Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/1
Hochtourengruppe

Die Weismies-Überschreitung

Jürgen Koziol, unser nahezu unfehlbarer Wetterexperte, hatte genickt: Ja, die kommenden zwei Tage sollten wir für eine weitere Hochtour nutzen. Und wohin? Ich weiß nicht mehr, von wem der Vorschlag kam, aber wir hatten uns schnell darauf geeinigt, das Weismies von Südosten anzugehen. Individueller Anmarsch zur Almageller Hütte, dort Übernachtung, und nach dem Gipfel Abstieg Richtung Westen zur Bergstation Hohsaas. Prima, das würde es ermöglichen, beim An- und Abstieg jeweils die Familie einzubeziehen.

Weissmies, Westgrat, Rückblick
auf den Abstiegsweg
Foto: Michael Krech

Der nächste Tag beginnt ungewohnt geruhsam: Ausschlafen, frühstücken auf unserem Balkon mit dem 4.000er-Panorama, fertigpacken des Rucksacks und...und...und... Bloß nichts vergessen, das könnte sonst während der Tour Probleme geben. Am späten Vormittag bummelt die Familie über Bodme nach Saas Almagell (1.660 m) hinüber. Danach wird es etwas alpiner: Neben dem Almageller Bach, der hier in Kaskaden in die Tiefe stürzt, geht es zunächst steil und später flacher zur Almageller Alp (2.194 m). Nach einer Kaffeepause trennen sich hier unsere Wege. Meine Frau geht mit unserem Sohn zurück, denn die Bergbegeisterung des Fünfjährigen soll auf keinen Fall durch Überbeanspruchung ins Gegenteil umschlagen. Beim Weiterweg kann ich oft zurückschauen, denn es geht ziemlich eintönig ohne besondere Abwechslungen hinauf zur Almageller Hütte (2.894 m).

Dort treffe ich gegen 17.00 Uhr mit den Gefährten Ute Rabenstein, Peter Bornhorn, Herbert Horstmann Jürgen Koziol und Helmut Meineke zusammen. Sie zeigen mir unser gemeinsames Lager, wir haben einen Raum für uns bekommen. Jetzt läuft das übliche Programm ab: Erkunden des Weiterweges, Abendessen, Bereitlegen der Ausrüstung. Langsam stellt sich bei mir Hochtouren-Atmosphäre ein. Um 21.00 Uhr löschen wir das Licht.

Riesenspalte
Beim Abstieg vom Allalinhorn passieren wir eine
Schneebrücke über einer Riesenspalte
Foto: Michael Krech

Die Nachtruhe ist trotzdem nicht sehr lang, denn um 4.00 Uhr wird geweckt. Nach dem Frühstück gehen wir gegen 5.00 Uhr bei völliger Dunkelheit im Licht unserer Stirnleuchten Richtung Zwischbergenpass los. Als es heller wird, erkennen wir, daß wir uns etwas „verhauen“ haben. Wir gehen nämlich auf die rechte von den beiden Einsattlungen am Pass zu. Dort verläuft aber der Weg zum Portjenhorn. Für eine Korrektur ist es zu spät. Das günstigste dürfte jetzt wohl sein, ganz bis zum Grat aufzusteigen und dort Richtung Nordwesten zu queren. Herbert geht entschlossen los und steigt eine kleine Wand hinab. Jetzt folgen die anderen. Nach einer halben Stunde stehen wir am richtigen Übergang (3.268 m). In der Ostflanke des Weismies-Südsüdostgrates gehen wir weiter aufwärts und legen bei ca. 3.400 m die Steigeisen an. Wir bleiben so lange wie möglich im Firn, der immer steiler wird. Bei etwa 3.750 m wechseln wir auf den Felsgrat. Die Felsen sind trocken, ohne Schwierigkeiten (ca. II) erreichen wir den Vorgipfel (3.961 m). Herbert, der begeistert fotografiert, kann allerdings seinem Objektivdeckel nur noch hinterherschauen, als dieser in der Tiefe verschwindet. Wir legen die Steigeisen wieder an und gelangen über den schmalen Verbindungsgrat zum Hauptgipfel (4.023 m). Den ganzen Aufstieg waren wir allein, aber hier oben ist wieder Leben. Viele Seilschaften sind offenbar über den Westgrat gekommen.. Ein fester Händedruck und ein „Bergheil“ an die Gefährten, dann genießen wir den herrlichen Rundblick auf ein Gipfelmeer. Unter uns im Südosten, über Norditalien, liegt eine wildbewegte Wolkenlandschaft. Nach einer Stunde Gipfelrast steigen wir über den Westgrat ab, dabei haben wir das Saaser Tal mit der Mischabelgruppe darüber stets vor uns. Die Spur wird zunehmend steiler und führt bald durch einen Gletscherbruch mit Riesenspalten. Das Bergsteigerherz freut sich, das Fotografenherz ist betrübt. In einer Seilschaft und in diesem Gelände kann man leider nicht immer anhalten, wenn sich gerade ein herrliches Fotomotiv bietet. Der Schnee stollt immer mehr, aber die Probleme sind bald vorbei. Auf einem Felspfad geht es die letzten Meter zur Bergstation Hohsaas (3.098 m). Die anderen machen erst einmal Pause, ich aber nehme die nächste Gondel zur Mittelstation am Kreuzboden. Dort treffe ich, wie verabredet, meine Familie wieder. Der Sohn kraxelt ohne Sicherung, aber mit Begeisterung an einer steilen knapp 4 m hohen Übungswand herum. Das Vaterherz ist etwas besorgt, das Bergsteigerherz aber freut sich weiter. Von Bergmüdigkeit in der ganzen Familie offenbar keine Spur.....

Michael Krech

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.2. Februar 2003