Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/3
Hochtourengruppe

Genußklettern im Tessin :
Sonne, Regen und Schweizer Franken

Die kalte und sternenklare Nacht der Zentralschweiz löste sich nach der Fahrt durch den holprigen San-Bernhardino-Tunnel im morgendlichen, milden Dunst der Südschweiz auf. Unser Bus passierte die Ebene von Bellinzona und Locarno um bald darauf ins Maggiatal einzubiegen, dem endgültigen Ziel unserer Frühlingskletterfahrt (Ende April/Anfang Mai). Wir fuhren drei Campingplätze an und entschieden uns dann für den fast leeren Platz von Gordevio. Neben dem Campingplatz rauschte das glasklare Wasser der Maggia über die Felsen und lockte zum Spielen, Plantschen oder Träumen. Von anfänglich 7-8 Interessenten waren vier Kletterer der Hochtourengruppe (Gerhild Jüttner, Jens Poggemann, Ronald Scheffler, Klaus Steube) übriggeblieben. Dies bedeutete reichlich Platz im Zelt, am Campingtisch und vor allem im Bus.

Safety-Duo
Das Safety-Duo Klaus und Jens beim Sonenbaden
Foto: Ronald Scheffler

In Sichtweite unseres Quartiers lockten die ersten Felsen (Torbeccio) zum Einklettern: schräge Felsplatten, übersät mit Bohrhaken (ein ideales Terrain, um auch Anfängern oder Kindern das Klettern nahe zu bringen). Der Routenverlauf entsprach zwar nicht ganz dem Topo des ansonsten sehr guten Kletterbuches (J. v. Känel, Schweiz-Plaisier Süd), doch spielte dies hier kaum eine Rolle; der Fels (Gneis) war fast gleichmäßig leicht (geschätzt: 3-4; laut Kletterführer bis 5 ???), mit nur wenigen Griffen oder Tritten. Die Felsneigung geringer als an der Marienwand im Okertal. Einsetzender Regen bewahrte uns davor, auch die senkrechten Steilaufschwünge hinter den Übungsfelsen zu versuchen und trieb uns zum Campingplatz nebst Ortsbesichtigung zurück. Arco-Fans wurden enttäuscht: keine „Kletterszene“, keine Eisdielen oder Sportgeschäfte, keine Straßencafes: hier war nichts los! Endstation der Erkundung: unser Campingplatz mit Pizzeria (beheiztes Zelt, große Portionen – aber hohe Preise).

Das schweizerische Tessin bietet schon südländisches Flair: Üppige Vegetation mit frischem Grün und blühenden Rhododendren, Azaleen, an den Berghängen uralte Kastanienwäldern, und am Lago Maggiore wachsen sogar Palmen und Bananen. Südländisch auch das Temperament der Autofahrer und die Amtssprache „natürlich“ italienisch. „Rusticos“, sparsam verputzte Naturstein-Häuser, prägen die alten Ortskerne und tauchen auch immer wieder an den Berghängen auf. Einige halbverfallen, andere mit Solarzellen auf dem Dach, sind zu Wochenendhütten ausgebaut. Nur die Preise machten es immer wieder deutlich: dies war die Schweiz und nicht Italien (Ronald versuchte vergeblich 1 ltr Bier für 2 Sfr zu erstehen).

So wie am ersten Tag blieben auch die folgenden: mal Sonne, mal Regen, mal mehr Regen und keine „Kletterszene“ in den Orten. Auch die Felsstruktur blieb konstant: sehr harter Gneis, in der Feinstruktur aber weniger rauh als der Granit vom Harz; ein Paradies für Reibungsenthusiasten (und mitunter eine Qual für Leute, die auch gerne Risse, Tritte, Löcher und Leisten benutzen). Ein Ausflug nach Italien (20 km nach Süden) zum Sight-seeing und Klettern im strömenden Regen: diesmal an Granit, so rauh, wie wir ihn vom Ostharz kennen. Wir staunten, was die Schuhsohlen am nassen Fels noch halten konnten, wo für Hände nur Auflegeflächen blieben. Am nächsten Tag zeigte sich wieder die Sonne und es wurde schnell (sehr) warm.

Die Seillängen in den Klettergärten betrugen oft nur 25 oder 30 m, waren mit zahlreichen Bohrhaken ausgestattet und wiesen so viele Routen nebeneinander auf, dass ein Ausweichen, Umgehen, sogar Quergehen fast immer möglich war. Der Abstand der Haken war mit 3-4 m ungewohnt kurz aber sehr nervenschonend - Plaisierklettern eben.

