Letzter Schultag vor den Osterferien, Stress. Als Entspannungstraining joggte ich einmal mehr vom Ehrenfriedhof auf den Brocken, trank einen Kakao und schaute noch kurz in die Runde. Ein flüchtiger Blick auf ein Plakat "„Brocken-Aufstieg von Göttingen am 24./25. Mai“, veranstaltet u. a. vom Göttinger Tageblatt.
Wieder in Braunschweig begann mein Gehirn so ganz leise zu arbeiten, von Göttingen war ich nämlich noch nicht auf den höchsten Berg Norddeutschlands gegangen. Das war es! Anruf beim Göttinger Tageblatt, weitere Informationen, Anmeldung.
Start: 24. Mai, 2.30 Uhr Aufstehen, 3.30 Uhr Fahrt mit dem PKW nach Göttingen, 4.30 Uhr Treffen auf Schützenplatz, Startnummer holen, leichtes Gepäck in das Auto nach Lauterberg, Fahrt mit dem Bus zum „Kehr“. Kurze Begrüßung durch das Brockenaufstiegs-Team Nicolai Fleischer und Helmut Stockfisch. Pünktlich um 6.00 Uhr: Der Marsch begann, die Sonne schien, ca. 250 Personen machten sich auf den Weg. Doch keine Angst: Es war nur am Kehr eine Massenwanderung. Schon bald trennten sich die Wege. Manchmal ging man Kilometer um Kilometer allein, manchmal wurde mit anderen Menschen ein Stück des Weges schwätzend zurückgelegt. Jeder Mensch konnte nach seiner Fasson selig marschieren oder auch erschöpft ein kleines Stückchen im Auto fahren. Die Sonne schien mehr und mehr prächtig im Laufe des Tages. Waldwege waren am 24. Mai eine seltene Rarität. Es ging viel über geteerte Rübenschnellwege an Felder- und Wiesenrainen entlang. Und mit der Wärme des Tages kamen die Hitze der Füße und die ersten Blasen. Versorgungsstationen für alle großen und kleinen Bedürfnisse in Mackenrode - Seulinger Warte - Obernfeld - Hübental - Harzblick - Barbis: Äpfel, Bananen, belegte Brötchen, verschiedene Getränke; kleines Rucksackgepäck mit Verbandmaterial hatte man selbstverständlich dabei.
Angst mußte man nicht haben, dass man irgendwo auf der Strecke bleibt, Streckenradler mit Mountain-bikes waren unterwegs, ebenso Streckenmitläufer u. a. vom DAV - Sektion Göttingen. An den jeweiligen Stationen stand auch ein Krankenwagen vom ASB für größere Notfälle bzw. kleine Bläschen.
Dann endlich nach 49 km war ich gegen 16.30 Uhr in Bad Lauterberg. Ich glaubte schon, ich sei die letzte, aber nach mir kamen und kamen immer noch einige angekrochen. Im „Panoramic“ endlich duschen, relaxen.
25. Mai , 4.30 Uhr: Frühstück, kleines Guten-Morgen
und Wünsche für den Tag, pünktlich 6.00 Uhr Abmarsch zu den letzten
Stationen - Jagdkopf - Lausebuche - Königskrug. In Königskrug keine
Windbeutel, sondern zwei kräftige Regenhuschen, Pause unterm Sonnenschirm.
Danach weiter über den Dreieckigen Pfahl. Meine Füße trugen
mich noch ganz gut dem Brocken entgegen nach ca. 80 km insgesamt. Doch was für
eine Erfahrung: Normalerweise überhole ich viele Menschen auf meinem Weg
nach Oben, jetzt war ich eine Schnecke und wurde von jungen und alten, dicken
und dünnen Menschen überholt. Und ich hatte das Gefühl, von allen
mitleidig betrachtet zu werden. Dabei war ich doch so stolz auf meine Leistung
mit meinen vielen Malaisen an meinen unteren Extremitäten (Krüppelbein
und Krüppelfuß). Endlich um 13.30 Uhr war ich auf dem Brocken, die
Rundsicht war wie üblich - Wolken ringsum.
Auf dem Brocken: Essen, Trinken, „We are the champions“, und wir
unterschieden uns von den anderen Brocken-Besuchern durch unseren schleichend-staksigen
Gang, ganz ganz vorsichtig, damit man die Muskeln, Gelenke und Blasen nach insgesamt
87 km nicht spürt.
Roswitha Söchtig