Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2003/4
Hochtourengruppe

Urlaubsimpressionen Sommer 2003

Supersommer 2003 -

oder vielleicht doch nicht?

Auch der Sommer 2003 hat - wie jede Medaille - zwei Seiten.

Von Mai bis September Sonne und Wärme pur - nur selten getrübt durch Wolken oder Regen. Kaum Wetterprobleme beim Planen alpiner Touren oder Grillparties. Hochkonjunktur in Biergärten, Eisdielen und Badeanstalten. Und wir begreifen ganz schnell, warum in südlichen Ländern ausgiebig Siesta gehalten wird.

Und die Kehrseite der Medaille?

Der wärmste Sommer seit 1947 treibt die ohnehin schon bedenkliche Klimaerwärmung noch schneller in die Höhe, steigert den Rückzug des Permafrostes (permanent, lat. = dauernd, ständig) und das Abschmelzen der Gletscher. Mensch und Natur leiden unter der Hitze. Fehlende nächtliche Abkühlung gestattet keinen erholsamen Schlaf. Eine erhebliche Zunahme von Hitzetoten in ganz Mitteleuropa spricht eine deutliche Sprache.

Und wir stecken mittendrin

Am 23. Juni 2003 sind Helmut Meineke und ich auf dem Weg in die Dauphiné mit Zielort Ailefroide. Unsere Wunschziele sind die Besteigung der Barre des Ecrins, 4.101 m, südlichster Viertausender der Alpen, und die Überschreitung des Mont Pelvoux. Als ich vor einigen Jahren diese Touren mit Lothar Freuwörth, Ronald Scheffler und Alfons Otto unternommen habe, konnte Helmut nicht dabei sein. Über beide Touren habe ich seinerzeit ausführlich in Heft 1/1996 unter dem Titel „Aller guten Dinge sind vier“ bzw. in Heft 2/2000 mit dem Titel La traversée classique du Mont Pelvoux berichtet.

Beste Zeit für die Überschreitung des Mont Pelvoux ist der Frühsommer mit gutem Firn für den Aufstieg durch das steile Couloir Coolidge und viel Schnee auf dem Abstiegsweg über den wahnsinnig zerrissenen Glacier des Violettes. Für die Barre des Ecrins wählt man dagegen besser den Hoch- oder gar Spätsommer, wenn die Nordflanke noch gut gangbar und der lange Felsgrat ab Brèche Lory schnee- und eisfrei ist. Ob beides in nur zwei Wochen möglich sein wird? Oder klappt beides nicht?

Auf dem Weg nach Grenoble und weiter hinauf in die Berge winken in dieser Jahreszeit im allgemeinen weiße Gipfel ins Tal hinab. In diesem Jahr jedoch ist alles häßlich braun. Erst in der Gegend von la Grave und weiter in Richtung Col du Galibier endlich weiße Gipfel. Aber wie schrecklich sieht die Nordflanke der Meije aus.

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Stammquartier Hotel Engilberge in Ailefroide (1.510 m) und sehen im weiten Rund fast nur schneefreie Berge und strahlend blauen Himmel.

Am ersten Tag besteigen wir die Blanche (2.956 m), können über das Tal hinweg einen Teil der Aufstiegsroute auf den Mont Pelvoux einsehen, aber das Couloir Coolidge bleibt verdeckt. Nach dem Abstieg sind wir ganz schön geschafft. Am ersten Tag ca. 1.400 hm, und das bei dieser Hitze.

In den nächsten Tagen informieren wir uns über den Zustand der Abstiegsroute. Tete de la Draye (2.350 m), Ref. du Glacier Blanc (2.550 m) und von hier am nächsten Morgen hinauf zum Col du Monetier (3.345 m). Auf den geplanten Weiterweg zum Dome du Monetier verzichten wir wegen des miserablen Zustands der Gletscher und der großen Hitze. Wir haben auch so genug gesehen und sind arg gefrustet. Die Abstiegsroute über den Glacier des Violettes sieht aus wie im Spätsommer, und wir schreiben erst den 27. Juni.

Beim Absteigen pausieren wir noch einige Zeit an der Hütte, kommen mit zwei einheimischen Bergführern ins Gespräch - und sind alle der Meinung, daß eine Überschreitung des Mont Pelvoux z. Zt. ein sehr riskantes Unternehmen ist. Der Hüttenwirt hat sich dazugesellt und drückt es zum Schluß sehr drastisch aus: „Auf den Gletschern sind dieses Jahr die Verhältnisse ganz besch......“

Also abgehakt!

Wir machen eine schöne Wanderung zum Rocher de l`Yret (2.830 m) und planen dabei neu. Pelvoux Normalweg - Couloir Coolidge im Auf- und Abstieg - wäre eine gute Trainingstour für die Barre des Ecrins. Doch ausgerechnet jetzt erwischen wir die einzigen schlechten Tage des ganzen Urlaubs.

