Mitte Dezember, noch immer kein Schnee, dafür seit einigen Tagen Frost,
nachts unter –10 Grad. Da besinnen sich zwei Skigruppenmitglieder (Helmut
Kähler und ich) auf ihre schon längere Zeit unbenutzten Schlittschuhe
und unternehmen erste vorsichtige Versuche auf dem Kreuzteich und im Bürgerpark.
Nach einigen Tagen wird es uns zu eng auf den Braunschweiger Teichen –
wie wäre es wohl, einmal Schlittschuh auf dem Steinhuder Meer zu laufen,
dem größten Binnengewässer Niedersachsens?
Hält das Eis? Kann / darf man dort überhaupt Schlittschuhlaufen? Moderne Medien geben hier Auskunft: „Die Temperaturen der letzten Tage versprechen am Wochenende ein ausgiebiges Eisvergnügen auf dem Steinhuder Meer.“
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Foto: H. Kähler |
Am Freitag, dem 13.12.2002 (es ist ja nahezu Wochenende) starten wir. Bei –10
Grad kommen wir am „Meer“ an – soweit das Auge reicht nur
Eis, und es scheint zu halten! Erste Schlittschuhläufer sind unterwegs,
und Eissegler präparieren ihre Eisyachten. Als vorsichtige Menschen erkundigen
wir uns bei Einheimischen mit folgendem Ergebnis: „Außer einigen
offenen Stellen, hervorgerufen durch unterirdische Zuflüsse, hält
das Eis; man solle sich aber in Ufernähe halten.“ ((Bild1))
Also wagen wir es auch – Ziel ist zunächst das gegenüberliegende
Nordufer. Mit heißen Getränken und einer Reepschnur (für alle
Fälle) im Rucksack geht es los. An Steinhude und Großenheidorn vorbei
nähern wir uns dem unbesiedelten Ostufer. Hier konnte sich im Windschutz
des Schilfgürtels ein Eis von feinster Qualität entwickeln. Auf spiegelblanken
Eisflächen gleiten, nein schweben wir dahin und können unserer Freude
über dieses einmalige Erlebnis kaum Ausdruck verleihen. Die tiefstehende
Dezembersonne spiegelt sich im Eis, der leichte Dunst lässt das Meer in
der Ferne verschwinden, und so können wir die Größe nur erahnen.
Nur selten begegnen wir anderen Schlittschuhläufern – man grüßt
und unterhält sich. Ab und zu flitzt eine Eisyacht an uns vorbei. Plötzlich
kommt uns ein „Eisjogger“, bekleidet mit Overall und Motorradhelm,
entgegen. Kurze Zeit später entdecken wir die Ursache für das ungewöhnliche
Outfit und die Strecke: Eine Eisyacht steckt kopfüber in einem Wasserloch
– Pech für den armen Eissegler, dem aber nichts Ernsthaftes passiert
ist, aber wir wissen jetzt wenigstens, wie offene Stellen zu erkennen sind.
Für Eissegler, die liegend wie ein Rennrodler bei Geschwindigkeiten von
60 bis 70 km/h, und an Tagen mit mehr Wind weitaus schneller, über das
Eis jagen, sind diese Löcher wesentlich schwerer als für uns Schlittschuhläufer
auszumachen.
Am Nordufer angekommen, geht es weiter nach Westen, wo das Eis leider schlechter
wird. Der Ostwind hat hier beim ersten Frost das Eis zerbrochen und Eisschollen
aufgetürmt – also geben wir es auf, das Steinhuder Meer umrunden
zu wollen und laufen auf gleichem Weg zurück, wobei wir an besonders schönen
Stellen unsere Fahrt unterbrechen, um zur Entspannung einige Kreise vor- und
rückwärts zu drehen.
Am dicht besiedelten Südufer wieder angekommen, sehen wir uns vom Eis aus
die im Sommer kaum zugänglichen Yachthäfen und privaten, teilweise
mondänen Anwesen mit eigenen Bootshäfen an.
Zurück in Steinhude erleben wir gerade noch, wie ein Eissegler aus dem
Wasser geborgen wurde – just der, der uns am Morgen vor den offenen Stellen
gewarnt hatte! Nun wärmen wir erst einmal unsere Füße in einer
Hafenkneipe auf. Danach geht es weiter an Steinhudes Promenade vorbei Richtung
Westen, und dank eines leichten Rückwindes geht es zügig voran. Wir
müssen dann feststellen, dass es zu zügig lief, denn der Rückweg
gegen den kalten Ostwind wird entsprechend mühsam.
Auf dem Heimweg sind wir uns einig: Ein einmaliges Erlebnis, wobei man, wie bei vielen Unternehmungen in der Natur, auch hier eine gewisse Vorsicht walten lassen sollte. Und für Abergläubische: auch ein Freitag, der 13., kann ein wunderschöner Tag sein!
Helmut Hielscher