Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/2
Hochtourengruppegruppe

Hinauf auf den Großvenediger - aber nicht zurück ...

Eine Geschichte über felsige Alpenpfade, glitzernde Gletscher und das Wetter während einer Nord-Süd-Überquerung des Alpenhauptkammes!

Irgendwann im grauen Spätherbst, wenn Wanderkarten aufgeschlagen werden und die Phantasie zu reisen beginnt, kam die Idee: schön wäre doch eine Bergtour auf den Großvenediger - 3674 Meter hoch steht sein Gipfelkreuz. Nur hin und zurück auf dem gleichen Weg, dass sollte es nun wieder nicht sein. Warum also nicht zu Fuß über einen der höchsten Bergkämme Österreichs?

Die Tour sollte ein Urlaub im Urlaub werden: während unsere Familien im „Basislager“ an der italienischen Adria auf einem der dortigen Campingplätze blieben, wollten mein Schwager und ich für drei Tage zurück in die Berge. Das venezianische Augustwetter war herrlich, aber nur 200 Kilometer weiter nördlich herrschten andere Bedingungen – und das in jenen Sommertagen leider beständig.

Die Tiroler Tageszeitung wurde unsere wichtigste Informationsquelle. Sie war vor Ort im Campingladen aktuell erhältlich, und wen wundert es, der erste Blick galt grundsätzlich den Wetterinformationen. „Ergiebige Regenfälle, vereinzelt Gewitter, Berggipfel in den Wolken...“. So ging es tagelang. Trotz der Badefreuden mit unseren Familien sank unsere Stimmung immer weiter. Die Bergtour mit all ihren Vorbereitungen, dem Karten- und Fahrplanstudium, der Ausrüstungspflege und dem Training geriet in Gefahr. Doch dann tauchte in den eintönig grauen Wetterprognosen aus Tirol zunächst vage jener Samstag auf, der gutes Wetter – zumindest mehr Sonne als Wolken – versprach.

Eine weitere Ausgabe der alpenländischen Zeitung bringt die Entscheidung. Der kommende Samstag soll eingerahmt von Sauwettertagen tatsächlich gutes Wetter bringen. Damit ist der Startschuss gefallen, und nach einem weiteren Bad im warmen Mittelmeerwasser beginnen wir noch in Badehosen mit dem Packen der Rucksäcke. Als die Steigeisen, Stiefel, das Bergseil und die weiteren Ausrüstungsgegenstände ausgelegt und in der Packliste abgehakt werden, wächst bei unseren Camping-Nachbarn das Interesse an unserem Treiben: „Wohin wollen Sie? Über den Großvenediger? Wo ist das denn...?“

Die Felbertauernstraße ist vielen Reisenden auf ihrer Fahrt nach Slowenien oder Italien gut bekannt. Der 5300 Meter lange Straßentunnel liegt auf der Route zwischen Mittersill und Matrei und verbindet die österreichischen Bundesländer Salzburg mit den südlichen Nachbarn Osttirol und Kärnten. Nur gut 10 Kilometer westlich vom Tunnel liegt der Berg.

Noch am selben Nachmittag erreichen wir mit dem Auto den südlichen Alpenrand, und dort verschwindet auch die Sonne unter dichten Stauwolken – bald fallen die ersten Tropfen. Wir fahren auf regennassen Straßen durch Longarone und Cortina d´Ampezzo, aber hinter Lienz steht das Wasser während eines Gewitters auf der Bundesstraße – 40 km/h, Scheibenwischer Stufe 2. Und wir wollen eine Bergtour machen? Die freundliche Sprecherin im Ö3-Radio macht uns Mut : “Die heutigen ergiebigen Niederschlägen setzen sich zwar morgen noch fort, am Sonnabend wird es aber zwischenzeitlich aufklaren.“ Im Augenblick ist daran nicht zu glauben.

Zwei Stunden später erreichen wir das idyllisch am Ende des Virgentales gelegene Hinterbichl und beziehen ein kleines Zimmer bei Familie Dorer im Gästehaus Bergkristall. Während der Regen nach wie vor gegen die Fenster prasselt bitten wir die Wirtin, uns den Frühstückskaffee schon abends in einer Thermoskanne zu geben, denn der Bus wird bereits früh morgens um 5.50 Uhr los fahren.

Und so wachen wir am Freitag in aller Frühe voller Spannung auf das, was der Tag uns an Wettergeschehen und Bergerlebnissen bringen wird, pünktlich auf. Der gelbe Postbus parkt schon seit den Abendstunden gleich gegenüber an seiner Haltestelle. Im schwachen morgendlichen Nieselregen sind wir die einzigen wartenden Fahrgäste. Wir kontrollieren noch einmal, ob unser Auto auch richtig verschlossen ist, denn wir werden es hier zurücklassen. Wir wollen mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinüber nach Neukirchen ins Bundesland Salzburg fahren und von dort aus den Rückweg über den Alpenhauptkamm bis hierher komplett zu Fuß gehen.