Auch die kurzen Mehrseillängenrouten (100-150 m) an der Placca di Tegna am Ort Ponte Brolla behielten diesen Charakter. Wir kletterten in wechselnden Besetzungen, waren gut aufeinander abgestimmt. Es machte Spaß und keiner kam zu kurz. Grünstreifen aus Ginster, Heidekraut, Brombeeren oder Alpenrosen durchzogen manchmal die Kletterfelsen und aus den wenigen Rissen im Fels schauten Primelgewächse hervor. Ronald filmte, Klaus fotografierte und die beiden anderen schauten sich die Umgebung ohne optische Linse an. Einigkeit herrschte über die hohen Preise der Schweiz; nicht einigen konnten wir uns darüber, wo die Pizza am besten geschmeckt hatte. Der kulinarische Höhepunkt jedoch war die eigene Campingküche (Pasta in Variationen ala Gerhild und Klaus) mit ausreichend Flüssigversorgung: Wein (aus Italien), Bier (aus Deutschland), Tee (aus Indien) oder Cappuccino (von Nestle).

Bis auf eine Ausnahme kletterten wir täglich - wenn auch nicht immer von morgens bis abends. Einmal konnten wir nach einem verspäteten Start (so gegen 17.00) die Felsen fast ganz für uns allein nutzen. Dies kam, weil wir am Morgen im Nieselregen zu einer Halbtageswanderung aufbrachen, die sich dann aufgrund unvorhergesehener, „lokal begrenzter topografischer Unstimmigkeiten“ zu einer recht strammen Wanderung bis in den Nachmittag ausdehnte. Ein zweiter wetterbedingter Ausflug führte uns an das Ende des Maggiatales zum Stausee von Fusio. Allein die Anfahrt war abenteuerlich und spannend: schmal, kurvenreich mit tiefen Abgründen, in denen das blaugrüne Wasser strudelte. Eingerahmt wurde der obere Teil des Maggiatales von (noch) schneebedeckten Bergen, die mit ihren steilen Flanken den blauen Himmel zu berühren schienen. Das Sonnenlicht flutete intensiv durch das Hochtal. Unser Fußweg über dem Stausee schien noch nicht lange schneefrei zu sein und doch blühte bereits Enzian, neben Buschwindröschen, Primeln und Schlüsselblumen zwischen dem braunen Gras des Vorjahres. Gerhild konnte mit Erfolg die Trittsicherheit ihrer Sandalen auf einem Restschneefeld testen.

Die beiden letzten Tage führten uns an die „Sporne“ von Ponte Brolla (it: Speroni), steilere und längere Touren, so wie es sich für den Abschluß der Kletterwoche gehörte: Bei 7 Seillängen waren wir ca. 4 std unterwegs, weil wir als Vierergruppe die ganze Strecke hintereinander abseilen mußten. Unser Zwillingsseil brachte nämlich keine Zeitersparniss, da wir keine Standplätze „überspringen“ konnten. Der Höhepunkt für mich bildete der Sonntag, an dem ich mit Jens die schönste und bis dahin schwierigste Tour klettern konnte („Zombie" an Speroni di Ponte Brolla). Waren in den Tagen zuvor nur einige kurze Passagen 5 oder 5+, so hatte ich den Eindruck, daß hier die gesamte Route von etwa 250 m fast durchgehend um 5 war. Aber vielleicht waren es auch die zum ersten Mal „längeren“ Hakenabstände (jeder zweite fehlte) oder die neuen Schuhe und die Sonne auf dem Rücken, die mich gehörig schwitzen ließen. Gerhild und Ronald wollten eine kürzere und eigentlich noch schwerere Route („Alpha“) gehen, kehrten aber nach 3 Seillängen um, weil der Felsen naß wurde. Sie begegneten uns auf unserem Abstieg. Gemeinsam seilten wir die letzten Meter ab und Ronald kommentierte die Zombieroute als die schwierigere der beiden. Von der sonnigen Klettertour erhitzt suchten wir schließlich Erfrischung am Fluß, wo Gerhild und Jens es sich nicht nehmen ließen, im klaren, kalten Wasser zu schwimmen. Auf einem der vielen Felsblöcke, die das Bachbett säumten, stießen wir mit unserem letzten Bier auf diesen versöhnlichen Abschluß an, verstauten anschließend unsere Klettersachen im Bus und machten uns auf die Heimreise. Eine letzte Möglichkeit für einen Latte Macchiato, einen Cappuccino und ein Bier nutzen wir, bevor uns die Piste zum Bernhardinotunnel aufnahm. Es schloß sich eine Nachtfahrt über fast leere Autobahnen an, bis uns der Harz nach 8 h mit einem schönen Sonnenaufgang begrüßte. Die Klettersachen lagen noch oben auf dem Gepäck - aber von Reibungsklettern hatten wir erstmal genug und wollten nur noch heim.

Klaus Steube

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.23. August 2003