Wenn man die norddeutsche Tiefebene durchquert, die waldigen Buckel
des Harzes erreicht und seinen Fuß in das Okertal setzt, kann man
es spüren. Der Boden zittert unmerklich, die Luft scheint aufgeladen
von Elektrizität. Immer wieder huschen kleine Trupps von merkwürdigen
Gestalten, beladen mit noch merkwürdigeren Gerätschaften durch
den dichten Fichtenwald.
Es ist Goldrausch im Okertal.
Da kommt so ein Trupp aus den Wäldern, voran Hako, gezeichnet vom
zähen Ringen mit dem Fels hat inzwischen der größte Teil
seiner Gelenke den Dienst eingestellt, dann Zappler, notorischer Zweitbegeher,
der sich doch immer wieder zu einer fanatischen Klettertat motiviert,
zuletzt Akl, zerschrammt und beladen mit allem, was zum Putzen und Bohren
überhaupt nur nötig sein kann.
Ist es wirklich Gold, was diese Gestalten interessiert?
Nein, es ist der goldfarbene Granit des Okertals.
Folgen wir den stillen Gesellen, die mit da mit leicht gestörten
Blick voranschreiten, tief in die Wälder. Weit hinauf geht es an
den Abhängen des Tales, schon schweift der Blick hoch über die
massigen Felsgruppen, schließlich tut sich im Wald eine weite Schneise
auf und er steht da, der schönste Fels der Welt, die erhabene Felsgestalt
des Treppenstein mit seiner 30 Meter hohen und 200 Meter breiten Nordwand,
die den Vergleich mit den großen Nordwänden dieser Erde nicht
zu scheuen braucht.
Auf vielen abenteuerlichen Wegen im Schwierigkeitsbereich zwischen 6-
und 9 kann man in diese Wand einsteigen um nach heroischen Kampf endlich
den Gipfelsieg davonzutragen.
Noch vor einem Jahr sah hier alles anders aus.
Auf dem Weg zur Arbeit an der Krone kam der kleine Trupp immer wieder
an der in tiefem Dornröschenschlaf liegenden Wand vorbei. Die wenigen
klassischen Wege wurden selten geklettert, der dichte Wald sorgte für
ein muffiges, feuchtwarmes Klima und der Fels wurde nie richtig trocken.
Unter dichten Moospolstern vergraben lag der Schatz des Treppensteins,
eine große Zahl phantastischer Möglichkeiten.
Dieser Schatz sollte geborgen werden.
Ein klarer Fall für das A-Team. Also trat das Arbeitslosenkommando
zur täglichen AB-Maßmahme an.
Kaffeekochen, Stullenschmieren, und los ging es auf die Bergbaustelle.
Nach wochenlanger, zäher Fronarbeit und unzähligen gesetzten
Haken konnte endlich geerntet werden:
In Tiefschlaf gefallene Wege, darunter die Klassiker Dachlroute, Nordwestverschneidung
und Holzweg wurden wiederbelebt, der Bösewicht, die Vollendete und
das norddeutsche Granithighlight Nasentropfenweg (9) frei geklettert.
Acht neue Wege zwischen 7 und 9 sind dazugekommen.
Damit gibt es an der Nordwand des Treppensteins jetzt 31 lohnende Routenzwei
Projekte noch gepunktet werden.
Hako packt des Seil aus, bindet sich ein und klettert die Rißverschneidung
15m hinauf, legt 3 Friends, klippt zwei Bohrhaken und schüttelt am
Rest unter dem Dach des Holzweges. Weit hinaus zieht links die Untergriffschuppe
ins Leere. Er hangelt hinaus, blockieren, Fuß verklemmen, hart zupacken,
Wille, jetzt der Klemmer links im Riß, die rechte an den Zwischengriff,
los, dranbleiben, die rechte auf den Sloper, die linke hinterher, grrr,
los, und dann fliegt er im hohen Bogen in die Leere unterhalb des Daches.
Ein neuer Versuch, und diesmal geht es, der Sloper hält, hochpiazen
auf die Schuppe, nochmal ganz ruhig und ein weiter Zug über die letzte
schwere Stelle auf den Kopf des Pfeilers.
Nach 12 auf mehrere Wochenenden verteilten Versuchen ist der Nasentropfenweg
endlich befreit.
Der Goldrausch im Okertal ebbt langsam ab. Die großen Schätze
sind geborgen, die eine oder andere Goldader ist aber noch unentdeckt.
An Adlerklippe, Rastplatzwand, Schlafendem Löwen, Uhuklippe, Passo
di Ball, Überhangfels, Ziegenrücken, Treppenstein, Krone, Tank,
Savage Crag, Eschwege, Kurfürst sind nach den Regeln der Kletterkonzeption
eine Vielzahl schöner neuer Wege entstanden.
Zusätzlich locken im Eckertal am Hausmann und den Rabenklippen einige
der absoluten Topwege im Harzer Granit. Rißhandschuhe sollte man
dort aber schon im Gepäck haben.
Vielleicht haben die Felsen des Harzes etwas an ihrem urwäldlichen
Charme eingebüßt und sind heller und konsumfreundlicher geworden,
dennoch sollte man immer einen kompletten Satz Keile und Friends dabeihaben
und diesen auch vertrauen, sonst kann man hier in vielen Wegen nicht abheben.
Also, Leute, go climb a rock, am besten einen aus Granit.
Axel Hake |
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Heiko Apel in FRISCHER FISCH, 9-, Kurfürst
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Heiko Apel im NASENTROPFENWEG, 9, Großer Treppenstein
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