Erst ganz kurz vor der Abfahrt kommt der Fahrer zum Fahrzeug und startet den Dieselmotor. Unsere Rucksäcke interessieren ihn. Er spricht uns an und möchte wissen, was wir vorhaben. Mit Erzählen vergeht die Fahrt bis Matrei. Das dortige Umsteigen dauert nur wenige Minuten. Der Regen hat inzwischen sogar aufgehört. Bald sitzen wir im Anschlussbus, der uns nun weiter nach Norden bringt. Doch die Wolken hängen tief, und wir haben keine Bergsicht. Schließlich fahren wir in den Felbertauerntunnel ein. Für einige Minuten ist die Fahrbahn nun trocken, aber als wir die nördliche Ausfahrt im Amertaler Öd erreichen, ist es so, als ob wir in eine Autowaschanlage fahren: Regen peitscht gegen das große Busfenster – unsere Hoffnungen auf einen raschen Wetterwechsel werden mit den Wassermassen von den Wischerblättern gleich mit weggewischt. Wieder einmal gilt: auf der Nordseite der Hohen Tauern kann alles ganz anders sein als im Süden!

Doch allmählich wird es auch hier besser. Während wir in Mittersill noch vom Postbus in die Pinzgauer Schmalspurbahn umsteigen, wird der Regen deutlich schwächer. Zwanzig Minuten später hört er in Neukirchen gänzlich auf. Um kurz vor 8 Uhr morgens haben wir den Ausgangsort unserer Tour erreicht.

Im Tourismus-Büro steht die Tür schon offen. Frischer Kaffee wird gekocht. Die Schreibtische werden vorbereitet. Von den freundlichen Damen bekommen wir die neuesten Wetterprognosen aus dem Internet. Tendenz gut, tagsüber zunehmend trockener, am Folgetag gutes Bergwetter. Wir grinsen uns an und nehmen telefonischen Kontakt mit dem Bergführer von der Bergsteigerschule Oberpinzgau auf, den wir dann abends auf der Kürsinger Hütte (2548m) treffen sollen. Nun ist alles klar gemacht. Der Aufstieg kann eigentlich beginnen.

Aber es kommt noch besser: beeilen sollen wir uns, sagen die Damen im Büro, beim Fleischhauer im Dorf wäre gleich der Wirt von der Berndlalm, wie an jedem Morgen mit seinem Auto, und der könnte uns doch die erste Strecke ins Obersulzbachtal mitnehmen. Fragen sollten wir ihn halt mal. Und so sitzen wir zehn Minuten später wieder in einem Auto und werden hinauf gebracht ins Obersulzbachtal und damit in den Nationalpark Hohe Tauern, den nur diejenigen befahren dürfen, die dort auch wohnen. Glück muss man haben – und das haben wir!

Während der Fahrt von Neukirchen (914m) hinauf ins Tal erzählt uns der Wirt in seinem Lieferwagen, dass es den Nationalpark Hohe Tauern, der mit seinen 1787 km² der größte Nationalpark des gesamten Alpenraumes und auch Mitteleuropas ist, erst seit 1992 gibt. Kärnten, Salzburg und Tirol haben Anteile an ihm. Wir kommen auf der kurvenreichen und ungeteerten Strecke an breiten Schneisen im steilen Bergwald vorbei und erfahren, dass es im vergangenen Winter auch hier zu Lawinenschäden kam. Jetzt ist das baumlose Gelände ein schutzloses Opfer der gewaltigen Regenfälle. Graubraunes Wasser strömt in Unmengen bergab – die Erosion ist nicht mehr zu stoppen.

Bald sind die Gebäude der Berndlalm (1514m) erreicht. Hier oben regnet es nach wie vor. Wir sind wieder mitten in den Wolken, aber es wird zusehends lichter. Der Wirt fragt uns, ob er uns hinauf bis zur Postalm bringen soll – weiter hinauf ginge es dann aber mit dem Lieferwagen nicht, denn der Regen der letzten Nacht hätte den ganzen Weg fortgespült...

