Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/1
Klettergruppe

Götz - die ideale Wintermotivation

Draußen typisches Herbstwetter - ich drinnen am Telefonieren - Marco war dran .... „Hey, unter www.climbing.de steht was von „Boulderwettkampf in Kassel“. Ahja, Kassel, ist ja nur ein Katzensprung.

Eine Woche später doch die spontane Idee, zusammen mit Martin und jenem Marco diesen Katzensprung aus Braunschweig auszuprobieren und uns „nur so mal“ in die „vertical world“ zu begeben. Der „Barkeeper“ (und spätere Routenbauer“ machte uns Mut. „Beim Boulderwettkampf wird für jeden was dabei sein, Fun steht im Vordergrund. Letztes Mal waren 60 Leute da.“ Muß ein herrliches Gedränge gewesen sein, dachte ich mir.

Noch eine Woche später stehe ich im herrlichen Gedränge. Jeder hat sich seinen Quali-Zettel abgeholt und dazu noch einen Buchstaben gezogen. Quali heißt, 15 Boulder von (französisch) 5 bis 7 X zu knacken, die Anzahl der Versuche nur durch die Zeit limitiert. Zur Motivation hat jeder Boulder einen gekennzeichneten Z- (wie Zwischen-Griff), der sozusagen die halbe Miete darstellt, wenn er - genauso wie der Top-Griff - mindestens 3 Sekunden gehalten wird.

Und der geheimnisvolle Buchstabe hat den Sinn, kleine Grüppchen mit den gleichen Buchstaben zu bilden, die zusammen die Quali meistern sollen. So, wie bouldern sein sollte:....spotten, Tipps geben, anfeuern. Nach der Freigabe zur „Gruppenfindung“ also ein interessantes Durcheinanderrufen des gesamten Alphabetes: „Wer hat noch A wie Anfänger?“ und „R wie Rindvieh zu mir!“ Zufälligerweise sind Gabor („T“), welcher aus Darmstadt dazugestossen ist, Joscha („?“) aus Hildesheim und ich („X“) Einzelkämpfer. Und Einzelkämpfer können eine eigene Gruppe bilden ......

Leicht geneigt, senkrecht, überhängend, zerren, schubbern, Längenzüge und Verdreher, für jedes Bedürfnis ist was dabei. Dabei ist es lustig anzusehen, wie eine feminine Relativität von Raum und Zeit Einzug ins Klettergeschehen hält: „Los, zieh, zum Top kommst du noch! Jiau, super, eisweidrei - du hast ihn!“ Frauen halten halt mehr zusammen als Männer. Schon recht, wenn’s um die oben erwähnten popligen 3 Sekunden geht.

Schnell kristalisieren sich zwei der 15 Boulder als diejenigen heraus, welche, weil besonders schwierig, über eine Finalteilnahme entscheiden. Also, dort keine Kraft verpulvern, sondern erst mal die anderen abhaken, denken sich wahrscheinlich alle Teilnehmer und bilden deshalb kurz vor Toresschluß lange Schlangen vor diesen beiden Bouldern, um wenigstens deren „Z-Griffe“ zu erhaschen. Ungewollt steht so jeder mal im Rampenlicht, weil sich nun wirklich alles und jeder auf diese beiden Boulder konzentriert inklusive dem nichtkletternden Publikum.

Boulder
Foto: Michael Sieder

Jeder gelungene Zug wird bejubelt. Leider wird auch jeder Abrutscher mit 10 Minuten Schlangestehen geahndet, was für mich eine gänzlich neue Erfahrung ist, weil ich eigentlich bevorzugt da klettere, wo man sich nicht gegenseitig tottritt oder maximal auf eine Schlange tritt, aber keine bildet. Doch ich muss eingestehen: Rampenlicht kann auch motivieren - erster Mistgriff, weiter zum zweiten, ab in Überhängende zum dritten, Füße hoch, zwischengreifen, Dynamo zum Z-Griff, andere Hand dazu. So, dass reicht dann aber auch, bin immerhin schon 30. Voll der Fun.

Aber es gibt noch andere Dringe, die begeistern können...
Zum Beispiel die Eleganz, Anmut und Kraft einiger Frauen beim Klettern (für mich immer wieder verblüffend); die Hartnäckigkeit mit der Martina ihren Brötchenstand gegen unbefugtes „Begreifen“ verteidigt; das gezeigte Frankenvideo mit diversen Koryphäen der Kletterszene

Und natürlich das Finale an sich. Eine kleine Episode daraus: bei den „Herren“ klettert auch der kleine Jonas mit, seines Zeichens Gewinner der „Jugend“. Einer der Final-Boulder beginnt an einer senkrechten Platte mit derartigen Griffabständen, dass er de facto keine Chance hat. Höhö, witzeln Joscha und ich, muss er halt die Bohrlöcher in der Platte nehmen, aber nur als Seitgriff. 10 Minuten später klettert er in diesem Boulder und zieht sich wirklich an diesen Löchern hoch! Stimmung, Konfetti, reife Leistung.

Obligatorische Siegerehrung, Geschenke verteilen und zum späten Abend hin macht sich ein Haufen drahtiger Gestalten auf den Heimweg nach Berlin, Braunschweig, Hannover, Darmstadt ... und natürlich Kassel.

Dank an Götz Wichmann, dem Organisator des rundum gelungenen 3. Boulderwettkampfes in Kassel. Beim 4. werden wir nicht fehlen.

Der Sachsen-Micha aus Braunschweig
Michael Sieder

PS. 1 Die exakten Plazierungen bekommt ihr im www heraus oder noch besser -----fahrt doch einfach mal nach Kassel.

PS 2 Um „Neulingen“ die Entscheidung in einem Jahr zu erleichtern...... richtig Spaß wird es denjenigen machen, die sich im UIAA-7er-Gelände und höher wohlfühlen.

(PPS: Bilder zum Wettkampf gibt es auf http://www.verticalworld.de/)

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.2. Februar 2003