Nach dem Frühstück Abmarsch Richtung Ref. du Pelvoux - erste leichte Regentropfen - nach 15 Minuten wird es nasser - dicke schwarze Wolken werden uns entgegengeblasen - und in die Richtung müßten wir noch 3 ½ bis 4 Stunden gehen - also sofort kehrt - die letzten Meter vor dem rettenden Hotel - der Himmel öffnet alle Schleusen - und schließt sie erst wieder im Laufe des Nachmittags.

Neuer Anlauf am nächsten Morgen - nach 3 ½ Stunden am Refuge (2.704 m) - ziemlich wolkig und kühl, aber trocken.

Wecken 3.00 Uhr - dichter, feuchter Nebel - nur 5 m Sicht - frühstücken - wasserdicht anziehen - aus dem Nebel beginnt es leicht zu regnen - zwei Seilschaften tasten sich in den Nebel hinein - alle anderen legen sich wieder schlafen.

6.15 Uhr Blick aus dem Fenster - Nebel lichtet sich etwas und ist fast trocken - schnell anziehen - und schon sind wir unterwegs - doch diese Hast war übereilt.

Einige leichte Felsen - steile Moräne - kurzer Abstieg - dann lange und steil aufwärts - im munteren Wechsel über Schutt und Geröll, hartgefrorene Firnfelder, vereiste Felsen - Steigeisen an und ab, wieder an, .... – um 9.00 Uhr endlich auf der Bosse de Sialouze (3.229 m) - vor vier Jahren nur ein kleiner Steinhaufen im großen Gletscherfeld - heute fast ein Felsberg, der den Glacier de Sialouze um ca. 20 m überragt.

Schnell Steigeisen an und weiter - nicht noch mehr Zeit verlieren - den Gletscher aufwärts - allmählich immer steiler werdend - zum Couloir Coolidge. Nur blankes, sehr hartes, unebenes Eis - ein gleichmäßiger Gehrhythmus ist nicht möglich - die Eisbuckel werden immer größer, die Einsenkungen immer tiefer, die Längs- und Querrillen immer zahlreicher. Häufige starke Windböen, die uns entgegenfauchen, bremsen uns zusätzlich.

Ich werde immer langsamer - die Kräfte schwinden - schwinden schneller - und noch schneller - .... - auf ca. 3.700 m Höhe bleibe ich stehen - stolpere fünf/sechs Schritte weiter aufwärts - Pause - dann noch drei Schritte - und dann geht gar nichts mehr -

ich gebe auf.

Helmut - einige Meter über mir - bleibt auch stehen - will allein nicht weitergehen. Noch kurze Diskussion - wir werden gemeinsam absteigen - drehen uns um - und erschrecken. Hier wollen wir vorwärts absteigen? Normalerweise würde es gehen, aber wenn wir auf dieser Buckelpiste stolpern, ....

Also rückwärts abwärts, aber so sehen wir die Buckel und Löcher sehr schlecht, doch es ist erheblich sicherer. Irgendwann bin ich im Flachen - stolpere vorwärts weiter - schleiche die Felsen zur Bosse de Sialouze hinauf und setze mich - oder sinke ich? - völlig erschöpft auf einen Stein.

11.40 Uhr - endlich trinken - und essen - der erste Bissen schmeckt noch nicht - aber dann noch ein Energiebarren, Studentenfutter, Schokolade - die Lebensgeister kommen zurück - und dann der Gedankenblitz - „Tour de France 1998 - Jan Ullrichs Einbruch am Col du Galibier und hinauf nach les Deux Alpes“ - heute habe ich mir vermutlich einen Hungerast eingehandelt. Um 3.00 Uhr wenig gefrühstückt - um 6.30 Uhr ohne nochmals zu essen losgesaust - und dann diese schwere Bergetappe hinaufgekämpft.

Der restliche Abstieg zum Refuge klappt schon wieder ganz gut. Noch schnell eine kräftige Suppe - und dann der weite Weg ins Tal. Ein großes Bier - duschen - ausgiebiges Abendessen - und gut schlafen.

Ein Ruhetag bei viel Sonne und Hitze - eine lockere Wanderung - und dann der Endspurt.

Kurze Fahrt zum Chalet-hotel Cèzanne (1.874 m). Dann schwitzen wir uns den weiten Weg über Ref. du Glacier Blanc bis hinauf zum Ref. des Ecrins (3.170 m). Das Eis des Glacier Blanc ist in dieser Höhe Anfang Juli normalerweise mit einer Schneedecke von mindestens 4 m bedeckt. In diesem Jahr beträgt die Schneehöhe nur noch 1 ½ m.

Wecken 3.00 Uhr - sternenklar und ziemlich kalt - frühstücken - Abstieg zum Gletscher - Depot mit den überschüssigen Sachen einrichten - Eilmarsch über den flachen Teil des Glacier Blanc.

In der Nordflanke der Barre des Ecrins
In der Nordflanke der Barre des Ecrins
Foto: Helmut Meineke

Am Wandfuß anseilen, ......... - es ist lumpig kalt und windig - und dann hinein in die Nordflanke der Barre des Ecrins - große Spalten erfordern Umwege - einige heikle Passagen würzen den Aufstieg - zwischendurch kurze Trink- und Eßpause - keinen Hungerast provozieren - schließlich die lange Querpassage zur Brèche Lory - hier oben in der Sonne ist es angenehm warm.