Nach dem langen Sitzen in Fahrzeugen wollen wir endlich gehen, und so streifen wir die Ponchos über und ziehen los. Trotz des Niederschlags sind wir guter Laune, denn gleichsam mit uns steigen die Wolken auch immer höher, und schon bald regnet es gar nicht mehr. Um uns herum aber donnern und rauschen Wasserfälle zu Tal. Alles um uns herum trieft vor Nässe. Wir ziehen später an einem riesigen Traktor mit montiertem Schneepflug vorbei, der neben dem Weg mit laufendem Motor steht. Ein ganzer Teil des Weges ist tatsächlich fortgespült, und nun wollen die Männer versuchen, mit dem schwerem Gerät Steine und Sand in die klaffende Furche zu schieben.

Absteigende Wanderer kommen uns auf dem Weg entgegen. „Oben schneit´s!“ rufen sie uns zu. Vielleicht liegt es daran, dass wir erst wenige Stunden zuvor aus dem warmen Adriawasser gestiegen sind – die Bedeutung ihrer Worte kommt bei uns nicht gleich an. Die Freude über die langsame aber beständige Wetterbesserung ist zu groß, als dass wir uns durch eine Neuschneemeldung einschüchtern lassen. Und tatsächlich liegt ab 2400m Schnee. Viel ist es nicht, aber immerhin. Dann erreichen wir am frühen Nachmittag die Kürsinger Hütte (2548m). Das Tagesziel ist erreicht. Wir beziehen ein herrliches Zweibett-Zimmer.

Im Laufe des Nachmittags steigt die Wolkengrenze noch mehr. Die gewaltigen Gletscherstöme Krimmlerkees und Obersulzbachkees, die tief unterhalb der Hütte zusammenfließen, werden immer deutlicher sichtbar. Eine wilde Hochgebirgslandschaft liegt um uns herum. Nur der Gipfel des Großvenedigers zeigt sich nicht. Nach wie vor ist er wolkenverhangen. Auf der Hütte hängt der aktuelle Wetterbericht als FAX am Schwarzen Brett: Samstag – gutes Bergwetter! „Glaubt bloß das nicht!“ sagt die Hüttenwirtin lachend im Vorbeigehen. Wir tun es doch! Und auch unser Bergführer, der am späten Nachmittag auf die Hütte kommt, tut es: der Franz ist 62 und sagt, er würde auch bei jedem Wetter losgehen, „Aber morgen – das Wetter - `s wird schon!“ Na, also!

Dann kommt der Samstag. Und morgens um 4 Uhr kommt Franz. Er weckt uns mit den magischen Worten: „Es ist sternenklar! Auf geht`s, Abmarsch in einer Stunde.“ Als wir pünktlich um 5 Uhr die Hütte verlassen, friert es leicht. Keine Wolke ist unter den funkelnden Sternen zu sehen. Wortlos aber glücklich und zufrieden gehen wir über breite Felsplatten. Die Lichter unserer Taschenlampen tanzen hin und her. Noch ist der Himmel tief dunkelblau, aber im Osten, weit vor uns über dem Gletscher, verfärbt sich der Horizont bereits zart grün und orange. Ein Traum von Sonnenaufgang beginnt.

Schließlich ist es hell geworden, und wir sind am Ende des felsigen Pfades angekommen. Wir wechseln über auf Schnee und Eis, holen die Steigeisen und Gurte aus dem Rucksack und seilen uns an. Wir sind tatsächlich die erste Seilschaft, die heute aufsteigt. Tatsächlich ist der ganze Gletscher von einer Neuschneedecke überzogen. Spalten sind, wenn überhaupt, nur schwer zu erkennen, doch angeseilt und geführt ist die Gefahr kalkulierbar. Es war doch richtig, einen Bergführer zu engagieren. Vier Stunden nach dem Aufbruch haben wir die restlichen 1300 Höhenmeter über eine steile Scharte im Zickzack hinauf bis zum Gipfel geschafft. Die wirklich riesige Wächte östlich des Gipfels umgehen wir großzügig, denn die Schneemassen ragen weit über und wirken alles andere als sicher. Im Gipfelbereich pfeift ein eiskalter Wind. Mütze, Handschuhe und Windjacke kommen nach dem schweißtreibenden Aufstieg nun doch noch aus dem Rucksack, denn ohne sie geht es nicht – trotz Sonnenschein. Das Wetter ist traumhaft – der messerscharfe und vereiste Grat 25 Meter hinüber zum eigentlichen Gipfel ist es nicht: der Weg hinüber zum Gipfelkreuz ist keine 30cm breit. Da ist kein Platz mehr für Skistöcke. Auf beiden Seiten fällt der Berg über hundert Meter ab, bei jeweils 70° - 80° Gefälle. Ich denke in diesem Moment nur daran, wie ich mich wohl verhalten sollte, wenn mein Vordermann ausrutscht – soll ich mich auf der anderen Seite am Seil in die Tiefe stürzen? Jetzt bloß ruhig bleiben! Doch der sehr böige Wind hilft mir dabei auch nicht gerade...

