneinander betrachten alle staunend und eng gedrängt die goldenen Ikonen und prächtigen Einrichtungen in der Basilika, die Kapelle des Brennenden Dornbusches und die anderen Sehenswürdigkeiten. Die bärtigen Mönche in ihren schwarzen Gewändern lächeln uns freundlich an und erwidern unseren Gruß, aber sie achten in ihrer eigenen, kleinen Klosterwelt auch streng auf ihre Regeln, die von allen Besuchern einzuhalten sind: kein Fotografieren innerhalb der Kirche und bitte angemessene Kleidung innerhalb des Klosters!

Als unsere gut bemessene Besichtigungszeit schließlich doch vorbei ist, bringt uns der Bus in wenigen Stunden wieder zurück an die Südküste des Sinai, wo eine gänzlich andere Felsenlandschaft auf uns wartet, die allerdings keine Stiefel, Teleskopstöcke oder andere Bergausrüstung verlangt. An diesem Herbstnachmittag haben wir dort immer noch Temperaturen von 35°C im Schatten.

Unser Hotel liegt an der Shark Bay, etwas nördlich der Naama-Bay von Sharm el Sheikh. Der bedrohlich klingende Name Hai-Bucht erweist sich aber als harmlos. Es soll zwar Haie in diesen Gewässern geben, doch kein Tourist ist je ernsthaft in Gefahr geraten. Auch mit kleineren Kindern, die bereits schwimmen und schnorcheln können, kann man sich gefahrlos ins warme Wasser begeben. Hier im Golf von Akaba liegen zudem einige der schönsten Korallenriffs der Welt. Aus diesem Grund sind Taucherbrille, Schnorchel und Flossen absolutes Pflichtgepäck. Wer hierher nur zum Baden kam, ist am falschen Strand. Nicht weicher Sand für empfindliche Fußsohlen und flach abfallendes Wasser erwarten uns, sondern ein Riff aus hartem Kalk mit einer Abbruchkante knapp unterhalb der Wasseroberfläche, die dann unvermittelt mehrere Meter senkrecht in die Tiefe fällt: Überhänge, Höhlen, Kamine - ein Gebirge im Meer! Aber waren die Felsen am Mosesberg nackt und wüst, so erwartet uns hier eine Pflanzen- und Tierwelt von atemberaubender Vielfalt.

Ein Riff ist ein empfindliches Ökosystem. Neben besonders warmem Wasser benötigen die bunten Korallen sehr nährstoff- und sauerstoffreiches Wasser sowie viel Licht. Diese eigentlich tropischen Bedingungen finden sie auch im Roten Meer – nur knapp fünf Flugstunden vom derzeit nasskalten Deutschland entfernt. Das Unterwasserleben im Riff ist atemberaubend schön - Exotik vom Feinsten. Ein jeder Tauchgang bietet neue, unvergessliche Eindrücke. Es gibt Abgründe im Riff, die nur 4 Meter abfallen, aber auch einige mit 40 Metern und mehr. Die kalkhaltigen Außenskelette der Korallen und Algen sind der Baugrund für die nachfolgenden Generation. So wächst das Riff langsam in die Höhe. Das es im Riff auch unendlich viele kleinere und größere Höhlen, Ecken und Nischen gibt, finden sich auch die Fische ein, die hier ideale Lebensbedingungen vorfinden.

Kaum im Wasser sind wir auch schon Mitglied im riesigen „Aquarium“. Die Artenvielfalt bei Fischen wie bei Pflanzen ist wortwörtlich zu nehmen. Buntes Treiben in Hülle und Fülle, und das alles bei glasklarem und 27°C warmem Wasser. In unserer Shark Bay liegt das Korallenriff nur etwa 20 Meter vom Strand entfernt und fällt dann senkrecht 3 – 5 Meter ab.

Nach ein paar Tauchgängen hat jeder von uns seine Lieblingsstellen entlang des Riffs gefunden. Tiefblaue Drückerfische – sie werden bis zu einem Meter lang - zermalmen mit ihren Kiefern die grünen, roten, weißlich-gelben Korallen – die großen Tiere sind aber ängstlich und suchen bei unserer Annäherung rasch das Weite. Langsam schwimmen wir dicht unter der Wasseroberfläche weiter: links Gelbrand Doktorfische, rechts sind es Riffbarsche und Anemonenfische, weiter vorne kunterbunt gestreifte Kaiser- und Papageifische.

Besonders mutig sind die kleinen Oberfeldwebel-Fische, benannt nach den querliegenden Streifen auf ihrem Schuppenkleid. Sie kommen bis auf Armlänge neugierig an uns heran. Ein „Oberfeld“ fand die Härchen an meinem linken Bein hochinteressant und zupfte mit seinem Maul daran. Hallo??!! Wer beobachtet hier eigentlich wen...?

Allerdings absolut harmlos ist die Unterwasserwelt nun auch wieder nicht. Doch sind die Muränen, Blaupunktrochen, Barrakudas oder Rotfeuerfische weder angriffslustig noch zahlreich. Außerdem sind wir zum sorgfältigen Beobachten ins Riff geschwommen und bemerken im klaren Wasser die wirklich gefährlichen Fische daher immer rechtzeitig und können sie so ganz in Ruhe aus sicherer Entfernung betrachten - oder ihnen vielleicht doch lieber sicherheitshalber aus dem Wege „schwimmen“...


Auskunft erteilt:
Ägyptisches Fremdenverkehrsamt
Kaiserstraße 64 a
60329 Frankfurt / Main
Telefon 069 / 252319, 252153
FAX 069 / 239876

Oder weitere Informationen im Internet unter:
www.tritops.de/sinai.htm
www.dumontverlag.de


Ralf Schimmelmann

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.2. November 2002