Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/1
Hochtourengruppe

Winterwandern in den Dolomiten

Es reicht jetzt, sagte ich mir, nachdem die Sonne eine halbe Stunde auf meinen nackten Oberkörper brannte, einen Sonnenbrand wollte ich mir jetzt nicht holen. Ich saß vor dem Rifugio Antonio Locatelli alle Tre Cime di Lavaredo, oder besser bekannt als Drei-Zinnen-Hütte, mir gegenüber die majestätischen Nordwände der Zinnen. Türen und Fensterläden der Hütte waren verschlossen. Weit und breit kein Mensch. Gespenstische Stille um mich. Nur ein gleichmäßiges Tropfen des schmelzenden Schnees vom Blechdach. Der Kalender zeigte den 14. März!

Rund 1000 Höhenmeter war ich früh am Morgen alleine vom Dolomitenhof im romantischen Fischleintal hinauf gestiegen. Es lag relativ wenig Schnee. Das Wetter war stabil, das Lawinenrisiko gering. So konnte ich mir diese Solotour erlauben. Eine schmale, festgetretene Spur zog an der Südflanke der Schusterplatte durch das Altensteiner Tal hoch. Beim Queren einer Rinne überstieg ich einen winzigen Lawinenkegel. Ich begegnete keiner Menschenseele, die herrliche Bergwelt gehörte mir ganz alleine! Rings herum ein Panorama markanter Dolomitengipfel. Viele hatte ich in den vergangenen Jahren schon einmal bestiegen. Lange verweilte ich bei der Hütte. Mit Hilfe der Teleskopstöcke sondierte ich den felsigen Untergrund, als ich mich noch zum Frankfurter Würstl wagte. Doch weiter in Richtung Paternkofel oder zum Sextener Stein wollte ich nicht alleine gehen, mein Traumziel im Winter war ja erreicht. Beim Abstieg kam ich erst an der bewirtschafteten Talschlusshütte im Fischleintal, wo Gerda mich am Nachmittag erwartete, wieder in die belebte Zivilisation.

Wir waren in einer Ferienwohnung auf einem Bauernhof im Antholzer Tal gut untergebracht. Sabine vergnügte sich öfter mit ihren Abfahrtski am nahen Kronplatz. Rund 30 Lifte und ebenso viele Abfahrten ließen bei ihr keine Langeweile aufkommen. Ich drehte einmal beim Biathlonzentrum auf dem zugefrorenen Antholzer See zwei Runden mit Langlaufski, dann wurde es mir zu langweilig. Das Wandern war erlebnisreicher und so steuerten wir jeden Tag mit dem Auto ein neues Ziel an. Bei der Touristeninfo fragten wir immer nach begehbaren Wegen und geöffneten Hütten. So erfuhren wir in Sexten, dass man jetzt gut vom Kreuzbergpass zur Coltrondoalm und zur Nemesalphütte wandern kann. Teilweise gingen wir auf geräumten Wegen, dann weglos über schneefreie Almflächen. Manchmal war der Untergrund spiegelglatt, aber wir waren zu bequem, die Spikes unter die Stiefel zu schnallen. Dann hangelten wir uns neben dem Weg von Baum zu Baum entlang. An der Coltrondoalm erlebten wir eine lustige Balgerei zwischen einem Schäferhund und einem Hausschwein. Der vierjährige Junge der Almwirte mischte auch noch kräftig mit. Ein Bild für einen Comicfilm!