Doch dann ist die geplante Tour vorzeitig zu Ende, und wir müssen improvisieren.

Bisher führten zum Schluß immer 10 - 12 - 15 Schritte ziemlich steil aber problemlos zur Brèche Lory hinauf. Jetzt versperrt dicht hinter der Randkluft eine etwa 8 m hohe, nahezu senkrechte Eiswand den Weiterweg. Da helfen uns unsere Klemmkeile für die Felstour auch nicht weiter - und wir schauen ganz schön dumm aus der Wäsche.

Auch auf den „kleinen Bruder“ der Barre des Ecrins, den Dome des Ecrins - wie die Franzosen jetzt den Dome des Neiges nennen - wird es also einen neuen Zustieg geben. Also in der Spur weiter - rechts der steile Abbruch in die Nordflanke - links die teilweise überhängende Randkluft - oft mit 2 bis 3 m langen Eiszapfen malerisch verziert.

An der Kante ist der Durchschlupf
An der Kante ist der Durchschlupf
Foto: Jürgen Koziol

DGanz außen an der Kante, wo die Nordflanke scheinbar senkrecht ins Nichts abbricht, verschwinden gerade einige Bergsteiger nach oben. Dort ist wohl der neue Durchschlupf.

Die nächste Seilschaft versucht es - schaut - zögert - bricht ab - kommt zurück. Die folgende Seilschaft gibt schon kurz vor der Ecke auf - und wir beginnen erst einmal zu frühstücken, denn ...... eine Fünferseilschaft sortiert sich gerade an der Ecke - diskutiert - der erste geht los - aber nur einen Schritt - zurück - wieder Diskussion - Versuch, mit zwei Eispickeln einen Standplatz zu bauen, mißlingt - und dann geht der Seilerste ungesichert los - der Zweite folgt - ...... wenn jetzt einer stürzt, ..... - die Wand ist fast 1.000 m hoch.

Die Fünf verschwinden nach oben - unser Frühstück ist zu Ende - Rucksäcke und Seil werden hier unten deponiert - nur mit Steigeisen und Pickel „bewaffnet“ einige Schritte weiter - kritischer Blick um die Ecke - nach unten scheint nur Luft zu sein - nach oben zwar steil, aber gute Tritte - ein kräftiger Schlag mit dem Pickel - hält - ein vorsichtiger Schritt - wieder der Pickel - ...... - nach 7, 8 oder 9 Schritten wird es allmählich flacher - Helmut kommt auch um die Ecke - ...... einer von schräg links absteigenden Seilschaft weichen wir ganz schnell einige Schritte nach rechts aus - sind so außerhalb einer eventuellen „Schußlinie“ - und sind nach wenigen Minuten auf dem Dome des Ecrins (4.015 m)

Von hier wäre jetzt der Zugang zur Brèche Lory und dem Westgrat der Barre des Ecrins frei, aber zurück müßten wir auch wieder diesen Umweg gehen. Wir verzichten deshalb endgültig auf unser ursprüngliches Ziel und genießen das Superwetter und die Supersicht auf die meisten Gipfel der Dauphine - die Montblanc-Gruppe - die Walliser Alpen - ..... - und ganz weit im Westen schimmert es blau, als könnten wir sogar den Atlantik sehen

Äußerste Vorsicht beim Abstieg - am Abbruch zum letzten steilen Stück scheint tatsächlich nur noch Luft unter uns zu sein - umdrehen, die letzten Schritte rückwärts absteigen - Rucksäcke aufsammeln - wieder anseilen - und dann die Nordflanke durch die Spalten abwärts.

Unterhalb der Hütte das Depot suchen - heute morgen im Dunkeln sah alles ganz anders aus - andere Seilschaften tapsen auch hin und her und suchen - Aha! Hier! - Abstieg über Ref. du Glacier Blanc - es wird allmählich wieder tierisch warm - zum Auto. Im Hotel ein bière pression grande - duschen - Abendessen mit sechs Gängen - zufrieden und gut schlafen.

Am nächsten Tag Sachen packen - in der Sonne oder im Schatten Ruhetag genießen - ....... - und am nächsten Morgen abreisen. Briancon - Col du Galibier - die lange Abfahrt hinunter nach Valloire und St. Michel de Maurienne - an strategisch besonders günstigen Punkten sind schon Wohnwagen geparkt, denn in drei Tagen werden hier Lance Armstrong, Jan Ullrich und Co. hinauf und weiter nach Alpe d‘Huez strampeln - Col d’Iseran - Col du Petit St. Bernard - Tunnel du Montblanc, wirklich gut geworden - Martigny - und Autobahn Richtung Heimat.

Damit endet der erste Teil der „Urlaubsimpressionen Sommer 2003“. Der zweite Teil wird im Mitteilungsblatt Nr. 1/2004 unter dem Titel „Der unfreiwillige Ritt auf dem Boquetin“ erscheinen und befaßt sich mit unserer Gruppenfahrt ins Val d’Anniviers.

Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.21. Oktober 2003