Zum zweitenmal war ich im Wallis, dort, wo die Viertausender in guter Reichweite sind. Das sommerliche Gruppenunternehmen 2002 der Hochtourengruppe konzentrierte sich um Saas Fee. Ich hatte also die Chance, die Liste „meiner“ Viertausender zu erweitern.
Zusammen mit Ronald Scheffler reiste ich an, und da sein eigentlicher Partner Jens Poggemann erst später kommen konnte, gingen wir gleich gemeinsam an die Höhenanpassung. Saas Fee war die Tage zuvor eingeschneit. Der Schnee wich zwar wieder zurück, aber einiges war nicht möglich; selbst das Mittagshorn (3143m) verweigerte sich uns anfangs.
Das Nadelhorn (4,327 m) war vom letzten Jahr noch ein offener Wunsch und Ronald schätzte den Tag gut ab, an dem wir es einige Tage später ohne größere Gefahr besteigen konnten. Von dort streifte der Blick auf die gegenüberliegende Talseite zum Lagginhorn. Es wurde zum nächsten Ziel erklärt.
Als Jens und Holger Blume eintrafen, übernahm es Ronald, die beiden zur Akklimatisierung in zügigem Tempo auf das jetzt schwärzere Mittagshorn zu führen, während ich es vorzog, mit Herbert Horstmann den reizvollen Grächener Höhenweg zu genießen. Das Lagginhorn hatte ich dabei ständig vor Augen, und ich schaute oft mit gemischten Gefühlen hinüber: Unsere Tour sollte nicht über den leichten Normalweg gehen, sondern über den schwierigeren Südgrat.
Am 18.August brachen wir zu viert zu den Weißmieshütten auf. Wir
waren sehr früh dort. Während ich draußen wartete, befragten
die drei den Hüttenwirt und brachten die für mich freudige Botschaft:
Niemand geht augenblicklich über den Südgrat, aber die Fletschhorn
– Lagginhorn - Überschreitung über den Nordgrat sei gut möglich.
.. Wir entschieden uns, statt die Einstiegsroute zum Fletschhorn abzugehen -
was sicher besser gewesen wäre - , auf das Jegihorn (3200m) zu steigen,
das so einladend vor der Nase lag. Von dort hatten wir einen guten Blick auf
Fletschhorn und Lagginhorn
.
Am nächsten Morgen reihten wir uns in die aufsteigenden Gruppen ein. Erst
als wir schon ein Stück unterwegs waren, merkten wir, daß der Weg
direkt zum Lagginhorn führte. Also zurück und einen anderen Pfad weiter
links gewählt. Dieses Lagginhorn hat aber zahlreiche Moränen vorgelagert,
in denen man sich verirren kann – wir waren immer noch nicht auf dem richtigen
Weg. Hätten wir nur gestern auf das Jegihorn verzichtet! - Also nochmals
etwas zurück und etwas quer, dann endlich erreichten wir den ersten Gletscherausläufer
und konnten von unserem Überblick vom Jegihorn profitieren.
Eine Seilschaft weit voraus hatten wir bald eingeholt, als sie sich im Fels mühte, während wir die Restgletscher nutzten. Die Armen mußten auch nichteingelaufenen Schuhen Tribut zollen und baten um Pflaster.
Jens hatte ein enormes Tempo vorgelegt. Da wir nicht angeseilt gingen, entschied ich mich für eine langsamere Gangart. Ab und zu ließen die drei mich herankommen. Als Jens Probleme mit seinen Steigeisen bekam, ging ich weiter in der Meinung , ich würde gleich wieder eingeholt sein. Aber ich konnte bis zum Gipfel durchgehen, vor mir nur die einsame Schneeweite und hinter mir bald auch nur Weiß. Ich genoß es sehr.
Holger war nachgekommen und wir erreichten zusammen den Gipfel des Fletschhorns mit 3993m Höhe. Der Blick nach Italien zeigte ein wallendes Wolkenmeer, während wir herrliches Wetter mit guter Sicht in die anderen Richtungen hatten. Es wurde kalt ohne große Bewegung und ich zog meine dicke Fleecejacke an. Nachdem wir schließlich alle versammelt waren, wurden die üblichen Fotos geschossen und die weitere Route begutachtet: Es ging in schönstem Schnee 300 m abwärts ins Fletschhornjoch, dann standen uns wieder 300 m in die Höhe auf das Lagginhorn bevor, um dabei endlich die 4000 m mit 10 m zu überschreiten.
Abwärts hatte ich wieder Probleme, den Anschluß zu halten. Ich kam mächtig ins Schwitzen. Bei einem kurzem Stop habe ich mich meiner Fleecejacke entledigt, aber endgültig. Schon im Jahr zuvor hatte ich eine Jacke in der Britanniahütte gelassen - die Schweiz ist so doch sehr teuer für mich.
Vom Joch gingen respektvolle Blicke den Grat hinauf zum Gipfel. Auch das sollten wir noch schaffen. Nachdem wir bisher nur im Schnee gestapft waren, ging jetzt das Klettern los, das eigentliche Highlight. Anfangs seilten wir uns an, weiter oben kletterten wir frei. Da ich die Gabe habe, eine Route schwieriger zu machen, als sie eigentlich ist, hielt ich mich nach Möglichkeit an die Vorgaben der Vorausgehenden. Jens, der hinter mir ging hatte Musse, noch günstigere Varianten zu finden. Auch wenn der Grat anfangs kaum weniger zu werden schien, besonders beim langsameren Am-Seil-Klettern, waren wir doch plötzlich oben. Nur noch ein schmaler Firngrat war zu überschreiten, und das war es. - Lagginhorn, 4010 m.
Hinunter ging es den leichteren aber doch sehr langen Normalweg. In den vielfältigen Moränen am Ende haben wir sogar noch einen zusätzlichen Bogen geschlagen. Es lag aber nicht daran, daß wir uns nicht ausgelastet fühlten.Die optimale Route war einfach schwer zu finden.
Trotzdem fanden wir alle, daß es eine sehr schöne Tour gewesen war.
Gerhild Jüttner