Eine hübsche Winterroute führte uns vom Kreuzbergpass ohne große Höhenunterschiede zu den Rotwandwiesen. Fast jede Stunde fuhr ein Bus zum Pass. Wir begegneten kaum anderen Wanderern. Der Weg ließ sich gut laufen, auch war eine Loipenspur angelegt. Über uns erhoben sich die gezackten Kämme des Neunerkofels und der Rotwandspitze. Dann erreichten wir das bevölkerte Skigebiet. Am Rand der präparierten Piste stiegen wir hinab zur Rudihütte, wo sich zahlreiche Skifahrer in Liegestühlen sonnten. An der Rotwandwiesenhütte konnte ich mir einen Schlitten ausleihen und dann 600 Höhenmeter ins Tal sausen. Das Ausleihen war sogar kostenlos. So verzehrte ich anstandshalber noch Kaffee und Kuchen, bevor ich mich in das Abenteuer stürzte. Vor den engen Serpentinen musste man schon mit voller Kraft in die Bremsen gehen, aber es machte Spaß. Unten schüttelte ich erst mal den Schnee aus Hemd und Hose. Den Schlitten gab ich an der Talstation der Gondelbahn ab.

 

Drei-Zinnen-Hütte
Drei-Zinnen-Hütte mit Paternkofel
Foto:

Zwischen Welsberg und Niederdorf im Pustertal zweigt eine Straße zum Pragser Wildsee und zur Plätzwiese ab. Wir wählten letzteres Ziel und gelangten auf schneefreier Asphaltstraße bis zum Parkplatz in fast 2000 m Höhe. Ein zweites Auto parkte noch hier und das dazugehörige Ehepaar rühmte die Gegend: "Wir fahren jedes Jahr zur gleichen Zeit hier her und es ist immer wunderbar zum Wandern: Die tolle Schneelandschaft, die himmlische Ruhe und so wenig Menschen auf den Wanderwegen!" Sie empfahlen uns, zum Aussichtspunkt Strudelköpfe hinaufzusteigen. Meistens sei der Pfad gespurt. So balancierten wir zunächst auf vereistem Fahrweg zur Dürrensteinhütte und marschierten von dort weiter bergan auf einer getretenen Spur zum Gipfelkreuz in 2308 m Höhe. Welch eine famose Aussicht auf die Sextener und Ampezzaner Dolomiten: Über dem Monte Piano die Drei Zinnen und die Cadinspitzen, die schaurigen, tief verschneiten Nordflanken des Monte Cristallo im Süden, im Westen das Hohe Gaisl und ganz nah im Norden der Dürenstein. Auf gleichem Weg ging es zurück zur Hütte, wo wir uns auf der Terrasse stärkten. Die Märzsonne schien in der Mittagszeit bereits so heiß, dass manche Gäste in das Innere der Hütte flüchteten. Auf der Plätzwiese zog ein einsamer Langläufer seine Runden. Nein, das wäre nichts für uns. Wir waren glücklich über unsere aussichtsreiche Wanderung.

In St. Vigil erfuhren wir, dass die Straße zum Berggasthaus Pederü geräumt und befahrbar ist, und dass die Senneshütte, Faneshütte und Lavarelahütte bewirtschaftet sind. Vor Pederü lag noch genug Schnee für ein bisschen Langlauf, aber wir wollten wieder höher hinauf. Heute sollte die Senneshütte besucht werden. Mit vielen Serpentinen zog der Fahrweg steil bergan, anfangs etwas verharscht. Tief verschneit lagen die Hütten der Fodaraalm vor uns. Dann öffnete sich der Blick auf die weiten buckeligen Flächen der Sennes-/Fanesalm. Dahinter die grandiose Kulisse der Dolomitengipfel. Wir konnten uns kaum satt sehen. Doch das Ziel lag noch vor uns, schließlich mussten 600 Höhenmeter geschafft werden. Der Aufstieg im Schnee erforderte deutlich mehr Kondition als das Wandern im Sommer. Auf der sonnigen Terrasse der Senneshütte fanden wir einen freien Platz. Hier sahen wir Schneeschuhgeher, Skitourenläufer und Fußwanderer. Mit frischen Kräften schafften wir den Abstieg viel schneller. Wir wählten - wie fast immer - den gleichen Weg zurück. Da kannten wir die Begehbarkeit der Route und waren vor unangenehmen Überraschungen sicher. Denn Verwehungen, Tiefschnee, Lawinenzonen, steile Wege mit Blankeis, zugeschneite Markierungen oder Wegspuren können Winterwanderer in gefährliche Situationen bringen.