Johannishütte
An der Johannishütte im Dorfertal
Foto:Ralf Schimmelmann

Nur wenige Augenblicke später stehe ich 3674m höher als der Campingplatz am Mittelmeer hier oben am Gipfelkreuz, und die Furcht ist schlagartig vergessen! Bergfest auf dem Großvenediger! Alles um mich herum ist klein, nur die Fernsicht ist riesig und fast grenzenlos. Im Osten sehen wir den Großglockner und im Westen reicht der Blick bis hin zur Wildspitze. Doch dahinter, im Südwesten, braut sich wieder etwas zusammen – die anrückende Wolkenfront könne wir deutlich sehen.

Immer mehr Seilschaften erreichen nun den Gipfel, und es wird „etwas eng“ hier oben. Also ist es der richtige Zeitpunkt für den Abstieg. Doch der Rückweg wird kein Weg zurück: ein letzter Blick zurück ins Obersulzbachtal, dann geht es los, und schon schiebt sich der Gipfel zwischen uns und den Blick auf unseren bisherigen Weg. Wir steigen nun nach Süden hin ab durch den Oberen Keesboden. Von links her kommen auf uns immer noch einzelne Gruppen von der Neuen Prager Hütte (2782m) zu, uns direkt entgegen kommend aber sind es Seilschaften, die vom Defregger Haus her aufsteigen, und genau dorthin wollen wir nun. Unser Weg verläuft fast wie auf einer sehr breiten, flachen Skipiste, denn die beiden gipfelnahen Gletscher nämlich der Obere Keesboden und das Innere Mullwitzkees fallen gleichmäßig und breitflächig nach Süden hin ab. Die Sonne steht inzwischen hoch, und Schnee und Eis reflektieren das Licht gnadenlos. Eine Familie mit Kindern - sie sind vielleicht 9 und 11 Jahre alt - kommt uns entgegen, und der Papa fragt, wie lange es wohl noch bis zum Gipfel dauern wird. Bravo, das ist eine tolle Leistung für die kleinen Bergsteiger.

Vor uns liegt bald ein flacher Felsenkamm, an dessen Fuß wir unsere Steigeisen abnehmen können. Direkt hinter dem Kamm liegt dann unvermittelt das Defregger Haus. Von hier aus hat sicher auch die Familie den Gipfelsturm begonnen. Das Haus steht auf 2963m und ist damit die dem Gipfel am nächsten liegende Unterkunft. Im Sonnenschein ruhen wir vor der Hütte sitzend ein wenig aus. Dann geht es mit frischen Kräften zügig durch die Dorferalm am Zettalunitzbach entlang auf die Johannishütte (2116m) zu.

Immer noch ist das Glück auf unserer Seite, denn wir können von dort eine halbe Stunde später in einem Kleinbus mitfahren, der uns gemeinsam mit einigen Tagesgästen auf der kurvig-steilen Holperstraße rasch und bequem bis hinunter nach Hinterbichl (1329m) bringt.

Und so sind wir überraschend schnell um 14.30 Uhr schon wieder beim Auto, dass wir ja zwei Tage zuvor hier im Ort in der Nähe der Bushaltestelle auf dem Parkplatz abgestellt hatten.

Inzwischen sind immer mehr Wolken aufgezogen und verdecken den noch vor kurzer Zeit so herrlich blauen Himmel. Rasch ist unser Gepäck im Kofferraum verstaut, bequeme Turnschuhe werden mit den Bergstiefeln und Shorts mit den Tourenhosen getauscht. Ein trockenes T-Shirt, etwas Saft trinken, und dann sitzen wir schon im Auto und beginnen die Rückfahrt zum Zeltplatz an der Adria.

Ich schalte das Autoradio ein - noch ist die gleiche Radiostation gespeichert, die wir auch auf der Herfahrt gehört hatten - „... und nun die Ö3 Wetternachrichten für das ganze Sendegebiet – wieder ergiebige Regenfälle im Vorarlberg, die sich im weiteren Tagesverlauf rasch nach Osten ausdehnen werden... “


Informationen bei:

- Tourismusverband
A-9974 Prägraten am Großvenediger
0043-4877-6366
E-Mail: praegraten@netway.at
WWW: http://www.tiscover.at/praegraten

- Tourismusbüro
A-5741 Neukirchen am Großvenediger
0043-6565-6256
E-Mail: info@neukirchen.at
WWW: http://www.neukirchen.at/

Ralf Schimmelmann

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.13. Mai 2003