Zu zwei hübschen Wanderungen starteten wir am Misurinasee: Streckenweise auf dem Fahrweg marschierten wir über die Bosihütte hinauf zum Monte Piano und auf der Mautstraße zur Auronzohütte. Beide Hütten waren allerdings im Winter geschlossen. Auf dem Monte Piano zogen einige schmale Spuren über das tief verschneite Plateau. Manchmal brach die harte Kruste und ich versank bis zum Knie im Schnee. Das kostete Kraft. Es gibt dort oben viele alte Schützengräben und Löcher vom damaligen, dramatischen Kriegsgeschehen. Da war Vorsicht geboten. Schneeschuhe wären hilfreich gewesen. Es bot sich eine eindrucksvolle Aussicht auf die nahen Drei Zinnen und den Cristallo.

Zur Auronzohütte gingen wir überwiegend auf der im Winter nicht befahrbaren Straße, denn der markierte Wanderweg war nicht gespurt und auch nicht erkennbar. Am Morgen war der Schnee noch oberflächlich verharscht, so konnte man mit vorsichtigen Schritten die Serpentinen auf einer "Direttissima" abkürzen. Mehr und mehr erhoben sich die wild zerrissenen Spitzen der Cadingruppe. Erinnerungen an den Klettersteig Ferrata Merlone wurden wach. Plötzlich durchbrach Motorengeräusch die himmlische Ruhe. Ein Motorbob mit einigen Gästen und Rodelschlitten beladen knatterte an uns vorbei, hinauf zur Auronzohütte. Doch der Spuk war schnell vorbei. Vor der Auronzohütte fanden wir ein gemütliches Plätzchen zur Rast. Doch lockte mich der Weiterweg unter den Südwänden der Zinnen entlang bis zum Paternsattel. Sabine fand sich ebenfalls zu "Höherem" bereit. So gingen wir an der fast schneefreien Kante des ebenen Fahrweges in Richtung Lavaredohütte. Die Aussicht auf die südlich aufragenden Gipfel und die tief eingeschnittenen Täler beglückte uns. Und links über uns die sonnenbeschienenen Zinnen. Bald erschwerte lockerer, tiefer Schnee das Weiterkommen, doch der Anstieg zum Paternsattel wurde gut bewältigt. Der Blick zu den senkrechten Nordwänden und zur Drei-Zinnen-Hütte war fantastisch. Dort hinüber führte jedoch keine Spur. Ein Fotograf brachte sein Stativ in Position, sonst waren wir alleine am Paternsattel. Auf dem Rückweg begegneten wir noch einer wanderbegeisterten, jungen Italienerin. Und im Sommer sieht man hier nicht endende Kolonnen entlang ziehen.

Was wäre Südtirol ohne Seiser Alm? Zu jeder Jahreszeit zieht es täglich Tausende hinauf. Um dem Trubel ein bisschen zu entkommen, starteten wir schon früh. Den Fahrweg von Compatsch zum Mahlknechthaus kannten wir bereits vom letzten Winter, als wir eine geführte Wanderung mit Everski unternahmen. Abfahrtsläufer und Langläufer sahen wir noch überall, aber teilweise schaute bereits das Gras durch die Schneeflächen. Das Panorama mit dem Schlern und den Rosszähnen rechts von uns und dem Langkofelgebiet vor uns erfreute uns wieder, auch wenn der Himmel an diesem Tag nicht in reinstem Blau erstrahlte. Vorbei am Panorama und Goldknopf erreichten wir das Mahlknechthaus. Im vorigen Winter konnte ich noch von hier mit dem Rodelschlitten zum Tirler hinunter fahren. Doch nun reichte der Schnee hierfür nicht mehr aus. Auf der sonnigen Terrasse war kaum ein freier Platz zu kriegen. Das Mahlknechthaus ist eben ein beliebtes Ziel. Doch unser Endpunkt sollte es noch nicht sein. Man könnte ja vielleicht noch höher gehen. Sabine sagte nicht nein. Auf einem Trampelpfad stiegen wir weiter zum Seiser Alpen Haus (geöffnet!). Hier waren wir schon fast alleine. Links zog eine Spur von Schneeschuhgehern relativ eben hinüber zum Zallinger. Doch wir wählten die Spur nach rechts bergan: Zwischen den Rosszähnen und dem Molignonkamm, dem Nordrand der Rosengartengruppe, stapften wir bis zur Tierser Alpl Hütte, 2438 m. Die winterlichen, wilden Felsgipfel ließen uns erschaudern. Wedelspuren von Tiefschneefahrern beeindruckten uns. Waghalsige Gesellen! Am Kamm der Rosszähne führt ein bezeichneter Pfad über einen Pass zur Seiser Alm. Von unserer Seite sah diese Route begehbar und verlockend aus. An den Südhängen war der Schnee schon recht zusammengeschmolzen. Doch der Nordabstieg wäre wohl chaotisch geworden. So überließen wir das Experiment anderen. Zwei Schneeschuhgeher, die dort hoch stiegen, kamen wie erwartet bald zurück und nahmen dann den gleichen Weg talwärts wie wir. Von der Seiser Alm fuhren wir mit dem Auto über Kastelruth und das schneefreie Eisacktal zu unserem Ferienquartier, die winterliche Bilderbuchlandschaft noch vor unseren Augen.

In Cortina erfuhren wir bei der Touristeninformation, dass die Stuahütte im Fanesgebiet, das Rif. Palmieri an der Croda di Lago und die Averauhütte lohnende Wanderziele im Winter seien. Wir entschieden uns für letztere, da wir das Gebiet vom Sommer kannten und schätzten. Auf der Straße zum Falzaregopass erreichten wir den Parkplatz am Rif. Bai de Dones, von wo uns ein Sessellift zum Rif. Scoiattoli brachte. Hier herrschte reger Pistenbetrieb, den wir aber bald hinter uns ließen, als wir zum Rif. Cinque Torri abstiegen. Die Hütte war geschlossen, doch in der schneefreien Südwand des großen Turmes vergnügten sich einige Kletterer. Die Sonne erwärmte die Felsen. Hier war es jetzt sicherlich schöner zu klettern, als an manchem nassen Sommertag. Von der Hütte stiegen wir wieder an und gingen neben der gewalzten Abfahrtspiste hinauf zur Averauhütte. Die Mittagsgäste wurden bereits erwartet und so stärkten wir uns zunächst für die anschließende Tour. Mit Sabine ging ich den benachbarten Nuvolao an. Der Schnee war locker und weich, Schneeschuhe und Gamaschen wären jetzt nicht schlecht gewesen. Doch es ging auch so, denn am Abend konnten ja die Hosen zum Trocknen aufgehängt werden. Die Teleskopstöcke halfen beim Steigen. Die Hütte auf dem 2575 m hohen Gipfel war geschlossen, doch welch eine Rundsicht belohnte uns: Fanesgruppe, Tofana, unter uns die Cinque Torri und Cortina, dann Cristallo, Croda di Lago, Monte Pelmo und viele weitere bekannte Gipfel. Im Sommer hatten wir hier oben schon einmal übernachtet, aber jetzt sahen die Gipfel viel imposanter und dramatischer aus. Wir waren wie immer fast alleine, nur zwei Italiener hatten noch die Tour mit Schneeschuhen gewagt. Der Abschied vom Gipfel fiel uns schwer. Ebenso der Abschied vom Winterurlaub. Aber wir waren uns einig, dass wir in den nächsten Jahren noch viele Winterwanderungen in den Dolomiten unternehmen werden.

Winfried Rasp

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.2. Februar 2003